_Dresden_, Montag Abends,
nach 10 Uhr.
_Mein liebster, mein bester Tieck!_
O Wehe! da bin ich wieder von Dir gerissen, und muß mich in
Gesellschaften herumtreiben, die gegen die Deine so sehr abstechen, wie
-- die schöne Venus, die ich heute im Antikensaale gesehen habe, gegen
den Kerl im Leipziger Garten, der mit dem Schlag 15 sich den Dolch in
die Schulter stieß!!
Dresden ist eine köstliche Stadt, aber doch muß ich in dieser
Gesellschaft mich hüten, mich nicht zuweilen von unbehaglichen
Empfindungen betreffen zu lassen, die das Fremde, Unvertrauliche eines
noch ungewohnten Ortes, wo man nicht zu Hause ist, einflößt. Dich am
Arm, -- so wär’ ich selbst in Kalifornien nicht fremd.
Ich werde nicht die heiligen 7 Tage vergessen, die ich mit Dir verlebt
habe! Empfange meinen feurigsten Dank für Deine Freundschaft, mein
zärtlich geliebter Tieck!
Sonnabend, als wir Abschied nahmen, war mir natürlich sehr fatal. Wir
aßen Mittag in Hubertsburg, wo ein altes und ein neueres Schloß sich
gut präsentiren; und Abends in Meißen (10 Meilen von Leipzig). Gestern
früh besahen wir hier auf dem Berge den Dom und bestiegen seinen Thurm,
der von oben eine göttliche Aussicht hat. Der ganze Berg liegt äußerst
malerisch. Der Weg von Meißen bis Dresden (3 Meilen) verdient das Lob,
das ihm jeder giebt. Er zieht sich beständig längs den gelben Fluthen
der Elbe hinunter und wird immer von grünen Weinbergen begleitet, aus
denen tausend kleine weiße Häuser, Thürmchen u. s. w. hervorglänzen.
Ich genoß diese Schönheiten in stummer Stille, und hegte allerhand
poetische Empfindungen dabey.
Die Aussicht von der Dresdner Brücke ist fast dieselbe, und daher
mitten in der Stadt von unschätzbarem Werth. Gestern Abend haben wir
die ziemlich schlechte Secondasche Truppe gesehen, wie sie Liebhaber
und Nebenbuhler in Einer Person, aufführte. Herr Kordemann (vermuthlich
der Berliner) spielte den verkleideten Ritter. Heut früh haben wir die
Antikensammlung, die nächst der Kapitolinischen, Vatikanischen und
Florentinischen die erste in der Welt ist, und heut Nachmittag die
Bildergallerie besehen, doch so, daß ich bey beyden kaum Zeit hatte,
_einige wenige_ der vorzüglichsten Stücke nur _flüchtig_
anzusehn. Gehts irgend an, seh’ ich beydes noch einmal.
Sonntag oder Montag früh reisen wir weg. Dienstag oder Mittwoch sind
wir in Berlin. O dann komm doch so bald als möglich!! Bin ich in
Berlin, so schreib’ ich Dir gleich. Schreib Du, je ehr je lieber!
Bleib gesund: grüße Burgsdorf, Reichardts, und -- die Giebichensteiner
Felsen. Lebe wohl Du Theurer: Dein Bild steht mir ewig vor der Seele;
und die 7 Tage, besonders den in Wörlitz, vergesse ich nie.
Es wird mir schwer, mich von Dir zu trennen, aber die Zeit will’s! Leb
wohl.