VI.

Freitag, den 20ten Juli.

_Mein zärtlich geliebter Tieck_.

Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon

lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht

so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen

Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen,

um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nicht

_zu_ unruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich

ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch

erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und -- ich

bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es

mir auf mein Wort ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen

hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber

zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.

Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und

reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich,

daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit

denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache

recht erkenne.

Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe

das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger

Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß

es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich

dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese

Diskursion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß,

-- nun -- möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein

Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon

manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß

Du aber die großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, -- (Tieck,

verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins

Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum

ich’s mir vergebe zu schreiben? --) nun, das gestehst Du selber ein.

Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon

geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich.

Und o! wie erhaben dünk’ ich mich als ein Glied der Kette, die Dich an

diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt

genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin.

Möchte sie nimmer zerreissen.

Du bestrafst mich mit der größesten _Belohnung_, wenn Du zu

meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte

Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch

der edelste denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des

Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise

von Deiner Seite fordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu

Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine

Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine

Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die

Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du

nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst, ~Flumina

nota~ u. s. w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? -- Doch meine

selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich

fortfahren heißt.

Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so

lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto

größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen

zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser

Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, -- überlege: sieh auf

Dich selbst. _Wenn_ dann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch

erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre

des Lebens zubringen dürfen: -- o welche unaussprechlich reizende

Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und

Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten,

in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde

und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, -- durch

nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten

Banden gekettet: -- so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die

Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden

in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern: ~Coetusque

vulgares udamque spernimus humum~! -- Aber ich schweife wieder

aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, --

soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen

Empfindungen sprechen? -- daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich

nicht überreden, wie das im Guten so haushälterische Schicksal, das

so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns

zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne

mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage

diese Beschwerden, wenn _Du_ mich so glücklich machst. Und ich

nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten

Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O

ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft

geträumt! --

Du wirst es wohl ahnden, daß ich den 2ten Theil des Genius nicht ohne

besorgliche Gedanken, und nicht ohne etwas dagegen eingenommen zu seyn,

kurz nicht ohne fatale Nebenideen zur Hand genommen habe. Aber daß der

Verfasser ein origineller Kopf ist, der die Sprache so in seiner Gewalt

hat, wie ein Schauspieler seine Stimme, der das Blut durch alle Adern

jagen, der kalte Thränen des Schreckens aus den Augen pressen, der die

Seele in ein Meer der entzückendsten Gefühle eintauchen kann, das ist

unwidersprechlich. Um seinen Styl zu schildern und zu loben, müßte man

selbst schreiben wie er. Um nur der Charakterzeichnungen zu gedenken,

die im 2ten Theil so häufig vorkommen, welche Meisterstücke! Ich kenne

wenigstens keine höheren Muster. Da sind Ideen gehascht und in Worte

gekleidet und hell vor die Seele gestellt, die man gewöhnlich nur in

einem Nebel sieht, ohne sie sich selbst deutlich erklären zu können;

da sind die feinsten Falten des Herzens aufgedeckt; da ist das ganze

Aeußere und Innere des Menschen in ein Gemählde von Worten gebracht,

wo alle Züge wahr, bedeutend und treffend, und mit der schönsten

Kunst ausgeführt und vereinigt sind. Die Scenen beym Einsiedler sind

vortrefflich.

Deine Bücherrekommandationen sind mir natürlich immer sehr willkommen.

Den Tasso werde ich mir zu verschaffen suchen. Wie heißt aber

eigentlich der Roman von Florian? Estelle? Ich kann’s nicht recht

herausbringen.

Im Großkophta hab’ ich freilich auch nicht etwas außerordentliches, so

wie man es von dem Verfasser des Werther gewohnt ist, entdeckt. -- Der

Charakter des Sekretärs ist Dir in Cabale und Liebe zu abscheulich,

und mehr als Franz Moor? Mir scheint selbst der letztere weit mehr

zu entschuldigen zu seyn; wie wohl immer mehr Scharfsinn, als ich

besitze, dazu gehört, um dergleichen seltene Ungeheuer im Drama zu

rechtfertigen. Du weißt, daß sie mir leicht mit zu starken Farben

gezeichnet sind, und daß ich auf der Bühne eine Person verabscheue,

die gar nichts Menschliches an sich hat, und nicht das geringste uns

auffordert, uns mit ihr nur einigermaßen auszusöhnen, wenigstens

unsern Abscheu in dem Grade zu dämpfen, daß doch das Gefühl des

Mitleids und des Bedauerns dabey in unserer Seele noch Platz behält.

Und freilich habe ich noch nichts gefunden, was dies bey der genannten

Rolle veranlaßte. Ich sprach vor einiger Zeit auch mit Bernhardi

davon. Mich dünkt, daß er in der Anhänglichkeit an den Präsidenten,

in dem Diensteifer, den so ein teuflischer Diener gegen seinen Patron

hat, etwas zu seiner Entschuldigung dienendes wollte entdeckt haben.

Aber ich sage kein Wort darüber. Denn ich möchte Bernhardi’n etwas

falsches unterschieben, weil ich dergleichen Dinge nicht immer mit dem

geschicktesten Handgriff zu fassen weiß.

Elise von Valberg wirst Du noch tausendmal vortrefflicher finden, als

ich bis itzt wenigstens im Stande gewesen bin, es zu finden, da ich

es nur einmal gesehen habe; und da Du die Schönheiten und Feinheiten

dramatischer Plane und Situationen Dir auseinanderzusetzen verstehst.

Aber, o Himmel! was ist diesem Meisterstücke für ein Ding gefolgt!

Hieronymus Knicker, Operette in 2 Akten von Dittersdorf, ist schon 3mal

gegeben, und scheint leider Beyfall zu finden! Nach dem was ich nur

von solchen, die nicht Willens waren, dem Dinge ihren hohen Beyfall

ganz zu versagen, gehört habe, muß es, was Musik, Geist und Geschmack

des Gesanges, u. s. w. betrifft, fast noch unter dem rothen Käppchen

stehn. Es hat denn doch bis itzt noch alles sein Ende in dieser Welt

erreicht; selbst die verderbliche Dürre, die über 14 Tage gewährt hat,

ist nun durch ein Gewitter, wenigstens zum Theil, gebrochen; aber die

unsinnige Operettenwuth der Berliner scheint nur mit der Zeit immer

mehr Nahrung zu bekommen, und noch nicht den höchsten Grad erreicht

zu haben. Ist dieser da, so muß nothwendig eine Revolution erfolgen,

sonst werden wir so barbarisch in der Kunst als -- die Lappländer. --

Fort mit dem Gedanken an diese verdammte Seuche. Ich will Dir etwas

besseres erzählen. Und das ist, daß ich neulich Diderots Hausvater und

den Traktat über die dramatische Dichtkunst, der das Stück begleitet,

gelesen habe. O was ist dieser Diderot für ein verehrungswürdiger

Mann! Wie weicht sein Charakter, sein Geschmack, doch so ganz von dem

empfindungslosen französischen Geist ab! Was hat _Er_ für Fülle

des Herzens, für _alte_ Gutherzigkeit, für _alten_ Edelmuth,

(denn nach dem modernen Geschmack scheint das nicht recht zu seyn.)

Man sollte ihn, wäre sein Name nicht französisch, für einen Deutschen

oder Engländer halten. Erinnere Dich an die herrlichen Grundsätze,

Vorschläge und Aeußerungen, die in der Poetik vorkommen. Erinnere Dich

jener herrlichen Stellen, die mich vorzüglich entzückt haben, und die

so sehr für Dich als für mich schön seyn müssen!

Von Deiner Harzreise schreibst Du mir vielleicht künftig noch etwas.

Weißt Du denn schon, daß Bernhardi Dich bald vielleicht besuchen

dürfte? Aber rechne noch nicht sicher darauf; denn er hat mir gesagt,

daß er noch nicht gewiß wäre, ob es Zeit und Umstände erlaubten. Ich

rathe ihm sehr zu. Seine Freundschaft ist mir itzt viel, sehr viel

werth. Wir kennen uns itzt genauer als sonst, und sprechen sehr

vertraulich, ungleich vertraulicher als sonst. Wenn Du wüßtest, wie

sehr er Dich liebt! wie sehr er Deine ganze Gegenliebe verdient!

Rambach seh ich seltener. Er ist gewöhnlich, oder doch oft nicht

zu Hause, wenn ich ihn besuchen will. -- _Daß Du auf Michaelis

herkommst_, ist doch in höchstem Grade _wahrscheinlich_? --

um nicht mit einem: Gewiß, Dir Einwendungen, wider meinen Willen,

zu entlocken. Deine Schwester und ich wir trösten uns dadurch über

Deine Abwesenheit, wenn ich sie spreche. Soll ich Dich bey Dir

selber verklagen? Soll ich Dich nicht auffordern, an Deine liebe

gute Schwester und Deine Aeltern öfter und länger zu schreiben? Sie

würden sich sehr freuen, wenn Du es thätest. -- Dein Bruder ist ein

paarmal bey Bernhardi gewesen, der ihn zuerst wegen Deines Gesichts

und Gleichheit im Aeußern liebgewonnen hat. -- Ich lege einen Brief

von Deiner Schwester ein. Ich habe es ganz vergessen, es ihr eher

anzubieten.

Liebst Du mich, so antworte mir bald, damit unser Briefwechsel in

ordentlichem Schritte geht. Ich für mein Theil werde alles dazu

beytragen. -- Die Zeit vergeht mir jetzt schneller als jemals, und

deswegen werde ich verleitet, fast alle Tage schon an meine Abreise

aus Berlin zu denken. Sie wird mich Thränen kosten; und käm’ ich ohne

Freund auf eine 56 Meilen entfernte Universität, so würde ich mich gar

nicht wohl befinden.

Noch habe ich versäumt, Dir vom ~Père de Famille~ zu sagen, daß

meine Erwartung hier einmal wieder um ein kleines Haarbreit getäuscht

ist. Der natürliche Sohn von Diderot hat mich wegen der vielen schönen

Empfindung, die darin herrscht, zu heißen Thränen gerührt, und thut

dies bey wiederholtem Lesen gewiß immer. Den Hausvater find’ ich schön,

-- aber -- so innig habe ich nicht Antheil genommen, so lebhaft bin ich

lange nicht erschüttert, als bey jenem Stück. Liegt beim Hausvater die

Schönheit mehr im Plan? Vielleicht fühl’ ich sie bey wiederholtem Lesen

tiefer. Der Sohn, der Hausvater, und die Geliebte des erstern, sind

herrlich gezeichnet. Aber ich muß gestehn, was z. B. die Putzhändlerin

in der 1. Scene des 2. Akts thut, was diese ganze Scene wirken soll,

oder warum sie nothwendig war, sehe ich noch nicht ganz ein. Belehre

mich hierüber etwa einmal, wenn Du willst.

In der Hoffnung, Dich auf Michaelis hier zu sehn und baldige Antwort

von Dir zu erhalten, bin ich

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 201 / 310 题