V.

_Berlin_, d. 30ten Juni 1847.

_Hochverehrtester Herr Geheimrath!_

Den von Ihnen gewünschten Brief Carlyle’s bin ich so frei hiebei

ergebenst zu überreichen; meine Nichte hat die Abschrift angefertigt,

ungemein erfreut, daß ihre Dankbarkeit Gelegenheit fände, sich mit

etwas zu beschäftigen, das Ihnen bestimmt wäre. Sollten Sie jedoch

wünschen, Carlyle´s eigne Handschrift daneben einzusehen, so steht

auch diese gern zu Diensten. Ueber Carlyle schrieb mir dieser Tage eine

Freundin aus England: „~Of the Carlyles I have seen more, and like

them the better after every visit; he ist the only original talker I

know now in England, -- he is more like _thinking aloud_ than

discoursing for the benefit of others, and the apparently unconscious

manner in which he rambles from one subject to another without the

least troubling his head about the fitness of it, -- is very curious to

listen to.~“ Dies stimmt mit allem, was ich sonst von ihm gehört,

bestens überein. --

Ich bin neulich sehr ungern von Ihnen weggegangen, -- ich mußte leider,

-- aber mit bewegter Seele und dankerfülltem Herzen! Ich hatte Sie so

lange nicht lesen hören, und mich dünkte ganz Neues und Ungehörtes zu

vernehmen. Das artige Lustspiel Goethe’s ist mir in Ihrem Vortrag erst

recht lebendig und klar geworden, und der Eindruck wird mir davon nie

wieder vergehen. Dieses sanfte Feuer, diese Stärke ohne Heftigkeit,

diese Macht des Maßes, wirken auf das Gemüth so wohlthuend wie die edle

reine Stimme lieblich auf das Ohr! --

Möge der Sommer Ihnen alle Annehmlichkeiten des Gartenlebens und jedes

frische Gedeihen gewähren! --

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 172 / 310 题