_Zibingen_, den 4. Febr. 1815.
_Mein liebster Gustav!_
Immer wieder von neuem erfreut mich Deine Liebe zu mir, und jedes Wort
von Deiner Hand thut mir wohl, nur schmerzt es mich zu hart, daß Dein
Gesundheitszustand so wenig ist, wie er sein sollte, daß Du schon seit
vier Monaten das Zimmer nicht hast verlassen können. Ich hoffe, mit
dem Frühjahr soll es Dir besser gehn. Dieser Winter ist ungesund, und
ich habe mich auch seit lange nicht wohl befunden, so daß auch meine
Arbeiten auf mancherlei Art sind unterbrochen worden. Es thut mir, wie
Dir leid, daß Du nicht nach Heidelberg gehen kannst, indessen mußt Du
Dir nicht schon vorher Deinen künftigen Aufenthalt in der Phantasie
zu sehr verleiden; Breslau hat schöne Denkmäler der Architectur,
merkwürdige Alterthümer, herrliche Bibliotheken, in denen sich wahre
Seltenheiten, auch treffliche Manuscripte befinden. Das Volk gefällt
mir eben so wenig, wie Dir, indessen leben doch viele ausgezeichnete
Menschen dort, wovon Dich viele, wie ich hoffe, gut und freundlich
aufnehmen werden: was ich Dir dort irgend nützlich sein kann, soll Dir
gewiß nicht fehlen, ich will Dir an v. d. Hagen einen Brief schicken,
den zweiten Raumer kennst Du durch den Bruder, doch werde ich noch
Deinetwegen an ihn schreiben. Du hast doch den Vortheil zum wenigsten,
daß Du bei Verwandten im Hause wohnen wirst, wo Du wie ein Sohn und
Bruder wirst sein können, und Dich nicht plötzlich in eine fremde ferne
Welt hinausgestoßen fühlen, was Einem in den jungen Jahren recht bange
thun kann. Vielleicht hast Du in der Zukunft doch noch Gelegenheit zu
reisen, vielleicht auch noch auf einer andern Universität zu studiren.
Hüte Dich nur, das ist das Wichtigste, vor der Hypochondrie, lerne
Dich ein, jede Stunde des Lebens zu genießen und froh zu sein; der
heitre Mensch lernt und denkt in einer Stunde mehr, als der trübe und
verstimmte in Wochen. Nur Heiterkeit bringt den wahren, gedeihlichen
Fleiß hervor. --
Es ist schön, daß Du so fleißig bist, ich hoffe, Du bist es nicht zu
sehr; nur, Liebster, hast Du denn auch gute Ausgaben der Classiker?
Denn das ist die Hauptsache, um sie in Deinen Jahren mit Nutzen zu
lesen. Vielleicht kann Dir Gustav Alberti damit aushelfen. Theile Dir
Deinen Tag etwas ein, und ermüde Dich nicht zu lange über einem und
demselben Buch. Lies ja auch Griechische Autoren, Plutarch, wenn Du
schon so weit bist, den Thucydides, und neben dem Homer den Sophocles.
Tacitus ist erst wahrhaft groß in seinen Annalen und der Geschichte.
Was Du mir vom Horaz und Virgil schreibst, begreife ich wohl. Ich habe
an mir selbst und an Mitschülern in der Jugend die Erfahrung gemacht,
daß diejenigen jungen Leute, die wirklichen Sinn für die Poesie
hatten, lange Zeit den Alten keinen Geschmack abgewinnen konnten.
Trifft es sich, wie es natürlich geht, daß wir unter den Neuern
Lieblinge antreffen, und uns irgend einen großen Dichter der neuern
Zeit befreunden, so werden dadurch leicht die größten Schönheiten des
Alterthums auf gewisse Weise verdunkelt, so daß uns erst späterhin
wieder der Sinn für diese aufgeht. Dazu kommt, daß die einfache,
rührende Größe des Alterthums erst recht einleuchtet, wenn wir vieles
in uns überwunden, durchlebt, Irrthümer erfahren und abgelegt haben.
Warum soll denn auch die Jugend das Interessante, Blendende, Sonderbare
nicht vorziehen dürfen? Doch laß Dich, mein Lieber, ja nicht in Deiner
Verehrung für den Cervantes irre machen, so ist es nicht gemeint, und
ich wünschte nur, Du könntest diesen großen Meister erst Spanisch
lesen, um ihn noch mehr zu verehren; studire nur recht den Shakspeare
und Goethe, und wohin Dich Deine Neigung führt, die bei Deinem wahrhaft
poetischen Gemüthe gewiß nichts Abgeschmacktes oder Unedles ergreifen
wird. Es kann ja auch sein, daß in Dir selber ein zukünftiger Dichter
schläft, und jemehr dies der Fall ist, je bestimmter und einseitiger
wirst Du vieles von Dir zurückstoßen und Dir andres gewaltsam aneignen:
die Universalität sollen wir in der Jugend, und vielleicht nie, haben;
ein frühzeitiges Streben danach erstickt Talent und Urtheil, und viele
neuere Schulen, die neben der Sprachgelehrsamkeit auch ästhetisch
hierin haben verfahren wollen, sind auf dem allerfalschesten Wege
gewesen. Alles, was ich aber hier gesagt habe, kann sich überhaupt
kaum auf die Römer beziehn, und ich theile hierüber nur Deine Gefühle,
denn genau zu sprechen, haben sie wohl keine Dichtkunst, wie keine
Kunst besessen; Herrschen, Reden, Geschichte schreiben, Krieg führen,
dies waren ihre Talente. Was sie an Poesie aufzuweisen haben (wenn
nicht das Alte, Einheimische untergegangen ist) ist auch nie national
geworden, wie bei den Griechen: was ist Plautus und Terenz anders, als
Uebertragung und Verderbung griechischer Vorbilder? Wie mögen die Verse
der griechischen Lyriker anders ausgesehen haben, als wir sie beim
Horaz wieder finden? Da, wo wir ihm auf der Spur sind, sehn wir den
Unterschied nur gar zu deutlich. Der originellste Dichter der Römer
ist nach meiner Meinung Ovid, nur ist er oft gering und klein; Catull
ist mir sehr lieb, und im Horaz seh ich den feinen, edlen Weltmann,
mich erheitert die Urbanität seiner Gesinnungen und mich reizt die
Eleganz seines Ausdrucks, aber wenn ich an große, an wahre Dichter
denke, ist er der Letzte, der mir in’s Gedächtniß kommt. Darum sind
auch seine Satyren eigentlich nur das Werk, von dem man als einem recht
eigenthümlichen sprechen kann. Welchen falschen Einfluß sein lustiger
Brief ~ad Pisones~, den man ~ars poetica~ hat nennen wollen,
auf die Bildung der neuern Welt gehabt hat, wird Dir wohl noch einmal
in Zukunft recht deutlich werden. Kann es eine unglücklichere Aufgabe
für einen Poeten geben, als überhaupt die Art des Landbaus beschreiben
zu wollen und zu lehren, oder gar wie es Virgil gethan hat? Das sind
die Gedichte, die nur entstehn können, wenn ein Volk Luxus genug hat,
um auch Dichter haben zu wollen, mißverstandenen Stolz genug, daß sie
lehrreich sein, und Verirrung aller Begriffe, Mangel an Kunst und
Enthusiasmus, daß sie sich mit gezwungener Künstlichkeit auf etwas
beziehen sollen. Wie sieht dagegen das unschuldige, aus dem Gemüth
geschriebene, aber freilich auch unpoetische alte Spruchgedicht des
Hesiodus aus! Ueberhaupt, Lieber, mache Dich nur mit frischem Muth an
die Griechen, und ich bin fest überzeugt, daß sie Dir einleuchten und
Dich begeistern werden, ohne daß deshalb Deiner zärtlichen Liebe für
die Neuern Eintrag geschieht.
Wie Du den Homer liebst, weiß ich; auswendig muß man ihn wissen, er ist
kein Dichter mehr, er ist Natur, Menschheit und Kunst selbst; kannst
Du zum Aeschylos und Sophocles gelangen, so studire sie, und auch
nachher den Pindar. Euripides ist eine höchst merkwürdige Zerbrechung
griechischer Kunstvollendung und mir darum sehr lieb und wahr, weil
er mir manche große Erscheinung der Neuern erklären hilft. Gegenüber
die großen Prosaiker Herodot, Thucydides und dann Plato, Aristoteles,
welche Namen! Der Theocrit wird Dir gewiß zusagen, um so weniger Dir
Geßner gefällt. Livius, Tacitus, alle Geschichtschreiber der Römer
studire fleißig und die lateinischen Dichter der Sprache, weniger des
Inhalts wegen. Die Philologie ist überhaupt eine Wissenschaft, in
der sich alles in einem herrlichen Zirkel vereinigt, und selbst das
Unbedeutende wichtig wird, weil es erklärt, etwas Wichtiges erhellt,
und so durch das ganze Studium Ein Leben geht. -- Erhalte Dich nur
gesund, halte gute Diät, bewege Dich im Freien, wenn das mildere Wetter
eintritt. Will Dich Melankolie überschleichen, so gedenke an den
Wechsel aller Dinge, den Untergang der Staaten und Herrscher, und übe
Dich, auch das Größte und Ernsteste im komischen Lichte zu sehen. --
Vielleicht findet sich im Frühjahr Gelegenheit, daß Du uns besuchst,
ich möchte noch mündlich über vielerlei Gegenstände mit Dir sprechen:
in Prag warst Du heiter, sei immer so; damals war die Lage der Welt
gewiß trostlos und Deine eigene nicht erfreulich zu nennen. --
Ich bin diesen Sommer acht Wochen in Berlin gewesen; die letzten drei
Wochen war Martins da, ich habe ihn aber nicht gesehen, ob ich ihm
gleich durch andre sagen ließ, wo ich wohnte. Das hat mir von dem
jungen Menschen nicht gefallen, gegen den ich doch, wie Du selbst
gesehen hast, in Prag so freundschaftlich und hülfreich gewesen bin,
wie ich es nur sein konnte. Ich hoffe, Wilhelm soll in seinem neuen
Berufe glücklich und zufrieden werden, ich wünsche ihm alles Glück.
Wenn ich glauben soll, daß Dir dieser lange Brief Freude und nicht
Verdruß gemacht hat, so antworte mir recht bald. Quäle Dich nur mit
Deiner Hand; glaube nur, es hat mich auch in Deinen Jahren viel Mühe
gekostet, deutlich zu schreiben. Dich umarmt