_Berlin_, den 3. Julii 33.
_Lieber Tieck!_
Auf Deinen freundlichen Brief, der mir viele Freude gemacht hat, muß
ich Dich doch, wenn auch nur mit einige Zeilen antworten. Das Fest
war mir höchst angenehm und ich habe mir allerdings aus Gründen,
die Du gewiß nicht verkennen wirst, angebothen Deine Gesundheit
auszubringen. Da die Versammlung sehr zahlreich und ausgezeichnet war
und eine größere Anzahl durch den beschränkten Raum ausgeschlossen,
sich gemeldet hatte, so hast Du hier in Deiner Geburtsstadt eine laut
ausgesprochene Anerkennung erhalten, die Dir nicht unangenehm seyn kann
und da es darauf ankam _diese_ zu veranlassen; so kann es Dir
gleichgültig seyn, wenn _wir_ uns ein wenig prostituirten.
Du wünscht den Inhalt meiner kleinen Rede zu erfahren. Was ich
_wollte_ war folgendes: Ich wünschte auf den großen und
ausgebreiteten Wirkungskreis eines bedeutenden Dichterlebens aufmerksam
zu machen. So wollte ich die Belebung der Mährchenwelt erwähnen, und
wie, aus einen wahren Naturgrund, durch diese, die Mythenwelt in einem
jeden Gemüth wieder hervorrücke, nicht blos als ein abgetrocknetes
Exemplar der geschichtsforschenden Herbarien, vielmehr lebendig und
productiv, wie sie die hohle Lüge der Erziehung, wenn auch nicht ganz
überwand, doch verdrängte -- wie sie die alte Mythenwelt verständlich
machte, der Geschichte der deutschen Poesie Bedeutung gab, einen neuen
Zweig der Gelehrsamkeit, kaum dürftig angefangen, in allen Richtungen
belebte und ausbreitete, in die Forschungen der frühern Geschichte
der Deutschen eingriff und so, was durch Dich angeregt war, eine
ausgedehnte geschichtliche Bedeutung gab. Die Menge der Schauspieler
und Schauspielerinnen, die zugegen waren, was mir freilich in einer
Rücksicht erfreulich war, verhinderte mich auf eine entschiedene Weise
zu erwähnen, wie Dein Lehnsessel das einzige übriggebliebene Theater
in Deutschland wäre, welches bereichert durch Goethe -- Calderon --
Shakspeare -- Holberg -- an die schöne verschwundene Zeit erinnerte.
Ich nannte ihm aber nur Deine Kritik und Deinen Shakspeare und nun
noch Manches -- Wie Deine Novellen, was uns ängstigt und quält und in
Verzerrungen mancherley Art krankhaft ausartet in der heitern Mitte
der Dichtung ausgleichen wie Dein Prosa -- aus dem Metrum erzeugt --
den klaren Rythmus durchscheinen läßt, der reine Erguß, das „~apte
dicere~“ das einfachste und klarste, als das höchste festhält und
alle Manier verbannend, wohl erzeugend wirkt auf jeden Empfänglichen,
aber nie nachgeahmt werden kann, wie Deine Person, mächtig, wie Deine
Schriften, durch die Gastfreiheit und den freundlichen Zutritt, die
Du der Jugend verstattest, in weiten Kreisen thätig war, wie keiner
in Deiner Nähe traht, der nicht durch Dich erregt, befruchtet, Dich
wieder verließ, wie viele Deiner Ideen, wissentlich und ohne Wissen,
gut oder schlecht, immer merkwürdig und reich, wenn auch nie das was
gewesen wären, wenn Du sie ausgesprochen hättest -- seit so vielen
Jahren, in so vielen Schriften -- in weiten Kreisen ausgebreitet sind,
und selbst in den geselligen eingedrungen auf den Ton der geistigen
Unterhaltung einen bedeutenden Einfluß gehabt haben. Ich habe dieses
Alles gesagt -- und mehr -- aber meine Rede taugte nicht. Ich muß
freilich frey sprechen, wenn ich erträglich sprechen soll. -- Aber der
Gegenstand muß mich ganz durchdringen -- in bestimmten Umrissen, in
sicherer Gestaltung mir vorschweben. So aber war Allerlei vorangegangen
-- Du hast das Zeug von den eingesalzenen Heering gelesen -- denn es
ist gedruckt und als nun die Bühnenhelden und Grazien diesseits und
jenseits der Spree die Romanze und ihre hingehauchte Begleitung mit
plumpen Zungen zertrampelten, trat ich völlig zerstreut auf -- und
sagte zwar Alles, aber nicht so, daß das früher Gedachte ein neues
Leben erhielt, wie ich es sonst wohl vermag, vielmehr mit großer
Anstrengung, als eine dunkle Erinnerung. --[6]
Nur noch dieses. Was ich jetzt that würde ich, zu jeder _frühern_
Zeit grade _so_ und unter günstigern Umständen, _viel besser_
gethan haben. Ich bin -- was man so nennt -- _böse_ gewesen --
weil ich unzufrieden war, weil Du mich _entschieden_ mißverstanden
hast und weil Dein _erstes_ öffentliches Wort über mich -- eben
dieses Mißverstandene laut werden ließ und die ganze Heerde der
Gemeinheit nun sich mit Dir verbunden glaubte. -- Ich sprach das, wie
ich pflege, heftig und wenn Du willst, übertrieben aus. -- Aber nicht
bloß solche Sachen, die für heute und morgen sind, gelten mir nichts,
auch was man Literatur nennt, und wir leider wohl auch so nennen müssen
-- gilt mir in Innersten nichts -- wo die Geschichte, der Geist, die
unsterbliche Persönlichkeit allein das Recht haben zu reden. Hast Du,
weil ich einmahl die Sprache einer Gemeinde führte, ein andermal ein
Confession schrieb, weil mir die Religion -- eben _Religion_ ist
-- _alles_ -- oder _nichts_, geglaubt daß diese nach allen
Richtungen reinigende, keine ausschließende Persönlichkeit in mir nach
einer dummen Ecke hingeschleppt sey, und da so zusammengepreßt, daß ihr
der Geist aus der Brust entschlüpfte -- so kann ich das nur bedauern,
aber es kann nichts ändern in meiner Ansicht von Deiner Person, denn
eben, daß ich das Unveränderliche in Dir erkannte hat mich an Dich
gefesselt.
Es ist glaube ich gut -- daß dieses ausgesprochen ist -- ehe wir uns
sehen. Es hat mich innig gerührt, daß Du den scheinbaren Zwiespalt so
ernsthaft genommen hast -- Dein Zorn war doch Liebe und ich muß Dir
doch wichtiger seyn, als Deine öffentliche Aeußerungen errathen lassen.
-- Verständigen werden wir uns gewiß und mit Gottes Hülfe sehen wir uns
im Herbst.
Grüß Deine Frau, Dorothea und Agnes und die Gräfin Henriette von mir
und meine Frau und Tochter.