_Breslau_, d. 9t. Juni 1822.
_Lieber Tieck!_
Ich schreibe Dir wieder ein paar Zeilen durch einen Freund. Es ist der
~Dr.~ Loebell, der Dich schon aus Heidelberg kennt. Es ist ein
sehr gescheuter Mensch und wirklich gründlicher Geschichtsforscher.
Ueber mein Leben und Verhältniß kann er Dir Vieles mittheilen, denn er
gehört seit 8 Jahren zu meinem vertrautesten Umgang. Er ist genöthigt
Preußen zu verlassen und eine, freilich äußerlich günstige Lage als
Redacteur des Conversationsblattes anzunehmen, um leben zu können.
Obgleich man ihm, als ein kenntnißreichen und vielfältig gebildeten
Mann kennt und schäzt, kann er dennoch keine Anstellung hier erwarten,
nicht etwa wegen demagogischer Gesinnung, vielmehr umgekehrt, weil
das demagogische Consistorium hier, während Untersuchungen gegen ihre
Umtriebe, Cabinetsordre die dem Minister eine unerhört willkührliche
Gewalt giebt, sich jagen, allein alle Stellen vergiebt und das
Ministerium trozt. -- Eine Verwirrung die einen verrückt machen kann.
Von Berlin ist keine Antwort auf unsern Antrag Dich hier anzustellen
gekommen. Loebell weiß von Allem und kann Dich über alle hiesige
Verhältnisse völlig orientiren. So auch über die Lage des Theaters.
Vertrauen verdient er durchaus.
Grüß die Gräfin Henriette, Deine Frau, Dorothea, Agnes. -- Könnte ich
Euch nur besuchen! Vier Monathe dauert das unglückliche Rectorat noch.