DER TOD ALEXANDERS. Unterdessen kamen im fernen Makedonien Unruhen und
Aufstände vor; Antipater, vom Könige an seiner Statt gelassen, unterdrückte
die alte Königin Olympias, zur Antwort auf deren mehrfache Klagen Alexander
Chares geschickt hatte, den früheren Herrscher zu ersetzen. Da schickte der
verletzte Antipater mit seinem Sohne ein Gift, das nur ein Zinngefäß
ertragen konnte, aber kein kupfernes, kein tönernes, kein gläsernes, zu dem
königlichen Mundschenk Ilos, der schon lange eine heimliche Wut auf
Alexander hatte, welcher auf einem Festmahle ihn mit einem Stabe übern Kopf
geschlagen hatte. Ihm schlossen sich noch einige mit dem König Unzufriedene
an, und die Verwandten der Königin Roxane. Auf diese Weise war zur Zeit der
Ankunft des Königs in Babylon die Verschwörung schon bereit, ihn zu
verderben. Die Königin empfing freudig den düsteren und schweigsamen König,
der sich wieder mit Freunden den Festen ergab, die Regierungsgeschäfte auf
eine andere Zeit verschiebend, und dem Lesen des furchtbar drohenden
Sternenhimmels. Als einmal Alexander des Mittags ermüdet ruhte, wurde er
durch die Meldung geweckt, daß eine sonderbare Frau nach ihm frage. Dem
Könige sagte sie, sie habe ein seltsames Kind geboren, dessen obere Hälfte
tot, die untere aber mit allen Zeichen des Lebens sei, und eine
Wunderstimme habe geheißen, das Kind in den Palast zu bringen. Alexander,
von Ahnungen erfüllt blickte mit Entsetzen auf die Kindesleiche mit den
sich bewegenden roten Beinchen. Die Weisen erklärten, daß der obere Teil
Alexanders Feinde bedeute, der untere aber ihn selbst; jedoch ein Chaldäer
rief, die Gewänder zerreißend: »König, König, dein Tod ist nah!« Alexander
beschenkte die Frau und hieß die Mißgeburt verbrennen, und er selbst begab
sich aufs Fest zu einem gewissen Makedonier, ohne sich von seinem
Mundschenk, dem indischen Jüngling Ilos zu trennen. Das Fest war in vollem
Gange, als plötzlich der König ausrief, wie von einem Pfeil getroffen: »Die
Zeit ist gekommen, Alexander!!« und zog sich bleich, wankend in seinen
Palast zurück. Vergeblich suchten die Ärzte das Gift mit Brechmitteln zu
entwenden, die Schmerzen des Königs waren so unerträglich, daß er mehr als
einmal versuchte, sich in den Euphrat zu stürzen, der vor den Fenstern des
hohen Palastes rauschte. Die Makedonier umringten den Palast und drohten
die Mauern zu zerstören, und alle Wachen zu töten, wenn ihnen der König
nicht gezeigt würde. Und Alexander von der Königin Roxane gestützt, zeigte
sich im Fenster; alle riefen: »Ruhm dem König Alexander, er lebe in alle
Ewigkeit!« Ein Lächeln glitt über die erstarrten Lippen des Herrschers und
er rief mit der alten hellen Stimme: »Lebet ihr in alle Ewigkeit, aber
meine Stunde hat geschlagen!« Am folgenden Morgen rief der König Perdikkas,
Ptolemaios, Lysimachos zu sich, um ihnen seinen letzten Willen zu geben.
Dann ließ er sich hinaustragen zu einem Durchgangsgemach an der Straße und
ließ an sich das ganze Heer vorüberziehn, jedem Soldaten Grußworte sagend.
Und ergraute Altgediente weinten, als sie den König erblickten,
dahingestreckt auf den Kriegsschilden, bleich und freundlich. Die Freunde,
ihr Gesicht in Mäntel gehüllt, standen von ferne. Alexander, die Augen
gegen die Decke aus Elfenbein hebend, sprach: »Himmel, beinerner Himmel!«
und fuhr fort die vorüberziehenden Krieger zu begrüßen. In der Luft hing
ein dichter Nebel und auf dem Himmel ging am Tage ein Stern von
ungewöhnlicher Größe auf, rasch zum Meere hinziehend, von einem Adler
begleitet; und die Idole im Tempel bebten langsam mit Klang. Dann ging der
Stern seinen Weg vom Meere zurück und blieb stehen, brennend über dem
Gemache des Königs. In diesem Augenblick starb Alexander. Der Leib des
Königs wurde nach langem Zwist gen Alexandria in Ägypten geschickt, und
dort in ein Heiligtum gesetzt, das ward genannt »Der Leib Alexanders«. Sein
Reich verteilte er unter Philon, Seleukos, Antiochos, Ptolemaios. Er starb
im dreiunddreißigsten Lebensjahre, zum Aprilvollmonde, nachdem er zwölf
Alexandrien gegründet, und hinterließ einen unauslöschlichen Ruhm bei allen
Völkern und Zeiten.
Ende.
Die autorisierte Übersetzung dieses ersten in deutscher Sprache
erscheinenden Buches des russischen Dichters Michail Kusmin besorgte Ludwig
Rubiner, den Druck die Offizin von Dietsch & Brückner in Weimar, die
Bindearbeiten die Werkstatt A. Köllner in Leipzig.