VIII.

_Berlin_, den 8t. Septbr. 1824.

Mittwoch vor Tisch. Sirocco-Wetter.

Keine Lust von keiner

Seite; zum Sterben.

In diesem Wetter komme ich so eben von Reimer. Er hat mir erlaubt,

daß Ihre Sewennen, Bogen vor Bogen in’s Französische dürfen übersetzt

werden, und mit dem deutschen Buche zu gleicher Zeit erscheinen

dürfen. Ihre Genehmegung zu erhalten, überlies er gerne mir. Ich

denke, ich habe sie schon. Wir haben hier einen jungen Freund bey

der Französischen Legation, der sehr gut deütsch weiß; es liebt und

pflegt; seine Sprache wie ein Engel schreibt; und _vortrefflichst_

übersetzt -- wie jetzt nur die beßten -- dieser junge Mann fühlt

sich gerüstet zu litterarischen Arbeiten: aber ein Buch zu verfassen

erschrikt ihn doch; so beichtete er uns diese Woche in einem langem

Gespräch, nach langer Lecture von Originalen, in beiden Sprachen,

und Uebersetzungen, die er uns mittheilte, kurtz -- im litterarischen

Gespräch. Er fragte um Rath und nach einem guten deütschen Werke: ich

hatte schon lange H. Kleist’s Erzählungen im Kopf. Varnhagen aber kam

den andern Morgen mit dem herrlichen Gedanken als Fund zu mir, Ihre

Sewennen übersetzen zu lassen. Der junge Mann kennt bis jetzt weder

Meister noch Werk. Er weiß nur, daß er Bogen vor Bogen erhält, und sein

Ehrenwort geben muß _absolut_ Niemanden davon zu sprechen, noch

zu zeigen!

Wollen Sie das? So lassen Sie mir baldigst ein Wort, nur ein Wort durch

meine Schwägrin, oder Agnes, oder Dorothee schreiben: und Sie sind so

ehrlich wie vorher; sagt man hier; wie Sie gewiß noch wissen. Könnte

mein Vorschlag wie ein gesunder Peitschen-Pfiff im frischen abendlichen

Jagdwald Ihren Pegasus ermuntern, und er Sie flugs ganz in die Sewennen

entführen! Und mit vielen Blättern beschwert käme er und Sie zu aller

Freunde Freude zurük! Fragen Sie einmal Robert wie vortrefflich unser

junger Franzose übersetzt! Soll ich nun dem Lebenskenner, dem Dichter,

der über alle schaltet und waltet, noch viele Worte machen? Von meinem

Leben sprechen? Er weiß was Einer leben kann, der noch nicht todt ist,

und von dem nicht das trivialste und höchste etwa, in den Zeitungen

berichtet wird. Die Lebensfunktionen müssen aber leidlicherweise

vor sich gehen können; aber solch ein Wetter behaupte ich, war noch

nicht. Naturforscher, Naturkenner und Beobachter werden Wunder davon

berichten, bin ich überzeügt. Der Erde _Befinden_ ist gestöhrt

durch ein fremdes Ereigniß, ihr bis jetzt fremdes und ich, wie

Hamlet, bin gebohren -- nicht -- sie wieder einzurenken; aber es zu

_empfinden_. Also wissen Sie auch wie ich mich befinde; trotz, daß

mein Körper endlich -- wie eine Seele ruhig seyn _wollte_, gesetzt

und gelassen wurde wie Pollonius unter der Treppe! --

Varnhagen weiß nicht, daß ich Ihnen schreibe: grüßt also tüchtig und

herzlich: Ich alle 4 Damen Ihres Hauses! Lassen Sie mich wissen ob auch

Sie das Wetter empfinden. Im Ganzen weiß ich von Ihrer aller Gesundheit.

Roberts gehn ab. Da ist nichts zu sagen, als es zu leiden. Das wäre

ganz genug? Nicht wahr? Gott bewahre! Man hat auch noch Vernunft: und

nun muß man dazu rathen. Und nun ist der Mensch fertig -- fertig da!

Wenn Sie je etwas auf mich gehalten haben, so lesen Sie ~Alfons, ou

l’Espagne~, von Salvandy.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 178 / 310 题