~Pater~ (_vor sich, stutzt._) Ist das das Drachen-Nest? -- Mit eurer
Erlaubniß, meine Herren! Ich bin ein Diener der Kirche, und draussen
stehen siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schläfen bewachen.
~Schweizer.~ Bravo! bravo! das war wohlgesprochen sich den Magen warm
zu halten.
~Moor.~ Schweig, Kamerad! -- Sagen Sie kurz, Herr Pater! was haben Sie
hier zu thun?
~Pater.~ Mich sendet die hohe Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht
-- ihr Diebe -- ihr Mordbrenner -- ihr Schelmen -- giftige Otterbrut,
die im Finstern schleicht, und im Verborgenen sticht -- Aussatz der
Menschheit -- Höllenbrut, -- köstliches Mahl für Raben und Ungeziefer
-- Kolonie für Galgen und Rad --
~Schweizer.~ Hund! hör auf zu schimpfen, oder -- (_er drückt ihm den
Kolben vor's Gesicht._)
~Moor.~ Pfui doch, Schweizer! du verdirbst ihm ja das Koncept -- er hat
seine Predigt so brav auswendig gelernt -- nur weiter mein Herr! --
»für Galgen und Rad?«
~Pater.~ Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutelschneider!
Gauner-König! Gros-Mogol aller Schelmen unter der Sonne! -- Ganz
ähnlich jenem ersten abscheulichen Rädelsführer, der tausend Legionen
schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte, und mit sich hinab in
den tiefen Pfuhl der Verdammniß zog -- das Zettergeschrey verlassener
Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen
wägen auf deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf. --
~Moor.~ Sehr wahr, sehr wahr! Nur weiter!
~Pater.~ Was? sehr wahr, sehr wahr? ist das auch eine Antwort?
~Moor.~ Wie, mein Herr? darauf haben Sie sich wohl nicht gefaßt
gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter sagen?
~Pater~ (_im Eifer._) Entsetzlicher Mensch! hebe dich weg von mir!
Picht nicht das Blut des ermordeten Reichs-Grafen an deinen verfluchten
Fingern? Hast du nicht das Heiligthum des Herrn mit diebischen Händen
durchbrochen, und mit einem Schelmengriff die geweihten Gefässe
des Nachtmahls entwandt? Wie? hast du nicht Feuerbrände in unsere
gottesfürchtige Stadt geworfen? und den Pulverthurm über die Häupter
guter Christen herabgestürzt? (_Mit zusammengeschlagenen Händen._)
Greuliche, greuliche Frevel, die bis zum Himmel hinaufstinken, das
jüngste Gericht waffnen, daß es reissend daher bricht! Reif zur
Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
~Moor.~ Meisterlich gerathen bis hieher! aber zur Sache! Was läßt mir
der hochlöbliche Magistrat durch Sie kund machen?
~Pater.~ Was du nie werth bist, zu empfangen -- Schau um dich,
Mordbrenner! Was nur dein Auge absehen kann, bist du eingeschlossen von
unsern Reutern -- hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr -- so gewiß
Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen Pfirsiche tragen,
so gewiß werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den
Rücken kehren.
~Moor.~ Hörst du's wohl, Schweizer? -- Aber nur weiter!
~Pater.~ Höre dann, wie gütig, wie langmüthig das Gericht mit dir
Böswicht verfährt. Wirst du itzt gleich zum Kreuz kriechen und um Gnade
und Schonung flehen, siehe, so wird dir die Strenge selbst Erbarmen,
die Gerechtigkeit eine liebende Mutter seyn -- sie drückt das Auge bey
der Hälfte deiner Verbrechen zu, und läßt es -- denk doch! -- und läßt
es bey ~dem Rade bewenden~.
~Schweizer.~ Hast du's gehört, Hauptmann? Soll ich hingeh'n, und diesem
abgerichteten Schäferhund die Gurgel zusammen schnüren, daß ihm der
rothe Saft aus allen Schweislöchern sprudelt? --
~Roller.~ Hauptmann! -- Sturm! Wetter und Hölle! -- Hauptmann, -- wie
er die Unterlippe zwischen die Zähne klemmt! soll ich diesen Kerl das
oberst zu unterst unter's Firmament wie einen Kegel aufsetzen?
~Schweizer.~ Mir! mir! Laß mich knien, vor dir niederfallen! Mir laß
die Wohllust, ihn zu Brey zusammenzureiben!
(Pater schreyt.)
~Moor.~ Weg von ihm! Wag es keiner, ihn anzurühren! -- (_Zum Pater,
indem er seinen Degen zieht!_) Sehen Sie, Herr Pater! hier stehen
neun-und siebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß keiner auf
Wink und Kommando zu fliegen, oder nach Kanonen-Musik zu tanzen, und
draussen steh'n siebenzehnhundert unter Mousqueten ergraut -- aber
hören Sie nun! so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ist's,
ich habe den Reichsgrafen erschlagen, die Dominikus-Kirche angezündet
und geplündert, hab Feuerbrände in eure bigotte Stadt geworfen, und
den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt -- aber
es ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr gethan. (_Er streckt seine
rechte Hand aus._) Bemerken Sie die vier kostbaren Ringe, die ich an
jedem Finger trage -- gehen Sie hin, und richten Sie Punkt für Punkt
den Herren des Gerichts über Leben und Tod aus, was Sie sehen und hören
werden -- diesen Rubin zog ich einem Minister vom Finger, den ich auf
der Jagd zu den Füßen seines Fürsten niederwarf. Er hatte sich aus dem
Pöbelstaub zu einem ersten Günstling empor geschmeichelt, der Fall
seines Nachbars war seiner Hoheit Schemel -- Thränen der Waisen huben
ihn auf. Diesen Demant zog ich einem Finanzrath ab, der Ehrenstellen
und Aemter an die Meistbietenden verkaufte und den traurenden Patrioten
von seiner Thüre stieß. -- Diesen Achat trag ich einem Pfaffen Ihres
Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwürgte, als er auf
offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquisition so in Zerfall käme
-- ich könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen,
wenn mich nicht schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen
verschwendet habe --
~Pater.~ O Pharao! Pharao!
~Moor.~ Hört ihr's wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht
da, als wollte er Feuer vom Himmel auf die Rotte Korah herunter beten,
richtet mit einem Achselzucken, verdammt mit einem christlichen ~Ach~!
-- Kann der Mensch denn so blind seyn? Er, der die hundert Augen des
Argus hat Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind
gegen sich selbst seyn? -- Da donnern sie Sanftmuth und Duldung aus
ihren Wolken, und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem
feuerarmigen Moloch -- predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den
achtzigjährigen Blinden von ihren Thüren hinweg: -- stürmen wider den
Geiz und haben Peru um gold'ner Spangen willen entvölkert und die
Heyden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt -- Sie zerbrechen sich die
Köpfe, wie es doch möglich gewesen wäre, daß die Natur hätte können
einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde
den dreyeinigen Gott um zehen Silberlinge verrathen. -- O über euch
Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit!
Ihr scheut euch nicht vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt
eure Rücken mit Riemen, und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr
wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleyen demjenigen einen blauen
Dunst vorzumachen, den ihr Thoren doch den Allwissenden nennt, nicht
anders, als wie man der Grossen am bittersten spottet, wenn man ihnen
schmeichelt, daß sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit
und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut,
würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der
das Ungeheuer am Nilus erschaffen hat. -- Schafft ihn aus meinen Augen.
~Pater.~ Daß ein Bösewicht noch so stolz seyn kann!
~Moor.~ Nicht genug -- Itzt will ich stolz reden. Geh hin, und sage
dem hochlöblichen Gericht, das über Leben und Tod würfelt -- Ich bin
kein Dieb, der sich mit Schlaf und Mitternacht verschwört, und auf
der Leiter gros und herrisch thut -- was ich gethan habe, werd ich
ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit seinen
erbärmlichen Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren. Sag ihnen,
mein Handwerk ist Wiedervergeltung -- Rache ist mein Gewerbe. (_Er
kehrt ihm den Rücken zu._)
~Pater.~ Du willst also nicht Schonung und Gnade? -- Gut, mit dir bin
ich fertig. (_Wendet sich zu der Bande._) So höret dann ihr, was die
Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen thut! -- Werdet ihr itzt gleich
diesen verurtheilten Missethäter gebunden überliefern, seht, so soll
euch die Strafe eurer Greuel bis auf das letzte Andenken erlassen seyn
-- die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe
in ihren Mutterschoos aufnehmen, und jedem unter euch soll der Weg zu
einem Ehren-Amt offen steh'n. (_mit triumphirendem Lächeln._) Nun, nun?
Wie schmeckt das, Euer Majestät? -- Frisch also! Bindet ihn, und seyd
frey!
~Moor.~ Hört ihr's auch? Hört ihr? Was stutzt ihr? Was steht ihr
verlegen da? Sie bietet euch Freyheit, und ihr seyd wirklich schon ihre
Gefangene. -- Sie schenkt euch das Leben, und das ist keine Prahlerey,
denn ihr seyd wahrhaftig gerichtet. -- Sie verheißt euch Ehren und
Aemter, und was kann euer Loos anders seyn, wenn ihr auch obsiegtet,
als Schmach und Fluch und Verfolgung. -- Sie kündigt euch Versöhnung
vom Himmel an, und ihr seyd wirklich verdammt. Es ist kein Haar an
keinem unter euch, das nicht in die Hölle fährt. Ueberlegt ihr noch?
Wankt ihr noch? Ist es so schwer zwischen Himmel und Hölle zu wählen?
Helfen Sie doch, Herr Pater!
~Pater~ (_vor sich._) Ist der Kerl unsinnig? -- Sorgt ihr etwa, daß diß
eine Falle sey, euch lebendig zu fangen? -- Leset selbst, hier ist der
General-Pardon unterschrieben. (_Er gibt Schweizern ein Papier._) Könnt
ihr noch zweifeln?
~Moor.~ Seht doch, seht doch! Was könnt ihr mehr verlangen? --
Unterschrieben mit eigener Hand -- es ist Gnade über alle Grenzen --
oder fürchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort brechen, weil ihr einmal
gehört habt, daß man Verräthern nicht Wort hält? -- O seyd ausser
Furcht! Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn
sie es auch dem Satan gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukunft noch
Glauben beymessen? Wie würden sie je einen zweyten Gebrauch davon
machen können? -- Ich wollte darauf schwören, sie meinens aufrichtig.
Sie wissen, daß ich es bin, der euch empört und erbittert hat, euch
halten sie für unschuldig. Eure Verbrechen legen sie für Jugendfehler,
für Uebereilungen aus. Mich allein wollen Sie haben, ich allein
verdiene zu büssen. Ist es nicht so, Herr Pater?
~Pater.~ Wie heißt der Teufel, der aus ihm spricht? -- Ja freylich,
freylich ist es so -- der Kerl macht mich wirbeln.
~Moor.~ Wie, noch keine Antwort? denkt ihr wohl gar mit den Waffen
noch durchzureissen? Schaut doch um euch, schaut doch um euch! das
werdet ihr doch nicht denken, das wäre itzt kindische Zuversicht. --
Oder schmeichelt ihr euch wohl gar als Helden zu fallen, weil ihr
saht, daß ich mich auf's Getümmel freute? -- Oh glaubt das nicht! Ihr
seyd nicht ~Moor~. -- Ihr seyd heillose Diebe! Elende Werkzeuge meiner
grösern Plane, wie der Strick verächtlich in der Hand des Henkers! --
Diebe können nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben ist den Dieben
Gewinn, dann kommt was schröckliches nach -- Diebe haben das Recht,
vor dem Tode zu zittern. -- Höret, wie ihre Hörner tönen! Sehet, wie
drohend ihre Säbel daher blinken! wie? noch unschlüssig? seyd ihr toll?
seyd ihr wahnwitzig? -- Es ist unverzeihlich! Ich dank euch mein Leben
nicht, ich schäme mich eures Opfers!
~Pater~ (_äußerst erstaunt._) Ich werde unsinnig, ich laufe davon! Hat
man je von so was gehört?
~Moor.~ Oder fürchtet ihr wohl, ich werde mich selbst erstechen,
und durch einen Selbstmord den Vertrag zernichten, der nur an dem
Lebendigen haftet? Nein, Kinder! das ist eine unnütze Furcht. Hier
werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen und diß Fläschgen mit
Gift, das mir noch wohlkommen sollte -- ich bin so elend, daß ich auch
die Herrschaft über mein Leben verloren habe -- Was, noch unschlüssig?
Oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr
mich binden wollt? Seht! hier bind ich meine rechte Hand an diesen
Eichenast, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen -- Wer ist
der erste, der seinen Hauptmann in der Noth verläßt?
~Roller~ (_in wilder Bewegung._) Und wann die Hölle uns neunfach
umzingelte! (_schwenkt seinen Degen._) Wer kein Hund ist, rette den
Hauptmann!
~Schweizer~ (_Zerreißt den Pardon, und wirft die Stücke dem Pater in's
Gesicht._) In unsern Kugeln Pardon! Fort Kanaille! sag dem Senat,
der dich gesandt hat, du träfst unter Moor's Bande keinen einzigen
Verräther an -- Rettet, rettet den Hauptmann!
~Alle~ (_lermen._) Rettet, rettet, rettet den Hauptmann!
~Moor~ (_sich losreissend, freudig._) Itzt sind wir frey -- Kameraden!
Ich fühle eine Armee in meiner Faust -- Tod oder Freyheit! wenigstens
sollen sie keinen lebendig haben!
(Man bläst zum Angriff. Lerm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem
Degen.)
Dritter Akt.
Erste Scene.