ERSTES KAPITEL

DIE ERRETTUNG DES KANDAULES. In Alexanders, der heimkehrte, Lager, kamen in

der Nacht einige Reiter gesprengt in zerrissenen Kleidern, verstaubt und

blutbedeckt. Da der König ruhte, in einen leichten und für ihn seltenen

Schlummer versunken, so wurden die Angekommenen von Alexanders Würdenträger

Ptolemaios empfangen. Ein Jüngling, angetan mit reicherem Kleide, erklärte,

er sei Kandaules, der Sohn der ruhmreichen Königin Kandake, und daß er mit

seinem Weihe auf das Fest der Mysterien des Sommers gezogen sei; unterwegs

habe sie eine Horde Räuber überfallen, sein Weib geraubt, einen Teil der

Diener und das Vermögen -- und ihn verwundet in der Wüste hingeworfen.

Nachdem Ptolemaios dies angehört, begab er sich zu dem bereits erwachten

König, welcher verabredete, daß in Gegenwart der Ankömmlinge er, Alexander,

als Antigonos angesprochen werde, Ptolemaios aber als König. In der Nacht

wurde der Rat versammelt beim Schein der Fackeln, die feurige Tränen

verloren; wobei Alexander den vermeintlichen König überredete, Kandaules zu

helfen, unverzüglich das Lager der Räuber zu überfallen und die geraubte

Prinzessin zurückzuholen. Der betrübte Jüngling warf sich ihm um den Hals,

rufend: »O wärest du doch nicht Antigonos sondern Alexander!« Wenig Mühe

kostete es, die Räuberhorde zu schlagen und die Gefangenen zu befreien,

aber dem erfreuten Kandaules erschien dies als eine sehr ungewöhnliche Tat,

da die Dankbarkeit zwingt, die erwiesene Wohltat zu vergrößern. Er flehte

Ptolemaios und seinen Stellvertreter Antigonos an, die wunderbare Residenz

seiner Mutter Kandake zu besuchen, welche weit durch ihre Wunder berühmt

war. Alexander nahm es gern an, nicht so aus Neugierde, sondern auch aus

Dankbarkeit gegen die Königin, die schon früher ihm zum Geschenk Gold,

Elfenbein, Ebenholz, Perlen, eine Smaragdkrone, Tierfelle, gezähmte Tiere

und äthiopische Sklaven geschickt hatte. Nach zwei Tagen Reisens erblickten

sie inmitten der Ebene gerade bewaldete Hügel -- das waren die hängenden

Gärten der äthiopischen Königin.

* * * * *

KANDAKE. Sie wurden von der Königin Kandake und ihren Söhnen empfangen, die

durch Boten benachrichtigt waren. Sie war groß und stattlich, Olympias

ähnlich; ihre großen Augen strahlten würdevoll und königlich; ein enges

weißes Gewand hinderte ihre Schritte und machte noch sichtbarer die braune

Farbe des Gesichts und der Hände. Sklavinnen trugen Fächer hinter ihr und

Neger führten einen weißen Elefanten mit einer silbernen Laube auf dem

Rücken. Die Königin eilte zum Sohne, aber jener trat zurück und sagte:

»Küsse zuerst, Mutter, meinen Befreiern«, auf Alexander weisend. Nachdem

Kandake ihn geküßt, sagte sie: »Schon längst sehnte ich mich, Dich zu

erblicken, ruhmvoller König . . .« »Ich bin nicht der König, ich bin

Antigonos. Alexander folgt mir,« sagte der König auf Ptolemaios in seiner

prächtigen Krone weisend. Lächelnd verneigte sich die Königin vor dem

Edelmanne. Nach einem feierlichen Mahle führte Kandake ihre Gäste ihnen die

Stadt zu zeigen, goldene Äpfel, melonengroße Nüsse, Hähne, auf denen

Krieger ritten, Panther, deren Knochen Glas schneiden, Krokodile, die mit

ihrem Harn Bäume verbrannten, einäugige Menschen, Riesen und das böse

Geschlecht der Viper. Das Vipernweibchen hat eine Öffnung nicht weiter als

ein Nadelöhr, so daß es nur den männlichen Schoß verzehrend zu zeugen

vermag. Die Jungen erblicken die Welt, den Schoß durchbeißend, als Vater-

und Muttermörder vor der Geburt, erscheinen stets paarweise -- ein Bruder

und eine Schwester. Drosseln, weiße, graue und schwarze Bären setzten die

Griechen in Verwunderung. Nachts auf dem Feste fragte Kandake: »Wie haben

euch, liebe Gäste, meine Wunder gefallen?« Alexander sagte: »Wäre all das

bei den Griechen zu finden, so würden alle staunen.« Die Brauen runzelnd

wandte sich die Königin an Ptolemaios: »Und du, König, was sagst du?«

»Wahrlich, ich dünke mich im Lande der Wunder!« rief der betroffene

Grieche. Da traten äthiopische Mädchen ein und begannen zu tanzen auf einem

großen runden Spiegel, der vorher von einem Teppich zugedeckt war, und es

schien, als würden sie auf einem durchsichtigen Teiche jagen und kreisen.

Die Königin fragte wieder: »Und wie gefallen euch meine Tänzerinnen?«

Alexander kam wieder Ptolemaios in der Antwort zuvor, indem er sagte:

»Wahrlich, ich dünke mich im Lande der halbverbrannten Holzscheite! Warum

verbrennt die Sonne so grausam deine Untertanen, daß sie Kohlen gleichen?«

Kandake sagte nichts, aber nach dem Schluß des Festes faßte sie den König

bei der Hand und ihn zu sich ins Schlafgemach führend, sagte sie: »Jetzt

werde ich dir etwas zeigen, was auch dich in Verwunderung setzen wird, du

Antigonos, der sich über nichts wundert!« Und reichte ihm ein Stück

Leinwand, auf der in zarten Farben Alexanders Gesicht konterfeit war. Der

König schwieg und die Königin fuhr fort: »Was sagst du nun, großer König?

Warum bist du versteckt zu mir gekommen, so daß ich dich nicht empfangen

konnte, wie es sich geziemt?« »Verzeih, Königin, den unschuldigen Betrug

und verrat mich nicht!« Kandake antwortete mit leichtem Lächeln: »Ich werde

dich nicht verraten, aber gehorche den Sitten meines Landes: Noch ist kein

König von mir gegangen, ohne mein Gemahl geworden zu sein!« »Wie, Königin?«

rief der Gast, aber das Weib wand ihre Arme um seinen Hals und küßte seine

Lippen, zärtliche Worte der Leidenschaft flüsternd, und flocht die langen

schwarzen Zöpfe auf, riß ihr enges weißes Kleid ab und bedrängte, nackt,

den König so sehr, daß er zum Schwerte greifend, rief »Laß ab, Sinnlose,

gedenkst du Alexandern zu verderben?!« Ihren braunen Leib zurückwerfend

sagte die Königin unter Lachen: »Alexander! Alexander! hast gegen ein Weib

das Schwert entblößt!« In diesem Augenblick tat sich die Tür mit Gepolter

auf und es stürzte hinein, trunken, Ptolemaios hinter ihm der älteste Prinz

Thoas, dem sein Bruder Kandaules mit langer Pike folgte. Ptolemaios stürzte

sich auf Alexander und rief: »König, rette! rette! Dieser Wahnsinnige will

mich töten!« Thoas hielt inne und schrie: »Da also ist er, der Mörder

meines ruhmvollen Schwiegervaters Poros! Da ist der makedonische Hund!« Und

stürzte sich auf den König. Indem die Pike, von Kandaules in den Rücken des

Bruders gebohrt zu Tode den wütenden Thoas traf, den Mann von Poros'

Tochter. Alexander schaute schweigend den Brudermord an, und die nackte

Königin, die sich zu spät zwischen die Kämpfenden warf, stieß vergeblich

durchdringende Schreie aus. Kaum noch lebend lag Ptolemaios, sozusagen

immer weiter um Schutz flehend, vor den Füßen des Königs. Kandake nackt und

barhäuptig erblickend rief Kandaules: »Mutter, was hast Du?« Alexandern

seitlings anblickend, die Hände gen Himmel gehoben, rief die Königin laut:

»Wahrhaftig, der König Alexander ist keusch!« Als Kandake am Morgen von den

reichbeschenkten Gästen Abschied nahm, da sprach sie: »Ich scherzte, du

hast es verstanden? Ich glaubte dem Gerüchte nicht, aber du bist der Liebe

unzugänglich.« Alexander lächelte und antwortete:

»Auch ich dachte, daß du mich prüfest, ich scherzte ebenfalls« und rührte

am Zügel des Pferdes.

Taten des großen Alexander · 第 21 / 25 题