~Amalia.~ Und getrauten Sie sich wohl sein Bildnis unter diesen
Gemählden zu erkennen?
~Moor.~ O ganz gewiß. Sein Bild war immer lebendig in mir. (_An den
Gemählden herumgehend._) ~Dieser~ ist's nicht.
~Amalia.~ Errathen! -- Er war der Stammvater des gräflichen Hauses, und
erhielt den Adel vom Barbarossa, dem er wider die Seeräuber diente.
~Moor~ (_immer an den Gemählden._) ~Dieser~ ist's auch nicht -- auch
~der~ nicht -- auch nicht ~jener~ dort -- er ist nicht unter ihnen.
~Amalia.~ Wie, sehen Sie doch besser! ich dachte, Sie kennten ihn --
~Moor.~ Ich kenne meinen Vater nicht besser! Ihm fehlt der sanftmüthige
Zug um den Mund, der ihn aus tausenden kenntlich machte -- er ist's
nicht.
~Amalia.~ Ich erstaune. Wie? Achtzehn Jahre nicht mehr geseh'n, und
noch --
~Moor~ (_schnell, mit einer fliegenden Röthe._) ~Dieser~ ist's! (_Er
steht wie vom Blitz gerührt._)
~Amalia.~ Ein vortreflicher Mann!
~Moor~ (_in seinem Anblick versunken._) Vater, Vater! vergib mir! -- Ja
ein vortreflicher Mann! -- (_Er wischt sich die Augen._) Ein göttlicher
Mann!
~Amalia.~ Sie scheinen viel Antheil an ihm zu nehmen.
~Moor.~ Oh ein vortreflicher Mann -- und er sollte dahin seyn.
~Amalia.~ Dahin! wie unsere besten Freuden dahingeh'n -- (_sanft seine
Hand ergreifend._) Lieber Herr Graf, es reift keine Seeligkeit unter
dem Monde.
~Moor.~ Sehr wahr, sehr wahr -- und sollten ~Sie~ schon diese traurige
Erfahrung gemacht haben? Sie können nicht drey und zwanzig Jahr alt
seyn.
~Amalia.~ Und habe sie gemacht. Alles lebt, um traurig wieder zu
sterben. Wir interessiren uns nur darum, wir gewinnen nur darum, daß
wir wieder mit Schmerzen verlieren.
~Moor.~ Sie verloren schon etwas?
~Amalia.~ Nichts. Alles. Nichts -- wollen wir weiter gehen, Herr Graf?
~Moor.~ So eilig? weß ist diß Bild rechter Hand dort? mich deucht, es
ist eine unglückliche Physiognomie.
~Amalia.~ Diß Bild linker Hand ist der Sohn des Grafen, der wirkliche
Herr -- kommen Sie, kommen Sie!
~Moor.~ Aber diß Bild rechter Hand?
~Amalia.~ Sie wollen nicht in den Garten geh'n?
~Moor.~ Aber diß Bild rechter Hand? -- du weinst, Amalia?
~Amalia~ (_schnell ab._)
Moor.
Sie liebt mich, sie liebt mich! -- ihr ganzes Wesen fieng an, sich
zu empören, verrätherisch rollten die Thränen von ihren Wangen. Sie
liebt mich! -- Elender, das verdientest du um sie! Steh ich nicht hier
wie ein Gerichteter vor dem tödlichen Block? Ist das der Sopha, wo
ich an ihrem Halse in Wonne schwamm? Sind das die väterlichen Säle?
(_Ergriffen vom Anblick seines Vaters._) Du, du -- Feuerflammen aus
deinem Auge -- Fluch, Fluch, Verwerfung! -- wo bin ich? Nacht vor
meinen Augen -- Schrecknisse Gottes -- Ich, ich hab ihn getödtet! (_Er
rennt davon._)
Franz von Moor in tiefen Gedanken.
Weg mit diesem Bild! weg, feige Memme! was zagst du und vor wem? ist
mir's nicht die wenige Stunden, die der Graf in diesen Mauren wandelt,
als schlich immer ein Spion der Hölle meinen Fersen nach -- Ich sollt'
ihn kennen! Es ist so was groses und oft gesehenes in seinem wilden
sonnverbrannten Gesicht, das mich beben macht -- auch Amalia ist nicht
gleichgültig gegen ihn! Läßt sie nicht so gierig schmachtende Blicke
auf dem Kerl herumkreuzen, mit denen sie doch gegen alle Welt sonst so
geitzig thut? -- Sah ich's nicht, wie sie ein paar diebische Thränen
in den Wein fallen ließ, den er hinter meinem Rücken so hastig in
sich schlürfte, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte. Ja, das
sah ich, durch den Spiegel sah ich's mit diesen meinen Augen. Holla
Franz! siehe dich vor! dahinter steckt irgend ein Verderbenschwangeres
Ungeheuer!
(_Er steht forschend dem Porträt Karls gegenüber._) Sein langer
Gänsehals -- seine schwarzen feuerwerfenden Augen, hm! hm! -- sein
finsteres überhangendes buschichtes Augenbraun. (_Plötzlich zusammen
fahrend._) -- Schadenfrohe Hölle! jagst du mir diese Ahnung ein? Es ist
~Karl~! ja itzt werden mir alle Züge wieder lebendig -- Er ist's! trotz
seiner Larve! -- Er ist's -- trotz seiner Larve! -- Er ist's -- Tod
und Verdammniß! (_auf und ab mit heftigen Schritten._) Hab ich darum
meine Nächte verpraßt, -- darum Felsen hinweggeräumt, und Abgründe
eben gemacht -- bin ich darum gegen alle Instinkte der Menschheit
rebellisch worden, daß mir zuletzt dieser unstete Landstreicher durch
meine künstlichsten Wirbel tölple -- Sachte! Nur sachte! Es ist nur
noch Spielarbeit übrig -- Bin ich doch ohnehin schon bis an die Ohren
in Todsünden gewatet, daß es Unsinn wäre, zurückzuschwimmen, wenn das
Ufer schon so weit hinten liegt -- Ans Umkehren ist doch nicht mehr
zu gedenken -- die ~Gnade~ selbst würde an den Bettelstab gebracht,
und die ~unendliche Erbarmung~ bankerott werden, wenn sie für meine
Schulden all gut sagen wollte -- Also vorwärts wie ein Mann -- (_Er
schellt._) -- Er versammle sich zu dem Geist seines Vaters und komme,
der Todten spott' ich. -- Daniel, he Daniel! -- Was gilts, den haben
sie auch schon gegen mich aufgewiegelt! Er sieht so geheimnißvoll.