III.

_Leipzig_, den 13ten April 1824.

_Mein verehrter Herr Doktor!_

Wenn jeder eine Schuld so schön abzutragen verstände, als Sie Ihre

eingestandene Briefschuld an mich, so möchte ich wahrlich sehr viel in

der Welt zu fordern haben -- sollte es mich auch manchen peinlichen

Mahnbrief kosten -- obwohl es sonst mit dem Zufordernhaben heut zu Tage

eine kitzliche Sache ist. Der Himmel vergelte Ihnen daher das, was und

wie Sie mir schrieben.

Ich stehe hier in der Welt meines Wirkens so ganz allein, daß mir oft

fast unheimlich zu Muthe werden will! Denn wer sich bey uns nicht in

dem wilden luftigen Tanz des heutigen genialen Fratzengewimmels der

vermeinten Kunstliebenden und Kunstübenden -- wie in Ihrem Eckart die

Menschen vom Spielmann aus dem Venusberge -- vom alten treuen Boden

der ewigen Natur los, und mit fortreißen läßt, der ist ein verlohrner,

aufgegebner Mann! Der bin ich in Leipzig! und wie wohl es mir in dieser

Lage thun muß, mich von dem einzigen Kopfe Deutschlands, der noch in

ungetrübter Klarheit das Ideal der wahren Bühnenkunst in sich trägt,

wie einen theuren Freund angesprochen zu sehen, werden Sie begreifen,

ohne daß ich es Ihnen zu beschreiben mich bemühe?

Daß mein Vorspiel zu „Was ihr wollt“ Ihnen außer dem Styl der Dichtung

des Stückes erscheinen würde, ahnte ich wohl, da es mir selbst fast

so schien, nachdem ich es gemacht hatte. Wolff war Schuld, daß ich

meinem Gefühle mißtraute -- er las es und nannte es eine zweckmäßige

Einleitung, wodurch ich verleitet ward, es dem Stücke anzuhängen;

da einem das kritische Auge für die Schwächen der eignen Kinder so

leicht durch das kleinste Lob geblendet wird! -- Ich sehe jezt die

Sache anders an, und würde sogleich an die Umarbeitung des ganzen

ersten Aktes gehen, wenn ich einen Weg entdecken könnte, auf welchem

ich alles das am zweckmäßigsten berücksichtigte, was _Sie_

bey der Bühneneinrichtung eines Shakspearschen Stückes mich als zu

berücksichtigen einsehen lassen. Die Kürze der schnellwechselnden

Scenen dieses Aufzugs indeß -- auf die ersten 9 Blätter kommen 5

Dekorationen -- und die Unmöglichkeit, daß sich Viola in einer einzigen

Zwischen-Scene als Mann umziehen kann, legen mir dabey Schwierigkeiten

in den Weg, die ich, wenigstens jetzt noch nicht, wegräumen zu können

einsehe. Wollen Sie, verehrter Herr Doktor, mir einen neuen Beweis

Ihres Wohlwollens geben -- so gönnen Sie mir -- im Fall nemlich

meine übrige Einrichtung des Stückes Ihren Beyfall hat, -- darüber

Ihren gütigen Rath; denn gerne brächte ich dies herrliche Lustspiel

Shakspears auf die Bühne, indem wir gerade zwey Personen[16] hier

haben, durch deren Gleichheit in der Gestalt Viola und Sebastian sehr

gut darzustellen wären, und auch für die andern Charaktere des Stückes

passendere Personen besitzen als vielleicht manche andere Bühne; --

doch nur wenn _Sie_ eine Bühnen-Einrichtung dieser Dichtung ihres

großen Schöpfers würdig finden, werde ich das meine dafür thun, daß sie

bey uns in die Scene kommt.

Was Holberg betrifft, so haben Sie mir über ihn, und namentlich über

den Charakter seines Vielgeschrey einen Aufschluß gegeben, den ich

Ihnen nicht genug danken kann. So war er mir nicht erschienen, obwohl

ich jezt sehr klar einsehe, daß er so gemeint ist. Ich hoffe meinem

Hetzer (Vielgeschrey) das noch wieder geben zu können, was er durch

mich von seiner Urnatur verlohren hat. Der Versuch beyde Ihnen

mitgetheilte Holbergs mehr zu modernisiren, als es der eigentliche

Verehrer Holbergs entschuldigen wird, wurde durch das Schicksal des

geschwätzigen Barbiers in Hamburg begründet. Ich hatte das Stück --

blos seiner jezt nicht mehr sprechbaren Zweydeutigkeiten beraubt --

ganz in der Urgestalt dorthin geschickt, und es ist so daselbst gegeben

worden. Vielleicht lasen Sie was geschah? es fiel ganz durch. Nach

Emil Devrients Versicherung, der die Aufführung sah, lag freylich die

Schuld am Spiele -- denn Gert konnte nichts weiter als seine Rolle auf

die Sylbe auswendig! und da ist es freylich zu begreifen, wie er durch

die stete Wiederholung derselben Geschichten, gleich einer Spieluhr,

die dasselbe Stück zwanzigmal gleich geistlos abdudelt, das Publikum

langweilen mußte, anstatt daß er durch das scheinbare Langweilen seiner

Mitspieler die Zuschauer ergötzen soll. Es verleitete mich also die

Kenntniß der heutigen Schauspielerfähigkeiten und des lieben Publikums

dazu, es in beiden Stücken dem Darsteller wie dem Zuschauer leichter zu

machen, indem ich vom Ersteren weniger forderte und dem Letzteren den

Verkehr von Personen vor die Augen stellte, die er leichter begreifen

kann, als die Urgestalten Holbergs -- denn wofür ist wohl das Auge

unsres jetzigen Publikums blinder geworden, als für die Ironie, wenn

sie die Basis einer ganzen Dichtung macht? und wovon hat der jetzige

Schauspieler wohl weniger einen Begriff als vom reinen Schalks-Ernst,

und von der Seele der Natur, dem Humor? Könnte ich nur dazu gelangen,

irgendwo Holbergische Charaktere mit vernünftiger Umgebung darzustellen

-- sey es in meinen Bearbeitungen, oder bloß in der Urgestalt -- so

sollten die Leute doch wohl merken: daß ein Einziges dieser Gebilde

ganze Dutzende ihrer jetzigen französischen Baiser’s aufwiegt, die sie

mit so großer Lüsternheit hineinfressen, daß der Darsteller darin seine

beste Kraft vergeuden muß, um den Heißhunger der Gaffer zu befriedigen!

Könnte ich in Dresden seyn -- könnte ich mit Ihnen den Shakspear und

Holberg studiren -- ich glaube: alle erlittene Kränkungen und alle

vereitelte Hoffnungen in meinem bisherigen Bühnenleben, die mir einen

Ekel am ganzen Schauspielwesen eingeflößt haben -- alle Opfer, die

ich vergebens der Kunst brachte, wären über diesem Glück mit einem

Schlage vergessen, und ich beträte mit neuem Lebensmuth die Bahn, die

für immer zu verlassen ich jezt mich herzlich sehne. Ich fühle es: daß

die Fähigkeit in mir liegt, grade über den Geist _dieser_ Dichter

als Schauspieler manchen Aufschluß geben zu können, den wenige finden.

Ich habe das als _Lear_ und _Shylock_ in Berlin erfahren --

trotz der dortigen gerühmten Darsteller dieser Rollen -- und könnte

ich von Ihnen lernen, was mir noch fehlt, so würde ich mich als

Repräsentant Shakspears und Holbergs kühn jeder Kritik preisstellen.

Bey dem Leyerkastenwesen und der Ertödtung aller Charakteristik an der

Leipziger Bühne, bleibt freylich das Beste was ich wollen kann, nur

fromme Wünsche!

Sie sehen in den Ergießungen meines Herzens, verehrtester Doktor, wie

ganz Ihr lieber Brief mein Inneres Ihnen aufgeschlossen hat. Denn auch

ich rede zu Ihnen wie zu einem theuren Freunde, den ich sogar meine

Klagen vernehmen lasse. Möchten sie sich bestimmen können, mir öfter zu

schreiben und glauben wollen: daß Sie mich dadurch wahrhaft beglücken.

Wie richtig beurtheilen Sie Wilhelm! Möge die Zeit einen guten Geist

über ihn bringen -- der ihn jetzt leitet, führt ihn ins Verderben!

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 290 / 310 题