_Leipzig_, 9. Nov. 1823.
_Verehrter Freund!_
Unser Quandt bringt Ihnen hiemit die vier lezten Bände des Ben Jonson
zurück und ich danke Ihnen herzlich für die gütige Mittheilung. Denn
wieviel ist nicht an diesem literarischen Behemot zu lernen und zu
bewundern, zu loben und zu tadeln! Mein, irre ich nicht, schon früher
geäußertes Urtheil hat sich mir nun bestättigt und gerechtfertigt.
Zur Würdigung des shakspearschen Styls (natürlich im höhern Sinne des
Worts) ist er unschäzbar und unvergleichlich, inwiefern in ihm, als
einem in seiner Sphäre eben auch Tüchtigen, die Bildungskeime eines
Lyly, Decker, Marlow &c. aufgenommen und aufgegangen scheinen zu einer
eigentlichen Kunstschulbildung, über welche Sh. so einzig und göttlich
als Naturdichter, Prophet, Seher, oder wie Sie den nennen wollen, der,
nach Plato, nicht durch Kunst, sondern als Begeisterter und Besessener
durch göttliche Schickung und Eingeistung Schönes darstellt, erhaben
ist, und welche durch das ganze Gebiet der englischen Poesie von ihm
an sich zieht, immer mehr und mehr zur Technik und _Schulenkunst_
ausgemergelt. Diese seine tief geschichtliche Bedeutsamkeit in so
reicher, plastischer Zeit, wie Gifford sie recht gut geschildert, hebt
sich um so heller hervor, da er, Fülle und Frucht einer Sphäre seiner,
und zugleich Same einer künftigen Zeit, doch auch wieder Gegensaz
zu einer höhern Sphäre (Shakspeare) wird, die ihn in sich, als die
höhere, aufnimmt. In dieser stark und breit gezeichneten Doppelheit
der Selbständigkeit und Hingegebenheit, als Kind der Zeit und doch
ihr Ankläger und Rügemeister, offenbart er sich als _überwiegend
kritische_ Natur, mißt demnach seine Zeit, deren er sich nicht erwehren
kann, an der untergegangenen alten, zürnt ihr stolz, wo sie diesen
Maasstab verwirft und wird, indem er sie verspottet, höhnt, geißelt
gewissermaßen sein Selbsteiron. Bei dem allem darf der doch wol am
ersten zürnen, der so tüchtig, kräftig und fleißig sich ein Organ für
die Welt _gebildet_ hatte, wenn und weil er es nicht immer _gebrauchen_
konnte. Dies letztere zeigt außer seiner Hellenomanie (die ja unsere
Zeit auch überstehen mußte) und Italomanie, der Mangel an Athem und
Haltung, ein Ganzes durchzubilden, zu durchweben und zu tragen, wo
nicht selten die Technik aushelfen muß, wie in seinen Trauerspielen,
in welchen nur Hazlitt allein ihn vorzüglicher finden mag, und in
den drei künstlich ausgeklügelten ~Every man in his humour~, ~Ev. m.
out of h. h.~, und ~The magnetic lady or Humours reconciled.~ Wie
glücklich, zart, tief, reich und zierlich ist er dagegen in vielen
kleineren lyrischen Gedichten! Wie scharf und weit ist hinwieder
seine Beobachtung der gleichzeitigen Welt, wie keck, derb, sicher
seine Charakteristik von Höflingen, Raufern und Eisenfressern,
Puritanern, Alchemisten und Rosenkreuzern, Neuigkeitskrämern, Geizigen,
Sachwaltern, Beamten &c.! Gewiß eine herrliche Gallerie von Zeit-
und Zerrbildern, sollten sie auch nicht immer so harmlos hingeworfen
seyn als die Bewunderer meinen; sollte auch auf Kosten individueller
Gestalt die Allgemeinheit des Begriffs mehr hervortreten, statt der
Charaktere nicht selten nur Züge, und im Ganzen eine gewisse Monotonie,
endlich, was das Schlimmste ist, überall die Absicht sich kund geben,
~to strip with an armed and resolved hand the ragged fellows of the
time, naked as their birth, and with a whip of steel to print wounding
lashes in their iron ribs~, oder ~to see their folly raked up in their
repentant ashes~, wie es in ~Every man out of his humour~ heißt, und
überhaupt die pedantische Versessenheit, nützen zu wollen und zwar
durch antike Form und Zuschnitt seiner Dramen, so daß man oft nur mehr
den marktschreierischen Bau- und Zimmermeister vor seinem Riß, als
das Gebäude selbst sieht. Wo er diese gleichsam fixe Idee vergißt,
wie im ~Volpone~, ~Alchemist~, ~Bartholomew fair~, ~The devil is an
ass~ und ~the staple of news~ zum Theil, da schlägt auch seine edlere
Kraft durch und man bedauert nur, daß er vor lauter Anstalten nicht
zur Sache kommt, daß der Vielbelesene aus seinem Hesiod sich nicht
erinnerte, wie viel mehr oft die Hälfte werth sei, denn das Ganze. Wie
viel Störendes an Chor, Parabasen u. dgl. wäre dann schon weggefallen!
Wie viele Mosaik würde er sich erspart haben! Darum liebe ich ihn,
die obgenannten Komödien mit eingerechnet, mehr in seinen lyrischen
Stücken und in den Masken. Diese letztern scheinen mir überhaupt, wenn
es seine Würdigung gilt, weit mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, als man
ihnen angedeihen ließ. Es sind zuweilen wahre Pracht- und Glanzstücke,
worin ihm das Leben und er dem Leben näher trat, wie ~Hymenaei~, ~The
vision of delight~, ~Pleasure reconciled to Virtue~, ~News from the new
world discowered in the moon~, ~Gipsies metamorphosed~. Da weiß er die
Gelegenheit und einzelne Züge so gut, so gewandt und zart zu nützen,
daß man ihn (und seine Gelehrsamkeit dazu) recht lieb gewinnen muß.
Aber auch noch um eines andern Punctes willen sind diese Masken mir
merkwürdig gewesen, weil sie einen Reichthum an Theatermaschinenkunst
oder Skenopöie auslegen, wobei man mit der von den shakspeareschen
Auslegern entschuldigungsweise bemitleideten Armseligkeit,
Unbeholfenheit und Rohheit doch etwas ins Gedränge zu kommen scheint.
Mag doch immerhin nicht jeder Maschinenmeister ein Inigo Jones, als
Hofbaumeister, gewesen seyn und mag ihm B. Jonson’s beleidigter Stolz
späterhin wieder nehmen wollen, was er ihm früher gegeben -- es ist
doch viel, sehr viel geleistet worden -- wie schon dieser entzündete
Neid und Streit beweiset.
Wie die Elemente der Natur Ben Johnsons gespannt waren, und ihr Streit
nicht in seinen Producten erlöschen und ausgeglichen erscheinen konnte,
so muß man ihm auch seine Eifersucht auf Shakespeare verzeihen, weil
man doch aus seinem ~To the memory of my beloved Mr. W. Shk.~
und einem denselben betreffenden Stück seiner ~Discoveries~
ersieht, daß er gesunden Verstandes genug, ja sogar Bescheidenheit und
Liebe neben allem Hochmuth und scioppischer Schmähsucht hatte, diesen
~sweet swan of Avon~, diese ~soul of the age, the applause,
delight, the wonder of our stage, who was not of an age, but for all
time~ anzuerkennen, ~though he had small Latin and less Greek,
from thence to honour himself~ -- was mir beiläufig ein köstlich
komischer und ironischer Zug ist.
Aber, mein Gott! was hab’ ich da meinem herzlich geliebten Freunde
vorgeplaudert! Sieht es nicht aus, als wollte ich, der Schüler, den
geehrten Meister und tiefern Kenner, der mich erst dort einführt, wo
er schon längst heimisch ist, belehren oder mich spreizen? Doch nein,
lieber Freund, Sie werden wol in dem Gesagten nur den Gelehrigen,
nicht den Lehrhaften, nur den sehen, der Ihrer gütigen Mittheilung
nicht unwerth ist. Darum erinnere ich Sie an Ihr Versprechen, mir
ferner mitzutheilen, was auch mich, soweit eben meine schwachen Kräfte
reichen, in jener alten Welt einheimischer machen kann. An Fleiß, Treue
und Streben soll es, will’s Gott, nicht fehlen, noch fehlt es daran;
denn vor Arbeit erschrecke ich nicht. Ich überlasse mich dabei ganz
Ihrer Leitung und wünsche nun, daß Sie mir, wo es geht, einen Cicerone,
wie Gifford, mit auf den Weg geben.
Ernst Fleischer druckt, wie Sie wissen, einen im Subscriptionspreise
wenigstens, beispiellos wohlfeilen Shakespeare ganz und vollständig,
und, wie ich gesehen habe, sehr sauber und anständig in großem
Lexikonformat in gespaltenen Kolumnen schön und deutlich. Kaum getraue
ich mich, wie ich es denn zuvörderst Ihnen nur vertraue, den mir
gemachten Antrag, ein ~Glossary~ für einen zweiten Theil zu
schreiben, anzunehmen; weßhalb ich auch das Nähere über Zweck, Umfang,
Art &c. noch nicht mit ihm besprochen habe. An Mitteln dazu, denke ich,
würde er es wol nicht fehlen lassen, und so lacht der Antrag wol an,
wenn nur meine Kräfte hinreichen. Wollten Sie mir hier, soweit es Ihre
Muße und Lust erlaubt, einmal Ihre Ansicht und Ihren Beirath gütigst
ertheilen, so würden Sie, nicht zwar mich mehr verbinden, als ich es
bin, sondern eine löbliche Absicht in einem Kreise fördern, worin ich
eigentlich nur Sie als Richter und Gesezgeber und Ordner anerkenne.
Darum schelten Sie mich nicht zudringlich! Könnte ich nur Fleischern
bestimmen, nachträglich auch das zu liefern, was Sie aus Gründen der
höhern Kritik Shakespearen zusprechen, und was ich Sie mir anzuzeigen
bitten würde, so wäre schon damit etwas Verdienstliches geleistet.
Aber bitte, bitte, lieber Meister, schelten Sie den Dreisten und den
Bittsteller nicht; weisen Sie ihn lieber sanft ab, wenn Sie meinen, daß
die Sache leidet!
Und nun genug! Ich erschrecke über das lange Schreiben und wünsche, daß
Sie soviel Geduld damit gehabt haben mögen, als ich dabei Liebe hatte.
Lassen Sie mich immer ein wenig in gutem Andenken bei Ihnen leben, und
grüßen all’ Ihre Lieben von