II.

_Ziebingen_, d. 30. März 1815.

_Lieber Gustav_.

Nimm meinen herzlichsten Glückwunsch an auf dem Wege zu Deiner neuen

Bestimmung. Gewiß wirst Du Dir einen neuen Muth zum Leben fassen und

immer mehr einsehn lernen, daß unser guter Wille eins und alles ist,

was wir bringen können, um zu erlangen, was wir erstreben. Darum

wirst Du auch gewiß Deine Aengstlichkeit verlieren und Deine Anlage

zur Heiterkeit wird sich immer mehr entwickeln. Du findest ja auch

Freunde in dem Orte Deiner Bestimmung, und ich hoffe, daß die Einlagen

Dir einigen Nutzen gewähren sollen. Meinst Du, daß ich Dir bei irgend

wem sonst noch helfen kann, so brauchst Du mir nur einen Wink darüber

zu geben, um mich bereitwillig zu finden. Vergiß ja niemals, daß die

Universitäten nicht dazu da sein können, den Gelehrten zu vollenden,

sondern nur um dem Studirenden den ganzen Apparat, alles Werkzeug,

alle Handhaben zu geben, damit er in Zukunft ein Gelehrter werde. Denn

nur zu oft geschieht es, daß ein junger Mann sich abängstigt, wenn er

sieht, wie viel ihm fehlt, wie vieles so manche seiner Lehrer schon

besitzen. Er übertreibt oft Arbeit und Anstrengung, um denen gleich

zu werden. Aber Umsicht soll er gewinnen, sich zurecht finden lernen,

Ordnung, Zusammenhang begreifen. Die Köpfe, die schon als Studenten

sich als wahre Gelehrte ankündigen und oft die schönsten Hoffnungen

erregen, haben nur selten diese Hoffnungen erfüllt. Man stürzt sich

auch gar zu leicht auf ein einseitiges Studium, gewinnt hier wirklich

Grund und Boden, und hat es in spätern Jahren dann um so schwerer, den

Zusammenhang wieder zu finden, den man über einseitiger Anstrengung

verfehlen mußte. Alle guten Köpfe müssen doch eigentlich Autodidacten

werden, nur nicht zu früh: Die Universität schlägt uns das Gesammte

der Wissenschaft wie ein Buch auf, damit wir in so weit uns und die

Gelehrsamkeit kennen lernen, zu sehen, wohin wir unsre Wünsche richten

möchten; wir ahnden dann, wo noch Dunkelheit, Lücke ist, die wir

erhellen oder ausfüllen möchten, sei’s im Einzelnen oder im Ganzen.

Schreibe mir doch ja von Zeit zu Zeit, und suche im Griechischen weiter

zu kommen.

An Raumer findest Du einen reichen und hellen Kopf; Hagen ist sehr

bewandert im Fach des Altdeutschen. Steffens kennst Du; nur, (unter

uns gesagt) laß Dich von der Philosophie nicht so reizen, daß sie Dir,

wie so vielen jungen Leuten, alle Zeit und Kräfte wegnimmt. Denn des

bösen Einflusses nicht zu gedenken, den eine solche Einseitigkeit auf

Gesinnung und Charakter meist hat, so vergiß nicht, daß man Philosophie

immer studiren kann und in reifern Jahren um so besser, daß man aber

nicht so die versäumten Sprachen, die gründliche Geschichte nachholen

kann. Doch übe Dich im Denken, weise nichts ab, was Dir Anfangs nicht

einleuchten will, sei aber wo möglich eben so wenig polemisch gegen,

wie anbetend und bekehrend für Deine Lehrer gestimmt. Logik besonders

haben die neuern Philosophen zu sehr vernachlässigt; sie ist die

Vorschule. Hast Du Dich geübt, so wird Dein Sinn Dich später schon auf

die Philosophie führen, die Dir die rechte ist, oder Du siehst ein,

daß Du kein Talent dazu hast. Denker sollen wir alle, aber nicht alle

Philosophen sein, so wenig wie Violinspieler. Sprachen, Geschichte,

Alterthümer, und wo möglich alles recht im Zusammenhang, das muß

Dein Haupt-Augenmerk sein, wenn Du noch die Absicht hast, keines der

eigentlichen Brodstudien zu erwählen.

Grüße vorerst Steffens und seine Frau, und Raumers recht herzlich von

mir, recht bald sollen sie auch einen Brief erhalten. Sei nur froh und

heiter, und erhalte Dich gesund.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 187 / 310 题