II.

_Berlin_, den 1. Juli 1836.

Durch Ihre freundliche Zuschrift, und durch die Art, wie Sie darin

von Rahel sprechen, haben Sie, Hochverehrter, mir die Seele wunderbar

angeregt! Denn ich bin wohl unempfindlich und hart genug gegen

Mißkennung und Tadel, aber darum nicht minder gerührt und erfreut durch

jede Gunst und Zustimmung, welche meinem Andenken an die geliebte

Freundin sich vereinbaren. Die Freundschaft und Achtung, welche Sie

für Rahel bekennen, ist mir wohlthuend; auf bedingte Einzelheiten der

Ansicht und des Urtheils kommt es hier nicht an. Lassen Sie mich auch

sogleich ausdrücken, daß Sie mich nicht umsonst als „verständigen

Freund“ sollen angeredet haben; ich darf Ihnen versichern, daß Antrieb

und Zweck wie Stimmung und Sinn Ihres Briefes mir ganz erklärlich

sind, und dieser bei mir eine gute Stätte findet. Möge davon das

Nachstehende, was ich, im Gedränge zwischen Unwohlsein und Abreise, nur

eben rasch zusammenfasse, Ihnen vorläufiges Zeugniß sein!

Zuvörderst eine Entschuldigung. Ich sandte Ihnen die erste Sammlung

der Rahel’schen Briefe, weil sie nicht im Buchhandel war, und ich

sie in Ihren Händen zu wissen wünschte. Die zweite Ausgabe, so gut

wie mein neustes Buch, bei denen zwar jener Umstand wegfiel, hätte

ich Ihnen nicht minder zugesandt; allein Frau von Arnim sagte mir

damals bei ihrer Rückkunft von Dresden, Sie hätten sich mißliebig und

feindlich über Rahel geäußert, und so fand ich es nicht gehörig, mit

solchen Zusendungen fortzufahren, die Ihnen unangenehm sein konnten.

Mißverstehen Sie, Hochverehrter, ich bitte Sie, dieses nicht! Ich

mache nicht den Anspruch, irgend ein Urtheil in seiner Freiheit zu

beschränken, ich kann jede Art und Ansicht und Meinung, die sich mir

nicht aufdrängt, vertragen, und wenn mich etwas in Aeußerungen verletzt,

so ist es eher das Allgemeine, als das nur Persönliche. Ich gebe meine

eignen Bücher nicht anders der Oeffentlichkeit hin, als wie man die

Geburts-, Heiraths- und Todesanzeigen in die Zeitungen wirft; Tausende

müssen diese Meldungen gelesen oder ungelesen hinnehmen, die vielleicht

nur sechs oder sieben Personen angehen, für diese aber sind sie.

Mancher findet vielleicht bei einer Todesanzeige nur Scherz und Lachen.

Immerhin! Jeder muß nach seinem Antheil und Sinne sich benehmen.

Ich habe Ihnen deshalb, weil ich Sie feindlich gegen Rahel glaubte,

keineswegs gegrollt, nur bisweilen mir die Bewandtniß zu erklären

gesucht. Mit inniger Freude erfahre ich nun von Ihnen, daß ich einen

Irrthum aufgenommen hatte, und bedaure nur, dadurch Ihnen abgewendeter,

als ich es wirklich war, erschienen zu sein.

Was nun Genelli betrifft, so habe ich ihn nie gesehen; nur von

ihm gehört durch Rahel’s, Marwitzens und Bernhardi’s von einander

unabhängige Erzählungen. Aber alles, was Sie von ihm sagen, ist mir

mit der Erscheinung, die er sich für jene zu geben gewußt, gar wohl

vereinbar. Hat er geschmäht und gelästert, wo er früher angebetet, --

es sei ihm verziehen! Wie ich es auch Gutzkow’n verzeihe, daß er das

mir theuerste Andenken auf brutale Weise berührt hat. Es thut mir nur

leid um ihn. Ich bin für Rahel, wie auch für mich selbst, in diesem

Betracht fest und sicher, und was die Leute sagen, kann ich sehr leicht

beruhen lassen. Lebte Rahel, so hätte ich allerdings die leiseste

Empfindlichkeit für sie, und ich würde manches nicht aussagen, andres

ernstlicher aufnehmen; aber so...! Die Lebenden will ich überhaupt

geschont wissen, und ich glaube, daß ich es meinerseits nur allzu sehr

gethan habe; in welchem Maße, könnte nur der beurtheilen, der einsähe,

was alles in meinen unendlichen Papieren ich zum Schweigen gebracht

habe! -- Freilich läßt sich im Druck nicht alles sagen, noch jedem

Mißverstand ausweichen; aber das läßt sich nirgends thun, und ist auch

kaum nöthig, wie die Welt nun grade einmal gemischt ist, wo alles

durcheinander keimt und blüht, und sich die Frucht oft da ansetzt, wo

man sie am wenigsten erwartete.

Die Möglichkeit, welche Sie mir zeigen, daß Sie mir noch einige Briefe

von Rahel hervorsuchen könnten, ist mir ein lieblicher Sonnenstrahl

aus Ihren Zeilen! Mir kann keine werthere Gabe zukommen. Ich beklage

sehr, daß von den Briefen Rahel’s an Burgsdorf und an Finkenstein

keine mehr zu finden sind; ich gäbe viel darum, grade diese zu haben,

oder auch nur zu lesen! Bleiben Sie, hinsichtlich der von Ihnen noch

aufzufindenden erstern, wenigstens meines eifrigsten Wunsches gütigst

eingedenk! Auch die Gelegenheit, welche Sie als möglich andeuten, zu

Rahel’s Briefen einmal mannigfache Erläuterungen und Berichtigungen

zu geben, würde ich gern herbeirufen, und das gewiß gewinnreiche

Ergebniß mit Freuden aufnehmen, wiewohl ich doch anmerken muß, das

vieles auch in meinen Papieren noch ganz andre Gestalt hat, als jetzt

im Gedruckten, und daß ich selber manches berichtigen, andres aber auch

umständlich belegen und erhärten kann, was Rücksichten nur obenhin oder

eingehüllt mitzutheilen geboten. Führt mich ein guter Stern einmal in

Ihre Nähe, so werde ich Sie hoffentlich überzeugen, daß mein Vertrauen

in diesen Dingen zu Ihnen ganz rückhaltlos sein kann, und ich würde

mich wahrhaft freuen, Ihre Prüfung zu bestehen und Ihren Rath zu

empfangen!

Verzeihen Sie dies eilige Blatt! Ich reise in acht Tagen nach Holland,

um Seebäder zu gebrauchen, und bin gestört und verwirrt durch die

Vorbereitungen, und durch die Uebel selbst, die ich bekämpfen soll!

Ich danke Ihnen wiederholt für Ihr werthvolles Schreiben, und wünsche

und erbitte eifrigst die Fortdauer Ihrer Wohlmeinung. Verleihe der

Himmel Ihnen die beste Sommerstärkung und jede Fülle des Guten. Mit

aufrichtigster Hochachtung und Ergebenheit verharr’ ich treulichst

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 166 / 310 题