VII.

(Ohne Datum.)

_Mein sehr theurer Freund!_

Lange haben wir nichts von Ihnen gehört, und doch wünschen wir immer

etwas von Ihnen zu hören, nehmlich etwas über Ihr künftiges Verhältniß

zur Leipziger Bühne. Sobald wir nehmlich (d. h. vor allem ich und mein

Schwager Wagner) erfuhren, daß die Dresdner königl. Intendanz der

Schauspiele das Theater in Leipzig auf 3 Jahre übernommen habe, sobald

war unser erster Gedanke -- das gibt eine Aussicht, unsern _Tieck_

öfter in Leipzig zu haben. Wir könnten und können uns nehmlich

schwerlich denken, daß die königl. Intendanz einen Schauspieler, der

zwar vielseitiges Talent und Routine in mehreren Rollenfächern zeigt,

aber einer praktischen Totalanschauung, wie sie ein guter Regisseur

noch mehr aber der artistische Leiter einer Bühne besitzen muß, völlig

ermangelt, ich meine den Herrn Genast, dessen Frau noch dazu ein sehr

mittelmäßiges Talent ist, das mit jedem Jahre den Theaterfreunden

lästiger werden wird, wie man, sage ich, diesem einen Menschen die

ganze Unternehmung in ästhetischer Hinsicht anvertrauen möchte. Und

da wir eine obere Leitung für unentbehrlich hielten, so meinten wir,

keinem andern werde sie übertragen werden, als Ihnen, und wir glaubens

noch, obgleich wir nichts davon hören, mit _Zuversicht_, weil wir

das Gute und Beste hoffen, und weil wir zugleich so egoistisch sind, es

zu unserer Freude zu _wünschen_.

Da ich nun glaube, daß Sie bei der Einrichtung des neuen Theaters

mitwirkend seyn werden, so thue ich noch eine andere Frage. Man wird

einen Musikdirector für die Oper brauchen. Musikdirector Marschner,

den Sie ja kennen und der auf das Engagement seiner Frau wohl nicht

besteht, würde entschieden zu dieser Stelle tauglich und ich glaube

auch geneigt seyn. Im Publikum und im Orchester hat er sich durch seine

neuesten Compositionen und besonders durch den Vampyr viel Respect

erworben und es würde der neuen Unternehmung sicher ein gutes Ansehn

geben, wenn kein bloßer Routinier, wie es unser bisheriger Herr Präge

war, sondern ein solcher Mann, an die Spitze des Orchesters gestellt

würde. Ich rede allerdings hiermit nur von der Tüchtigkeit des Mannes,

nicht von dem Charakter, den ich so genau nicht kenne; und ich erlaube

mir diese Mittheilung auch nur aus wahrer Liebe zur Sache, ich wünschte

aber wohl zu wissen, was Sie davon dächten und ob Sie Marschner

empfehlen könnten.

Was nun meine eigne Angelegenheit anlangt, so sey dieß die erste

Erinnerung an das mir gegebne, theure Versprechen eines poetischen

Beitrags zu dem beabsichtigten Taschenbuche. Sie befinden sich wohl;

innen und außen haben Sie schönes Wetter und die beste Stimmung, einen

poetischen Schmetterling einzufangen. Ich würde weiter fortfahren im

Gleichnisse, wenn ich nicht einen gewissen ironischen Blick von Ihnen

im Geiste sähe. Darum nur die Bitte, mich auch _diesmal_ nicht

im Stiche zu lassen. Sie sind vom Geiste ausersehen, viel für mein

Taschenbuch thun zu können, erstens durch eignen Willen, zweitens auch

durch ein freundliches Zureden. Quandt schreibt nehmlich, daß Friedrich

von Schlegel nach Dresden gekommen sey. Ich habe Ursache zu glauben,

daß meine Einladung an ihn durch die lahmere Buchhändlergelegenheit

entweder noch nicht in Wien an ihn gelangt sey, oder daß er aus irgend

welchem Grunde die Antwort verschoben hat. Da findet sich nun gute

Gelegenheit, der Sache gewiß zu werden; kurz ich sende eine zweite

Aufforderung durch Ihre gütige Hand an ihn. Die Freundlichkeit, mit

welcher Sie Fürsprecher unserer Unternehmung seyn werden, wird mich

wieder zu Ihrem dankbaren Schuldner machen. Die Gesellschaft aber soll

Sie beide, hoffe ich, nicht gereuen. --

Das Beste, was ich seit langer Zeit über Ihre Poesie gelesen habe,

steht im Litteraturblatt im Morgenblatte Nr. 86, 1828, und ist, wenn

ich nicht irre von W. Menzel, der mir auch für das Taschenbuch ein

humoristisches kleines Drama senden wird. Es ist mir besonders aus

der Seele geschrieben, was er von der Grazie sagt, welche Ihre Ironie

begleitet. Ich werde nächstens auch Gelegenheit nehmen, mich über Ihre

neusten Novellen auszusprechen.

Der Contrast trägt jetzt dazu mächtig bei, uns stets an Ihre Seite oder

Ihrem Lesetische gegenüber zu denken. Es ist nehmlich eben ein junger

Mann hier, Namens Kiesewetter, Sohn des berühmten Concertmeisters in

Hannover, welcher _agirend_ aus Clavigo, Romeo, Hamlet u. s. w. --

vorliest. Er verändert die Stimme, die nicht ganz fehlerfrei ist, dreht

die Augen nach oben, oder sieht die Damen schmachtend an; indessen hat

er es trotz aller Bemühungen, die er sich in eigner Person gegeben,

doch nicht so weit bringen können, die Kosten seines Aufenthalts zu

decken. Ich zweifle übrigens nicht, daß er die Keckheit besitzt, nach

Dresden zu gehen, und Sie selbst, den er an _einigen Orten_ seinen

Meister nennt, zu seinen Vorlesungen einzuladen.

Doch weg von solcher Carrikatur. Der rasche, durch einen Nervenschlag

oder Schlagfluß herbeigeführte Tod unserer lieben, zarten und

sinnigen Clodius hat uns sehr erschüttert und betrübt. Sie haben eine

aufrichtige Verehrerin verloren; -- _zweimal_ habe ich derselben

Ihre kleine Novelle das Fest zu Kenelworth vorgelesen, und ich hatte

sie eben zu einer Vorlesung Ihres 15. November eingeladen, als ich nach

wenigen Stunden die bestürzende Nachricht Ihres Scheidens erfahren

musste.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 253 / 310 题