II.

_Berlin_, 6ten Jan. 1829.

_Wohlgeborener,

Hochverehrter Herr Hofrath_.

Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen, ob ich diesen entscheidenden

Schritt thun sollte und mehr die Aussicht, die sich mir in Ihnen,

hochgeehrter Herr Hofrath, darzubieten schien, neben einer sichern

Leitung meines Geistes auf ehrenwerthe Art in Correspondenz mit dem

Publikum zu kommen, als mein eigner Wille hielt mich davon zurück:

-- nun aber erwog ich, daß meine Hoffnung doch wohl eitel gewesen,

denn ihr gemäß behandelten mich Ew. Wohlgeboren keineswegs, _so_

vielmehr, wie man etwa -- -- ich kann den Satz nicht ausschreiben,

weil er mich verkleinernd schildern müßte. Bei Gott, meine Seele ist

fern von Eigendünkel, aber mir geschieht Unrecht. Es widerstrebt mir,

mehr davon zu sagen. Ich bitte demnach um gefällige Rücksendung der

Ihnen mit freudiger Zuversicht übersendeten Manuscripte, weiß ich

gleich nicht, auf was für Art ich bei meiner verbandlosen Stellung in

der Welt jene äußerlichen Zwecke erreichen werde; aber ich bitte um

Rücksendung der Manuscripte -- auch floßen mir jene Worte fast ohne

meinen Willen aus der Feder, und sollen Ew. Wohlgeboren durchaus nicht

veranlaßen, aus irgend einem anderen Motiv für mich etwas zu thun,

als -- der Sache selbst wegen. Ich müßte ja an Gemüth, Phantasie,

Urtheil, Ursprünglichkeit, Wahrheit verzweifeln, mich selbst der

dummsten Thorheit zeihen, wenn ich auf jene Versuche nicht einiges

Moment legte, bei deren Abfaßung ich mich erhoben, erschüttert, sicher

unterscheidend schauend fühlte, wenn ich ihre ungeschminkte Wirkung

auf Menschen von ganz verschiedener Art und Bildung mißkennete, die,

wie vieles sie auch entgegnen mochten, darin übereinstimmten, daß sie

ergriffen wurden, wenn ich bei partheiischer Vergleichung mit den

dramatischen Schriftstellern unserer Zeit -- partheiisch, weil Mißtraun

in eigene Kräfte mich zu dieser Vergleichung bewegt -- nicht einsähe,

daß ich mich den beßeren vergleichen _darf_; ich müßte ungereimt

empfinden, denken, wenn ich mich überzeugen sollte, ich hätte Ihnen

das Hohle, Richtige dargeboten; -- deßhalb darf ich wiederholen, daß

mir Unrecht geschieht, und die eigene Ueberzeugung, ein redlich treues

Streben, wesentlicher Eifer, vielleicht auch das gleiche Schicksal

mehrerer zum Theil beßerer Köpfe, als ich bin, die meinen Weg gingen,

werden mich trösten, wenn ich immer wieder auf mich zurückgedrängt in

einen freien, fröhlichen Verkehr mit dem Publikum nicht treten darf.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 261 / 310 题