_Leipzig_, 29. Dec. 1822.
_Theurer Freund!_
Ein scharfes Rescript des Kirchenraths an unsere Universität, keine
Weihnachts- oder Neujahrsferien zu machen, und die noch schärfere Kälte
benimmt mir von neuem die Hoffnung, Sie in diesen Tagen zu besuchen,
und an mein Herz zu drücken. Nun wird es wohl vor Ostern nicht möglich
seyn, Sie zu sehen, wenn Sie nicht etwa den Entschluß fassen und sich
in den Wagen setzen, wozu Sie von Ihren hiesigen Freunden herzlich
eingeladen sind. Zu Ostern hoffe ich auch die mir versprochene Novelle
wieder in Empfang zu nehmen.
Aber was sagen Sie zu Müllners Maliçe? In den Probeblättern der Hekate,
~ni fallor Nr. 2~, las ich in schlechten Versen über unser
Taschenbuch, daß die Reisenden aus dem _Merkur_ in dem Taschenbuch
angekommen wären, und wußte nicht, was das heißen sollte. Jetzt
lese ich eine noch schlechtere Anzeige des Taschenbuchs in Müllners
Literaturblatt, daß diejenigen, welche es interessiren könnte, nun die
Novelle: _die Reisenden_, die sie früher im litterarischen Merkur
hätten zerstückelt lesen müssen, hier beisammen fänden. Hätten Sie
nicht Lust, dieses Beispiel gründlicher Kritik, die nicht einmal liest,
was sie beurtheilen will, und sich ohne Noth eine so herabsehende Miene
giebt, durch den litterarischen Merkur zu rügen? „_Die Gemälde_“
hat er bei seiner vorjährigen Anzeigen nicht einmal _genannt_.
Haben Sie denn zu einem Taschenbuch: die Rheinblüthen genannt,
eine Erzählung gegeben? ich habe es gehört. Hier aber ist dieses
Taschenbuch, so wie das Berliner, welches ich mir besonders habe kommen
lassen, um Ihre schöne Novelle zu lesen, nicht gangbar. Sonach sind Sie
in diesem Jahre an Novellen sehr fruchtbar gewesen.
Aber was macht _Shakespear_, was _Solgers_ Schriften, die
Sie herausgeben? Brockhaus, der Verleger, ist heute zu _ersten_
Male wieder eine Treppe herab in sein Comtoir gestiegen; er war tödlich
krank. Wolf, in Berlin, der Schauspieler nehmlich, hat mir in diesen
Tagen seine dramatischen Spiele zugeschickt, und ist ebenfalls wieder
hergestellt. Seine Frau soll die Elisabeth in Kenilworth (eine neue
Rolle für sie) trefflich darstellen.
Wagner läßt Sie grüßen, er hat nun auch den deutschen Theil des
Fahrenkrügerschen Wörterbuches beendet. -- Sonst gibt es in der
Litteratur wenig Neues. Immermans dramatische Poesieen werden sehr
gelobt; ich habe sie noch nicht gelesen. Ich bin sehr mit meiner
Aesthetik und mit historisch-philosophischen Untersuchungen beschäftigt
und lese dabei so viel -- nehmlich Collegia -- daß ich jetzt wenig
zu anderm Lesen komme, und es daher gern hätte, wenn mich ein lieber
theurer Freund zuweilen auf etwas aufmerksam machte, was ich nicht
übersehen sollte. Doch so gut will es mir nicht werden; und hierbei
fühle ich es wieder recht schmerzlich, daß wir 12 Meilen von einander
getrennt sind, und trotz aller Eilposten immer noch Hindernisse genug
vorhanden sind, diese Trennung aufzuheben. Mögen Sie dem Wiedersehn
so sehnlich entgegensehen als ich, und mich unterdessen den Ihrigen
=bestens= empfehlen.
Das Gedicht von Kleist für die Prof. Krug muß ich mir nun durch
Briefpost leider ausbitten. Hoffentlich hat _Richter_ nun ihre
Wünsche erfüllt! Ich umarme Sie im Geist, und nenne mich stets