DIE BEGEGNUNG DER PERSISCHEN BOTEN. Alexander wurde von Stund an auch
allein abgesandt, bald hier hin, bald dort hin, die aufständigen Städte zu
zügeln, welches er reich an Erfolgen entweder auf friedlichem Wege
vermochte, dank seiner Weisheit, oder mit der Waffe, dank seiner
Tapferkeit. Heimgekehrt nach einer solchen Niederwerfung erblickte er auf
einer grünen Wiese Zelte irgend welcher Menschen, die in der Ferne in
langen Gewändern und mit breitem Kopfputz umhergingen. Es wurde ihm
gemeldet, diese seien die Abgesandten des persischen Königs Dareios, und
gekommen, Tribut von den Griechen zu holen. Ohne zu antworten, sprang
Alexander hin zu einem hochgewachsenen Perser mit gefärbtem Bart und rief:
»Ihr sammelt Tribut dem Könige Dareios?« »Ja Herr«, antwortete der
Befragte. »Also sage ich, Alexander, der Sohn Philipps, des Königs von
Makedonien, zu dem König Dareios: Nicht geziemt es den Hellenen, zu zahlen
Tribut an Barbaren; so lange mein Vater allein war, stand ihm frei, zu tun,
was er wollte, mit mir aber muß anders gehandelt werden. Nicht nur werde
ich euch keinen Tribut geben, sondern alles Bezahlte werde ich
zurücknehmen!« Und Alexander, die Hand erhoben zur Sonne, schwor bei den
Göttern, währenddem ein persischer Künstler eilig auf einer silbernen Tafel
mit zarten Farben das Bildnis des golden gelockten Prinzen schuf, um es
seinem Könige nach dem fernen Babylon zu bringen.
* * * * *
DER TOD PHILIPPS. Unterdes gings in der Hauptstadt Philipps unruhig und
bewegt zu. Pausanias, Beherrscher der Thessalonicher, bereitete eine
Verschwörung gegen den König, aus dem Wunsche, sich der Olympias zu
bemächtigen, die er trotz ihrer Jahre schon lange mit seiner Liebe
belästigte. Und an einem regnerischen Tage, als der König sich ohne die
Königin ins Theater begab, da hatten Pausanias und seine Helfershelfer, die
fast zur Hälfte die nahen Plätze um den König besetzten, beschlossen, ihren
Anschlag auszuführen. Auf ein gegebenes Zeichen verwundete der Jüngling,
der hinter Philipp den Fächer hielt, das Schwert zückend, den König in die
Schulter. Indem ein Teil der Verschwörer mit Pausanias zu den Gemächern der
Olympias stürzte, zerstreuten sich die anderen in der Stadt, ihre Anhänger
suchend, und die gelassenen Bürger aufhetzend zu rufen: »Es lebe König
Pausanias, nieder mit dem ägyptischen Bankert!« Gegen die andrängenden
Übeltäter wehrend, trugen die Freunde mit Mühe den verwundeten König in den
Palast. Auf den Straßen, trotz Regens und der Dämmerung, entstanden
Handgemenge, als plötzlich durchdringende Hornrufe die Ankunft der Heere
Alexanders verkündeten, den Getreuen zur Freude, und den verräterischen
Bürgern zum Schauer. Hastig eilte Alexander zum Palaste und überließ es dem
Heere, in den Straßen fertig zu werden. Schnell in das Schlafzimmer seiner
Mutter tretend, erblickte er die Königin in den Armen des Pausanias, der
sie besinnungslos küßte. Die Schreie Alexanders, der es nicht wagte, den
Gewalttäter mit der Lanze zu durchbohren, aus Angst, er möchte die Mutter
verletzen, drangen dem Rasenden nicht zu Ohren. Immer fester mit der einen
Hand die Königin umfassend, mit der anderen die schweren dunklen Kleider
herabzureißen sich mühend, warf er Olympias auf den Boden, wobei er einen
hohen Sessel umstürzte und doch seine Beute nicht preisgab.
»Schlage zu, Söhnchen, schlage, fürchte nicht! auch mich, schone meine
Brust nicht, die dich ernährt hat!« schrie die Königin unter dem unbändigen
Liebhaber. Alexander stürzte hinzu, packte ihn am Kragen und schleppte ihn
fort, den halbentblößten, nichts in seiner Leidenschaft erkennenden
Pausanias, und die Lanze in den nackten Bauch bohrend, drehte er einmal um,
und noch einmal und dreimal, so daß jener aufbrüllte wie ein Bulle, nach
den warmen Brüsten der Geliebten tappend. Olympias, in ein Laken
verwickelt, zerzaust, rief: »Schlage ihn nicht! Bring ihn zum Vater, dort
sollst du ihn töten!« »So, Königin!« rief der Sohn und schleifte den
halbtoten Pausanias an den Beinen die hohe Treppe hinunter. Im Gemach des
Königs wars dunkel und roch nach Kräutern; auf das Klopfen des eintretenden
Prinzen öffnete Philipp die Augen, aber er drehte sie bald wieder ab. An
das Bett tretend, küßte Alexander die Hand des Königs und sagte leise: »Ich
bins, Vater, und da ist dein Feind, räche dich!« Die Augen Philipps
glänzten auf, und das von seinem Sohne gereichte Messer ergreifend, stach
er es mit schwacher Hand in den halbtoten Vasallen. Dann die Augen
schließend, lächelte er, und, indem er zu seinem Sohne sagte: »Gott behüte
dich, ich sterbe gerächt!« seufzte er zum letzten Male. Der Prinz führte
zum Munde des Königs einen Spiegel, wartete einige Augenblicke, dann über
den Leichnam des Pausanias schreitend, riß er das Fenster nach dem dunklen
Platze auf, wo im Regen die harrenden Mengen standen und rief laut: »König
Philipp starb als Rächer!« und ein lauter Ruf erscholl aus der Dunkelheit:
»Es lebe König Alexander!« indem rötete der Abglanz der von den Meuterern
angezündeten Vorstädte die dichten Wolken.
Ende des ersten Buches.