_Breslau_, d. 11. September 1814.
_Lieber Tieck!_
Seit ich aus dem Kriege bin, habe wenigstens ein halb Duzend Briefe an
Dich vollkommen fertig, die unter sich wenig Aehnlichkeit haben mögen
-- Du wirst aber schwerlich eins davon jemals erhalten, denn keine
Zeile ist von allen diesen Briefen niedergeschrieben, und ich kann
mir sogar leicht denken, daß wir lange Zeit zusammenleben könnten,
ohne daß Du eine Sylbe davon erführst, so angelegentlich es mir auch
schien, grade Dir das mitzutheilen, was mich in solchen Momenten
lebhaft beschäftigte. Und so mag der Zufall auch über den Innhalt
dieses Briefes walten -- denn wozu hülfe die Ueberlegung? -- Wenn man
ununterbrochen in einer Reihe von Jahren in Verbindung geblieben, so
führt ein jeder Moment eine bestimmte Richtung des Daseins herbei, den
man nur zu ergreifen braucht, um Inhalt und Form der Unterhaltung zu
finden.
Aber Du warst mir, durch Schriften und Leben vor langer Zeit überaus
wichtig. So deutlich wie auch die alten Töne mir vorschweben, und was
wir sprachen, uns dachten und träumten, so hat sich doch seitdem so
manches zugetragen, und mich unruhig, oft in wilder Bewegung in so
viele, entfernte Regionen des innern und äußern Lebens hingerissen,
daß die Faden der bestimmten Unterhaltung alle zerrissen sind, und
nur ein allgemeines, unendliches Sehnen, welches eben nichts faßt,
nichts Bestimmtes, weil es das ganze grundlose Dasein, in allen seinen
Richtungen, dem alten treuen Freunde hingeben möchte -- übrig geblieben
ist. --
Es war eine wunderliche, ahndungsvolle Zeit, in welcher ich Deine
erste Bekanntschaft machte. Aus einem fernen Lande, früh schon durch
große Hofnungen und sonderbare Wünsche getrieben, fand ich mich in
der Mitte vieler bedeutender Männer, die mich gern aufnahmen, und mit
einem großen kindlichen, recht eigentlich absichtslosen Muthwillen ließ
ich alle meine Gedanken und Anschauungen, geschenkte und eigene ein
loses, leichtes Spiel treiben. Ich denke oft mit inniger Freude daran,
und diese Zeit, die mir an Liebe, Freundschaft, geistiger Anregung
mancherlei Art so reich war, erscheint mir immer als die Blüthezeit
meines Lebens. Was Du mir, wie so vielen, damals wardst, das weist Du
-- denn so verschieden unser äußeres Dasein auch erscheint, so stimme
ich dennoch innerlich mehr mit Dir überein, als mit irgend einem
andern, und nachdem die vielen Stüzen, die man mir als Systeme reichte,
und die ich gutwillig annahm, und eine Zeitlang benuzte, nun alle in
der Ecke gestellt sind, -- trat das freiere und dennoch gebundenere
innere Leben freudiger hervor.
So gewiß, wie es ist, daß die Zeit, in welcher Goethe und Fichte und
Schelling, und die Schlegel, Du, Novalis, Ritter und ich, uns alle
vereinigt träumten, reich an Keime mancherlei Art waren, so lag dennoch
etwas ruchloses im Ganzen. Ein geistiger Babelsthurm sollte errichtet
werden, den alle Geister aus der Ferne erkennen sollten. Aber die
Sprachverwirrung begrub dieses Werk des Hochmuth unter seine eigene
Trümmer -- Bist du der, mit dem ich mich vereinigt träumte? fragte
einer den andern -- Ich kenne deine Gesichtszüge nicht mehr, deine
Worte sind mir unverständlich, -- und ein jeder trennte sich in den
entgegengesetztesten Weltgegenden -- die meisten mit dem Wahnsinn, den
Babelthurm dennoch auf eigene Weise zu bauen.
Dann kam der politische Druck und riß mich zum Haß und Wiederstreben
hin in einer Reihe von Jahren. Nun ist der riesenhafte Dämon
verschwunden, der mich so lange leidenschaftlich gegen sich wafnete,
wie das geistige Riesenbild, welches mich mit so unsäglichen
Versprechungen lockte -- und es liegt nun alles da, wie ein
verschwundener Traum. --
Was wären wir, wenn nach einem solchen Traum, uns nichts übrig bliebe,
als ein nüchternes Erwachen? ein Dünkel, der sich eben mit seiner
Leerheit brüstet, als mit einem neuerworbenen, und ganz eigenen
wunderbaren Schaz, dessen Werth zu schäzen nur den erfahrenen vergönnt
ist. --
Aber Gottlob! ein Jeder Mensch ist, wie der erste, im Paradies geboren,
in seinem Paradies, seine Natur. Ja mit einem jeden Menschen wird ein
Gottessohn gebohren, obgleich nur der eine erschienen ist, und das
Antliz Gottes in allen verzerrt wird. Der Herbst leistet nie, was der
Frühling verspricht, der Mann nie, was das Kind hoffen ließ. -- Der
Mann will begreifen, nur das Kind kennt den Glauben. -- Ja, was ist
alle Religion anderes, als der Kinderglaube der Geschichte?
Und so, lieber Tieck! sind mir die Träume meiner Kindheit näher
gerückt, und ich _glaube_ an die Natur, und an das Leben, und
forsche nach diesem Glauben, und wie er mirs gebiethet, und ich kann
Dir kaum sagen, wie innerlich glücklich ich mich fühle in einer
Beschäftigung, die wenig von der gewöhnlichen der Physiker sich
unterscheidet. Seit ich wieder zu Hause bin, war ich sehr fleißig.
Es ist als mahnten mich die Jahre, als triebe mich ein unsichtbarer
Geist, der mir keine Ruhe läßt -- Es ist ganz das Gefühl, was mir in
den schönen Tagen der Freundschaft, der Liebe, der Begeisterung in
Dresden belebte.
Und so habe ich nun manches, und nur von mir gesprochen. -- Ueber
Deinen Phantasus, über Deinen William Lovell möchte ich mit Dir
_sprechen_ -- und überhaupt, das muß nun ehestens geschehen, denn
ich halte es nicht länger aus, und habe noch nie eine solche Sehnsucht
gefühlt mit Dir zusammen zu seyn. Meine Frau grüßt -- und ich hoffe,
daß Deine Frau mich noch so liebt wie in frühern Zeiten -- Hanne
schreibt Dir bald, und sagt mir, daß ich noch einmahl das Malchen,
Dorothee und Agnes herzlich grüßen soll.