Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in den ersten Stock, sperrte
die Türe auf und trat in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand.
Er schloß die Türe wieder und blieb stehen.
Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob auch den Kopf
und fixierte Erwin mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte sich
gesammelt und mit aller Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein
Beweis von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre wäre in
einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. Denn sie mußte sich
ja sagen, daß sie selber Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert,
indem sie seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt?
Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die Dumpfheit
hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, den erstbesten Weg
einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. Jetzt aber hatte sie Klarheit;
Klarheit genug für ein ganzes Leben.
Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte sie
nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch und ihrer unwürdig; sie
erkannte, daß er schurkenhaft an ihr handelte. Und ihr Blick verkündete
ihm das.
Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie nichts erreichen
würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre Empörung, ihre Verzweiflung an den
Tag legte.
»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie.
»Das bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch die geschlossenen
Zähne. »Du weißt selber den Grund.«
»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht einen anständigen
Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen«, rief Virginia mit
flammenden Augen und ballte die linke Hand fest zur Faust.
»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, es sei. Wenn Sie Wert
darauf legen ...« Er zuckte die Achseln.
In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein eckenreicher Mund,
den die Beredtsamkeit in allen Worten und Lauten der menschlichen
Sprache zerzackt und beweglich gemacht, zeigte in seiner Struktur eine
wüste Linie. Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten.
»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia abermals.
»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz für mich allein! Ich
will! Sie wissen, scheint mir, nicht, was das bedeutet: ich will!«
»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. »Aber Sie
vergessen, daß ich auch einen Willen habe. Und wenn Sie vor nichts
zurückschrecken, so werd ich mir daran ein Beispiel nehmen.«
»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. Es ist wahr, ich
schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. Zu lange haben Sie mich
gemartert.«
»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde richten. Deswegen haben
Sie mich unter die Menschen gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es
ist, mich gemein zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie hatte
nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue.
»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. »Waren Sie
der Meinung, daß ich immer nur girren und Süßholz raspeln würde?«
»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia und blickte ihm
gepeinigt ins Gesicht.
»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte übrigens die
Absicht, Sie zu heiraten –«
»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie man eine Ware kauft.
Ich schäme mich ja, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht habe.
So viel Ehre hab ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung
gegen mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise die
Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, alles, alles.«
Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die Hände vors Gesicht.
»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr
Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht
auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will
ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr
entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll,
um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.«
Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht
schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er
sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«
»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will,
mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum
Verbrecher werden soll, du mußt.«
»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«,
erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte,
weinend.
»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich
wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia,
so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst
falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und
entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich
lasse dich nicht.«
Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als
wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen.
»Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich.
Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia
spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter
Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung,
daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne,
wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.
»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme.
»Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig.
Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt
als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine
große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn
Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis
stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln,
wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit
Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an
mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie.
Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das
aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund,
mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie.
Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen,
wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.«
Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken
hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner
Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses,
und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt.
Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu
Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie
nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist
eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie
die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.«
Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem
sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann
ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel
ihm entgegen und erbat sich seine Befehle.
»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.
»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«
»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es
läutet, zeigen Sie sich nicht.«
»Sehr wohl.«
»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«
»Sehr wohl.«
»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.«
»Sehr wohl.«
Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine
Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als
er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte
sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte
sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er
horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen
ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages
an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer
ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin
Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom
Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin.
Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«
Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier,
nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des
Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde
als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er
dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine
Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes
erschien ihm wie versengt.
Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um
acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben
nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin
trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus.
Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins
Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie
hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame
und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß
das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle
Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was
dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen
mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.
Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele
Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche
Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief.
Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß
mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer
Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen
Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von
Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie
den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn
sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit
schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den
ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen.
Das Rücken des Tisches weckte sie auf.
Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf
dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb
ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es
galt, alle Kraft zu bewahren.
Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war.
Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt
und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel,
nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief
hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel
steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie
sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem
Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die
Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.
Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen.
Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein.
Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen
Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende
Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen
spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen,
die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß
sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter
und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück
des Parks.
Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf,
und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege
wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte
Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor,
durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan
und warf sie hin.
Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu
beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück
und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der
Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit
Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige
Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an
Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen,
als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung
übrig ließe.
»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort.
»Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte
sich und riß ihr die Jacke auf.
Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick
seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich,
die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte
mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die
Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle,
begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte
einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und
trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da.
»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht
bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.«
Sie rührte sich nicht.
»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der
Stimme.
Sie rührte sich nicht.
»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete
nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch;
»man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank
ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn
treiben?«
Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur
hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die
Schultern auf die Erde.
»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder
gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese
Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als
Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen
warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche
Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das
Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging
hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!«
murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich
weg von deiner Brust.«
Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie
verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam?
Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen?
Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief
er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem
Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich
und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er
sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus
dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit
vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von
pedantischer Enthaltsamkeit war.
Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer
besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin
auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen
zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab,
und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren
Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung
der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über
sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin,
in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie
Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und
bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich
in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen
Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern
so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren
mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß
hineingepreßt.
Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen
Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun
gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den
Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele
Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam,
sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr
durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt
gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen,
durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles
was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt,
seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit.
Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er
umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über
sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und
ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck
von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr
feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges
büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester.
Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte
automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten,
daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre
war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten
Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei
aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher
kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche
Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche
entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der
marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.
»Also nichts! nichts kann dieses steinerne Herz schmelzen!« rief Erwin
außer sich vor Wut und Enttäuschung, und zugleich sich wehrend gegen
ein aus dem Unterirdischen heraufflammendes, bisher unbekanntes Gefühl,
das auf einmal wie die Erwartung einer schweren Krankheit auf ihm
lastete; »sind denn diese Ohren taub? ist kein Mitleid in dieser Brust?
Was soll ich tun, um mich zu retten? was tun, um dich zu rühren? Soll
ich mir die Adern aufschneiden? soll ich mich also verbluten? sollen
meine Worte zu Blut werden? soll ich hinsinken vor dir, elender als
elend? Was soll ich tun? Sprich, was soll ich tun!«
Und da Virginia schwieg, ergriff er eine herrliche Vase aus dem
zartesten und kostbarsten Porzellan und schleuderte sie vor Virginia
hin, daß sie zu hundert Scherben zerstückte. Es lag in dieser Tollheit,
in diesem Wüten nur noch wenig Heuchelei und Berechnung unter der
elementaren Gewalt; wohl war Bemühen und Wille im Schluchzen und darin,
wie er schäumte, sich bäumte, die Zähne knirschte, die Fingernägel in
seinen Hals grub; aber in der Tiefe seines Gemüts spürte er, wie alles
über ihm zusammenbrach und daß eine schauerliche Angst und Öde in ihm
entstand.
Vielleicht spürte es auch Virginia kraft des sonderbaren Botendienstes,
der Nachricht von Seele zu Seele gibt. Vielleicht war dies die Ursache,
daß sie Erbarmen mit ihm hatte. Während sie ihr Gesicht wie suchend
der Kohlenglut näherte, als wolle sie am liebsten darin vergehen,
erschien er ihr wie ein nach ungeheuren Anstrengungen niederstürzender
Mensch, ein Mensch, der furchtbare Qualen gelitten hat durch diese
ungeheure Anstrengung, und der von der Beschaffenheit dieser Qualen bis
zur Stunde nichts gewußt hat. Er erschien ihr wie ein Mensch, der aus
einem gefährlichen Abgrund emporgeklommen ist und trotzdem keine Stütze
findet, um sich von der wieder hinunterziehenden Macht des Abgrunds zu
befreien. Sie spürte mit ihm und in ihm jene ungeheure, herzmordende
Anstrengung, in der er nach ihr gerungen hatte wie nach dem einzigen
Ding, das gepackt, gehalten, besessen werden mußte, dem einzigen, das
den Sturz in den Abgrund verhindern konnte. Und so, in Müdigkeit und
Gleichgültigkeit hingelöscht, erschöpft vom Schauspiel der Qualen, war
es ihr, als müsse sie ihm die Stütze bieten, als müsse sie sich selbst
vergessen, als müsse sie Haß und Liebe, Leben und Ehre, Scham und
Schmerz vergessen, und sie sagte tonlos:
»Da bin ich. Da bin ich, Erwin. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.«
Er glaubte nicht recht gehört zu haben und trat dicht zu ihr heran.
Seine Augen wurden weich. »Noch einmal, herrliche Virginia,« flehte er
leise, »und sag’ es mit dem Du, auf das ich warte wie auf ein Geschenk
des Himmels, damit ich wieder zu einem Menschen werde.«
Mit einem Lächeln wie aus der Nacht, bitter und kraftlos, erwiderte
Virginia: »Ja, Erwin, mache mit mir, was du willst.«
War es nun dies erste Wort einer unbedingten Zugehörigkeit, das
Erwin zur Stummheit verurteilte? War es die trauernde Verheißung,
das Opfer, das Schauspiel einer Ergebung, die nichts von Hingabe
hatte, aber alle Merkmale der Größe und der inneren Schönheit, die
ihn versteinerten? Er erkannte plötzlich, daß das, wonach er verlangt
hatte, gar nichts zu schaffen hatte mit dem, was ihm gewährt werden
sollte, und daß gerade die Gewährung dieses Wesen in eine unerreichbare
Ferne rückte, eine Ferne, die ihm alle Hoffnung raubte, sie jemals
zu besitzen. Er erkannte es, weil das Gefühl, das in seinem Herzen
entstand, keine Ähnlichkeit mit irgendeinem andern Gefühl hatte, das
er je empfunden, ja, weil es vielleicht das erste Gefühl war: nicht
Gelüste, nicht Wohlgefallen, nicht Entzückung an der Form, nicht
Entflammung der Sinne, nicht bewegter, hingetriebener Wille, nicht
Sucht; nicht ein Greifen und Umschlingen, sondern ein Ergriffenwerden
und Umschlungensein.
Es war nicht mehr an dem, zu fragen: wie stell ich es an, daß sie mich
liebt? Die Frage lautete: wie ertrag’ ich es, daß ich sie liebe?
Er hatte keine Worte mehr; er war plötzlich verarmt an Worten. Statt
dessen drängte es ihn, sich vor ihr zu erniedrigen, aber aus Furcht
vor ihr wagte er nicht zu handeln. Er kannte sich nicht mehr. Er
verlor sich aus sich selbst und so, daß er es beobachten konnte wie
das Ausrinnen von Wasser aus einem Gefäß. Er saß da und nagte mit den
Zähnen an der Lippe. Die Veränderung, die mit ihm geschah, flößte
Virginia Schrecken ein. Sie, die sein Gesicht, seine Augen, seine
Hände, seine Gestalt nie anders als in der Aktion gesehen hatte, sah
ihn jetzt zum ersten Male ruhend, und ihr graute. Ihr war, als ob
an Stelle seines Gesichts ein schwarzes Loch sei. Sie hätte fragen
mögen: wo bist du? Er erschien ihr wie ein Gespenst. Den sie so stolz,
so reich, so erfahren, so glühend, so unnachgiebig, so grausam, so
überlegen gesehen hatte, er war durch rätselhafte Wandlung klein
geworden, verzagt, hilflos, armselig, stumm und leer. Ihr graute vor
ihm, und der Schrecken steigerte sich allmählich bis ins Geisterhafte.
Dieser Schrecken gebot ihr, ihn zu fliehen. Sie hatte kaum mehr die
Kraft dazu. Die rasche Folge der beispiellosen Aufregungen wirkte
jetzt auf ihren Körper. Außerdem spürte sie, daß sie Fieber hatte, und
ihre Zähne begannen zu klappern. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht
erhalten. Wohin mit mir, wohin? fragte sie sich wieder. Sie wußte,
daß er sie nun nicht mehr hindern würde, das Zimmer und das Haus zu
verlassen, aber wohin sollte sie gehen?
Langsam näherte sie sich der Tür. Sein Blick folgte ihr angstvoll.
Sie öffnete die Tür, und als ihr die Dunkelheit entgegenschlug, sah
sie sein Gesicht überdeutlich in die Luft gemalt, dieses Gesicht,
das schlaff, leer, trüb, häßlich und gemein geworden war. Da begriff
sie, daß sie ihn geliebt in Stunden, wo das Herz an Märchen hängt, in
Augenblicken zwischen Traum und Wachen, daß er sie bezaubert hatte in
den Verkleidungen und Hüllen, die ihn den Menschen gegenüber gewappnet
und undurchschaubar gemacht.
Mit Aufbietung aller Kräfte richtete sie ihr Haar und steckte es fest
mit den wenigen Nadeln, die noch daran hingen. Die Uhr in der Halle
schlug zwölfmal. Erwin stand im Halbschatten auf der Schwelle. Das
Bewußtsein vollkommener Ohnmacht zerschmetterte ihn. Virginia blickte,
während ihre Arme noch erhoben waren, matt gegen ihn zurück, und im
tiefen Fieber dachte sie abermals: wo find ich einen Ort, um mich
auszustrecken und zu schlafen? zu schlafen, nie mehr zu erwachen –?
In diesem Moment ertönten Stimmen vor dem Haus. Die elektrische Glocke
läutete schrill und lang. Erwin runzelte die Stirn, bewegte sich aber
nicht. Es wurde ans Tor gepocht, rasch und heftig. Virginia wurde inne,
daß sie mit bloßen Füßen dastand, und ein Schauer durchrüttelte sie von
oben bis unten. »Machen Sie auf!« flüsterte sie mit der Gebärde einer
Fliehenden. Mit gleichgültiger Miene schritt Erwin ans Tor und öffnete.
Herein traten mit bleichen und erregten Gesichtern, in Regenmäntel
gehüllt, Ulrich Zimmermann, Graf Palester und Frau von Resowsky.
Virginia stieß einen Schrei aus. Dann schwankte sie mit geschlossenen
Augen und wäre hingestürzt, wenn Frau von Resowsky und Ulrich sie nicht
aufgefangen hätten.
»Der Hausmeister soll helfen,« befahl die Baronin, »wir müssen sie
in den Landauer tragen.« Der Hausmeister, der auf der Treppe stand,
stellte die Laterne nieder, um zuzupacken, doch Ulrich und Palester
hatten das besinnungslose Mädchen schon gefaßt und trugen es aus dem
Tor. »Man wird Sie zur Rechenschaft ziehen!« rief Ulrich Zimmermann.
Ein fahles Lächeln glitt über Erwins Mienen. »Zur Rechenschaft? Gut so.
Sie haben, Baronin,« wandte er sich an Frau von Resowsky, »jedenfalls
eine ziemlich unwiderstehliche Art gewählt, mich darauf vorzubereiten.«
»Mit Ihnen spricht man nicht«, antwortete die Baronin, ohne ihn mit
ihrem Blick auch nur zu streifen. Erwin zuckte die Achseln und kehrte
der ehemaligen Freundin den Rücken. Einige Minuten später war es wieder
still im Haus. Auf der Straße verklang das Rädergerassel des Wagens.
Erwin kehrte in die Bibliothek zurück. Er warf sich auf den Diwan und
fiel sofort in einen schweren Schlaf. Als er erwachte, schien die
Sonne. Während er dem Diener läutete, entsann er sich erst, daß er
Wichtel befohlen hatte, in der Gärtnerwohnung zu bleiben, bis er ihn
rufen würde. Nach einer Weile gewahrte er den Gärtner im Park und gebot
ihm, Wichtel zu schicken. Er ließ das Bad richten. Als er gebadet und
gefrühstückt hatte, trat er vor den Spiegel.
Unwillkürlich, in einer lächerlichen Anwandlung, drehte er sich um. Er
meinte nämlich, ein anderer stehe hinter ihm, dessen Bild der Spiegel
wiedergab; denn er erkannte sich nicht. Er gewahrte ein so häßliches
Gesicht, daß er sich selbst nicht erkannte. Alles was er als anziehend,
geistreich, eigentümlich und belebt in diesem seinem eigenen Gesicht
anzusprechen gewohnt war, alles das war völlig verschwunden. Er übte
sich in einer gewissen redenden Mimik, er ließ seine Augen funkeln wie
sonst in einem Gespräch, er ersann treffende Bemerkungen und achtete
darauf, wie sie den Ausdruck seiner Züge veränderten, aber das Gesicht
blieb immer gleich häßlich, so häßlich und abstoßend wie das Gesicht
eines alten, verkommenen Weibes.
Entsetzen erfüllte ihn. Was andere Menschen verschönt, das macht
mich häßlich, sagte er sich. Er heftete die Augen mit einem
leeren, gebrochenen Glanz in die Luft und murmelte: »Unerreichbar!
unerreichbar! unerreichbar!« Es war als ob ein Schwert dreimal vor ihm
niedersauste.
Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. Was reizt
mich noch? Nichts. Die Menschen werden mich wie einen Aussätzigen
meiden. Was soll ich mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den
zahllosen Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um sich sah, vor
den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, den Wolken und vor der Sonne.
Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele Papiere warf er in
den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich gewahrte er auf einem Stoß von
Büchern einen noch uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift
seines Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, schon
seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf und las:
»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals nach deinem
Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich keine Auskunft geben,
habe ich dich doch seit vierthalb Monaten nicht einmal gesehen.
Den Andeutungen nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten
verwickelt, und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und
persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken Vertrauen
voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, obwohl mein
eigener Zustand der mißlichste von der Welt ist und ich dich, mein
eigenes Kind, von der Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer
nicht freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. Ich
bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, und um den zu
ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem Alter noch zu gewinnen wäre.
Ich frage mich um meine Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist,
als Vater mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor dem
Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem du mich
nicht zurückgestoßen und deine Geringschätzung hast fühlen lassen.
Nun ist’s ja wahr, es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes
Geschlecht in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht in
jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht? Wer hat alle die
verzwickten und rücksichtslosen Neigungen so lange großgehätschelt,
bis sie zu schändlichen Verlotterungen geworden sind? Wer hat euch
das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu
kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen?
Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter und Mütter! Wir, die eure
Vorsehung spielen wollten, wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden
haben, um eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren
Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, so daß sich
ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, ein ehrlicher Kerl zu
sein. Eure selbstverständliche geistige Betätigung haben wir als ein
Wunder betrachtet, eure Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit
für Unabhängigkeit, eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht für
Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit fehlen lassen,
wenn ihr mal was Anständiges geleistet hattet, wir haben es versäumt,
euch im Zutrauen gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir haben mit
den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh nach Haus gekommen seid,
und statt der Furcht vor Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern
noch eingeimpft hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, und
ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht ganz genau wißt,
woher es gekommen und wie es entstanden ist. Das hat euch so lieblos
gemacht. Es macht lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch
bis gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung hat es so
mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche Aufschwung, das
Wohlleben und endlich der Rückschlag gegen die bürgerliche Enge, in der
wir selber aufgewachsen sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr,
ihr jungen Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein
Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, mußte ich dir
mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich lange genug gequält, ich
werde es nie bereuen. Ich darf es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater
bin, ein Amt, von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, sondern
weil du eines vor mir voraus hast, um das ich dich beneide und zu dem
ich dir gratuliere: die Jugend. Es ist eine wunderbare Sache um das
Jungsein, mein lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und
das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist schließlich
alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und gegen mich. Erinnere
dich bald deines Vaters Michael Reiner.«
Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht schlecht stilisiert,
dachte er, das könnte mich zwingen, ihm Rede zu stehen. Er warf das
Schreiben ins Feuer, dann entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb
eine Anweisung auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch
Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später kam Wichtel zurück.
In dem Kuvert lag der Scheck, mitten entzweigerissen.
Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. Wo er ging und
stand, sah er immer nur sie; immer nur Virginia; immer nur das
besondere, edle, wahre und angenehme Gesicht. Er sah sie in einer
Haltung zwischen Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften
Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er sah ihre Züge
verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, lieblich in der Freude,
maßvoll auch im Schmerz.
Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr beseelte
Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; er sah sie
zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet im Zorn mit purpurnen
Schläfen, sinnend in mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik
ertönte, nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden wurde.
Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die kühlen, langen Hände und
vernahm das Knistern ihres Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene
Gebundenheit schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige
Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich an ihr war, und
als ob ein Schwert durch die Luft vor ihm niedersauste, empfand er nur
das eine: Unerreichbar.
Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber glühenden Lippen:
»Virginia! Schwester! Geliebte!«
Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; es war derselbe, in
den sie einst geschaut, als sie zum erstenmal das Perlenband um den
Hals genommen. Er suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn,
ein neues Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht,
das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen Weibes.
Ferner sah er ein Wort, mit Blut geschrieben, furchtbar aus zerteiltem
Nebel flammend: Unerreichbar.
Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, der umbrisch
milde Mund, die Nase ohne Beben in den Flügeln, die Augen mit dem
Bernsteinglanz über den Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren
stieg ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen
Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild.
Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach verwelkten Blättern.
Wie Felsblöcke stürzten die vielen Stunden, durchlebte und noch zu
durchlebende, auf seine Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als
das was er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst vor
völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der Wolke umarmte, ward in
den Tartarus geschleudert, wo ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das
vom Sturmwind in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich
mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. Die Wolke,
nach der er gegriffen, war nicht göttlichen Ursprungs; ein Dämon hatte
Schaum und Gischt erzeugt, der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten,
leeren, nutzlosen und entgötterten Lebens.
Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, eine Seele wie
Virginias, von gleicher Kraft und gleicher Wahrheit. Wo war sie
hingeraten, diese Seele? Hatte der Wille sie verzehrt? hing sie an
den zahllosen Seiten gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier
nach Selbstgenuß sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er
so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, kalten und
berechneten Worte sie verschwendet? Wird man Rechenschaft von ihm
fordern, wie Ulrich Zimmermann gesagt, so wird man seine Tage wägen;
prüfen und zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden,
voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von Philosophie, in
weiser Ordnung verwaltet, aber finster, blutlos, stumm und leer. Das
Haus war leer, nur tote Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch?
Das Unding an sich; das Inkonstante.
Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. O Unerreichbare!
Schwester! Geliebte!
Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich irgendwie zu
verwandeln, zog er einen schwarzseidenen Schlafrock an und Sandalen aus
Rehleder. So schritt er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel
und geheimnisvoll in seinem eigenen Haus, von Raum zu Raum.
Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Wichtel suchte
jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr nicht zu sprechen sei.
Dieser jemand gab sich aber nicht zufrieden, worauf Wichtel ängstlich
hereintrat. »Das Fräulein von Flügel«, meldete er.
Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.
»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.«
»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende Stimme, und
Marianne stand vor Erwin, der sich träg umgedreht hatte. Wichtel
entfernte sich.
Marianne trug einen langen, grauen englischen Reisemantel und einen
der gewaltigen Modehüte mit einem Schleier, der bis zu den Knien
reichte. Ihr Gesicht war etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine
heftige Gespanntheit verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte
die Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem Plan
handelt.
»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem sie mit flatternden
Bewegungen die Handschuhe abstreifte und auf einen Sessel warf; »du
begreifst, daß ich nicht Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du
siehst, habe ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein Ende
haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut und Stumpfsinn, dazu
bin ich mir noch zu gut.«
Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte den Kopf ans
Fensterkreuz und schloß müde die Augen.
»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und in der zunehmenden
Erregung überstürzten sich ihre Worte; »ich frage dich, was du mit mir
vorhast und ob du noch länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen
Dirne eine Spottfigur aus mir zu machen.«
Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, dann
blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte die Arme auf
dem Rücken.
»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, und plötzlich
holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; »wenn du auch findest,
daß das eine Phrase ist, wie dir jedes Gefühl eines andern Phrase ist,
ich lasse mich nicht als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt
wählen, ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie stockte,
denn Erwin lächelte sie an.
»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln.
»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte Marianne finster,
ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe sinken.
»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes Kind«, entgegnete
Erwin und löste die Pistole sanft aus Mariannes Hand. Dann schaute er
prüfend in den Lauf und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, –
aufrichtig!«
Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die weite Tasche
seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her meine Neigung, einem
Trauerspielakt eine freundliche Wendung zu geben«, fuhr er fort; »und
so wollen wir’s auch diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen
Schlüsse, schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe zu,
daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern zu schmachten. Du
hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen bei Demel, deine
Spaziergänge auf dem Graben, das hat dich in eine phantastische Laune
versetzt. Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte der
Jahre.«
»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem und beinahe
feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn nicht mehr. Ich glaube, du
würdest mit mir zufrieden sein. Wir beide könnten aus unserm Leben noch
etwas machen, denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An
der Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem fremden Blick
die Worte. Diese Lippen, die gewohnt waren, das Heilige wie das Profane
mit gleicher Kühnheit auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor
dem einfachen Laut der Natur.
»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche Leben momentan keine
Verlockungen für mich hat. Im Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es
nicht, die Küchenzettel schon am Morgen zu erfahren, und will nicht
wissen, daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen einen
Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch ich mache dir keinen
Vorwurf daraus, daß du gekommen bist, im Gegenteil, ich möchte dich
bitten, mir einen Dienst zu leisten.«
Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute Erwin fragend an.
Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Sieh mich genau an und sage
mir, ob du eine Veränderung in meinem Gesicht entdecken kannst.«
»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt.
»Sieh mich ganz genau an.«
»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte Marianne mit
wachsendem Erstaunen über seine Fragen.
»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe jetzt in das Zimmer
hier nebenan und werde eine kleine Umgestaltung mit mir vornehmen. Du
brauchst höchstens drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich
dich, und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung
in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das tun?«
»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –«
»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt später. Einen
Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr dankend und galant die Hand und
verließ mit Schritten ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist,
dachte Marianne, der es beklommen zu Mut wurde.
Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne ins
Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit vergoldeter Lehne. Auf
einem Tischchen vor ihm befand sich ein Spiegel. In der herabhängenden
Hand hielt er die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer kaum
wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe sickerte ein wenig Blut.
Er hatte sicher gezielt und gut getroffen. Sein Gesicht wies keine
Verzerrung auf; es war schön wie eine Maske.