III.

_Berlin_, 12ten Jan. 1829.

_Hochgeehrter Herr Hofrath_.

Aufrichtigen Herzensdank für Ihre erfreulichen Zeilen; sie kamen

zurecht und machten mich leicht. Das unbedingte Streben, wie sehr es

sich erheben mag, erschlafft, sinkt ein, tief, tief ein, und wenn

es auch von Neuem aufsteht, excentrisch ist sein Aufflug und sein

Fall -- es bedarf der Schranke, soll es menschlich sein und schön.

Das Leben will Thaten, wie die Kunst Mitgenuß, Kritik. Glauben Sie

nicht, verehrter Mann, ich wolle nun so einzig und ausschließlich

von Ihnen behandelt sein -- gewiß nicht! Ich erkenne im Allgemeinen

meine Stellung wohl und weiß mich zu bescheiden; -- aber wen

ein unaussprechlicher Hang nach Einigkeit und Liebe, eine Reihe

widerwärtiger Lebensumstände auf sich zurückgebracht, wer ergriffen

von seinen Idealen und dem verneinenden Wesen der irdischen Dinge

nach Darstellung seines Lebens ringt, wird der nicht um Theilnahme

eifern müßen, daß er wieder eintrete in den verstandenen Kreis seiner

Mitgeschöpfe, selbst verstanden nun? ich weiß nicht, ob ich mich

deutlich ausdrücke, ich meine aber, den Verlust des Zusammenhangs mit

dem Leben durch das Spiegelbild desselben wieder einzubringen, das mir

die Gleichgesinnten befreundet, (deren Gemeinschaft mich dem wirklichen

Leben retten muß,) das zu bilden mich ein Innerstes treibt, mich die

Welt lockt.

So eben erhalte ich dieselben Dramen, die auch in Ihren Händen sind,

von dem Herrn Grafen von Redern (interimistischen Generalintendanten

der Königl. Schauspiele) mit einem Begleitungsschreiben zurück,

_des_ Inhalts: „so gedankenreich und ausdrucksvoll auch die

Sprache in den Stücken quaest. wäre und wie schätzenswerth sie als

dramatische Dichtungen auch stets erkannt werden müßten, so wären sie

doch in _dieser_ Gestalt nicht darstellbar.“ Ich glaubte: gerade

dieß sei ihr Fehler nicht und wenn ich in anderer Hinsicht einigen

itzt lebenden dramatischen Schriftstellern weichen müßte, meint’ ich,

ihnen hierin überlegen zu sein. Ist auch die Handlung in Gustav Adolph

nicht reißend, so geht sie doch lebhaft fort und eine oder zwei Scenen

ausgenommen, ist stete Action auf der Bühne. In „die Freunde“ opferte

ich sogar der heutigen Bühne viele sich hervordrängende Gedanken, die

Darstellung ist fast melodramatisch geworden, um nur der raschen Zeit

zu genügen, die nicht denken mag, nur schauen, schauen. „Die Rückkehr“

ist ausgeführter behandelt, aber rednerisch und erhoben, was die Zeit

ja auch nicht ganz verschmäht; dabei ist der dritte Act rasch und

treibend und ich zählete darauf, daß, würden beide Stücke an einem

Abende (es sind ja auch fast wesentliche Seitenstücke) aufgeführt,

so würde das ungeduldige Publicum sich doch einige vertiefende Ruhe

des Geistes gefallen laßen. „Dichterliebe“ ist kurz und handelt ja

durchaus! „Hugo und Elise“ freilich ist mehr Spiel der Laune und

scheinet unsern Brettern fremder.

Ihr Urtheil, verehrter Herr Hofrath, mag entscheiden, wie fern

diese Betrachtung richtig ist, denn ich bin freilich in technischen

Bühnensachen nicht sonderlich erfahren. Der Herr Graf Redern setzt

hinzu: „auf wie viele treffliche Dichtungen muß das Theater verzichten,

eben weil sie nicht darstellbar sind.“ Freilich wohl! aber auf dem

itzigen Wege werden wir nimmer dahin gelangen, sie dargestellt zu

sehen, ja, wir werden dahin kommen, auch das itzt noch geduldete

Gute verschmähet zu sehen, Schlachtroße werden von den Brettern

wiehern, Vesuve donnern, einzig sie -- -- Thespis mag wieder seinen

Karren packen und -- vielleicht -- nach America fliehn. Ich sehe die

Nothwendigkeit nicht ein, weßwegen man der Willkühr einer verworrenen

Zeit Thor und Thür öffnet. -- Es mag aber alles in der Wirklichkeit

anders sein, als ich mir’s denke. Sollten auch Sie aus Ueberzeugung oder

Accomodation die übersendeten Dramen nicht aufführbar finden, so bitte

ich abermals um Adresse an einen Buchhändler von Namen. Dichtungen,

die itzt schon von manchem Kenner und, daß ich’s nur sage, von Ihnen

mit Vergnügen gelesen wurden, verdienen, denk’ ich, einen größeren

Kreis von Lesern, der bald auf sie aufmerksam gemacht würde. Dieß würde

nicht geschehen, fürcht’ ich, wenn ich sie dem ersten, dem besten

Verleger anböte, außerdem widert mir die Prostitution -- ich bitte Ew.

Wohlgeboren, berücksichtigen Sie diese inständige Bitte auch. Mein

Gott! wenn ich bedenke, um was ich Sie nicht alles bitte und dafür --

was biete ich Ihnen? aber noch glaub’ ich an uneigennützige Menschen. --

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 264 / 310 题