XIII.

_Berl._, Jan. 93.

_Mein liebster Tieck!_

In der Hälfte Deines kleinen Briefchens sagst Du mir auf 10 verschiedne

Arten, daß ich Dir nicht schriebe und daß ich Dir schreiben solle,

belegst mich auch mit dem ehrenvollen Titel eines fleißigen

Briefschreibers. Den will ich auch nicht verscherzen. Unsre Briefe

haben sich wieder begegnet.

Den Roßtrapp habe ich Deiner Schwester gegeben. In Ansehung dieses

und Deiner übrigen Arbeiten fürs Publikum, mögen Rambach und Bernhardi

Dir das Weitere schreiben, und diese Autorgeschäfte mit Dir betreiben.

Allein, was soll ich zu dem Gedichte selber sagen? Fürs erste, so

dünkt mich, daß es immer etwas, wo nicht _viel_, verdirbt, wenn

man viele Sachen so flüchtig und nachläßig arbeitet; und ich wünschte

nicht, daß Du hierin Rambachs Nachfolger werden möchtest. Es ist zwar

eine blendende Einbildung, daß man dadurch mehr Fertigkeit, mehr

Reichthum an Ideen und Wendungen erhalte; allein es ist wenig mehr

als Einbildung. Denn man verwöhnt sich durch diese Art zu schreiben

gewiß am Ende so sehr, daß man nachher nicht mehr etwas Langsames,

Durchdachtes, in allen Theilen so viel als möglich Vollkommenes, zu

Stande bringen kann. An hundert Orten bringt man zerstreut sehr artige

Gedanken und Bilderchen an, und in allem was man hervorbringt ist

ein Etwas, aber nichts Ganzes von Schönheit, und so verliert man die

Kraft, die Stärke und die Beharrlichkeit, ein Werk zu schaffen, worin

man nach Gewissen jeden einzelnen Theil, bis auf Kleinigkeiten, so

ausgefeilt und der Vollkommenheit so nahe zu bringen gesucht hat, daß

man das Ganze ein Produkt seiner höchsten und edelsten Anstrengung

nennen darf. Und im Grunde sollte jeder Dichter und Künstler doch bey

jedem Werke wenigstens den Vorsatz haben, es so zu vollenden, wie es

seine Kräfte, in ihrer wirksamsten Thätigkeit, nur immer erlaubten.

Ich glaube freilich weniger, daß meine Besorgnisse bei Dir wirklich

eintreffen möchten, als ich diese Gedanken für andere (z. B. Rambach)

treffend glaube. -- Dein Roßtrapp ist gar nicht sonderlich und hat

die Ehre, noch ziemlich unter der Emma und Adalbert zu stehen. (Das

ist doch freymüthig genug?) Die Erfindung? könnte, dünkt mich, weit

besser seyn. Daß ein Mädchen auf einem Pferde über den tiefen Abgrund

einmal herübergesetzt hat, weil sie von einem Riesen verfolgt ist,

ist eine triviale Fiktion, die -- ich auch hätte erfinden können,

und die durch die Ausführung in ein noch dürftigeres Licht gestellt

wird. Die ganze Erzählung hat gar keine Haltbarkeit, kein Interesse,

kein Leben: warum verfolgt der Riese das Hirtenvölkchen? Was will

das Geisterwesen eigentlich sagen? Warum schützt das Diadem vor dem

Riesen? Warum ziehen die Geister und Alles am Ende von dem Ort weg? Das

liegt alles im Nebel. Und dann hast Du wohl in der Mitte den Eingang

vergessen: ein Minnesinger kommt in die Harzgegend (der Anfang in Prosa

enthält noch die meiste Kraft und Phantasie), beschreibt sich selbst

(doch etwas steif, als wenn er dem Landschaftsmaler abgerissene Ideen

angäbe), die Gegend, und fängt hierauf zum Zeitvertreib an, sich in

Versen, die er, wenn es ihm zu unbequem wird, auch ohne Reim vorlieb

nimmt, ein Geschichtchen vorzusingen. Ein kurieuser Minnesinger! Er

muß närrische Launen gehabt haben! Ich hätt’ ihn sehen mögen, wie

er da in der einsamen Gegend sitzt und sich ein Mährchen singt! --

Warum ist nicht das Ganze Ein Ausfluß der Phantasie von Anfang an in

Versen? warum läßt Du ihn nicht in einem lyrischen Gemählde die Gegend

besingen, in lyrischer Begeisterung die Begebenheiten der Vorzeit ihn

als gegenwärtig sehen? Und dann die Verse! Ganz gewiß hast Du das Stück

nie laut gelesen, oder Du müßtest es denn in der Absicht gelesen haben,

um Dir selber Spaß zu machen; sonst, wenn es Dir wieder etwas Neues

seyn sollte, will ich Dir ein kleines Pröbchen zum besten geben:

_Die Mädchen_:

Das Glück

Mit holdem Blick

Wohnt

Hier und sonnt

Im Buchenhain

Sich im Frühlingsschein.

Und mehr dergleichen Verse, die in der That wahre Knittelverse sind.

-- Auch Bilder, wie: der Donner stößt sich an den Klippen wund, hast

Du wohl nur Spaßes halber hingeschrieben. Du siehst wie beredt ich

bin, wenn Du einmal etwas Mittelmäßiges oder Schlechtes hervorbringst.

_So_ machens die kleinen Geister, welche die größern weit zu

übersehen glauben, wenn sie im Stande sind in den Bastardgeburten ihres

Geistes Fehler zu entdecken, die sie selbst nicht einmal zu machen

vermögen. Bey Meisterstücken schweigen sie still, und wissen nicht was

sie sagen sollen, weil sie viel zu eingeschränkt sind, die verborgene

Quelle der Schönheiten aufzuspüren, und nach Verdienst die Schönheiten

zu würdigen. So mach ichs auch!

Neulich hab’ ich das neue Ritterstück: Ludwig der Springer gesehen.

Ein dürftigeres, anfängermäßigeres, bedauernswertheres, nüchterneres,

faderes, unbedeutenderes, nichtssagenderes, gemeineres, gewöhnlicheres,

-- (aber ich komme außer Athem!) Stück kenn’ ich gar nicht. So ohne

einen Funken, ohne einen Schatten von tragischem Geist, Empfindung,

Durchführung von Charakteren und Situationen geschrieben? Es ist so

kurz, daß die Hauptpersonen nur grade so viel Zeit haben zu sprechen,

als um die Geschichte die zum Grunde liegt, zu erfahren nöthig ist:

alles nichts als ein dialogisirtes historisches Compendium. Alles nur

Skelett, Thema zur Ausführung. Nicht eine einzige Rolle, nicht eine

einzige Scene, wobey das Herz warmen Antheil nähme. Der Plan: wie ein

Spinnengewebe. Vorn ein Sancho Pansa, der den Spaßmacher spielt. Wenn

die Hauptpersonen den Gang der Handlungen fortführen sollen, werden

ein Paar Gefangenwärter, oder dergleichen Gesindel eingeschoben,

die uns indeß mit den trivialsten Späßen die Zeit vertreiben. Die

Baranius hält im Gericht die Feuerprobe aus und das Ende ist ein

Rittergefecht: beydes ist interessanter anzusehen als das ganze Stück

zu hören; denn die sehr genau beobachteten, stummen Ceremonien eines

heimlichen Gerichts, und der Pomp der Turnierrüstungen verfehlt nie

den Eindruck. Von der schönen edlen! Sprache eine Probe: „Da müßt ihr

Pferde anspannen lassen, wenn ihr mich von der Stelle bringen wollt,“

spricht Ludwig im höchsten Zorn. Der leibhaftige Fuhrmann, der in der

Trunkenheit, den Hut auf einem Ohr, die Hände in die Seite setzt. Doch

das ganze Ding verdient nicht, daß ich ein Wort mehr darüber sage.

Bernhardi hat itzt schnell den Entschluß gefaßt sein Nachspiel selbst

an Engel zu bringen. Vorher hat ers Hagemeistern gewiesen, der es

gelobt hat. -- Neulich ist eine neue Operette: die unruhige Nacht, nach

Goldoni, Musik von Lasser in München, 2 Tage hintereinander ausgepocht

worden.

Aber was heißen alle diese Neuigkeiten gegen die, welche ich Dir itzo

vortragen will. Lege Dein Gesicht in Falten, bereite Dich auf einen

großen Gedanken vor, und setze Deine Seele in eine gemäße Stimmung.

Triumph und Viktoria, 3 mal und 4 mal! mein Glück, mein Heil ist

gekommen; ich bin emporgehoben aus dem Staube, und stoße an den Orion

mit meinem Scheitel. Nun erst wag’ ich es, Dich brüderlich zu umarmen

und mit Dir vereint dem Tempel der Unsterblichkeit zuzufliegen. Fort

mit allen Phantasien, die itzt vielleicht wie schwarze Wolken Deinen

Kopf durchziehen; sie sind nichts gegen das was Du hören wirst!

Gebiete den kleinsten Gedanken Deiner Seele eine feierliche Stille,

und laß in dieser erhaben-majestätischen Pause Deine Geistesthätigkeit

Dir die goldenen, himmlischen Worte Deine beyden Ohren füllen: Ich

bin Schriftsteller, und abermals: ich bin Schriftsteller. -- -- --

Allein ich muß mich wohl von meiner schwindlichten Höhe herablassen

und Dir in der Sprache der _Menschen_ in aller Kürze erzählen: ~Cur,

quomodo, quando.~ (~N. B.~ Alles was Du jetzt hörst sind die tiefsten

Geheimnisse, nur für Dich, mich und Bernhardi offen.)

Bernhardi ist zum Mitarbeiter an einer neuen Monathsschrift engagirt,

die Rambach und Heydemann (=vielleicht= auch von Zöllner, Jenisch,

Eschenburg und Veit Weber unterstützt) bald herausgeben wollen. Nun

bat er mich so dringend und unabläßig, ihm meine Ode an die Zeit, die

ich ihm einmal vorgelesen, hier zum Drucke anzuvertrauen, daß ich es

ihm in der That nicht abschlagen konnte. Er wollte durchaus die Gründe

meines Weigerns wissen, und da fast der Hauptgrund war, daß ich in

einer zum Theil doch etwas verdächtigen Gesellschaft, und in einem so

ephemeren, verachteten, plebejen Werkchen mich in der Welt nicht zuerst

produciren wollte, so mußte ich, da ich ihm diesen Grund nicht gut

sagen konnte, ihm keinen Grund zu haben scheinen. Genug, ich mußte ihm,

halb gezwungen, die Ode (mit einigen Veränderungen) geben: nur ließ ich

mir strenge Verschwiegenheit von ihm versprechen. Nun hat er sie an

Rambach und Heydemann vorgelesen, aber in einiger Entfernung, damit sie

meine Hand nicht erkennen sollten; sie hat Beyfall gefunden und wird

nun wahrscheinlich gedruckt werden. Was das komischeste aber ist, so

hat Bernhardi Rambachen im Vertrauen gesteckt, die Ode wäre von seinem

Freund Schmiedecke; und freut sich schon im Voraus auf die komische

Scene, die dadurch zwischen diesem und Rambach entstehn wird, da ohne

Zweifel Schmiedecke, wenn ihm der geschwätzige Rambach die Ode auf den

Kopf zusagt, den Unwissenden besser als irgend einer spielen wird. Ob

Bernhardi an der Scherzlüge klug gethan hat, und ob Rambach bey seinem

Glauben bleiben, oder nicht doch auf mich argwöhnen wird, welches mir

nicht lieb wäre, weiß ich nicht. Unter die Ode habe ich den Namen

Agathon gesetzt, weil das mein Lieblingsname ist.

Ich habe eine Bitte an Dich. Da Du im vorigen Frühlinge

_Matthisons_ Mutter gesprochen hast, so kannst Du mir vielleicht

schreiben wo, wann er gebohren, wo er itzt ist, und was Du sonst von

seiner Jugendgeschichte und seinen Lebensumständen weißt. Vergiß

es nicht in Deinem nächsten Briefe. -- Hast Du noch die sibirische

Anthologie von Schiller? --

Du willst mich gern den Roßtrapp auf Ostern in Natura sehn lassen? Aber

die Jahreszeit, das Wetter und unsre eingeschränkte Zeit! Es ist wohl

kaum möglich. Ich muß Verzicht darauf thun. Wir werden unsre Reise so

simpel und aufenthaltlos als möglich machen müssen. Auch bitte ich

Dich, so viel ich bitten kann, lieber Tieck, daß Du so schnell als

möglich, auf dem kürzesten Weg, und so bald als möglich hier bist:

und es, wenn auch nur auf ein Paar Tage (damit Du uns nicht wieder in

Sorgen setzest) im Voraus bestimmst, wann Du anzukommen gedenkst. Wie

dringend wünschte ich Dich 14, oder Dich doch zwischen 8 und 14 Tage

vor Ostern (dem letzten März) hier zu sehen! Deine Schwester stimmt

ganz in meine Wünsche ein.

* * * * *

Du wirst wohl sehen, lieber Tieck, daß ich bis hieher noch nicht Dein

Trauerspiel: der Abschied, gelesen hatte; denn wovon hätte ich Dir

sonst zuerst schreiben können, als hiervon? Und wie ist es möglich, daß

in Deinen Briefen an mich nichts davon steht? Himmel Du hast mir wieder

eine sehr glückliche Stunde gemacht, hast mich ganz hineingezaubert in

die Zeiten, da wir noch hier zusammen lebten und zusammen empfanden.

O es ist nicht wahr, daß ich die Schönheiten hier nicht bis auf die

allerfeinste fühlen sollte! Ich fühl’ es, ich fühl’ es, wie alles

aus dem Strohm der Empfindung eines vollen Herzens geschöpft ist.

Wovon soll ich anfangen? Es hat mich gerührt, entzückt! Ganz in dem

Göthen’schen Geist des Werthers, der Stella, gedichtet! Ganz Gemählde,

treustes Gemählde der erhabenen, ätherischen und schwärmerischen

Gefühle, die wir so manchesmal in den Stunden der Seligkeit mit

einander wechselten. Hast Du bey der Stelle, wo Luise das von ihrem

Geliebten komponirte Lied: „Wie war ich doch so wonnereich,“ spielt,

an mich gedacht, so dank ich Dir: glücklich fühl’ ich mich, wenn

mein Andenken Dich in _solchen_ Stunden umschwebt. Wie lautere

Natur ist Ramstein! Ich wäre außer mir, wenn ich ihn einmal, Du den

Weller, spielen könnte! Wie unnachahmlich die 2 Scenen zwischen Luise

und R.! wie wahr der glühende und kochende Ehemann! wie wahr die

lenkbare Schwachheit des weiblichen Charakters! Ueberall die feinsten

Züge verstreut! Es ist mir nicht möglich, Dich itzt auf Einzelnes

aufmerksam zu machen; Du wirst Dir die Stellen hinzudenken, worüber ich

so vorzüglich entzückt ward: vielleicht hätte das Ende etwas besser

ausgearbeitet seyn können; und noch gewisser wage ich zu behaupten,

daß _zuweilen_ der Dichter die Personen noch immer mehr von ihrer

Empfindung sprechen, als sie, ihrer Empfindung gemäß, sich ausdrücken

läßt. Doch der Glanz des Ganzen verschlingt diese Flecken. Wärst Du

hier, wir wolltens zusammen lesen, und jeden Augenblick würde ich Dir

mein Entzücken zu erkennen geben. Aber so kann ich nichts auszeichnen,

es ist zu viel, und ich bin zu voll. O laß doch die _Reimerey_

seyn! _Hier_ ist Dein Wirkungskreis, im Feld des Tragischen

und der trüben Melancholie. Wie glücklich wär’ ich, wenn ich etwas

ähnliches dichten könnte! Diese Gattung würde meine Lieblingsgattung

seyn! Ich danke Dir inniglich, mein lieber, mein bester Tieck, für das

süße Vergnügen, was Du mir gemacht hast!

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 216 / 310 题