XII.

_Düsseldorf_, den 28. November 1846.

_Mein hochverehrter Freund!_

Der Dichter Emanuel Geibel, mit dem ich diesen Sommer in Marienbad

zusammengetroffen bin, hat mich gebeten, ihn bei Ihnen einzuführen oder

doch in Erinnerung zu bringen. Was sein entschiedenes und großes Talent

als Dichter angeht, das sich in den bereits erschienene sechs Auflagen

seiner Gedichte in immer steigender Fülle, Anmuth und Tiefe bewährt

hat, wird er keiner Empfehlung bei Ihnen bedürfen. Doch auch was seine

Persönlichkeit, seine Ansichten über Litteratur, Drama und Theater

betrifft, hoffe ich, daß er Ihnen in seiner frischen, selbstständigen,

im ächten Sinne freien Stellung gewiß zusagen wird. Er wandelt, keinem

der Vorschreier des Tages huldigend, ja ihnen zum Theile muthig den

Krieg erklärend, seinen eigenen Weg und ich werde der wenigen mit ihm

verlebten Tage immer mit der frohen Erinnerung gedenken, mich einmal

mit der Jugend der Zeit in einem ihrer besten Vertreter im Einklange

gefühlt zu haben.

Die schwermüthige Stimmung und Ansicht des Lebens, die in Ihren bei

Rücksendung der Briefe Dorotheens an mich gerichteten Zeilen herrscht,

hat mich nicht bloß gerührt, sondern wahrhaft erschüttert. Auch Sie,

der in so vollem Sinne in der Poesie „die heitre Wissenschaft“ gefunden

haben, am Schlusse des Lebens von so dunklem Flore umfangen! Ich wage

es nicht, diese Saite (besonders hier, wo es doch nur oberflächlich

geschehen könnte) weiter zu berühren. Meines tiefsten Antheiles und

wohlwollendsten Verständnisses sind Sie ja auch ohne Versicherung

gewiß. Ihre Zeilen habe ich jenen theuern Briefen, gleichsam als

das Schlußwort derselben, beigefügt; sie sollen miteinander bewahrt

bleiben.

Empfangen Sie, mein hochverehrter Freund, meinen innigsten Glückwunsch

zu Ihrer Genesung, die ich zu meiner Freude in demselben Zeitungsblatte

gemeldet fand, wo mir die erste Nachricht von Ihrem Erkranken bei

Gelegenheit der gebrauchten Weintraubenkur wurde. Möchte diese Kur

trotz der bösen Störung wenigstens nachträglich die gewünschten Früchte

getragen haben. Mit mir geht es in Folge meiner Badekur in Marienbad

und einer ebenfalls später gebrauchten Weintraubenkur ganz leidlich;

doch bin ich noch immer angewiesen, die besten Erfolge erst von der

Zukunft zu hoffen.

Mit der freudigen Hoffnung auf ein durch beiderseitiges besseres

Befinden erheitertes Wiedersehen im nächsten Herbste und der Bitte,

mich der Frau Gräfin, so wir Raumer, Waagen und allen Freunden

angelegentlichst zu empfehlen

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 149 / 310 题