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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
aber sinngemäß ergänzt.
Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander
abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben
Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht
verändert.
In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren
Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im
vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger
Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete
‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.
Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt
verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende
Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
Bearbeiter eingefügt.
Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (S. 86-93) wurde
im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken
Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche
Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung
zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche
Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten.
Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
verwendet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: _Unterstriche_
Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
Zeichen.
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Humoristische Erinnerungen
aus meinem
academischen Leben
in
Heidelberg und Kiel
in den Jahren 1817-1819
von
Theodor von Kobbe.
Zweites Bändchen.
Bremen,
Verlag von Wilhelm Kaiser.
1840.
Druck von F. W. Buschmann.
Inhaltsverzeichnis.
Achtes Kapitel. 1
Neuntes Kapitel. 25
Zehntes Kapitel. 77
Elftes Kapitel. 124
Zwölftes Kapitel. 142
Dreizehntes Kapitel. 162
Vierzehntes und letztes Kapitel. 187
Achtes Kapitel.
Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß.
Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß
in Auerbach. Philipp Stieffel.
Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten
meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis
Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.
Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr
zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche
Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in
Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. -- Aber schon um
den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste
Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.
Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers
»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel
verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr
Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche
Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem
Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft
wurde. -- Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich
unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit
dem ersten Character belohnt wurde.
Wie einst mit flehendem Verlangen
Pygmalion den Stein umschloß,
Bis in des Marmors kalte Wangen
Empfindung glühend sich ergoß,
So schlang ich einst mit Liebesarmen
Um _corpus juris_ mich mit Lust,
Bis es zu athmen, zu erwarmen
Begann an des Juristen Brust.
Und theilend meine Flammentriebe
Die Stumme eine Sprache fand,
Mir wiedergab den Kuß der Liebe,
Und meines Herzens Klang verstand.
Da klang mir lieblich jede Stelle,
Gleich reiner Quellen Silberfall,
Selbst aus der trockensten Novelle
Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.
Es dehnte mit allmächt’gem Streben
Die enge Brust ein kreisend All’,
Hervorzutreten auf’s Catheder
Mit Weisheitswort und Witzesschall.
Wie groß war diese Welt gestaltet,
So lang’ der Hörsaal mich noch barg,
Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!
Dies Wenige wie klein und karg!
Wie sprang von Savigny beflügelt,
Beglückt durch theoretschen Wahn,
Von keiner Praxis noch gezügelt
Ich da in die gelehrte Bahn!
Bis an der Glosse bleichste Sterne
Erhob mich der Entwürfe Flug;
Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,
Wohin ihr Flügel mich nicht trug.
Wie leicht ward ich dahin getragen,
Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!
Auf meinem Tische, o! da lagen
Die Folianten kreuz und queer!
+Cujaz+ mit civilist’scher Krone,
+Donell+ in des Systemes Glanz
Auch +Schulting+ lockt mit reichem Lohne,
Selbst +Glück+ mit rings verstohlnem Kranz.
Doch ach! schon in des Sommers Mitte
Verloren meine Gönner sich,
Sie wandten treulos ihre Schritte,
Und einer nach dem Andern wich.
Zu leicht an sich war +Glück+ entflogen,
+Cujazius+ blieb unenthüllt,
In dem +Donell+ las ich zwei Bogen
Und schnitt mir nur heraus sein Bild.
Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,
Doch +Schulting+ führte mich zu weit,
Ach allzuschnell nach kurzem Lenze
Entfloh die schöne Quellenzeit.
Und immer stiller wards und immer
Verlaß’ner auf dem Burschenpult.
Von Savigny borgt ich noch Schimmer
Doch dazu riß auch die Geduld.
Von all dem rauschenden Geleite,
Wer harrte liebend bei mir aus?
Wer steht mir tröstend noch zur Seite,
In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?
O! die du alle Wunden heilest,
Du Thibauts viel gefaßte Hand,
Für das Examen Kraft ertheilest,
Du, die ich ungesucht schon fand!
Und du, der gern sich mit ihm gattet,
Wie er der Prüfung Quaal beschwört,
O +Höpfner+ Du, der nie ermattet,
Der selten schafft, doch nie zerstört;
Der zu dem Bau der Ewigkeiten
Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
Doch dem in des Examens Zeiten
+Cujaz+ und _corpus juris_ weicht!
»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in
Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß
diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß,
selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung
nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen
meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn +»Eminenz«+
ausgestellt wurden.
Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede
Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf
einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen
Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen
Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war
mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und
Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der
zweite begrüßt. -- Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt,
die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem
Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein
großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. -- Glaubwürdigen
Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen
Loseburg (auch »+Schnurri-Major+, +Carbonädel+« genannt,) zu Bonn
gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher
später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll.
Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die
Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.
Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe
zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied
von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft
daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß
ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen
Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von
meinen Wangen.
Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst
genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide
zu verschmelzen.
Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden,
obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der
nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. -- Die Abreise
mußte aber simulirt werden.
Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.
Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit
gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.
Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem
Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war
schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der
Scheide, vor sich.
Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht
Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern
Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im
weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen
in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in
_escarpins_, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei _Chapeaux d’honneurs_
auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist.
-- Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.
Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute
Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach
Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den
Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der
Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in
+Eminenz+ verwandelten.
Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich,
nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen
harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden.
Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen
stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg
zurückführen zu lassen.
Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur,
nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft
behandelte uns wie Philister.
Wir hatten uns burschikos überlebt.
Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war
zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer
umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte
auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten
als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing
und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher
Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition
stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische
viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als
eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.
Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt,
gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht
nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu
bringen versprochen hatte.
Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur
der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz,
ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden
der Welt!«
»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm
herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so
schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen
Zweifel wieder.«
Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden
Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger
warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der
Berichterstatter.
»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum
Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.
Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben,
daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die
Zurückbleibenden.
»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«
»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust
parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich
glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die
Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden
war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir
wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.
Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!!
»Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine
Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg
auszurichten, so sag es uns doch!«
Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total
gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins
Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten
hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde
in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.
Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise
und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen
Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden
Blicken.
Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer
Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe
Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen
gemacht. -- Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich
seiner nicht mehr.
Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von
den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht
verblasen hätten. -- Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in
der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller
Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. -- Solche Tonkünstler sind
wahre +Kaspar Hauser+, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen.
Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß
sie geigen sollten. -- Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt
und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders
nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.
Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen
Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen
Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich
gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station
trennen zu wollen.
»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir
reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals
gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der
Flasche zukommen lassen wollte.«
»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben
unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir
die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger
willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu
meinenden älteren Bruder spielen.«
»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe
das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, _fiat
justitia pereat mundus_.«
»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.
»Jawohl« entgegnete der Andere. -- »Der ist grade der competente
Richter dafür.«
Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren
unbrüderlichen Rechtshandel.
Es handelte sich nur darüber ob das Wort »+Philister+« bei den
Studenten einen +schlechten Kerl+ oder einen +Nicht-Burschen+ bedeute.
Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren
Worte
»+Es bedeutet beides+«
und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen
Cerevisianern zu träumen.
Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es
aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem
es ausgemacht hatte das ominöse Wort »+Philister+« nie wieder gegen
einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.
In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche
Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht
gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste
Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine
Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer
Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden
Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen
Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald
dessen Garaus gefolgt ist.
Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen
bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem
Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. -- »Ach! der ist ja
total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen
kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen
neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen
abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden
Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf
unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.
Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger
mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil
der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf
unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte.
Wir entschlossen uns daher den Kutscher _pro rata_ seines Weges, zu
bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen.
Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen
neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei
oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne
Unterbrechungen fortsetzen zu können.
Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein
Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den
versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt
zahlen müßten.
Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer
verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und
bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des
verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht
partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer
Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.
»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.
»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des _mille
bocus_, wohnt der Schultheiß.«
Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.
Die Karavane brach auf -- der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich,
mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen
der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch
den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; -- sodann der
Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die
Hornisten. --
Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und
zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der
Gerechtigkeit an.
Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall
ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen
kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den
körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen
haben.
Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von
dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung
erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten,
sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht
suchen wollten, öffnete er die Thür.
»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie
haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache
führen.«
Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich
bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.
Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung
der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in
unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.
Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich
aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte,
und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und
gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede
anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »+Er ist ein
grober Mensch+« begleitete.
Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben
werden.
Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten
Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine
erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die
Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das
ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand
der ehelichen Liebe.
»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen
Stuhl steigend, von wo er uns, ein »_mille bocus miniature_«, Alle
übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen
nach den göttlichen Gesetzen langte.
»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das
Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer
übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für
incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe
ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so
viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser
Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt
Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.
»Von Rechts Wege.«
Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit
Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in
eine sprachlose Betrübniß.
Wir wandelten schweigend heim. -- »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin,
sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.
»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht
gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.
Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar
ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf
Rache. --
Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was
unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern
können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer
gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart
nicht wieder unternommen.
Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein
Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer
Stunde bekommen. --
»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs
Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr
gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und
der Proceß haben ihn entnüchtert.«
»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh
in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«
»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen
Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den
Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«
Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht
hersetzen.
Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er
sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das
nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer
weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« --
Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb
ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der
tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.
Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige,
wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese
horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs
Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde
lagen.
Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen.
Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte
aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir
ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. --
In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen
Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt
geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf
unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen
werden.
Mir schrieb ein Freund:
»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und
obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in
mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe
Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie
voriges Jahr mit Dir.«
Ich rescribirte meinen Cerevisianern:
»Habt Ihr immer trüben Sinn
An den Neckarthoren,
Weil ich dort geschieden bin
Und Euch dort verloren;
Hebt doch Brust und Kopf empor,
Habt Ihr’s nicht vernommen?
Glaubt: durch dieses selbe Thor
Werd’ ich wiederkommen.«
Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit
bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke
in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer
ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich
hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.
»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,«
bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig
gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage:
»Sind Sie verheirathet?«
»Nein! gnädige Frau!«
»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf
diese Weise selbst verjüngen können!«
»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.
»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel
Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen,
von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in
Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder
antworten?«
»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig
bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild
in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und
in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete
Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in
Carlsruhe.« --
»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein
wackerer Vater.«
Neuntes Kapitel.
Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W
-- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen
Berliner. Kassel.
Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen.
Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt
zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse
vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch
keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete
das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und
Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren
anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben,
die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen
Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche
+Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist
ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit
dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen
treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so
macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so
lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie
der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie
er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in
der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und
wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu
gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen
Glauben wie in Israel gefunden. --
Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden.
Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von
den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein
Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem
Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich
hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der
Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten
sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne
Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während
man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen
unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur,
lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein
Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu
fragen. Was heißt »Falkiren«?«
»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch
auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz
zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem
Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser
entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben
gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch
seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht
vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben
erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen.
Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er
erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr
erst wieder verläßt.
Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem
Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde
und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von
einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des
Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige
unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse,
und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das
unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz
recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu
plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion
über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das
Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren
Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu
ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie.
Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott,
als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt,
beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser
Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung,
Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat
ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt
und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das
Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung
des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles
nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form
auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für
ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der
zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte
Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis
gegeben.« --
Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath
herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber
sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner
eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich
hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete,
»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes
zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in
der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters
wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen
Greises zu hören.
Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß
er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,«
von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die
Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in
den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er
behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß
man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten
begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der
Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes,
überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne
gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei
diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange
hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts
durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief
entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine
Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise
einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz
gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon
Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte
sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei
einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als
er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu
gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen
dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe --
Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist
der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
Das Desert wurde aufgetragen.
»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine
Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen
M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines
Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht
habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an
ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte
ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem
Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber
keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger
Kalk versprochen.«
»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe,
daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine
Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt
gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig.
Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne,
Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt
zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte
ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage,
namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des
Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte
zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war
bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben
deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum
Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie
müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an,
»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte
ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu
belegen.«
* * * * *
K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß
erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht
abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere
Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon
geschrieben,« endete er.
»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als
Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt
hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte
der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und
Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist,
etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe
verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns
alliirt sind.«
»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das
kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher
Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch
bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu
erweisen.«
Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der
alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der
Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«,
fragte er mich sogar einmal.
»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit
Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon
ergriffen.«
»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber
Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie
sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche
Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat
sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«
Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich,
mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich
dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken
gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß
ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn
meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten
»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker,
seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O
lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie
schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine
meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch
nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht
sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn
alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das
Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine
Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par
preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.
Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie
jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so
haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht,
die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater
befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war
daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf
Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.
In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die
Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht
rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort
verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel
Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten
zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere
Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu
wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu
gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig
machten sie mir Platz.
Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel
heller war als das meinige.
Ich forschte nach der Ursache.
»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. --
»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art
Mitleiden.
»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als
saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine
Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«
»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das
ist ein großer Unterschied.«
»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei
Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein
ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem
Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä
Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und
Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl
von allen Seiten die Antwort.
»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine
Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich
gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein
getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick
und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu
geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä
großer Unterschied?«
»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein
großer Unterschied.«
»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost
mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne
Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die
Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch
ä Onkel und ä Braut --«
»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für
Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«
»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo
kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die
Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die
Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig,
und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit
einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und
de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke
hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn
mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so
spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich
anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein
Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« --
Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken
rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine
Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach
und de Wirth Dieffenbach?«
»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem
bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast
verstimmt.
»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort.
-- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz
und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de
Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er
sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die
Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.
»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.
»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste
Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann
ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier,
wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«
»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer
Babett,« forschte ich.
»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit
de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt
ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm
trinke.«
»Nun und das wollten Sie nicht?«
»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang
indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich
erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch
gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei
und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte
aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr
mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu,
ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt,
der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der
Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man
drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«
»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,«
ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene
Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich
obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß
wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp
fiel.«
»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von
Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims.
Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die
Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei
Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort
ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«