VI.

_Berlin_, 3. März 1827.

_Mein theuerster hochverehrter Freund!_

Sobald ich Ihren Brief erhalten hatte, bin ich sogleich zum Grafen

Brühl gegangen und habe gebeten, die Aufführung meines Ehrenschwerdtes,

die zum April festgesetzt war, bis zum nächsten Winter aufzuschieben.

Im Mai oder Juni denke ich nach Dresden zu kommen und Ihnen ein neues

Ehrenschwerdt vorzulegen, das bis dahin wohl seine Vollendung erhalten

wird. Seit dem Augenblicke, daß ich Ihnen meine, ich möchte es gern

Skizze nennen, schickte, habe ich nicht aufgehört, zu überarbeiten

und sorgfältiger auszuarbeiten. Aber ohne Ihren liebevollen Zuruf

wäre doch nichts rechtes daraus geworden. Der hat mich im Innersten

aufgewühlt und mir die Kraft gegeben, die Bande, die man sich durch

eine verfehlte erste Bearbeitung immer auflegt, zu zersprengen und

in wiedererrungener Freiheit ganz neues Werk zu dichten, bei dem ich

aber von dem ältern vieles zu brauchen denke. Warum ich mich nicht

entschließen kann, die Scene von Nürnberg wegzulegen, werde ich Ihnen

mündlich vortragen, doch hoffe ich einen großartigern Hintergrund zu

gewinnen, indem ich die demokratische Richtung der _Zünfte_ gegen

die adligen Stadtgeschlechter, die sich ungefähr um diese Zeit in fast

allen Reichsstädten offenbarte, als historisches Motiv benutze. Ich

werde die Bürger, in deren Schilderung mich das Beispiel Shakespeares

leitete, edler und wichtiger nehmen, den Rudolf Welfinger aber, wie

jetzt, bloß sein _eignes_ Recht, ohne Rücksicht auf politische

Zwecke verfolgen lassen. Aber ich fühle, daß ich mir mehr schade, indem

ich Ihnen das so trocken hinschreibe, und verspare lieber Alles auf

mündliche Unterredung, bis zu welcher ich schon, wie ein Kind, die

Stunden zähle.

Wie tief mich der Ton Ihres Briefes gerührt hat, mein väterlicher,

hochverehrter Freund, soll Ihnen der Eifer beweisen, mit dem ich mich

bestreben werde, mich dieses Briefes würdig zu zeigen. Der Schauspieler

Krüger hat mich gebeten, ihm einen Brief an Sie mitzugeben, und ich

werde wohl genöthigt sein, die Farben etwas stärker aufzutragen, da ich

nicht weiß, was er damit anfangen kann.

Empfehlen Sie mich, mein gütiger, liebevoller Meister und Freund, der

Frau Gräfin von Finkenstein zu Gnaden, so wie allen theuern Ihrigen auf

das herzlichste.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 138 / 310 题