_Leipzig_, den 7ten Febr. 1824.
_Wohlgeborner Herr_,
_Hochzuverehrender Herr Doktor!_
Es ist wohl nicht zu bezweiflen, daß Sie triftige Gründe haben, mit mir
unter keiner Bedingung in irgend eine Berührung treten zu wollen --
ohne daß ich mir indeß bewußt bin, Ihnen dazu nur _einen_ Grund
gegeben zu haben -- indem weder mein redlichstes Bestreben: Ihren
Neffen, so lange er meiner Aufsicht anvertraut war, auf einen Lebensweg
zu bringen, der ihn unter die Zahl der achtungswerthen Menschen führen
mußte, noch meine wiederholten Bitten: mir Ihre gütige Meinung über
die Ihnen zugeschickten Bearbeitungen eines Shakspearschen und zweyer
Holbergischen Lustspiele mitzutheilen, Sie bewegen konnte, mich auch
nur der kleinsten Zuschrift zu würdigen. Ich kann es nicht leugnen,
daß mich diese Ihre Geringschätzung tief schmerzt -- doch maße ich mir
kein Recht an, Sie deshalb zu tadeln -- da Sie das: Warum, ohne Zweifel
vor sich selbst rechtfertigen können. Doch da ich gewiß bin, Sie
wenigstens nie wissentlich beleidigt zu haben -- so darf ich vielleicht
erwarten: daß Sie meinem geehrten Freunde, Hofrath Winkler, auf einige
Fragen über meine Arbeiten eine mündliche, rücksichtslose Antwort
ertheilen; indem Sie ja hiedurch wie bisher, außer aller Berührung mit
mir bleiben, und so Ihrem Vornehmen in Bezug auf mich nicht untreu zu
werden brauchen.
Tadeln Sie mich dieser neuen Zudringlichkeit wegen nicht; denn, möge
_ich_ Ihnen auch so wenig gelten, wie man einem nur gelten kann --
_Ihr_ Ausspruch über den Werth oder Nichtwerth meiner Arbeiten,
gilt mir dennoch so viel, daß er allein mich zu dem bestimmen kann, was
ich ferner mit denselben vornehmen werde.
Herr Hofrath Winkler wird mir mittheilen, was Sie ihm sagen, und ich
erinnere nur noch: daß mir über alles, was mein Streben der Kunst zu
nützen betrifft, das strengste Urtheil das liebste ist.
Da Sie selbst es mir unmöglich machen, Sie als Mensch kennen zu lernen,
so erlauben Sie mir wenigstens: Ihnen die unauslöschlichste Verehrung
und Liebe auszusprechen, die ich zu Ihnen als Gelehrter und Dichter
hege -- denn diesem mit ganzer Seele anzuhangen wird stets der Stolz
seyn