_Leipzig_, 30ten Okt. 1821.
_Hochzuverehrender Freund_.
Um Ihren theuern Brief auch zu meiner eigenen Befriedigung zu
beantworten, will ich von meinen Sünden anfangen, deren er mich zeiht.
Denn das Geständniß ist drückend, aber führt die Vergebung herbei.
Also das Register getrost angefangen: 1) ich habe mehrere
Nachläßigkeiten in Ihrer Erzählung nicht abgeändert, die ich unter
uns gesagt -- bei Arnim _gewiß_ geändert hätte, theils weil
ich manche Nachläßigkeit in Ihrem Erzählen für eine ~_grata_
negligentia~ hielt, und ich immer _Sie_ selbst als mündlichen
Erzähler vor mir hatte, dem man ja solche Nachläßigkeit so gern
verzeiht, wo nicht gar als Tugend anrechnet; theils weil ich in der
That noch nicht wußte, wie ~sensible~ Sie in dieser Beziehung
seyn möchten. 2) Es sind viele garstige Druckfehler in Ihrer Erzählung
stehen geblieben, was ich leider schon beim Vorlesen gefunden
habe. Die Wahrheit: meine Geschäfte waren zur Zeit des Abdrucks so
vielfach und drückend, daß ich die Revision meinem Famulus, einem
übrigens geschickten und auch poetisch gebildeten Menschen übergeben
mußte. Indessen sind die beiden angeführten Druckfehler doch nur die
wichtigsten, und den einen „das _flüchtige_ Werk des L.“ hätte ich
wohl auch stehen lassen, weil man den individuellen Gegenstand im Sinne
haben muss, um das Prädikat wahr oder falsch zu finden. 3) Ich habe die
Anzeige von Solgers Erwin in der Leipziger Zeitung gemacht; das ist
wahr, aber genügt ihnen nicht -- _mir_ vielleicht noch weniger;
eben weil es fast nur _Anzeige_ seyn konnte.
Die geistvollen Ansichten des Buchs erfordern in der That noch eine
tiefere Würdigung, als ich damals geben konnte. Indessen bin ich doch
davon überzeugt und _Hegel_, den ich neulich darüber gesprochen,
theilte mit mir diese Meinung, daß diese Form des Gegenstandes nicht
mehr dem Standpunkt der Wissenschaftlichkeit unsrer Zeit eignet. Ich,
der ich selbst jetzt an der Aesthetik arbeite, weiß aber auch recht gut,
daß Solger keine Vorgänger in der _wissenschaftlichen Deduction_
des Schönen hatte.
Nach dieser Beichte wird die Absolution von Ihnen sehnlich begehrt, ja
mit Zuversicht erwartet, und ich kann getrost zu den Andern fortgehen.
I. Die _Novelle_ wird mit beiden Händen angenommen -- aber
nach Ihrer _eigenen_ Bedingung als Ostern ganz fertig; --
denn Sie glauben nicht, welche Verlegenheiten und Bedrängniß nicht
blos der Componirende, sondern auch Redacteur und Verleger durch
Verspätigung auszuhalten haben.
II. Wegen des Honorars habe ich besonders mit Herrn Richter
gesprochen und ihm Ihren Brief richtig abgegeben.
III. Die vertraute Frage von wegen meines Redactions-Honorars wird
vertraulich dahin beantwortet, daß mir der Verleger 300 Thlr.
exclusive der Portoauslagen und meiner eigenen Beiträge zu zahlen
hat.
Das Unannehmlichste bei einer solchen Redaction ist aber die
dringende Pünktlichkeit im Correspondiren und Briefe beantworten.
Sie glauben doch wohl nicht, wie viele Briefe mir jährlich das
Büchlein zu schreiben macht, und in wie manche Verlegenheit es
mich deshalb zuweilen setzt. Das es auch angenehme Correspondenzen
herbeiführt, wie die gegenwärtige, ist freilich auch nicht zu
läugnen, allein ich liebe das Mündliche doch mehr. Diese Bedingung
werden Sie sich sehr zu vergegenwärtigen haben, bevor Sie ein
solches Verhältniß eingehen. Für einen Mann wie Sie ist das
Schaffen genügender und auch einträglicher, als das Redigiren.
IV. Müßte ich Ihnen =fast= von letzterm abrathen, so
rathe ich Ihnen unbedingt von der dramaturgischen Zeitung ab.
Aber Sie fordern ja nicht meinen Rath! -- Allerdings, und es
würde mir nichts Belehrender, nichts Lesenswerther seyn, als
eine solche Zeitung von Ihnen. Aber ich nenne mich nun einmal
Ihren Freund, ich will es _seyn_, und darum beschwöre ich
Sie, um Ihrer eigenen _Ruhe_ willen, den Gedanken fahren
zu lassen. Ich habe bei der Herausgabe meines mit dem ersten
Jahrgang geschlossenen Kunstblatts, zu welchem ich wegen Mangel
an anfänglicher Unterstützung die große Hälfte selbst schreiben
und zu _bestimmter_ Zeit in die Druckerei liefern mußte,
eine Erfahrung in dieser Art gemacht, die mich verpflichtet,
Ihnen das Drückende der Sache ganz ins Bewusstseyn zu bringen.
Sie haben jetzt in Ruhe gelebt und gedichtet, Sie sind der
Unruhe nicht gewohnt, welche die Kritik der _Dichter_ und
_Schauspieler_ in diesen papiernem Zeitalter hervorbringt, und
vergeuden gewiß nicht gern an die Misère Ihre schöne Zeit, welche
zu eigenem Schaffen förderlich seyn konnte. Ihre Dichtungen, Ihre
_vaterländischen Schauspiele_, Ihr Werk über Hamlet fordert
das Vaterland dringend von Ihnen; die dramaturgische Kritik hat
mit dem Interesse an dem Theater abgenommen, das keine Kritik zu
veranlassen fähig ist. Was ich aber hätte vorausstellen sollen,
ist, daß ich nicht glaube, einen Verleger unter diesen Bedingungen
zu finden. Auch Zimmermanns dramaturgische Blätter werden gewiß
nicht lange fortgehen, weil, wie die Verleger sagen -- „jedes
Unterhaltungsblatt Theaterkritik gibt.“ Doch will ich mich noch
umsehen. Für jetzt vergeben Sie wenigstens meiner zutraulichen
Offenheit, wenn Sie die Ansicht nicht theilen können.
V. Kommen die Leipziger Lerchen beifolgend an, so gut meine Frau
sie hat bekommen können; denn die Lerchenzeit ist bei uns fast
schon _vorbei_. Sehen Sie dieselben als ein kleines Geschenk
aus meiner Küche an, und laßen Sie sich dieselben wohl schmecken --
versteht sich, wenn sie wohlbehalten nach Dresden kommen. Sagen Sie
den Ihrigen, und vorzüglich der Frau Gräfin, der ich mich bestens
zu empfehlen bitte, daß ich mich selbst gern an dem traulichen
Tischchen sähe, an welchen ich mit ihnen geseßen.
VI. Hrn. _Spohr_ werden Sie nun wohl gesprochen haben, den
ich Ihnen mit einigen Zeilen zusendete. Dies bringt mich auf
die Musik, und die Oper, über die Sie, wie mir kürzlich Jemand
versichern wollte, nicht sehr schmeichelhaft denken sollen.
Nächstens wird ein Band des bei Brockhaus herauskommenden Hermes
erscheinen, dort finden Sie eine Recension von mir über 2 Werke
von Castil-Blaze. Ueberschlagen Sie die zwei ersten Abschnitte
derselben, die sich blos auf das _Buch_ beziehen, und lesen
Sie den _dritten_, mit der Absicht, mir Ihre Ansicht über
den Gegenstand an der meinigen zu entwickeln, denn gern hätte ich
längst mit Ihnen darüber ausführlich gesprochen.
Doch es ist Zeit zu schließen. Darum die Versicherung aufrichtiger
Hochachtung und freundlicher Erinnerung von