_Berlin_, den 20ten März 41.
_Liebster Onkel_.
Ich bin überzeugt, Du wirst es nicht für Mangel an Theilnahme
halten, daß ich Dir bisher nicht geschrieben. Jeder hat seine Art zu
fühlen, und die meinige ist, daß mir in einem solchen Fall, der die
Natur bis in ihre geheimsten Tiefen durchschüttert, jedes, auch das
bestgemeinte, das innigste Wort so unbeschreiblich dürftig und arm
erscheint, daß ich eine gewisse Scheu habe, es auszusprechen. Und
was konnt’ ich vollends einem Manne wie Dir sagen, der dieses vor so
vielen andern auf seine Weise durcharbeiten muß! Von der Größe Deines
Schmerzes konnt ich mir aus dem, den ich empfand und noch empfinde,
eine Vorstellung machen, denn nach dem Tode des seeligen Vaters hat
kein Fall mich so erschüttert, als dieser. So muß das Gefühl sein,
wenn man eine unendlich geliebte Schwester verliert, denn es ist
mit Dorothee mir ein Wesen hingeschieden, was zu meinen geistigen
Lebenselementen gehörte und mir durchaus unersetzlich ist. Ich habe
ihr Todtenopfer auf meine Weise dadurch begangen, daß ich mir alle
die schönen Zeiten, welche ich in Deinem Hause von frühster Kindheit
mit ihr erlebt, auf das lebhafteste vergegenwärtigt habe. Ihr ganzes
Wesen, die wunderbare Einfachheit, Wahrheit und Schlichtheit, womit sie
sich über die tiefsten und zartesten Beziehungen des Lebens aussprach,
was ich immer am meisten an ihr bewunderte, ist mir dadurch auf das
Erquicklichste vor die Seele getreten. Nach einem solchen Verlust
müßen alle Deine Freunde sich enger und inniger an Dich anschließen,
und so fühle auch ich denn die reine Liebe, mit der ich Dir von ganzem
Herzen zugethan bin, liebster Freund, jetzt doppelt lebhaft. Du bist
mir von Kindesbeinen an mit Rath und That immer ein treuer Eckhart
gewesen. Es hat mich daher sehr beruhigt, daß Dein Schmerz sich bald
in Thränen hat Luft machen können. Sehr gefreut hat es mich aber,
daß Du den Blick in die Zukunft richtest, daß Du durch Umziehen und
Reisen ein neues Leben beginnen willst. Gewiß die rechte und einzige
Weise, um einen solchen Schlag in Deinen Jahren zu verwinden, wie die
Faßung dieser Entschlüße dafür bürgt, daß es Dir gelingen wird. Wie
unendlich leid thut es mir jetzt, daß die vielen Geschäfte, welche
der Regierungswechsel im vorigen Jahre mir zu Wege brachte, mich
verhindert haben, den alten, beglückenden Zustand als ein Glied Deiner
Familie noch einmal zu genießen! Mit Deinem Herkommen im Laufe dieses
Sommers, wird dafür ein Lieblingswunsch von mir in Erfüllung gehen.
Dein Aufenthalt in Sanssouci gestaltet sich jetzt sehr behaglich; an
dem Dich so sehr verehrenden Willisen wirst Du einen treuen und feinen
Vermittler in allen Deinen Beziehungen zum König und auch in allen
Dingen einen höchst practischen Beistand haben. Du kannst Dich ihm mit
dem unbedingtesten Vertrauen hingeben, da er einer der wenigen Menschen
ist, die durchaus zuverläßig sind. Wie freue ich mich darauf, Dir bei
der Schau des Museums alles möglichst bequem zu machen!
In meinen Arbeiten bin ich seit meiner Rückkunft aus Wien viel gestört
worden, indeß wird doch der erste Theil meines Reiseberichts, der
das Erzgebirge, die Städte in Franken, so wie Nördlingen und Augsburg
umfaßt, in diesem Frühjahr bei Brockhaus gedruckt werden können.
-- Seit vier Wochen leide ich so sehr an einem heftigen Anfall von
Hämorrhoiden, daß ich das Zimmer hüten muß und von Schmerzen und
schmaler Diät ganz matt bin.
Da außer Dir Schlegel, Schelling, Cornelius und die Grimms diesen
Sommer hier sein werden, wird hier ein recht lebhafter geistiger
Verkehr stattfinden. Nur den treuen Raumer wirst Du freilich immer sehr
vermißen.
Mit der Bitte der herzlichsten Grüße an die Gräfin, womit auch Blandine
die ihrigen für Dich und sie vereinigt in treuer Liebe