III.

_Leipzig_, am 24. Jan. 1830.

_Mein verehrter Freund!_

Wie freue ich mich, daß mir Gelegenheit ward, Ihnen durch

Hintertreibung einer Nichtswürdigkeit, meine Liebe zu bethätigen!

Auch wollte ich Ihnen nicht eher wieder schreiben, zumal da die

Landtagstaare gewiß truppweise auch bei Ihnen einfallen, als bis

ich Ihnen den Spruch in der sauberen Sache, die alle ehrbare Männer

entrüstet, mittheilen könnte. Aber die Schöffen haben noch nicht

gesprochen, und mittlerweile ist ein Brief von B. eingegangen, der,

wahrscheinlich auf den Rath und die geäußerte Besorgnis Schedes, an

Reimer geschrieben und gebeten hatte, alles Mögliche zu thun, um

die Papiere aus den Händen des elenden X. zu retten, den er ganz

verläugnet. Dazu kam, daß Lezter in einer Vernehmung Tags vorher auf

B.’s Bewilligung provocirt hatte; welches ihm denn damit zur Steuer

der Wahrheit, zu Wasser gemacht ward. Wenn damit auch B.’s Galgenangst

mehr in’s Licht gesetzt wird, als seine Rechtschaffenheit, so fällt

damit doch mehr als ein Schlagschatten auf X., und der Spruch über ihn

kann nur um so unerfreulicher für ihn ausfallen. Davon zu seiner Zeit!

Ein dazwischen geworfener Prügel hat dies schnöde Gesindel auf- und

verjagt, und die Flurschützen nur aufmerksamer gemacht.

Nun kommt aber Reimer und bittet mich, Sie zu fragen, ob Ihr Prolog zum

Faust abgedruckt sei, oder für den künftigen Musenalmanach bestimmt

werden könne, um so mehr, da Ihr Bildnis ihn zieren soll? Darüber muß

ich mir in seinem Namen Kunde ausbitten. Erlauben Sie den Druck, so

kann ich ihm meine Abschrift mittheilen, worin ein Anakoluth und eine

kleine Sprachnachläßigkeit, die ich in der mir gütigst geliehenen

Abschrift fand, berichtigt sind.

Zugleich erlauben Sie mir wol zu fragen, was denn das im E.

Fleischer’schen Prospectus, oder, um diplomatisch genau zu seyn,

~Thesaurus Shakspearianus~, wozu ich nur noch ein ~gongorisatus~

vorschlagen würde, oder noch lieber ~incarnatus~, angekündigte

~supplement~ von Ihnen seyn und betreffen wird? Sollen das die

Apokryphen seyn, welche hier nur zuvörderst auf dem Titel der

kanonischen Schriften angekündigt werden? So scheint es; und Sie sind

also wirklich noch mit ihm einig geworden? Das freut mich um der Sache

willen. Und Sie müssen mir schon meine Neugier vergeben, da ich gerade

in diesen Zeiten, behufs einer Recension der vossischen Uebersetzung,

welche ich lange schuldig bin, mich mit dem trefflichen Meister wieder

beschäftige. Da kann ich denn freilich, besonders was den Vater und

den Abraham betrifft, bei mehr, als _Beim drallen Fuß, Streckbein und

Quabbelschoos_ Rosalinens, nämlich bei allen neun Musen schwören, daß

alle neun eben so selten darin getroffen sind, als alle drei, und die

leztern, wie obiges Pröbchen zeigt, noch seltener. Das aber wissen

Sie schon lange, und auch mich hatte der einmal Freunden vorgelesene

Sommernachtstraum davon überzeugt, wo ich beinah eine Mundsperre davon

trug; so drohte mich der Veitstanz und Weichselzopf von Uebersetzung

anzustecken, der zu Benda’s Ruhr einen recht hübschen Abstich macht.

Die Texteskritik und Notencompilation sind bei V. noch das Beste. Dies

alles hat, mit dem ~thesaurus incarnatus~ den alten Wunsch und Vorsatz

in mir wieder aufgeregt, den ich hier nur unter vier Augen ausspreche,

einmal, wenn sich ein honetter Verleger fände, eine möglichst kritische

Folioausgabe aller shakspeareschen Werke zu besorgen, welche alle Ab-,

Nach- und Wiederdrucke überflüßig machte, nicht durch Pracht, sondern

durch Gediegenheit. Was in dem sogenannten ~thesaurus~ aus meinen

frühern gelegentlichen Aeußerungen bei Fl. erster Ausgabe abgehorcht,

nur halb verdaut und großsprecherisch andämmert, müßte dort möglichst

klar herausgeführt werden: kritische Herstellung des Textes aus allen

Entstellungen, kurze zweckmäßige Erläuterung der Sprache und Zeit in

einem Glossar, bezügliche Literatur, Zeitordnung der Werke &c. Wenn

ich auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe sehr wohl erkenne und somit

diesen Embryo noch in mir trage, so kann ich doch nicht umhin, ihn mit

aller mütterlichen Lebenswärme zu pflegen und auszubilden. Und indem

ich so alles wahrhaft Förderliche als Vorarbeit und Mitarbeit für mich

und mit mir ansehe, urtheilen Sie selbst, wie sehr ich immer beklagen

mußte und muß, daß Ihr Werk nun und nimmer erscheint und was Gott doch

verhüten möge, die Welt um einen unersetzlichen ~thesaurus~ kommt.

Aber, liebster Meister und Freund, da möchte ich Sie an die Flucht der

Zeit, an Alles, was Sie den Bessern, der Sache, sich selbst und Ihrer

Rechtfertigung schuldig sind, erinnern, ich möchte Ihnen den Genuß und

die Seligkeit der Arbeit und den Segen der Aernte vorhalten, wenn ich

es nur gehörig vermöchte. Möchten diese unsere Vorsätze doch nicht

fromme Wünsche bleiben!

Aber, wenn die Zeit Sie zum Voranschreiten mahnt, so mahnt mich der

Raum hier Stand zu machen, und ich grüße nur all die Ihrigen mit den

besten Wünschen für diesen grönländischen, bärenhaften Winter. Leben

Sie wohl und lieben mich, wie ich Sie.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 232 / 310 题