I.

_Berlin_, 13. Mai 29.

(Schloßfreiheit No. 1.)

Es mag Ihnen seltsam erscheinen, hochgeehrtester Herr Hofrath,

beim Rückblick auf ein halbes Jahrhundert des lebendigsten und

mächtigsten Wirkens, mit einem Male von drei zum Theil nur durch

frühe unzulängliche Versuche, zum Theil noch gar nicht bekannten

jungen Männern, sich aufgefodert zu sehen zur Theilnahme an einer

literarischen Unternehmung. So oft ich aber auch mich gefragt habe,

ob ich wohl wagen dürfe Ew. Wohlgeboren im eignen und der Freunde

Namen anzugehn um einen Beitrag zu unserem für 1830 unternommenen

Musen-Almanach, so war immer die innere Antwort, daß ich mir es doch

nimmermehr verzeihen könnte, die Anfrage unterlassen zu haben; und

ich fühle, selbst ein gescheiterter Versuch würde künftig weniger

schmerzen als das Unterlassen, wobei doch stets der innre Vorwurf des

„Vielleicht?“ geblieben wäre.

Zu wohl weiß ich, daß auf Sie, den unbestechlichen Richter, den im

vertrautesten Umgange mit dem höchsten Genius lebenden Dichter, Namen

nicht als Ueberredungsmittel wirken; sonst könnte ich Ihnen die der

geehrtesten hier lebenden ältern Dichter nennen, deren jeder einen

Beitrag zu unsrer Unternehmung gegeben. Daß es aber nicht äußere

Bedürftigkeit ist -- denn nicht an Masse fehlt es uns -- sondern ein

unabweisbarer innerer Drang, der mich zu Ihnen führte, und daß ich

versprechen darf, spätestens nach neun bis zehn Monaten den ersten

Theil eines größeren Werkes, woran ich seit nunmehr fünf Jahren mit

ganzer Hingebung und Freudigkeit arbeite, in Ihre Hände zu legen, das

erhöhet meine Zuversicht, wozu dann auch das freudige Bewußtseyn von

der Tüchtigkeit in Kraft und Streben der beiden schon seit längerer

Zeit mir innig befreundeten und zum gegenwärtigen Zweck mit mir

verbundnen jungen Männer, Moritz Veit und Carl Werder, ermuthigend

hinzutritt.

Und so will ich denn mit Ueberwindung aller Besorgniß, nur den einen

Gesichtspunkt im Auge, daß ein so hoch geehrter Name uns nicht fehlen

möchte, mit der inständigen Bitte mich an Sie wenden, hochgeehrtester

Herr Hofrath, uns nicht ungern Ihren Beitrag gewähren zu wollen;

jedes, auch das kleinste Gedicht, ein Klang, ein Epigramm, von Ihnen

ausgehend, ist willkommen als ein schöner Schmuck des Ganzen.

Und so scheide ich denn in der frohen Hoffnung nicht vergebens mich an

Ew. Wohlgeboren gewendet zu haben, und mit der Bitte, einer geneigten

Antwort wo möglich bis zum Ende des Junius entgegen sehn zu dürfen,

als Ew. Wohlgeboren mit vorzüglicher Hochachtung verharrender

ganz ergebenster

_Heinrich Stieglitz_.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 117 / 310 题