Sämmtliche Schriften, 24 Bde. (1830-31.)

Sie war, seitdem sie sich in Weimar niedergelassen, und so lange

sie dort „ein Haus machte“ -- ein für ihre Verhältnisse vielleicht

zu gastfreies! -- so recht eigentlich die Providenz aller Fremden,

welche ihr nur irgend würdig erschienen, darin aufgenommen zu

werden. Goethe, da er noch des Abends ausging, ließ sich’s gar gern

bei ihr gefallen; entlud sich auch häufig des Andranges von Gästen,

indem er den Strom der Geselligkeit aus seinen Räumen nach denen

der theuren Freundin zu leiten verstand. Es dürften wohl wenig

Mitlebende so tief und innig eingeweiht gewesen sein in _alle_

Geheimnisse des „Hauses am Plan“ wie Frau Johanna. Nur ihren

Vertrautesten erschloß in ungestörter Plauderstunde die hochbegabte

Genossin großer Tage ihr sonst festverwahrtes Schatzkästlein

weimarischer Reminiscenzen. Es ist sehr zu bedauern, daß sie

hinüberging, ohne den oftmals gehegten, oftmals wieder aufgegebenen

Vorsatz ausgeführt zu haben, den sie mit den Worten bezeichnete:

„Was ich zu erzählen wüßte, weiß kein Anderer zu erzählen.... aber

ich hab’ eine heilige Scheu!“

Gerade diese „heilige Scheu“ würde ihrer Feder ohne Anstoß über

manche gefährliche Stelle geholfen haben.

Leider sind einzelne ihrer zutraulichsten Mittheilungen durch den

Mund ihrer Tochter Adele an deren Jugendfreundin übergegangen, und

letztere hat sie wieder ihrem, unzählige Bücher anfertigenden,

Herrn Gemahl gegeben; und so war ein Schandbüchlein entstanden,

von welchem die Schopenhauer verzweiflungsvoll klagte: „Es ist mir

entsetzlich, daß in diesem Libell Dinge stehen, die der Verfasser

nur durch mich -- wenigstens mittelbar -- erfahren haben kann!“

Doch ließ es sich nicht ändern.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 44 / 310 题