Herrmann. (_Der durch den Wald kommt._)

Horch! Horch! grausig heulet der Kauz -- zwölf schlägts drüben im

Dorf -- wohl, wohl -- das Bubenstück schläft -- in dieser Wilde kein

Lauscher. (_Tritt an das Schloß und pocht._) Komm heraus, Jammermann,

Thurmbewohner! -- Deine Mahlzeit ist bereitet.

~Moor.~ (_Sachte zurücktretend._) Was soll das bedeuten?

~Eine Stimme.~ (_aus dem Schloß._) Wer pocht da? He? Bist du's,

Herrmann, mein Rabe?

~Herrmann.~ Bin's, Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß.

(_Eulen schreyen._) Fürchterlich trillern deine Schlafkameraden, Alter

-- dir schmeckt?

~Die Stimme.~ Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender, fürs Brod in

der Wüste! -- Und wie gehts meinem lieben Kind, Herrmann?

~Herrmann.~ Stille -- Horch -- Geräusch wie von Schnarchenden! hörst du

nicht was?

~Stimme.~ Wie? hörst ~du~ etwas?

~Herrmann.~ Den seufzenden Windlaut durch die Rizen des Thurms -- Eine

Nachtmusik, davon einem die Zähne klappern und die Nägel blau werden --

Horch, noch einmal -- Immer ist mir, als hört' ich ein Schnarchen. --

Du hast Gesellschaft, Alter -- Hu! hu! hu!

~Stimme.~ Siehst du etwas?

~Herrmann.~ Leb wohl -- leb wohl -- Grausig ist diese Stätte -- Steig

ab ins Loch -- droben dein Helfer, dein Rächer -- verfluchter Sohn! --

(_Will fliehen._)

~Moor.~ (_Mit Entsetzen hervortretend._) Steh!

~Herrmann.~ (_Schreyend._) Oh mir!

~Moor.~ Steh, sag ich!

~Herrmann.~ Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verrathen!

~Moor.~ Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu thun? Rede!

~Herrmann.~ Erbarmen, o Erbarmen, gestrenger Herr! -- Nur Ein Wort

höret an, eh ihr mich umbringt.

~Moor.~ (_Indem er den Degen zieht._) Was werd' ich hören?

~Herrmann.~ Wohl habt ihr mirs beym Leben verboten -- Ich konnt' nicht

anders -- durft' nicht anders -- im Himmel ein Gott -- euer leiblicher

Vater dort -- mich jammerte sein -- Stecht mich nieder.

~Moor.~ Hier steckt ein Geheimniß -- Heraus! Sprich! Ich will alles

wissen.

~Die Stimme.~ (_Aus dem Schloß._) Weh! Weh! Bist du's, Herrmann, der da

redet? Mit wem redst du, Herrmann?

~Moor.~ Drunten noch jemand -- Was geht hier vor? (_Läuft dem Thurme

zu._) Ist's ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? -- Ich will

seine Ketten lösen. -- Stimme! noch einmal! wo ist die Thüre?

~Herrmann.~ O habt Barmherzigkeit, Herr -- dringt nicht weiter, Herr --

geht aus Erbarmen vorüber! (_Verrennt ihm den Weg._)

~Moor.~ Vierfach geschlossen! Weg da -- Es muß heraus -- Itzt ~zum

erstenmal~ komm mir zu Hülfe, ~Dieberey~! (_Er nimmt Brechinstrumente,

und öffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde steigt ein ~Alter~,

ausgemergelt wie ein Gerippe._)

~Der Alte.~ Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!

~Moor.~ (_Springt erschrocken zurück._) Das ist ~meines Vaters~ Stimme!

~D. a. Moor.~ Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.

~Moor.~ Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem

Grabe? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die dir den

Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen

lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heymath zu senden. Hast du

das Gold der Wittwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich

zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den

unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reissen, und

wenn er tausend rothe Flammen auf mich speyt, und seine spitzen Zähne

gegen meinen Degen blöckt, oder kommst du, auf meine Fragen die Räthsel

der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen

Furcht nicht.

~D. a. Moor.~ Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, o ein

elendes, erbärmliches Leben!

~Moor.~ Was? Du bist nicht begraben worden?

~D. a. Moor.~ Ich bin begraben worden -- das heißt: ein todter Hund

liegt in meiner Väter Gruft; und ich -- drey volle Monde schmacht' ich

schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von keinem Strahle

beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde

besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhu's heulen. --

~Moor.~ Himmel und Erde! Wer hat das gethan?

~D. a. Moor.~ Verfluch ihn nicht! -- Das hat mein Sohn Franz gethan.

~Moor.~ Franz? Franz? -- O ewiges Chaos!

~D. a. Moor.~ Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast,

Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den

ihm seine Söhne bereitet haben -- drey Monden schon hab' ich's tauben

Felsenwänden zugewinselt, aber ein hohler Wiederhall äffte meine Klagen

nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz

hast --

~Moor.~ Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern

hervorrufen!

~D. a. Moor.~ Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen,

aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man

einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgebohrner sey gestorben in der

Schlacht, und mit sich brachte ein Schwerdt, gefärbt mit seinem Blut,

und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf

und Tod und Verzweiflung.

~Moor.~ (_Heftig von ihm abgewandt._) Es ist offenbar!

~D. a. Moor.~ Höre weiter! ich ward unmächtig bey der Botschaft. Man

muß mich für todt gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber

kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein

Todter. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war

finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir. -- Was? rief er mit

entsetzlicher Stimme, willst du dann ewig leben? -- und gleich flog

der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner

Sinne beraubt; als ich wieder erwachte, fühlt' ich den Sarg erhoben

und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er

geöffnet -- ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir,

und der Mann, der mir das blutige Schwerdt von Karln gebracht hatte --

zehnmal umfaßt' ich seine Kniee, und bat und flehte, und umfaßte sie

und beschwur -- das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz --

hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt,

-- und hinab ward ich gestossen ohn' Erbarmen, und mein Sohn Franz

schloß hinter mir zu.

~Moor.~ Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.

~D. a. Moor.~ Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch

nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner

Noth. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn

die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen

Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde

ihr Todtenlied raunen. Endlich hört' ich die Thür wieder aufgehen,

dieser Mann brachte mir Brod und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum

Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr

setze, wenn es herauskäme, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich

erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost -- die faule

Luft meines Unraths, -- der grenzenlose Kummer -- meine Kräfte wichen,

mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Thränen um den Tod, aber

das Maas meiner Strafe muß noch nicht gefüllet seyn -- oder muß noch

irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten

bin. Aber ich leide gerecht -- Mein Karl! mein Karl! -- und er hatte

noch keine graue Haare.

~Moor.~ Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr träge

fühllose Schläfer! Auf! will keiner erwachen? (_Er thut einen

Pistolenschuß über die schlafenden Räuber._)

~Die Räuber.~ (_aufgejagt_) He, holla! holla! was giebts da?

~Moor.~ Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt?

der ewige Schlaf würde wach worden seyn! Schaut her, schaut her!

die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur

ist entzwey, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater

erschlagen.

~Die Räuber.~ Was sagt der Hauptmann?

~Moor.~ Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! -- der Sohn

hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die

Worte sind mir zu menschlich -- worüber die Sünde roth wird, worüber

der Kannibale schaudert, worauf seit Aeonen kein Teufel gekommen ist.

-- Der Sohn hat seinen eigenen Vater -- o seht her, seht her! er ist

in Unmacht gesunken, -- in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater --

Frost, Blöse, -- Hunger, -- Durst -- o seht doch, seht doch! -- es ist

mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.

~Die Räuber~ (_springen herbey und umringen den Alten._) Dein Vater?

dein Vater?

~Schweizer~ (_tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder._) Vater

meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füsse! du hast über meinen Dolch

zu befehlen.

~Moor.~ Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter

Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das brüderliche Band. (_er

zerreißt sein Kleid von oben an bis unten._) So verfluch ich jeden

Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich,

Mond und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel! der du auf die

Schandthat herunterblicktest! Höre mich, dreymal schröcklicher Gott,

der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den

Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier kniee ich -- hier streck

ich empor die drey Finger in die Schauer der Nacht -- hier schwör ich,

und so speye die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie

aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages

nicht mehr zu grüssen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine

verschüttet, gegen die Sonne dampft. (_Er steht auf._)

~Die Räuber.~ Es ist ein Belials-Streich! Sag einer, wir seyen

Schelmen! Nein bey allen Drachen! So bunt haben wirs nie gemacht!

~Moor.~ Ja! und bey allen schröcklichen Seufzern derer, die jemals

durch eure Dolche starben, derer, die meine Flamme fraß, und mein

fallender Thurm zermalmte, eh' soll kein Gedanke von Mord oder

Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des

Verruchten Blute scharlachroth gezeichnet sind -- das hat euch wohl

niemals geträumet, daß ihr der Arm höherer Majestäten seyd? Der

verworrene Knäuel unsers Schicksals ist aufgelöst! Heute, heute hat

eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der

euch dies erhabene Loos gesprochen, der euch hieher geführt, der euch

gewürdiget hat, die schröcklichen Engel seines finstern Gerichts zu

seyn! Entblöset eure Häupter! Knieet hin in den Staub, und stehet

geheiliget auf! (_sie knieen._)

~Schweizer.~ Gebeut, Hauptmann! was sollen wir thun?

~Moor.~ Steh auf, Schweizer! Und rühre diese heilige Locken an! (_Er

führt ihn zu seinem Vater, und giebt ihm eine Locke in die Hand._)

Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf

spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich athemlos und

erschöpft von der Arbeit in die Kniee gesunken war? dazumal verhieß ich

dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher

niemals bezahlen. --

~Schweizer.~ Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig

meinen Schuldner nennen!

~Moor.~ Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein

Sterblicher geehrt worden wie du! -- Räche meinen Vater! (_Schweizer

steht auf._)

~Schweizer.~ Großer Hauptmann! heute hast du mich zum erstenmal stolz

gemacht! -- Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen?

~Moor.~ Die Minuten sind geweiht, du must eilends gehn -- lies dir

die Würdigsten aus der Bande, und führe sie gerade nach des Edelmanns

Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der

Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß

ihn vom Kruzifix, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich

sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht todt! dessen

Fleisch will ich in Stücken reissen, und hungrigen Geiern zur Speise

geben, der ihm nur die Haut ritzt, oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich

ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du

eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr

meines Lebens stehlen, und du sollst frey ausgehn, wie die weite Luft

-- hast du mich verstanden, so eile davon!

~Schweizer.~ Genug, Hauptmann -- hier hast du meine Hand darauf:

Entweder, du siehst zwey zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers

Würgengel kommt! (_ab mit einem Geschwader._)

~Moor.~ Ihr Uebrigen zerstreut euch im Wald -- Ich bleibe.

Fünfter Akt.

Erste Scene.

Aussicht von vielen Zimmern.

Finstre Nacht.

Die Räuber: Ein Schauspiel · 第 26 / 37 题