FABRICE. Wenn du sie weiter brauchst--

Ver.04.29.93*END*

This etext was prepared by Michael Pullen,

globaltraveler5565@yahoo.com.

Die Geschwister

(1776)

Ein Schauspiel in einem Akt

Johann Wolfgang Goethe

Personen:

Wilhelm, ein Kaufmann

Marianne, seine Schwester

Fabrice

Briefträger

WILHELM (an einem Pult mit Handelsbüchern und Papieren). Diese

Woche wieder zwei neue Kunden! Wenn man sich rührt, gibt's doch

immer etwas; sollt' es auch nur wenig sein, am Ende summiert sich's

doch, und wer klein Spiel spielt, hat immer Freude, auch am kleinen

Gewinn, und der kleine Verlust ist zu verschmerzen. Was gibt's?

(Briefträger kommt.)

BRIEFTRäGER. Einen beschwerten Brief, zwanzig Dukaten, franko halb.

WILHELM. Gut! sehr gut! Notier Er mir's zum übrigen.

(Briefträger ab.)

WILHELM (den Brief ansehend). Ich wollte mir heute den ganzen Tag

nicht sagen, daß ich sie erwartete. Nun kann ich Fabricen gerade

bezahlen und mißbrauche seine Gutheit nicht weiter. Gestern sagte er

mir: Morgen komm' ich zu dir! Es war mir nicht recht. Ich wußte,

daß er mich nicht mahnen würde, und so mahnt mich seine Gegenwart

just doppelt. (Indem der die Schatulle aufmacht und zählt). In

vorigen Zeiten, wo ich ein bißchen bunter wirtschaftete, konnt' ich

die stillen Gläubiger am wenigsten leiden. Gegen einen, der mich

überläuft, belagert, gegen den gilt Unverschämtheit und alles, was

dran hängt; der andere, der schweigt, geht gerade ans Herz und

fordert am dringendsten, da er mir sein Anliegen überläßt. (Er legt

Geld zusammen auf den Tisch.) Lieber Gott, wie dank' ich dir, daß ich

aus der Wirtschaft heraus und wieder geborgen bin! (Er hebt ein Buch

auf.) Deinen Segen im kleinen! mir, der ich deine Gaben im großen

verschleuderte.--Und so--Kann ich's ausdrücken?--Doch du tust nichts

für mich, wie ich nichts für mich tue. Wenn das holde liebe Geschöpf

nicht wäre, säß' ich hier und verglich' Brüche?--O Marianne! wenn du

wüßtest, daß der, den du für deinen Bruder hältst, daß der mit ganz

anderm Herzen, ganz andern Hoffnungen für dich arbeitet!--Vielleicht!

--ach!--es ist doch bitter--Sie liebt mich--ja, als Bruder--Nein,

pfui! das ist wieder Unglaube, und der hat nie was Gutes gestiftet.

--Marianne! ich werde glücklich sein, du wirst's sein, Marianne!

(Marianne kommt.)

MARIANNE. Was willst du, Bruder? Du riefst mich.

WILHELM. Ich nicht, Marianne.

MARIANNE. Stiert dich der Mutwille, daß du mich aus der Küche

hereinvexierst?

WILHELM. Du siehst Geister.

MARIANNE. Sonst wohl. Nur deine Stimme kenn' ich zu gut, Wilhelm!

WILHELM. Nun, was machst du draußen?

MARIANNE. Ich habe nur ein paar Tauben gerupft, weil doch wohl

Fabrice heut abend mitessen wird.

WILHELM. Vielleicht.

MARIANNE. Sie sind bald fertig, du darfst es nachher nur sagen. Er

muß mich auch sein neues Liedchen lehren.

WILHELM. Du lernst wohl gern was von ihm?

MARIANNE. Liedchen kann er recht hübsch. Und wenn du hernach bei

Tische sitzest und den Kopf hängst, da fang' ich gleich an. Denn ich

weiß doch, daß du lachst, wenn ich ein Liedchen anfange, das dir lieb

ist.

WILHELM. Hast du mir's abgemerkt?

MARIANNE. Ja, wer euch Mannsleuten auch nichts abmerkte!--Wenn du

sonst nichts hast, so geh' ich wieder; denn ich habe noch allerlei zu

tun. Adieu.--Nun gib mir noch einen Kuß.

WILHELM. Wenn die Tauben gut gebraten sind, sollst du einen zum

Nachtisch haben.

MARIANNE. Es ist doch verwünscht, was die Brüder grob sind! Wenn

Fabrice oder sonst ein guter Junge einen Kuß nehmen dürfte, die

sprängen wändehoch, und der Herr da verschmäht einen, den ich geben

will.--Jetzt verbrenn' ich die Tauben. (Ab.)

WILHELM. Engel! lieber Engel! daß ich mich halte, daß ich ihr nicht

um den Hals falle, ihr alles entdecke!--Siehst du denn auf uns

herunter, heilige Frau, die du mir diesen Schatz aufzuheben

gabst?--Ja, sie wissen von uns droben! sie wissen von uns!--Charlotte,

du konntest meine Liebe zu dir nicht herrlicher, heiliger belohnen,

als daß du mir scheidend deine Tochter anvertrautest! Du gabst mir

alles, was ich bedurfte, knüpftest mich ans Leben! Ich liebte sie

als dein Kind--und nun!--Noch ist mir's Täuschung. Ich glaube dich

wiederzusehen, glaube, daß mir das Schicksal verjüngt dich

wiedergegeben hat, daß ich nun mit dir vereinigt bleiben und wohnen

kann, wie ich's in jenem ersten Traum des Lebens nicht konnte! nicht

sollte!--Glücklich! glücklich! All deinen Segen, Vater im Himmel!

(Fabrice kommt.)

FABRICE. Guten Abend.

WILHELM. Lieber Fabrice, ich bin gar glücklich; es ist alles Gute

über mich gekommen diesen Abend. Nun, nichts von Geschäften! Da

liegen deine dreihundert Taler! Frisch in die Tasche! Meinen Schein

gibst du mir gelegentlich wieder. Und laß uns eins plaudern!

FABRICE. Wenn du sie weiter brauchst--

WILHELM. Wenn ich sie wieder brauche, gut! Ich bin dir immer

dankbar, nur jetzt nimm sie zu dir.--Höre, Charlottens Andenken ist

diesen Abend wieder unendlich neu und lebendig vor mir geworden.

FABRICE. Das tut's wohl öfters.

WILHELM. Du hättest sie kennen sollen! Ich sage dir, es war eins

der herrlichsten Geschöpfe.

FABRICE. Sie war Witwe, wie du sie kennenlerntest?

WILHELM. So rein und groß! Da las ich gestern noch einen ihrer

Briefe. Du bist der einzige Mensch, der je was davon gesehen hat.

(Er geht nach der Schatulle.)

FABRICE (für sich). Wenn er mich nur jetzt verschonte! Ich habe

die Geschichte schon so oft gehört! Ich höre ihm sonst auch gern zu,

denn es geht ihm immer vom Herzen; nur heute hab' ich ganz andere

Sachen im Kopf, und just möcht' ich ihn in guter Laune erhalten.

WILHELM. Es war in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. "Die

Welt wird mir wieder lieb", schreibt sie, "ich hatte mich so los von

ihr gemacht, wieder lieb durch Sie. Mein Herz macht mir Vorwürfe;

ich fühle, daß ich Ihnen und mir Qualen zubereite. Vor einem halben

Jahre war ich so bereit, zu sterben, und bin's nicht mehr."

FABRICE. Eine schöne Seele!

WILHELM. Die Erde war sie nicht wert. Fabrice, ich hab' dir schon

oft gesagt, wie ich durch sie ein ganz anderer Mensch wurde.

Beschreiben kann ich die Schmerzen nicht, wenn ich dann zurück und

mein väterliches Vermögen von mir verschwendet sah! Ich durfte ihr

meine Hand nicht anbieten, konnte ihren Zustand nicht erträglicher

machen. Ich fühlte zum erstenmal den Trieb, mir einen nötigen

schicklichen Unterhalt zu erwerben; aus der Verdrossenheit, in der

ich einen Tag nach dem andern kümmerlich hingelebt hatte, mich

herauszureißen. Ich arbeitete--aber was war das?--Ich hielt an,

brachte so ein mühseliges Jahr durch; endlich kam mir ein Schein von

Hoffnung; mein Weniges vermehrte sich zusehends--und sie starb--Ich

konnte nicht bleiben. Du ahnest nicht, was ich litt. Ich konnte die

Gegend nicht mehr sehen, wo ich mit ihr gelebt hatte, und den Boden

nicht verlassen, wo sie ruhte. Sie schrieb mir kurz vor ihrem

Ende--(Er nimmt einen Brief aus der Schatulle.)

FABRICE. Es ist ein herrlicher Brief, du hast ihn mir neulich

gelesen.--Höre, Wilhelm--

WILHELM. Ich kann ihn auswendig und les' ihn immer. Wenn ich ihre

Schrift sehe, das Blatt, wo ihre Hand geruht hat, mein' ich wieder,

sie sei noch da--Sie ist auch noch da!--(Man hört ein Kind schreien.)

Daß doch Marianne nicht ruhen kann! Da hat sie wieder den Jungen

unseres Nachbars; mit dem treibt sie sich täglich herum und stört

mich zur unrechten Zeit. (An der Tür). Marianne, sei still mit dem

Jungen, oder schick ihn fort, wenn er unartig ist. Wir haben zu

reden. (Er steht in sich gekehrt.)

FABRICE. Du solltest diese Erinnerungen nicht so oft reizen.

WILHELM. Diese Zeilen sind's! diese letzten! der Abschiedshauch des

scheidenden Engels. (Er legt den Brief wieder zusammen.) Du hast

recht, es ist sündlich. Wie selten sind wir wert, die vergangenen

selig-elenden Augenblicke unseres Lebens wieder zu fühlen!

FABRICE. Dein Schicksal geht mir immer zu Herzen. Sie hinterließ

eine Tochter, erzähltest du mir, die ihrer Mutter leider bald folgte.

Wenn die nur leben geblieben wäre, du hättest wenigstens etwas von

ihr übrig gehabt, etwas gehabt, woran sich deine Sorgen und dein

Schmerz geheftet hätten.

WILHELM (sich lebhaft nach ihm wendend). Ihre Tochter? Es war ein

holdes Blütchen. Sie übergab mir's--Es ist zu viel, was das

Schicksal für mich getan hat!--Fabrice, wenn ich dir alles sagen

könnte--

FABRICE. Wenn dir's einmal ums Herz ist.

Die Geschwister: Ein Schauspiel in einem Akt · 第 1 / 5 题