XVI.

Dienstag, d. 5ten März 1793.

_Lieber, bester Tieck_.

Gestern (Montag den 4ten März) hab’ ich am Mittag Deinen Brief

bekommen. Deine Schwester läßt Dich herzlich wieder grüßen. Sie

befindet sich itzt recht gesund, und wünscht nichts inniger als Dich

bald hier zu umarmen.

Den Abdallah habe ich gelesen. Wenn Du Dich erinnerst, so hast Du

mir ihn im vorigen Winter schon einmal des Abends in meiner Stube

vorgelesen. Da er also schon vor einem Jahre geschrieben, dieser

erste Theil nämlich, so paßt das nicht, was Du sagst, er trüge die

deutlichen Spuren Deiner alten Laune. Schon damals habe ich Dir meinen

Beyfall wegen des Stücks geschenkt, und ich wiederhohle dies itzt

noch zuversichtlicher. Ueber den Plan des Ganzen kann man noch nicht

urtheilen, weil bis itzt erst ein Theil des geheimnißvollen Gewebes von

natürlichen Begebenheiten und von dazwischentretenden Zaubermächten

vor Augen liegt. Ueber die Komposition der Erzählung, die Anordnung

der Kapitel und der einzelnen Haupttheile in denselben, wünschte ich

urtheilen zu können; allein ich verstehe es nicht recht, weil ich noch

nicht viel darüber nachgedacht habe; es ist aber eine wichtige, sehr

wichtige Sache, welche von tausend Romanschreibern, die nur von schönem

blühenden Styl gehört haben, und diesen oft in nichts als in Witzeleien

und unächte Blümchen setzen, vernachlässigt werden mag. So weiß ich z.

B. nicht, ob die isolirte Charakteristik des Sultans, die den Anfang

macht, da an ihrem rechten Orte steht u. s. w. Uebrigens sind in dieser

wie in den übrigen Charakterschilderungen viele wahre, treffende

Naturzüge. -- _Die Phantasie_, die das Ganze durchströhmt, ist

feurig, groß und erhaben, und vermischt sich oft so innig mit der

_Vernunft_, daß man sie nicht davon scheiden kann.

Deine Schwester hat aber gegen mich schon sehr richtig geäußert,

die Dir so gewöhnliche und so leichte Bildersprache wäre zu sehr

verschwendet. In der That, läßt sich wohl ein vollkommenes, ein schönes

Gedicht erwarten, wenn der Dichter jedes Bild, das seine üppige

Einbildungskraft im Schreiben ihm darreicht, ergreift, und weil er

in diesem Augenblicke der poetischen Begeisterung es deutlich faßt,

es so hinwirft, wie es sich ihm darbietet, ohne die Verbindung, in

die es gesetzt wird, ohne den Plan des Ganzen vor Augen zu haben?

Gesetzt auch, daß alle Bilder die Kritik aushielten, (und ist dies

beym Abdallah und vielen Deiner übrigen Arbeiten der Fall?) so wäre

dies nicht weniger als ein Beweis für ihre Rechtmäßigkeit an diesem

Orte. Wahrlich, eine Schreibart, wo der von Empfindungen, von Visionen

der Phantasie überfließende Dichter von einem Bilde zum anderen

überspringt, und eins in das andere hineinzieht, ist nicht viel

besser als ein Styl, worin epigrammatische Laune herrschen soll, wo

eine Witzeley die andre, ein Wortspiel das andre jagt. Doch dies gilt

keineswegs ganz von Deinem Abdallah. Allein daß man zuweilen seinen

Verstand anstrengen muß, um die, -- ich kann es _doch_ nicht

anders nennen, als _witzigen_ allegorischen Bilderchen, die

hintereinander von ganz heterogener Art ausgesäet sind, zu fassen, und

wenn man mit dem Einen fertig ist, gleich sich wieder in eine andre

Welt von Bildern, in eine andre Metaphernsprache zu werfen, die den

Schlüssel zum folgenden Bilde giebt, das scheint mir unläugbar. Deinem

erhitzten Geiste mag diese Fülle sehr natürlich gewesen seyn; aber

schön ist sie darum nicht. -- Dagegen könnte ich Dir auch viele der

vortrefflichen Stellen zeigen, wenn ich Dich hier hätte. So aber muß

ich nur beym Allgemeinen bleiben. -- Die philosophischen Hypothesen

des Omar sind meisterhaft dargestellt, und haben mich ganz in jenen

wunderbaren und überirdischen Abend zurückgezaubert. Aber (und das

wird wohl unsre beyderseitige Meynung seyn) zerrüttet wird der Geist,

für Freuden der Erde und angenehme Eindrücke verstimmt, selbst für

Freundschaft und Liebe verdorben, zu ewigem Mismuth, zu trauriger

Unthätigkeit verdammt, wenn er sich diesen wunderbar fürchterlichen

Träumereien überläßt, und sie nicht wenigstens im Gespräche mit dem

Freunde des Herzens, im Mondschein, verbannt, daß sie am Morgen mit

der milden Sonnenhelle aus seinem Busen verscheucht werden und ihm

als nichts mehr, als was sie sind, erscheinen, -- als Traum. Die

Einsamkeit, die zu weit tröstlicheren, Herz erhebenderen Gedanken

und Phantasien inspiriren kann, und der Tag, der unsere Thätigkeit

des Geistes für uns und unsere Neben-Menschen fordert, -- bleibe von

diesem verzehrenden Gifte frey, das unsere Seele vor der Auflösung des

Körpers verwesen läßt. Aber, o wehe! diese felsenfeste Wahrheit ist Dir

ja leider nur zu bekannt, -- und der Himmel wird meinen sehnlichsten

Wunsch erhören, -- nicht vergebens bekannt. -- Wir wollen froh mit

einander leben, Tieck; -- froh, aber weise; froh, und nicht in eitler

Melancholie vergraben. Nicht wahr? -- O ja, o ja! und der Frohsinn,

der weisere Frohsinn wird allmählig in Deine Natur, in Dein Wesen

übergehen! -- Du bist noch immer der Alte, mein lieber bester Tieck!

Auch ich bin, wie ich war! Wollte Gott, daß Du’s nur hierin nicht mehr

wärst. -- Aber still davon, still!

* * * * *

Es bleibt dabey, Dein Drama: der Abschied, ist schön, sehr schön.

Bernhardi hat sich nie der von Dir erwähnten List bedient, es für

sein Werk auszugeben. -- Aber es bleibt auch dabey: Dein Roßtrapp ist

schlecht, und ich habe ihm, glaub’ ich, eben _nicht_ Unrecht

gethan. Wie Burgsdorf ihn dem Adalbert und Alladdin vorziehen

kann, ist mir durchaus ein unerklärbares Räthsel! Und daß Du ihn

mehrmals geändert hast, würd’ ich denn doch auch gegen jeden andern

abgeschworen haben, wenn Du mirs nicht sagtest. Der _Sachen_ itzt

zu geschweigen, so sind Einkleidung, Verse, Styl, Bilder, Wohlklang

so, daß sie mich beleidigen. Du und Burgsdorff, ihr versteht euch auf

erhabene große Gefühle, dramatischen Genius &c. tausendmal besser als

ich. Ich hingegen behaupte dreist, daß ich über Versbau, Wohlklang,

Rhythmus, Ausfeilung der Perioden, Ausbildung der Metaphern, Feinheiten

der Sprache, und was dergleichen _kleine_ Sächelchen mehr sind,

ungleich treffender urtheilen kann als ihr beyde.

Die Hinrichtung des Königs von Frankreich hat ganz Berlin von der Sache

der Franzosen zurückgeschreckt; aber mich gerade nicht. Ueber ihre Sache

denke ich wie sonst. Ob sie die rechten Mittel dazu anwenden, verstehe

ich nicht zu beurtheilen, weil ich von dem Historischen sehr wenig weiß.

Wie Rambach mit Heidemann so vertraut seyn kann, weiß ich selber nicht,

kanns Dir also auch nicht erklären. --

Du schreibst mir _nie_, wann Du kommst. Du setzst wohl wieder

voraus: zu rechter Zeit??

_Du mußt in 14 Tagen hier seyn_. _Wir werden Mittwoch nach

Ostern reisen müssen_, dann bist Du 14 Tage etwa in Berlin. Darin

muß Deine Schwester Dich mehr als sonst wir genießen. Sorge für Deine

Gesundheit; lebe wohl mein liebster, bester Tieck.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 225 / 310 题