_Berlin_, 15ten Dec. 1829.
Wie kann ich sagen: Dank! da mein Inneres von Freude, Scham, Stolz
glüht, ich muß Sie lieb haben, innigst lieb haben. Sie haben
mein räthselhaftes Wesen so tief erkannt, daß ich Ihnen nur mit
Schüchternheit nahen konnte. Und wie schreiben Sie mir -- ach ich kann
nicht sagen, wie das mein Herz getroffen. Solche Momente sind heilig,
ewig! und wie mein Sehnen, Dringen immer auf Gott gerichtet ist, fühlte
ich seine Nähe und schauderte. So hab’ ich denn Ihr Gemüth gewonnen
und darf einen Mann ausdrücklich Freund nennen, den ich seit meinen
Knabenjahren innig liebte und verehrte -- doch jetzt ist das anders,
persönlicher, kräftiger, näher. Erhalten Sie mir aber um Gotteswillen,
erhalten Sie mir Ihre Liebe, ich habe so viele schmerzliche Erfahrungen
gemacht, daß mein Gemüth immer wieder scheu zurückfliehen will, da
es doch in aller Freude und Kraft sich hingegeben hat. Das Leben ist
furchtbar, nur Liebe lehrt es tragen.
Die schöpferische Kraft des Genius, bei welchem Begeisterung
gestaltendes Bewußtsein ist, ahn’ ich. Er schafft unvermittelt,
ursprünglich, nothwendig, frei. In gänzlicher Vollendung, mein’ ich,
hat er nie gelebt, oder die Poesie an sich hätte die Welt erlöst.
Abfall muß sein, der Mensch ist nicht absolut. Das unmittelbarste
Bewußtsein ist das poetischte, aber auch dieß kann nicht ganz
fessellos sein. Was Sie Kunst heißen, scheint mir das Ideal der Poesie
zu sein. Das anschauende Gemüth urtheilt: es giebt kein vollendet
schönes Kunstwerk, nur Annäherung an daßelbe. Ich weiß nicht, mein
verehrungswürdiger Lehrer, ob ich hierin nicht wesentlich mit Ihnen
übereinstimme, die Abweichung könnte nur in meiner Annahme der
Approximation bestehn, aber ich weiß nicht deutlich, ob Sie Selbst
diese nicht auch anerkennen. -- Das Naturell, welches ohne jenes stäte,
ordnende und befassende Bewußtsein schafft, wenn es auch göttlich
begabt wäre, es wird frech, unbändig sein, wie Natur; aber auch hier
ist das Extrem unmöglich. Wer nun fühlt, wie ich, daß seine Gaben
ausarten möchten, eben weil die Begeisterung, wann sie ihn überströmt,
bis zum Wahnsinn taumelnd bewußtlos wird, ist gezwungen, wenn er das
Schöne will, sich in der Conception durch die messende Vorstellung
zu zügeln, bei der Ausführung aber, so viel er vermag, das Schwere
fallen zu lassen und sich die schöne, alte Freiheit zu bewahren. Gegen
das letztere fehlt’ ich oft. Reflexion sollte eigentlich gar nicht da
sein, wo sie nicht durchaus individuell beseelt ist, doch ist sie da
und wie vielleicht „die Rückkehr“ und „Freund und Geliebte“ Schillern
zum besten gefallen hätten, gefallen sie Ihnen und -- darf ich mich
hier nennen -- mir jetzt zum wenigsten. Sie haben die Freiheit meines
Geistes bei der Ausführung schon durch Ihren früheren herrlichen Brief
mehr geweckt, ich danke Ihnen viel. Zeugniß dafür seien zwei Werke,
die ich nach der Zeit verfaßt und die ich Ihnen mit der herzlichen
Bitte übersenden will, sie ganz nach Ihrer Muße zu lesen und mir, wie
Sie pflegen, einige wahre Worte darüber zu sagen. Welch schaales,
nüchternes Zeug, was mir von der hiesigen Intendantur zugesendet
worden! Wie unsäglich erquickend die Wahrheit und Tiefe Ihres Urtheils!
Nur Eines bät’ ich, wenn ich darf, ausgeführteren Tadel! ich weiß, es
ist Mehreres tadelnswerth in meinen Versuchen, als Sie aussprechen,
aber ich kann es nicht bestimmt nennen. Führen Sie mich mehr und mehr
zum Bewußtsein, denn darin besteht ja die Weise unseres Verhältnisses,
mein väterlicher Freund.
Was Sie mir im Einzelnen über meine Schriften sagen, unterschreib
ich alles bis auf zwei Punkte. Der Schluß von „Beethoven“ dünkt mir
befriedigend; es war still und ruhig in meiner Seele, als ich ihn
schrieb. Die Transcendenz seiner Natur gestattet Beethoven keine Freude
am Vergänglichen, aber die Muse sühnt ihn. Diese Sühne, unterstützt von
der sittlichen Kraft, die ihn vor dem Schicksal eines Faust bewahrt
-- sollte sie nicht befriedigen? Aber ich glaube, es mag an der
Darstellung liegen; ich will viel und -- wie viel erreich’ ich?! --
Dieß fühl’ ich wohl, ein dunkler Mensch schreitet hier wie das Grauen
der Nacht durch die hellen, warmen, freundlichen Verhältnisse des
Lebens, schreckt, peinigt, wie er gleich zum Ewigen will, aus dem er
geboren, und _lebt_ nur in furchtbarer Resignation, aber gesühnt
doch, da -- er ein Künstler ist. Meine Conception war so und sah ich
das Stück im Weiten, scheint mir Manches erreicht, doch ist Darstellung
und erste Anschauung himmelweit verschieden. Mein verehrter, geliebter
Freund, was Sie mir Herzliches über dieß Stück sagen, hat mich
erschüttert. -- Noch einen Punkt wollt’ ich erwähnen. Mir scheint das
Gefühl, was man von „Clothar und Sulamith“ hinweg nimmt, doch nicht
Verdruß. Verdruß auch wohl, denn der Schluß erregte mir Pein und
Schmerz, Graun aber empfand ich auch und -- in der Liebe der beiden
Menschen Erhebung; ist Liebe doch unvergänglich! -- ich hätte noch viel
zu sagen -- auch über äußere Dinge, das Theater und einen dereinstigen
Verlag -- aber -- darf ich ja nun öfter schreiben. Sie sind in mein
Herz beschlossen und ich vertraue Ihnen innigst.
_Wiese_.
Witte, Karl.
Geb. am 1. Juli 1800 zu Lochau bei Halle. Kam 1822 als
Extraordinarius zur juristischen Fakultät nach Breslau, wo er sehr
bald eine Heimath fand und in verschiedensten Kreisen gelehrter,
litterarisch-wirksamer, strebender, heiterer Genossen einen
belebend-anregenden Mittelpunkt bildete. Poesie, Philologie,
ästhetische Studien, trieb er neben seiner Berufswissenschaft,
der Jurisprudenz. Er übersetzte Michel Angelo’s Sonette, dichtete
selbsteigene, vertiefte sich in Dante’s Unergründlichkeit, schrieb
treffende und eingehende Aufsätze über Kunstausstellungen und
behielt immer noch Zeit übrig für geselligen Verkehr, den er
mit Frohsinn, stets guter Laune und herzlicher Freundlichkeit
zu schmücken wußte. Früh vermählt, wurde er sehr bald wieder
Wittwer. Durch zweite Ehe zu vielen schlesischen Familien in
verwandtschaftliche Beziehung getreten, rief ihn doch die
Beförderung im Amte aus Schlesiens Hauptstadt gen Halle, wo er
als K. Geheimerath seit geraumer Zeit lebt, lehrt, arbeitet --
und immer noch seiner geliebten romanischen Poesie anhängt. Die
rechtswissenschaftlichen Werke die er edirte, haben der Uebertragung
von Dante’s lyrischen Gedichten, 2 Bde. (1842-43) -- nicht im Wege
gestanden.