(Ohne Datum.)
_Mein sehr theurer Freund!_
Lange haben wir nichts von Ihnen gehört, und doch wünschen wir immer
etwas von Ihnen zu hören, nehmlich etwas über Ihr künftiges Verhältniß
zur Leipziger Bühne. Sobald wir nehmlich (d. h. vor allem ich und mein
Schwager Wagner) erfuhren, daß die Dresdner königl. Intendanz der
Schauspiele das Theater in Leipzig auf 3 Jahre übernommen habe, sobald
war unser erster Gedanke -- das gibt eine Aussicht, unsern _Tieck_
öfter in Leipzig zu haben. Wir könnten und können uns nehmlich
schwerlich denken, daß die königl. Intendanz einen Schauspieler, der
zwar vielseitiges Talent und Routine in mehreren Rollenfächern zeigt,
aber einer praktischen Totalanschauung, wie sie ein guter Regisseur
noch mehr aber der artistische Leiter einer Bühne besitzen muß, völlig
ermangelt, ich meine den Herrn Genast, dessen Frau noch dazu ein sehr
mittelmäßiges Talent ist, das mit jedem Jahre den Theaterfreunden
lästiger werden wird, wie man, sage ich, diesem einen Menschen die
ganze Unternehmung in ästhetischer Hinsicht anvertrauen möchte. Und
da wir eine obere Leitung für unentbehrlich hielten, so meinten wir,
keinem andern werde sie übertragen werden, als Ihnen, und wir glaubens
noch, obgleich wir nichts davon hören, mit _Zuversicht_, weil wir
das Gute und Beste hoffen, und weil wir zugleich so egoistisch sind, es
zu unserer Freude zu _wünschen_.
Da ich nun glaube, daß Sie bei der Einrichtung des neuen Theaters
mitwirkend seyn werden, so thue ich noch eine andere Frage. Man wird
einen Musikdirector für die Oper brauchen. Musikdirector Marschner,
den Sie ja kennen und der auf das Engagement seiner Frau wohl nicht
besteht, würde entschieden zu dieser Stelle tauglich und ich glaube
auch geneigt seyn. Im Publikum und im Orchester hat er sich durch seine
neuesten Compositionen und besonders durch den Vampyr viel Respect
erworben und es würde der neuen Unternehmung sicher ein gutes Ansehn
geben, wenn kein bloßer Routinier, wie es unser bisheriger Herr Präge
war, sondern ein solcher Mann, an die Spitze des Orchesters gestellt
würde. Ich rede allerdings hiermit nur von der Tüchtigkeit des Mannes,
nicht von dem Charakter, den ich so genau nicht kenne; und ich erlaube
mir diese Mittheilung auch nur aus wahrer Liebe zur Sache, ich wünschte
aber wohl zu wissen, was Sie davon dächten und ob Sie Marschner
empfehlen könnten.
Was nun meine eigne Angelegenheit anlangt, so sey dieß die erste
Erinnerung an das mir gegebne, theure Versprechen eines poetischen
Beitrags zu dem beabsichtigten Taschenbuche. Sie befinden sich wohl;
innen und außen haben Sie schönes Wetter und die beste Stimmung, einen
poetischen Schmetterling einzufangen. Ich würde weiter fortfahren im
Gleichnisse, wenn ich nicht einen gewissen ironischen Blick von Ihnen
im Geiste sähe. Darum nur die Bitte, mich auch _diesmal_ nicht
im Stiche zu lassen. Sie sind vom Geiste ausersehen, viel für mein
Taschenbuch thun zu können, erstens durch eignen Willen, zweitens auch
durch ein freundliches Zureden. Quandt schreibt nehmlich, daß Friedrich
von Schlegel nach Dresden gekommen sey. Ich habe Ursache zu glauben,
daß meine Einladung an ihn durch die lahmere Buchhändlergelegenheit
entweder noch nicht in Wien an ihn gelangt sey, oder daß er aus irgend
welchem Grunde die Antwort verschoben hat. Da findet sich nun gute
Gelegenheit, der Sache gewiß zu werden; kurz ich sende eine zweite
Aufforderung durch Ihre gütige Hand an ihn. Die Freundlichkeit, mit
welcher Sie Fürsprecher unserer Unternehmung seyn werden, wird mich
wieder zu Ihrem dankbaren Schuldner machen. Die Gesellschaft aber soll
Sie beide, hoffe ich, nicht gereuen. --
Das Beste, was ich seit langer Zeit über Ihre Poesie gelesen habe,
steht im Litteraturblatt im Morgenblatte Nr. 86, 1828, und ist, wenn
ich nicht irre von W. Menzel, der mir auch für das Taschenbuch ein
humoristisches kleines Drama senden wird. Es ist mir besonders aus
der Seele geschrieben, was er von der Grazie sagt, welche Ihre Ironie
begleitet. Ich werde nächstens auch Gelegenheit nehmen, mich über Ihre
neusten Novellen auszusprechen.
Der Contrast trägt jetzt dazu mächtig bei, uns stets an Ihre Seite oder
Ihrem Lesetische gegenüber zu denken. Es ist nehmlich eben ein junger
Mann hier, Namens Kiesewetter, Sohn des berühmten Concertmeisters in
Hannover, welcher _agirend_ aus Clavigo, Romeo, Hamlet u. s. w. --
vorliest. Er verändert die Stimme, die nicht ganz fehlerfrei ist, dreht
die Augen nach oben, oder sieht die Damen schmachtend an; indessen hat
er es trotz aller Bemühungen, die er sich in eigner Person gegeben,
doch nicht so weit bringen können, die Kosten seines Aufenthalts zu
decken. Ich zweifle übrigens nicht, daß er die Keckheit besitzt, nach
Dresden zu gehen, und Sie selbst, den er an _einigen Orten_ seinen
Meister nennt, zu seinen Vorlesungen einzuladen.
Doch weg von solcher Carrikatur. Der rasche, durch einen Nervenschlag
oder Schlagfluß herbeigeführte Tod unserer lieben, zarten und
sinnigen Clodius hat uns sehr erschüttert und betrübt. Sie haben eine
aufrichtige Verehrerin verloren; -- _zweimal_ habe ich derselben
Ihre kleine Novelle das Fest zu Kenelworth vorgelesen, und ich hatte
sie eben zu einer Vorlesung Ihres 15. November eingeladen, als ich nach
wenigen Stunden die bestürzende Nachricht Ihres Scheidens erfahren
musste.