I.

_Berlin_, den 29ten Februar 1832.

_Wohlgeborner Herr!_

_Hochzuverehrender Herr Hof-Rath!_

Anliegend habe ich die Ehre, Ihnen das Manuscript einiger Novellen zu

übersenden, welche ich des Nächsten herauszugeben gedenke. Aus inniger

Verehrung Ihres dichterischen Genius wünschte ich sie am liebsten Ihrem

Namen zu widmen. Mir hierzu die Erlaubniß zu erbitten, überschicke ich

sie Ihnen zur gefälligen Ansicht. Sie behandeln sämmtlich die Kunst in

ihren verschiedenen Formen, und der Grundgedanke einer Psychologie der

Kunst sollte das Werk zu einem Ganzen vereinigen. Leider aber ist mir

mit der Kopie der dritten Novelle, welche der Musik gewidmet ist, ein

Unglück widerfahren, und ich habe mich genöthigt gesehen, sie nochmals

dem Abschreiber zu übergeben. Da indessen Ostern nahe ist, und ich

mit der Herausgabe gedrängt bin, so wage ich es, Ihnen das Manuscript

in dieser unvollkommenen Gestalt zu übersenden, im Vertrauen auf Ihre

gütige Nachsicht und in dem Glauben, daß es Ihnen auch in dieser Form

genügen wird, um Sie auf den ersten Blick von dem Werth oder Unwerth

des Ganzen zu unterrichten. Dieselbe Eile zwingt mich aber auch zu der

gehorsamsten Bitte, mir es so bald als möglich zurückzuschicken. Dürfte

ich hierzu noch einen Wunsch aus eigner Brust hinzufügen, so würde ich

um ein wahres und unverhohlnes Urtheil von Ihrem Kennergeiste bitten --

bei Ihrer wenigen Muße wage ich dieß indessen kaum zu hoffen. --

Gewiß werden Sie die Dreistigkeit eines Unbekannten gern verzeihen,

da auch Sie vielleicht die Sehnsucht des jüngern Geistes kennen, dem

höheren, am Ziele stehenden Genius sich zu nähern. In der Hoffnung

auf Ihre Güte empfehle ich mich und meine poetischen Versuche Ihrem

Wohlwollen, und zeichne mich im Gefühle inniger, tiefer Verehrung

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 151 / 310 题