_Düsseldorf_, den 15. May 1832.
_Mein theuerster, hochverehrter Freund!_
Es ist sehr unrecht von mir, daß ich nicht schon längst gegen
Sie selbst meinen innigen Dank für die außerordentliche Güte und
Freundschaft, die Sie in letzter Zeit für mich bewiesen, ausgesprochen
habe, -- aber aus meinen Briefen an unsre theure Dorothea werden Sie
wenigstens ersehen haben, daß ein Mangel des Gefühls nicht die Ursache
davon war. Ich gestehe, daß ohne Ihr Versprechen, die Rosamunde
herauszugeben, die Dresdner Geschichte doch am Ende etwas ungünstig auf
mich und meine Stimmung gewirkt haben möchte. Denn schwerlich würde
ich unter den obwaltenden Umständen einen Buchhändler gefunden haben
und bloß für mein Pult zu dichten ist eine Aussicht, die nicht sehr
ermuntern kann. -- Die Verbesserungen in dem beyfolgenden Manuscript
betreffen nur Sprache und Versbau, ich hoffe aber doch, daß sie nicht
ohne günstige Wirkung für das Ganze sind. Fast keine derselben ist in
den letzten Tagen und in Eile gemacht, die bey weitem meisten haben
schon die Prüfung einer gewissen Zeit überstanden. Doch bleiben Sie,
wie sich von selbst versteht, oberster Herr und Richter, wenn ich auch
eine gewisse Vorliebe für die übersendete Bearbeitung letzter Hand
nicht verhehlen kann. Vor einigen Wochen war Freund Löbell hier, dem
ich am Rheine viel näher gekommen bin, als in Berlin und den ich in
jeder Hinsicht sehr hoch halte. Er vertheidigt, wie Sie wissen, die
strengste Unterordnung der dramatischen Poesie unter die Gedichte
oder vielmehr die Einheit von beyden, -- ihm gegenüber will Immermann
der Willkühr des Dichters fast gar keine Schranken setzen lassen. Ich
selbst repräsentire bey den darüber entstehenden Streitigkeiten eine
Art von ~Juste milieu~ und schmeichle mir im Geheimen, Sie, wenn
ich mich einmal recht gegen Sie aussprechen könnte, auf meiner Seite
zu haben. Auf der einen Seite kann ich nicht zugeben, wie Immermann
meint, daß der Dichter mit seinem Stoffe wie ein Russe mit seinen
Leibeignen schalten dürfe -- von der andern Seite muß ich aber darauf
bestehen, daß wenn er wie Jakob um die schöne Rahel sieben Jahre
gedient, dann die Reihe an ihn komme, Herr im Hause zu seyn. Aber, wie
gesagt, er muß erst _dienen_. -- -- Mit meinen Verhältnissen hier
bin ich übrigens noch fortdauernd sehr zufrieden und das Schicksal
hätte mich für meine Art zu seyn und da ich nun einmal am großen
Staatskarren mit ziehen muß, nicht günstiger stellen können. Wie
glücklich würde es uns Alle machen, Sie einmal in unsrer Mitte zu sehn
und auch Ihnen denke ich sollte es bey uns gefallen. Es ist eine wahre
Freude, jezt unsre Akademie zu betreten und man darf die schönsten
Hoffnungen darauf gründen. Auf Schadow selbst hat zwar, nach meiner
Meynung, die Italienische Reise und die Auffrischung früherer religiös
künstlerischer Eindrücke und noch mehr der Aufenthalt Overbecks hier,
nicht günstig gewirkt und ihn an seinem eignen Werke irre gemacht. Er
schien sich wie ein Abtrünniger vorzukommen, der früher von Rom als
Kunstapostel ausgesandt das Himmelreich vergessen und der Eitelkeit
der Welt gefröhnt, mit andern Worten statt einer Madonnen- eine
Genremalerschule gestiftet habe. Doch wird sich das Alles wohl ins
Gleichgewicht setzen. Wenn ich meine Ansicht über unsre neueste Kunst
aussprechen darf, so möchte ich sagen, daß wie die alte große Kunst
aus einem gemeinsamen Volksgefühle hervorging, an dem der Einzelne,
so verschieden davon seine individuellen Gefühle und Ansichten seyn
mochten, doch mehr oder weniger theilnahm, so jene neueste Kunst
durchaus auf dem individuellsten Gefühle und seiner intensiven Kraft
beruht. Die Folge davon ist, daß im Mittelalter auch der weniger fromme
Maler religiöse Gegenstände mit Glück und ich möchte sagen Unschuld
malen konnte, während ich in jetziger Zeit die Hoffnung Schadows, einen
Künstler wie Lessing (der in seinen besten Sachen manche Aehnlichkeit
mit Lord Byron hat) noch einmal Madonnen malen zu sehn, beinahe unter
die Verkehrtheiten rechnen muß.
Tausend Grüße an die theuern Ihrigen, besonders Freundin Dorothea. Wenn
es mir irgend möglich ist, sehen Sie im Herbst