_Breslau_, d. 3. Sept. 1819.
_Lieber Tieck_.
Indem ein tüchtiger und braver junger Mann, Doctor Müller, der als
Professor der griechisch-römischen Archäologie nach Göttingen geht,
vorher sich aber einige Wochen in Dresden aufhalten will, verreist,
dachte ich Dir recht Vieles zu schreiben. Was soll ich aber machen? Die
Zeit läuft so schnell, daß sie den Athem verliert, sie stolpert über
ihre eigne unnüze Thaten, die sie immer wegwerfen muß, wenn sie kaum
fertig sind, daher kann sie kaum zu Worte, viel weniger zu Gedanken
kommen. -- Und ich werde nur mit gehezt, weil ich mir mit der albernen
Dirne gemein gemacht habe. Mir macht es freilich Spaß, wenn das Volk
schreiet wie besessen, besonders ergözt mir ihr Anathema. -- Aber
etwas schreiben und darstellen für einen Freund in einen Brief, das
ist unmöglich. -- Du bist jezt in Dresden und gebe Gott, Du bliebst
noch ein Jahr da, dann hoffe ich gewiß hinzukommen. -- Der Ueberbringer
aber ist ein junger Mensch, der mich recht beschämt hat, denn vor 5
Jahren war er noch ein hoffnungsvoller Primaner. In der Zeit wohne ich
in derselben Stube, sitze auf dieselben Stühle, ja schnaube die Nase in
dieselben Schnupftücher und weiß recht gut, wie ich alle Jahre dümmer
geworden bin und mehr und mehr verlernt habe, und in der Zeit ist der
junge Mann -- immer unter meinen Augen -- nur ein Jahr in Berlin, immer
gelehrter, immer kenntnißreicher geworden, und die Kenntnisse und die
Gelehrsamkeit sind am Ende bis ins Unermeßliche angeschwollen, daß
ein Professor in Göttingen hat aus ihm werden können, was mir ganz
ungeheuer vorkömmt. So ein Göttinger Professor kömmt mir wie ein alter
Rector vor, ich fühle mich gegen ihn wie ein Junge, der seine Lection
nicht weiß. -- Du wirst Deine Freude haben an dem jungen Mann, der so
Vieles in so kurzer Zeit gethan und gelernt hat.
Ich bitte Dich, Gräfin Henriette, Deine Frau und Kinder zu grüßen, ich
lebe in der That in der Hoffnung, Dich und den guten Waagen in Dresden
zu sehen.