FABRICE. Alles, Marianne. Und ein Gatte, der für Sie sorgte!--

MARIANNE. Da ist noch eins; da sind eure Launen. Wilhelm hat auch

seine Launen; von ihm drücken sie mich nicht, von jedem andern wären

sie mir unerträglich. Er hat leise Launen, ich fühl' sie doch

manchmal. Wenn er in unholden Augenblicken eine gute teilnehmende

liebevolle Empfindung wegstößt--es trifft mich! freilich nur einen

Augenblick; und wenn ich auch über ihn knurre, so ist's mehr, daß er

meine Liebe nicht erkennt, als daß ich ihn weniger liebe.

FABRICE. Wenn sich nun aber einer fände, der es auf alles das hin

wagen sollte, Ihnen seine Hand anzubieten?

MARIANNE. Er wird sich nicht finden! Und dann wäre die Frage, ob

ich's mit ihm wagen dürfte.

FABRICE. Warum nicht?

MARIANNE. Er wird sich nicht finden!

FABRICE. Marianne, Sie haben ihn!

MARIANNE. Fabrice!

FABRICE. Sie sehen ihn vor sich. Soll ich eine lange Rede halten?

Soll ich Ihnen hinschütten, was mein Herz so lange bewahrt? Ich

liebe Sie, das wissen Sie lange; ich biete Ihnen meine Hand an, das

vermuteten Sie nicht. Nie hab' ich ein Mädchen gesehen, das so wenig

dachte, daß es Gefühle dem, der sie sieht, erregen muß, als dich.

--Marianne, es ist nicht ein feuriger, unbedachter Liebhaber, der mit

Ihnen spricht; ich kenne Sie, ich habe Sie erkoren, mein Haus ist

eingerichtet; wollen Sie mein sein?--Ich habe in der Liebe mancherlei

Schicksale gehabt, war mehr als einmal entschlossen, mein Leben als

Hagestolz zu enden. Sie haben mich nun--Widerstehen Sie nicht!--Sie

kennen mich; ich bin eins mit Ihrem Bruder; Sie können kein reineres

Band denken.--öffnen Sie Ihr Herz!--Ein Wort, Marianne!

MARIANNE. Lieber Fabrice, lassen Sie mir Zeit, ich bin Ihnen gut.

FABRICE. Sagen Sie, daß Sie mich lieben! Ich lasse Ihrem Bruder

seinen Platz; ich will Bruder Ihres Bruders sein, wir wollen vereint

für ihn sorgen. Mein Vermögen, zu dem seinen geschlagen, wird ihn

mancher kummervollen Stunde überheben, er wird Mut kriegen, er

wird--Marianne, ich möchte Sie nicht gern überreden. (Er faßte ihre

Hand.)

MARIANNE. Fabrice, es ist mir nie eingefallen--In welche

Verlegenheit setzen Sie mich!--

FABRICE. Nur ein Wort! Darf ich hoffen?

MARIANNE. Reden Sie mit meinem Bruder!

FABRICE (kniet). Engel! Allerliebste!

MARIANNE (einen Augenblick still). Gott! was hab' ich gesagt! (Ab.

)

(Fabrice allein.)

FABRICE. Sie ist dein!--Ich kann dem lieben kleinen Narren wohl die

Tändelei mit dem Bruder erlauben; das wird sich so nach und nach

herüber begeben, wenn wir einander näher kennenlernen, und er soll

nichts dabei verlieren. Es tut mir gar wohl, wieder so zu lieben und

gelegentlich wieder so geliebt zu werden! Es ist doch eine Sache,

woran man nie den Geschmack verliert.--Wir wollen zusammen wohnen.

Ohne das hätt' ich des guten Menschen gewissenhafte Häuslichkeit

zeither schon gern ein bißchen ausgeweitet; als Schwager wird's schon

gehen. Er wird sonst ganz Hypochonder mit seinen ewigen Erinnerungen,

Bedenklichkeiten, Nahrungssorgen und Geheimnissen. Es wird alles

hübsch! Er soll freiere Luft atmen; das Mädchen soll einen Mann

haben--das nicht wenig ist; und du kriegst noch mit Ehren eine

Frau--das viel ist!

(Wilhelm kommt.)

FABRICE. Ist dein Spaziergang zu Ende?

WILHELM. Ich ging auf den Markt und die Pfarrgasse hinauf und an der

Börse zurück. Mir ist's eine wunderliche Empfindung, nachts durch

die Stadt zu gehen. Wie von der Arbeit des Tages alles teils zur

Ruh' ist, teils darnach eilt, und man nur noch die Emsigkeit des

kleinen Gewerbes in Bewegung sieht! Ich hatte meine Freude an einer

alten Käsefrau, die, mit der Brille auf der Nase, beim Stümpfchen

Licht ein Stück nach dem andern auf die Waage legte und ab--und

zuschnitt, bis die Käuferin ihr Gewicht hatte.

FABRICE. Jeder bemerkt in seiner Art. Ich glaub', es sind viele die

Straße gegangen, die nicht nach den Käsemüttern und ihren Brillen

geguckt haben.

WILHELM. Was man treibt, kriegt man lieb, und der Erwerb im kleinen

ist mir ehrwürdig, seit ich weiß, wie sauer ein Taler wird, wenn man

ihn groschenweise verdienen soll. (Steht einige Augenblicke in sich

gekehrt.) Mir ist ganz wunderbar geworden auf dem Wege. Es sind mir

so viel Sachen auf einmal und durcheinander eingefallen--und das, was

mich im Tiefsten meiner Seele beschäftigt--(Er wird nachdenkend).

FABRICE (für sich). Es geht mir närrisch; sobald er gegenwärtig ist,

untersteh' ich mich nicht recht, zu bekennen, daß ich Mariannen

liebe.--Ich muß ihm doch erzählen, was vorgegangen ist.--(Laut.)

Wilhelm! sag mir! du wolltest hier ausziehen? Du hast wenig Gelaß

und sitzest teuer. Weißt du ein ander Quartier?

WILHELM (zerstreut). Nein.

FABRICE. Ich dächte, wir könnten uns beide erleichtern. Ich habe da

mein väterliches Haus und bewohne nur den obern Stock, und den untern

könntest du einnehmen; du verheiratest dich doch so bald nicht.--Du

hast den Hof und eine kleine Niederlage für deine Spedition und gibst

mir einen leidlichen Hauszins, so ist uns beiden geholfen.

WILHELM. Du bist gar gut. Es ist mir wahrlich auch manchmal

eingefallen, wenn ich zu dir kam und so viel leer stehen sah, und ich

muß mich so ängstlich behelfen.--Dann sind wieder andere Sachen--Man

muß es eben sein lassen, es geht doch nicht.

FABRICE. Warum nicht?

WILHELM. Wenn ich nun heirate?

FABRICE. Dem wäre zu helfen. Ledig hättest du mit deiner Schwester

Platz, und mit einer Frau ging's ebensowohl.

WILHELM (lächelnd). Und meine Schwester?

FABRICE. Die nähm' ich allenfalls zu mir. (Wilhelm ist still.) Und

auch ohne das. Laß uns ein klug Wort reden.--Ich liebe Mariannen;

gib mir sie zur Frau!

WILHELM. Wie?

FABRICE. Warum nicht? Gib dein Wort! Höre mich, Bruder! Ich liebe

Mariannen! Ich hab's lang überlegt: sie allein, du allein, ihr könnt

mich so glücklich machen, als ich auf der Welt noch sein kann. Gib

mir sie! Gib mir sie!

WILHELM (verworren). Du weißt nicht, was du willst.

FABRICE. Ach, wie weiß ich's! Soll ich dir alles erzählen, was mir

fehlt und was ich haben werde, wenn sie meine Frau und du mein

Schwager werden wirst?

WILHELM (aus Gedanken auffahrend, hastig). Nimmermehr! nimmermehr!

FABRICE. Was hast du?--Mir tut's weh!--Den Abscheu!--Wenn du einen

Schwager haben sollst, wie sich's doch früh oder spät macht, warum

mich nicht? den du so kennst, den du liebst! Wenigstens glaubt' ich--

WILHELM. Laß mich!--ich hab' keinen Verstand.

FABRICE. Ich muß alles sagen. Von dir allein hängt mein Schicksal

ab. Ihr Herz ist mir geneigt, das mußt du gemerkt haben. Sie liebt

dich mehr, als sie mich liebt; ich bin's zufrieden. Den Mann wird

sie mehr als den Bruder lieben; ich werde in deine Rechte treten, du

in meine, und wir werden alle vergnügt sein. Ich habe noch keinen

Knoten gesehen, der sich so menschlich schön knüpfte. (Wilhelm stumm.

) Und was alles fest macht--Bester, gib du nur dein Wort, deine

Einwilligung! sag ihr, daß dich's freut, daß dich's glücklich macht!

--Ich hab' ihr Wort.

WILHELM. Ihr Wort?

FABRICE. Sie warf's hin, wie einen scheidenden Blick, der mehr sagte,

als alles Bleiben gesagt hätte. Ihre Verlegenheit und ihre Liebe,

ihr Wollen und Zittern, es war so schön!

WILHELM. Nein! nein!

FABRICE. Ich versteh' dich nicht. Ich fühle, du hast keinen

Widerwillen gegen mich, und bist mir so entgegen? Sei's nicht! Sei

ihrem Glücke, sei meinem nicht hinderlich!--Und ich denke immer, du

sollst mit uns glücklich sein!--Versag meinen Wünschen dein Wort

nicht! dein freundlich Wort! (Wilhelm stumm in streitenden Qualen.)

Ich begreife dich nicht--

WILHELM. Sie?--du willst sie haben?

FABRICE. Was ist das?

WILHELM. Und sie dich?

FABRICE. Sie antwortete, wie's einem Mädchen ziemt.

WILHELM. Geh! geh!--Marianne!--Ich ahnt' es! ich fühlt' es!

Die Geschwister: Ein Schauspiel in einem Akt · 第 3 / 5 题