XV.

_Berlin_, d. 6t. Octbr. 27.

_Lieber Tieck!_

Nachdem ich Dir solange nicht geschrieben habe, nehme ich die

Gelegenheit wahr, indem ich Dir einen jungen Mann empfehle, dessen

Bekanntschaft Dir ohne allen Zweifel sehr angenehm seyn wird. Es ist

Hr. Ampère aus Paris, der eine sehr genaue Bekanntschaft unserer ganzen

Literatur besizt, und sich ihr mit großer Neigung, ja mit Leidenschaft

widmet. Er wird, wie ich denke, Dir schon bekannt seyn.

Ueber dasjenige, was uns -- hoffentlich doch nur scheinbar -- in der

letzten Zeit getrennt hat -- schreibe ich Dir jetzt nicht. Daß eine

solche Aeußerung die erste war, die von Deiner Seite über mich laut

ward, mir nicht angenehm seyn konnte, doch, besonders was meine Ansicht

der Religion betrifft, ein seltsames, mir völlig unbegreifliches

Mißverständniß von Deiner Seite stattfand, und daß, besonders in

Breslau, Dummheit und moderne Verfolgungssucht, als Deine Kritik

erschien, triumphirend über mich herfiel -- ist leider nur zu gewiß.

Indessen gehören Dinge der Art, wie man sie auch betrachten mag

-- zu den vorübergehenden Erscheinungen des Lebens und dürfen das

Unveränderliche, was allein einen Werth hat, Freundschaft und Vertrauen

nicht berühren. Daß ich Tadel verdiente, weiß ich sehr wohl -- Genug

davon.

Ich behalte Dich und die Deinigen unveränderlich lieb, wenn ich auch,

wenn diese Seite berührt wird, manchmahl, nach meiner, eben nicht

lobenswerthen Art, in einer Art von Wuth gerathe und das albernste Zeug

mit bewunderungswürdiger Beredsamkeit schwazte.

Grüß alle -- vor Allem Dorothea, die sich meiner so freundlich erinnert

hat.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 105 / 310 题