Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend
Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf
dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit
Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem
solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation
im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger
genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als
etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung,
Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und
befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und
stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die
seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder
ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten
Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen
Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen
Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der
Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht
nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und
Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben.
Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend
Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen
Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.
Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch
Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch
niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen
Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien,
hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables
Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im
Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend
von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden
Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den
Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das
Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte
ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an
allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte,
und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.
Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe
des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung
des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein
Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten
unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er
mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch
seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen
durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer
mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben
alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle.
Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene
zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden
zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine
Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen,
die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten
waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er
sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur
klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller
und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die
mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine
Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er;
er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball,
und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur
wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen
erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine
außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit.
Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische
und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte
er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische
in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der
Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er
verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den
Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war
ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen
möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von
Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation
den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren
seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen
zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt
ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten
Programme war.
Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie
ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von
hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten
den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab
wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte
genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch,
Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein
Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes,
gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische
Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für
den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische
Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer
tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer
profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred
unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen
Umgangsformen des Freundes.
Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner
junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo
unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit
die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater
die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch
unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man
dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen,
es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob
das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist
umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor
den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen
bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen
auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller,
verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und
schaue!
Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm
eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß
ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir
vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine
flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle
Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist
sein abgemessener Wille.
Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten
Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde
Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als
Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie
jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie
um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo
warst du?« fragte er.
»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend
nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische
Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten.
Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander
den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein,
wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich
fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen,
zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden
Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises
klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte
wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit
mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd,
das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den
Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen
muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der
eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch
bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man
sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee
kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute
sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte,
das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir
aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen,
das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.«
Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der
Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese
flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem
festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und
sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig
blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen
und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem
Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze
Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes.
»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her.
Wichtel! Einen Teller und Besteck!«
Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort:
»Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur
mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber
verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich
bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein
Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich,
ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie
Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer
können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja
auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben,
was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen
Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft
erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt,
wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen,
gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine
Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser
wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich
wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus
der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das
ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist
offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei
Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen
und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei.
Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und
dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war
enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«
»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz.
Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er.
»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd.
»Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte,
um dich zu verstricken.«
»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das
Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber
lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine
Leichenrede. Wann reisest du?«
»Übermorgen.«
»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?«
»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred
unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu
Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.«
Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich
so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«,
sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen
Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.«
»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst.
»Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu
sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie
zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt
kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt
zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit,
nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und
ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen,
wenn ich dich nicht wüßte.«
»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte
Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von
dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir
mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer
Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh.
»Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein
Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«
»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich brauche ja nur die
Sicherheit, daß du im Notfall für sie da bist. Du schreibst mir
gelegentlich über ihre Gesundheit, ihre Stimmung, darüber, wie sie
aussieht, was sie spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir
Geschicklichkeit genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene
störrisch zu machen.«
Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr Manfred fort,
indem er einen handgroßen Karton aus der Brusttasche zog und ihn
Erwin reichte, »sie hat endlich meinen Wunsch erfüllt und sich
photographieren lassen.«
Erwin nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann nahm er es abermals,
hielt es in Armlänge vor die Augen, und seine Brauen rundeten sich.
»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit naiver Eitelkeit.
»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, ganz prächtig. Ich
dachte immer, du übertreibst, und habe insgeheim deine Schilderungen
belächelt. Aber das scheint ja eine vollendete Schönheit zu sein.«
»Und noch mehr.«
»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin selten. Darin ist
alles beschlossen.«
»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich sagen: eine vollendete
Tugend. Aber heutzutage macht sich das schlecht.«
»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein odioser Begriff.«
»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld leugnest.«
»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, von jemand zu
sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin stolz. Manfred senkte die
Stirn. »Wozu einen Titel? Besitze, Freund, genieße und laß den
Kommentar. Worte zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie
Polykrates, denn du bist beneidenswert.«
Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name Ottokar Graf Palester
stand. Erwin lächelte. »Der gute Graf ist immer Mitternachtsgast.
Bringen Sie kalten Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener,
»der Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.«
Graf Palester war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann von
vornehmer Haltung und schweigsamem Gehaben. Er hatte ein blasses
Gesicht, einen rötlichen Spitzbart, schlichtes gelbliches Haar und
traurige Augen, die so blau waren wie Kornblumen. Die Finger seiner
schmalen Hände waren stets zusammengepreßt und edel gebogen, als ob
sie aus Gips wären. Sein Anzug verriet die Sauberkeit und Sorgfalt
eines Menschen, dem alles daran liegt, seine Armut vor der Welt zu
verbergen. Er war bis vor einem Jahr Marineoffizier gewesen, hatte
dann aus unbekannten Gründen seinen Abschied genommen und lebte mit
einem weiblichen Wesen geheimnisvoll zurückgezogen in der Vorstadt. Er
besuchte seine wenigen Freunde, die Freunde nicht ihn; dies hatte sich
so gefügt. Man achtete seine Armut und sein Geheimnis.
Erwin hatte ihn vor zwei Wintern in Kairo kennen gelernt. Er hatte
schon damals erfahren, daß der Graf im Besitz der sogenannten
Froweinschen Miniaturen war, die nach einem Sammler oder Mäzen des
achtzehnten Jahrhunderts ihre Bezeichnung hatten. Es gab nur drei
Exemplare dieses Werks; das eine befand sich in der vatikanischen
Bibliothek, das zweite war Eigentum eines Lord Pembroke in Schottland,
das dritte war zur Zeit der österreichischen Herrschaft in Toskana
durch einen Vorfahr des Grafen, die Palester waren italienischen
Ursprungs, aus Florenz nach Wien gekommen. Während das Geschlecht
immer mehr verarmte, gingen diese mittelalterlichen Malereien, die nach
Erwins Meinung einen außerordentlichen Wert hatten, als abergläubisch
behütetes Erbstück von Generation zu Generation. Man wähnte, daß der
Name Palester nicht untergehen könne, ja, daß ihm einst noch ein
neuer Glanz beschieden sein werde, solange dieser Schatz Familiengut
blieb. Graf Ottokar war nicht mehr in der Lage, das Archiv eines
Ahnenschlosses damit zu schmücken; obwohl er die Überlieferung als
Fabel hinnahm, so achtete er sie doch in einer Treue, welche nicht
mäkelt, und in einem Trotz gegen weltliches Gut, der durch eine
philosophische Lebensführung gehärtet wurde. Vor Wochen hatte er das
Buch mitgebracht, um es Erwin zu zeigen, und schon eine flüchtige
Prüfung hatte diesen belehrt, daß er ein Original vor sich habe. Die
drei in Europa verstreuten Exemplare waren einst ein Ganzes gewesen,
aber Erwin, der das römische kannte, stellte entzückt das Palestersche
höher, und seine Begierde nach dem Gegenstand wuchs im selben Maß wie
der Widerstand, den sie erfuhr. Wenn er zu ungestüm und zu phantastisch
mit seinen Angeboten wurde, lächelte Graf Ottokar voll Nachsicht und
versprach mit reizender Ironie, er werde ihm den Frowein hinterlassen,
wenn er ohne Leibeserben von hinnen gehen müsse. »Das dauert mir zu
lang«, entgegnete Erwin. »Ich will nicht erben, ich will erobern.«
Auch jetzt geriet das Gespräch auf die Miniaturen, und während der Graf
sich an den Tisch setzte und aß, wie man im Wirtshaus eine bestellte
Mahlzeit zu sich nimmt, schlich Erwin vorsichtig und lüstern um das
Thema.
»Was stellen denn die Bilder dar?« fragte Manfred.
»Es sind Heiligenlegenden«, erklärte Erwin; »einfach und primitiv
gemalt, aber mit einer Innigkeit, die ganz ohne gleichen ist.«
»Das mag ja sein,« antwortete Manfred, »trotzdem begreif’ ich dein
heftiges Verlangen nicht. Die Welt ist voll von schönen Werken der
Kunst, bekannten und unbekannten; warum soll tyrannische Habsucht den
Geist in Fesseln binden und den Genuß beschränken?«
Graf Ottokar blickte Manfred wohlwollend an, schwieg jedoch, um Erwin
nicht in seiner Entgegnung zu stören. Erwin legte die Hände flach
zusammen und sagte mit einem Ausdruck von Festigkeit und Glut: »Die
Welt ist groß und klein, wie man’s nimmt. Groß für die Wahllosen und
klein für die Wählenden, groß für die Augen und klein für die Hand.
Ich bin kein Augenmensch. Ich muß haben, ich muß greifen, zwischen den
Fingern muß ich’s haben und halten, auch auf die Gefahr, zu zerstören.«
»Nun ja, da ist der Punkt, wo Gott aufhört und das Chaos anfängt«,
bemerkte Graf Ottokar trocken.
Man stritt noch eine Weile für und wider, bis sich der Graf erhob, um
sich zu verabschieden. Manfred, der müde war, folgte seinem Beispiel,
nachdem er mit Erwin die Stunde festgesetzt hatte, zu der er ihn morgen
abholen wollte.
Als er mit Palester auf die ländlich öde Straße trat, schneite es. »Ich
gehe nie ohne ein befeuertes Gefühl von Erwin weg,« gestand Manfred,
»er hat die Gabe, mich ehrgeizig zu machen.«
»Ein interessanter Mensch, ein höchst interessanter Mensch«, erwiderte
Graf Ottokar leise. »Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er allein
ist, ganz allein. Er gehört zu denjenigen, deren Gesicht ich mir nicht
vorstellen kann, wenn ich sie allein denke. In einer großen Stadt, in
einem großen Haus und darin in einem großen Zimmer ... mir ist, als ob
er ein anderer wäre.«
Manfred blickte verwundert lächelnd auf, aber die Züge des Grafen
hatten einen ernsten, beinahe düsteren Ausdruck, als er fortfuhr: »Ich
nämlich, im Gegensatz zu Erwin Reiner, bin Augenmensch. Ich sehe zu
viel, und was ich nicht sehen kann, quält mich. Neuneinhalb Jahre hat
mein Blick nur auf der unermeßlichen Fläche des Ozeans geruht; nun ist
mir alles vermauert, Leben und Menschen. Ich komme mir vor wie ein
Zwangsarbeiter in einem Bergwerk. Wohin geht eigentlich Ihre Fahrt?«
»Über Madagaskar und Ceylon nach Sumatra, Australien, Polynesien.«
»Madagaskar, Ceylon, Sumatra«, wiederholte der Graf sinnend. »Und das
alles ist vorhanden. Jetzt, indem wir sprechen, rauschen dort die
Palmen. Nichts ist aufwühlender als das Gefühl der Gleichzeitigkeit.
Sie werden nachts auf Deck liegen, und das Meer wird leuchten, und die
Maschine wird pochen wie ein Herz.«
»Ich würde gern mit Ihnen tauschen«, entschlüpfte es Manfred.
»Ich verstehe,« antwortete Palester, »ich verstehe. Um so mehr wird Sie
die Reise verwandeln. Wir verwandeln uns nicht, wenn die Erlebnisse
mit unseren Wünschen übereinstimmen. Schreiben Sie mir einmal von dort
drüben, vom andern Ende der Welt.«
»Mit Vergnügen.«
»Vielleicht werde ich Ihnen ebenfalls schreiben. Ich werde bei Nacht
schreiben, Sie werden es bei Tag lesen, und so ist es auch gemeint.
Leben Sie wohl, Sie müssen einsteigen, ich gehe zu Fuß.«
»Zu Fuß bis nach Hietzing?« fragte Manfred erstaunt.
»Ja. In zwei Stunden bin ich zu Hause. Ich vertrage nicht den Lärm
dieser Vehikel. Leben Sie wohl.«
Manfred schaute dem Davonschreitenden mit unruhiger Teilnahme nach.
Am andern Nachmittag um drei Uhr fuhr er mit Erwin in dessen
Elektromobil zu Virginia.
Beim ersten Anblick des Mädchens stand Erwin ein paar Sekunden lang
steif wie eine Latte. Manfred konnte durchaus nicht erraten, was in ihm
vorging. Er selbst gab sich weniger natürlich als sonst; der Wunsch,
Erwin und Virginia möchten aneinander Gefallen finden, machte ihn
verlegen, und er beobachtete gespannt Haltung und Blicke von beiden.
Die Eitelkeit des Liebenden ist dem mütterlichen Stolz verwandt, auch
der Unruhe des Künstlers über die Wirkung seines Werkes; er suchte aus
Erwins Miene zu lesen, ob die Erwartung, die Virginias Bild geweckt,
unbefriedigt geblieben oder übertroffen worden war. Virginia ihrerseits
blickte dem Freund des Verlobten furchtlos forschend ins Gesicht. Nie
zuvor war sie Manfred so damenhaft erschienen; das Phlegma, das die
Schönheit verleiht und das vielleicht nur durch die Schönheit reizvoll
wird, gab ihr eine Distanz und eine Würde, die Manfred alsbald an
Erwins Belebtheit entzückt triumphierend genoß, etwa wie man zwei
seltene Leckerbissen zusammen in den Mund schiebt.
Es machte den Eindruck, als ob Virginia mit Erwins Betragen zufrieden
sei. Seine betonte Höflichkeit gefiel ihr, die Knappheit seiner
Ausdrucksweise ließ ihren Gedanken Spielraum, seine Zurückhaltung war
bedeutsamer als Schmeichelei und Bewunderung; er kündigte damit an, daß
ihm durch die Umstände sehr heikle Grenzen gezogen waren. Sie hatte
seine Kritik ein wenig gefürchtet, seine unbedingte Billigung, die sie
spürte, hob ihre Sicherheit. Seine Manieren hatten nichts Nachlässiges,
auch nichts absichtlich Fremdes; er war bescheiden, ganz einfach
bescheiden. Sogar Frau Geßner konnte nicht umhin, Manfred anerkennend
zuzunicken, als sie sich von Erwin unbeobachtet wußte.
Nach Verlauf einer Stunde, die mit belanglosen Gesprächen hingegangen
war, brach Erwin auf. »Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, daß Ihnen
die Rolle, die mir Manfred während seiner Abwesenheit zuweist, kein
Kopfzerbrechen verursacht«, sagte er, indem er in den Pelzmantel
schlüpfte. »Ich überlasse Ihnen das Kommando. Betrachten Sie mich als
einen, der zur Verfügung steht. Vergessen Sie die Person und denken Sie
nur an das Amt.«
Lächelnd reichte ihm Virginia die Hand, die er küßte. »Ich kann nicht
kommandieren«, versetzte sie. »Sie würden mich auch viel zu eigensinnig
finden, wenn Sie kommandieren müßten. Es wird hoffentlich nichts
dergleichen nötig sein.«
Manfred begleitete Erwin über die Wendelstiege hinab. Auf der letzten
Stufe blieb Erwin stehen und sagte, indem er Manfred durchdringend
anschaute: »Hör’ mal, es ist doch ganz unmöglich, daß dieses Mädchen,
diese ... Dame, diese ... Aristokratin, diese ... Diana aus einer Ehe
stammt, wie du sie mir geschildert hast –?«
Manfred, mit niedergeschlagenen Augen, doch vor Freude lächelnd,
erwiderte unbedacht: »Wie scharf und wahr du siehst!« Sogleich
merkte er, daß er zuviel gesagt; er wollte seine Worte zurücknehmen,
verstrickte sich noch mehr, und weil ihn Erwins maliziöse Miene
ärgerte, glaubte er nichts Übleres zu tun, als was er schon getan, wenn
er das rührende Erlebnis von Virginias Mutter in Kürze berichtete.
»Es ist klar,« meinte Erwin, der aufmerksam zugehört, »solche Früchte
reifen nicht auf dem dürren Baum des bürgerlichen Behagens. Amüsant
wäre es, von diesem Punkt einmal die Naturgeschichte unserer großen
Männer zu durchforschen. Leider erheben sich davor die Festungswälle
tausendjähriger Heuchelei.«
»Versprich mir, daß du darüber schweigst«, sagte Manfred hastig.
Erwin zog verwundert die Stirne kraus. »Oh, wie das Grab«, antwortete
er, als könne eine solche Aufforderung nur scherzhaft genommen werden.
Sie drückten einander die Hand, und Manfred kehrte ins Haus zurück.
Alles, was nun kam, war Abschied. Daß auch Virginia langsam ihre
Fassung verlor, traf Manfred tiefer als der eigene Schmerz. Ihm war,
als ob er sterben müsse, um erst nach einer Ewigkeit das Dasein wieder
von neuem beginnen zu dürfen. Sie blieben bis über Mitternacht in der
Stube beisammen sitzen. Frau Geßner hatte sich zu Bett begeben. Ihr
Gebetbuch lag noch an der Ecke des Tisches, auf welchem eine Teekanne,
drei Tassen und eine mit Äpfeln gefüllte Schale standen.
Der Novemberwind surrte im Ofen. Sie redeten erstickte Worte; wenn sie
schwiegen, empfanden sie die Schauer als gefährlich, die über ihre
Haut rannen. Manfreds Hände suchten die Hände des Mädchens und flohen
wieder. Seine Blicke begehrten und krochen erschrocken in die Winkel;
spürbar kreiste das Blut in den Adern, und an den Kleidern trug er eine
Last wie ein Badender, dem eine Fessel nicht zu schwimmen erlaubt.
Virginia schien gefaßt, ja heiter; mit gütigem Lächeln kämpfte sie
gegen die bedrohliche Glut; in der Tiefe ihres Herzens begriff sie und
wehrte ab, sanft und mitleidig, bittend und beteuernd. Wie stolz sie
ist, dachte Manfred, von Liebe berauscht; wie unbezwingbar und wie
schön!
Endlich küßte sie ihn auf die Stirn und bat ihn zu gehen. Und er ging,
bestürzt, fast zornig, bleich und verwirrt.
Am nächsten Mittag, geschlafen hatte er nicht, brachte er ihr einen
Ring mit zwei prachtvollen Smaragden. Es war das erste Geschenk, das
sie annahm. Er war fertig, alles zur Reise bereit, das Gepäck war schon
auf dem Bahnhof, und um zwei Uhr, nachdem Manfred von Frau Geßner
herzlichen Abschied genommen, fuhren sie hin.
Sie gingen vor dem Zug auf und ab. Die Frist war bald verstrichen.
Virginias Gesicht wurde plötzlich weiß wie Porzellan, und als sie an
seiner Brust lag, schluchzte sie wie ein Kind. Manfred preßte sie an
sich, bog mit der Linken ihre Stirn zurück, schaute in ihre Augen und
dann empor. Es erlöste ihn kein Wort, kein Ausbruch.
Da kam Erwin, um dem Freund Lebewohl zu sagen. Rücksichtsvoll hatte
er die letzte Minute gewählt. Als er Virginia so hingeschmiegt
erblickte, war in der Linie ihres Körpers ein Etwas, das ihn stutzig
machte. Er sah zu Boden. Virginia gewahrte ihn und nahm sich zusammen.
Schwerfällig wie ein Greis stieg Manfred in den Wagen. Sein edles
Gesicht zeigte sich noch einmal am Fenster, lächelnd und sich
verdunkelnd, dann rollte der Zug aus der Halle.