I.

_Leipzig_, 13. Aug. 1822.

Wenn ich Ihnen, verehrter Freund, für den während meines Aufenthalts in

Dresden gegönnten Genuß Ihres Umgangs danke, so thue ich damit freilich

wol nicht viel mehr, als manche andere wol auch, mag doch aber gern

wenn auch nur einem Momente einer, so lange ich Sie als Dichter kenne,

in mir ununterbrochen fortwaltenden Stimmung Worte leihen. Mehr als

diese, deren ich überhaupt wenig zu machen, soll ich sagen glücklich

oder unglücklich genug bin, nämlich meine herzliche Achtung und Liebe

hab ich Ihnen schon so früh geschenkt, daß ich sie Ihnen jezt nicht

noch einmal, ohne zudringlich zu scheinen, schenken könnte, wenn

überhaupt in zärtern Gemüthsbezügen Nehmen nicht vielleicht seliger

wäre als Geben.

Für meinen hiesigen Einzug habe ich um so mehr mit Unmusternheit

Einstand geben müssen, da sich vieles gehäuft hatte, womit ich mir den

Genuß in Dresden entweder nicht verbittern oder doch nicht verkümmern

wollte. Denn Genußverkümmerung steht wenigstens zu besorgen, wo aus

Lumpen Geist, sei es als Educt oder als Product, gezogen werden

soll, weil, wie Einige behaupten wollen, dieser Proceß zuweilen so

mißlich ist, daß man an dem Vorhandenseyn seines Princips, des Feuers,

inwiefern dessen Pole zwei Elektricitäten sind, verzweifeln muß, ja

wol gar das heraklitische Wort „die trockene Seele ist die beste“

miszuverstehen versucht wird. So etwas ist zum Glück von denen, die

jezt vor mir liegen, wie Schleiermachers Glaubenslehre 2r, Rixners

Geschichte der Philosophie _1r_ und Möllers Glaube, Wissen und

Kunst der Hindus _1r_ nicht zu besorgen, von welchen allen ich

mir vielmehr reiche Ausbeute verspreche. Aber die ächt heraklitische

trockene, d. h. die Feuerseele, die den Weg nach oben macht, führt mich

wieder darauf, wie Cato immer sprach „~Caeterum Carthaginem delendam

esse censeo~,“ so Ihnen mahnend zu sagen „~Caeterum opus de

Shakspearii ingenio edendum esse censeo.~“ Denn es will verlauten,

daß ein gewisser Franz Horn in seinem bei Brockhaus erscheinenden

Werke über Sh. sich mit Ihren Federn schmücke, was bei der freiedlen

Mittheilung Ihrer Ansichten wol möglich wäre. Wiewol nun Federn den

Vogel so wenig machen, als ein Buch, so wäre doch schon um der Sache

willen zu wünschen, daß Sie hervorträten. Möchten Sie dies als Bitte

aller Ihrer und Shakspeare’s Freunde ansehen und endlich gewähren!

Ihre Aufträge an Wendt hab ich besorgt; ob er sie vollzogen, weiß ich

nicht. Ich will aber hiemit mein Versprechen lösen und Ihnen meine

Ausgabe des Bailey senden, die Sie gütig, wie Sie pflegen, aufnehmen

mögen, als wenigstens einen Schritt näher zum Ziele, wenn gleich bis

zu einer künftigen Auflage ich, oder mein Nachfolger, noch manchen zu

thun haben, wie denn mein Handexemplar schon durch mancherlei Nachträge

beweiset. Es war zuvörderst hauptsächlich darum zu thun, daß die Wörter

ihre Fühlhörner ausstreckten und den Sprachmeistern damit ihr Leben

bemerklich machten.

Mit Achtung und freundlichen Grüßen an die Frau Gräfin und die lieben

Ihrigen stets

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 227 / 310 题