Pastor Moser (_tritt auf._)

~Moser.~ Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr! Ich erstaune. Das

erstemal in meinem Leben! Habt ihr im Sinn, über die Religion zu

spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern?

~Franz.~ Spotten oder zittern, je nachdem du mir antwortest. -- Höre,

Moser, ich will dir zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt für'n

Narren halten willst, und du sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein

Leben sollst du mir antworten.

~Moser.~ Ihr fordert einen Höheren vor euren Richterstuhl. Der Höhere

wird euch dermaleins antworten.

~Franz.~ Itzt will ichs wissen, itzt, diesen Augenblick, damit ich

nicht die schändliche Thorheit begehe, und im Drange der Noth den

Götzen des Pöbels anrufe. Ich habs dir oft mit Hohnlachen bey Burgunder

zugesoffen: Es ist kein Gott! -- Itzt red' ich im Ernste mit dir, ich

sage dir: es ist keiner! Du sollst mich mit allen Waffen widerlegen,

die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch

meines Mundes.

~Moser.~ Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der

mit zehntausendfachem Centner-Gewicht auf deine stolze Seele fallen

wird! Dieser allwissende Gott, den du Thor und Bösewicht mitten aus

seiner Schöpfung zernichtest, braucht sich nicht durch den Mund des

Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so groß in deinen Tyranneien, als

irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.

~Franz.~ Ungemein gut, Pfaffe! So gefällst du mir.

~Moser.~ Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines gröseren Herrn,

und rede mit einem, der Wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will.

Freylich müßt' ich Wunder thun können, wenn ich deiner halsstarrigen

Bosheit das Geständniß abzwingen könnte, -- aber wenn deine

Ueberzeugung so fest ist, warum ließest du mich rufen? Sage mir doch,

warum ließest du mich in der Mitternacht rufen?

~Franz.~ Weil ich lange Weile hab, und eben am Schachbret keinen

Geschmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen

herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken wirst du meinen Muth nicht

entmannen. Ich weiß wohl, daß derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier

zu kurz gekommen ist: aber er wird garstig betrogen. Ich hab's immer

gelesen, daß unser Wesen nichts ist, als Sprung des Geblüts, und mit

dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht

alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch aufhören bey

seiner Zerstörung? nicht bey seiner Fäulung verdampfen? Laß einen

Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine

plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtseyn gränzt, und ihre

Fortdauer ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und

das zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben

Schlösser schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ist's

Symmetrie und Schönheit ~gewesen~. Siehe da! das ist eure unsterbliche

Seele!

~Moser.~ Das ist die Philosophie eurer Verzweiflung. Aber euer eigenes

Herz, das bey diesen Beweisen ängstlich bebend wider eure Rippen

schlägt, straft euch Lügen. Diese Spinnweben von Systemen zerreißt

das einzige Wort: du mußt sterben! -- Ich fordere euch auf, das soll

die Probe seyn, wenn ihr im Tode annoch feste steht, wenn euch eure

Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt ihr gewonnen haben;

wenn euch im Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh euch dann!

ihr habt euch betrogen.

~Franz~ (_verwirrt._) Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?

~Moser.~ Ich habe wohl mehr solche Elende geseh'n, die bis hieher der

Wahrheit Riesentrotz boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung

dahin. Ich will an eurem Bette steh'n, wenn ihr sterbet -- ich möchte

so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren -- ich will dabey steh'n,

und euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt eure kalte nasse Hand

ergreift, und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann,

und aufschaut, und mit jenem schröcklichen Achselzucken zu euch

spricht: menschliche Hülfe ist umsonst! Hütet euch dann, o hütet euch

ja, daß ihr da ausseh't, wie Richard und Nero!

~Franz.~ Nein, nein!

~Moser.~ Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja -- ein

inneres Tribunal, das ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleyen

bestechen könnt, wird itzo erwachen, und Gericht über euch halten. Aber

es wird ein Erwachen seyn, wie des Lebendigbegrabenen im Bauche des

Kirchhof's, es wird ein Unwille seyn, wie des Selbstmörders, wenn er

den tödlichen Streich schon gethan hat und bereut, es wird ein Blitz

seyn, der die Mitternacht eures Lebens zumal überflammt, es wird ~Ein~

Blick seyn, und wenn ihr da noch feste steh't, so sollt ihr gewonnen

haben!

~Franz.~ (_unruhig im Zimmer auf- und abgehend_) Pfaffengewäsche,

Pfaffengewäsche!

~Moser.~ Itzt zum erstenmal werden die Schwerter einer Ewigkeit

durch eure Seele schneiden, und itzt zum erstenmal zu spät. -- Der

Gedanke ~Gott~ weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name

heißt ~Richter~. Sehet Moor, ihr habt das Leben von Tausenden an der

Spitze eures Fingers, und von diesen Tausenden habt ihr neunhundert

neun und neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das

römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt ihr wohl,

Gott werde es zugeben, daß ein einziger Mensch in seiner Welt wie ein

Wüthrich hause, und das Oberste zu unterst kehre? Glaubt ihr wohl,

diese neunhundert und neun und neunzig seyen nur zum Verderben, nur zu

Puppen eures satanischen Spieles da? O glaubt das nicht! Er wird jede

Minute, die ihr ihnen getödtet, jede Freude, die ihr ihnen vergiftet,

jede Vollkommenheit, die ihr ihnen versperret habt, von euch fordern

dereinst, und wenn ihr darauf antwortet, Moor, so sollt ihr gewonnen

haben.

~Franz.~ Nichts mehr, kein Wort mehr! willst du, daß ich deinen

schwarzlebrigen Grillen zu Gebote steh'?

~Moser.~ Sehet zu, das Schicksal der Menschen stehet unter sich in

fürchterlich schönem Gleichgewicht. Die Waagschale dieses Lebens

sinkend wird hochsteigen in jenem, steigend in diesem, wird in jenem

zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger

Triumph, was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche

Verzweiflung.

~Franz.~ (_wild auf ihn losgehend_) Daß dich der Donner stumm mache,

Lügengeist, du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen!

~Moser.~ Fühlt ihr die Last der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch

nichts von Beweisen gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen --

~Franz.~ Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! zernichtet wird

die Seele, sag ich dir, und sollst mir nicht darauf antworten!

~Moser.~ Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber der im

Himmel schüttelt das Haupt. Meynt ihr dem Arm des Vergelters im öden

Reich des Nichts zu entlaufen? Und führet ihr gen Himmel, so ist er da!

und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet

ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsterniß: birg mich!

so muß die Finsterniß leuchten um euch, und um den Verdammten die

Mitternacht tagen -- aber euer unsterblicher Geist sträubt sich unter

dem Wort, und siegt über den blinden Gedanken.

~Franz.~ Ich will aber nicht unsterblich seyn -- sey es, wer da will,

ich will's nicht hindern. Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte,

ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sag

mir, was ist die gröste Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt?

~Moser.~ Ich kenne nur zwo. Aber sie werden nicht von ~Menschen~

begangen, auch ahnden sie ~Menschen~ nicht.

~Franz.~ Diese zwo! --

~Moser~ (_sehr bedeutend._) ~Vatermord~ heißt die eine, ~Brudermord~

die andere -- Was macht euch auf einmal so bleich?

~Franz.~ Was Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im

Bündniß? Wer hat dir das gesagt?

~Moser.~ Wehe dem, der sie beyde auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser,

daß er nie geboren wäre! Aber seyd ruhig, ihr habt weder Vater noch

Bruder mehr!

~Franz.~ Ha! -- was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals --

Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß schwebt auf dem Laut deines Mundes --

keine einzige drüber?

~Moser.~ Keine einzige drüber.

~Franz~ (_fällt in einen Stuhl._) Zernichtung! Zernichtung!

~Moser.~ Freut euch, freut euch doch! preißt euch doch glücklich!

-- Bey allen euren Greueln seyd ihr noch ein Heiliger gegen den

Vatermörder. Der Fluch, der euch trift, ist gegen den, der auf diesen

lauert, ein Gesang der Liebe -- die Vergeltung --

~Franz~ (_aufgesprungen._) Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hieß

dich hieher kommen? Geh, sag ich, oder ich stoß dich durch und durch!

~Moser.~ Kann das Pfaffengewäsche so einen Philosophen in Harnisch

jagen? Blast es doch weg mit dem Hauch eures Mundes! (_geht ab._)

~Franz~ (_wirft sich in seinem Sessel herum in schröcklichen

Bewegungen, tiefe Pause._)

Die Räuber: Ein Schauspiel · 第 29 / 37 题