V.

_Weimar_, d. 29. März 1829.

Die Ueberbringerin dieses ist Fräulein Kleefeld[2] aus Danzig, die

Tochter des ersten dortigen Arztes und eine Freundin meiner Adele;

sie hat den ganzen Winter mit uns zugebracht, und kann Ihnen also

sagen, wie es mir und meiner Tochter ergangen ist und ergeht. Sein Sie

freundlich gegen sie, mein verehrter Freund, sie ist ein gutes Kind und

uns herzlich lieb. Sie wünscht diese Zeilen Ihnen selbst zu bringen, um

Sie nur zu sehen.

Der eigentliche Zweck dieser Zeilen ist eine Erkundigung nach einem

jungen Tragödiendichter, Doctor Rapp aus Stuttgardt, der vorige Woche

hier durch kam, mit einem Bündel Tragödien à la Shakespear, die er

Ihnen vorlegen wollte, und einer Empfehlung von Sulpitz Boisserée,

die ihm Eingang bei Ihnen verschaffen sollte, und dessen Schwager er

nächstens werden wird. Er hat eine dieser Tragödien, nehmlich den

1sten Theil von „König Heinrich der vierte,“ zu dem noch zwei andre

gehören, bei mir niedergelegt, so sehr ich mich auch dagegen wehren

mochte, denn es ist mir unmöglich mir über dergleichen ein Urtheil

anzumaaßen, bei seiner schnellen Abreise hat er ihn wieder abzuholen

vergeßen, und ist jezt wahrscheinlich in Unruhe über sein Kind, indem

er wohl nicht mehr weiß, wo er es gelassen. Ich gebe der Kleefeld das

Manuscript mit, da er doch wahrscheinlich noch in Dresden sich aufhält;

sollte dies nicht der Fall sein, so wißen Sie vielleicht, wohin Sie es

ihm nachschicken können, oder bewahren es, bis er sich bei einem von

uns beiden danach erkundigt. Gelesen habe ich es nur theilweise, die

Handschrift ist gar zu unleserlich.

Gedacht haben wir Ihrer in dieser Zeit oft und viel, indem Herr von

Holtei einige Wochen bei uns sich aufhielt und in einigen Zirkeln sein

Lese-Talent der Gesellschaft zum Besten gab. Er hat uns allen wohl

gefallen -- aber den wunderbaren Zauber versteht er doch nicht zu üben,

in welchem -- _jemand Anders_ -- ein unerreichbarer Meister ist

und bleibt.

Ich schreibe sehr eilig, Adele ist seit drei Wochen bei Freunden am

Rhein, die Kleefeld reist morgen in aller Frühe ab, und da giebt es so

mancherlei für sie zu besorgen, daß ich nur Zeit behalte, Sie recht

herzlich zu bitten, mir Ihr freundliches Wohlwollen fortwährend zu

erhalten.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 52 / 310 题