FÜNFTES KAPITEL

DIE BEGEGNUNG DER PERSISCHEN BOTEN. Alexander wurde von Stund an auch

allein abgesandt, bald hier hin, bald dort hin, die aufständigen Städte zu

zügeln, welches er reich an Erfolgen entweder auf friedlichem Wege

vermochte, dank seiner Weisheit, oder mit der Waffe, dank seiner

Tapferkeit. Heimgekehrt nach einer solchen Niederwerfung erblickte er auf

einer grünen Wiese Zelte irgend welcher Menschen, die in der Ferne in

langen Gewändern und mit breitem Kopfputz umhergingen. Es wurde ihm

gemeldet, diese seien die Abgesandten des persischen Königs Dareios, und

gekommen, Tribut von den Griechen zu holen. Ohne zu antworten, sprang

Alexander hin zu einem hochgewachsenen Perser mit gefärbtem Bart und rief:

»Ihr sammelt Tribut dem Könige Dareios?« »Ja Herr«, antwortete der

Befragte. »Also sage ich, Alexander, der Sohn Philipps, des Königs von

Makedonien, zu dem König Dareios: Nicht geziemt es den Hellenen, zu zahlen

Tribut an Barbaren; so lange mein Vater allein war, stand ihm frei, zu tun,

was er wollte, mit mir aber muß anders gehandelt werden. Nicht nur werde

ich euch keinen Tribut geben, sondern alles Bezahlte werde ich

zurücknehmen!« Und Alexander, die Hand erhoben zur Sonne, schwor bei den

Göttern, währenddem ein persischer Künstler eilig auf einer silbernen Tafel

mit zarten Farben das Bildnis des golden gelockten Prinzen schuf, um es

seinem Könige nach dem fernen Babylon zu bringen.

* * * * *

DER TOD PHILIPPS. Unterdes gings in der Hauptstadt Philipps unruhig und

bewegt zu. Pausanias, Beherrscher der Thessalonicher, bereitete eine

Verschwörung gegen den König, aus dem Wunsche, sich der Olympias zu

bemächtigen, die er trotz ihrer Jahre schon lange mit seiner Liebe

belästigte. Und an einem regnerischen Tage, als der König sich ohne die

Königin ins Theater begab, da hatten Pausanias und seine Helfershelfer, die

fast zur Hälfte die nahen Plätze um den König besetzten, beschlossen, ihren

Anschlag auszuführen. Auf ein gegebenes Zeichen verwundete der Jüngling,

der hinter Philipp den Fächer hielt, das Schwert zückend, den König in die

Schulter. Indem ein Teil der Verschwörer mit Pausanias zu den Gemächern der

Olympias stürzte, zerstreuten sich die anderen in der Stadt, ihre Anhänger

suchend, und die gelassenen Bürger aufhetzend zu rufen: »Es lebe König

Pausanias, nieder mit dem ägyptischen Bankert!« Gegen die andrängenden

Übeltäter wehrend, trugen die Freunde mit Mühe den verwundeten König in den

Palast. Auf den Straßen, trotz Regens und der Dämmerung, entstanden

Handgemenge, als plötzlich durchdringende Hornrufe die Ankunft der Heere

Alexanders verkündeten, den Getreuen zur Freude, und den verräterischen

Bürgern zum Schauer. Hastig eilte Alexander zum Palaste und überließ es dem

Heere, in den Straßen fertig zu werden. Schnell in das Schlafzimmer seiner

Mutter tretend, erblickte er die Königin in den Armen des Pausanias, der

sie besinnungslos küßte. Die Schreie Alexanders, der es nicht wagte, den

Gewalttäter mit der Lanze zu durchbohren, aus Angst, er möchte die Mutter

verletzen, drangen dem Rasenden nicht zu Ohren. Immer fester mit der einen

Hand die Königin umfassend, mit der anderen die schweren dunklen Kleider

herabzureißen sich mühend, warf er Olympias auf den Boden, wobei er einen

hohen Sessel umstürzte und doch seine Beute nicht preisgab.

»Schlage zu, Söhnchen, schlage, fürchte nicht! auch mich, schone meine

Brust nicht, die dich ernährt hat!« schrie die Königin unter dem unbändigen

Liebhaber. Alexander stürzte hinzu, packte ihn am Kragen und schleppte ihn

fort, den halbentblößten, nichts in seiner Leidenschaft erkennenden

Pausanias, und die Lanze in den nackten Bauch bohrend, drehte er einmal um,

und noch einmal und dreimal, so daß jener aufbrüllte wie ein Bulle, nach

den warmen Brüsten der Geliebten tappend. Olympias, in ein Laken

verwickelt, zerzaust, rief: »Schlage ihn nicht! Bring ihn zum Vater, dort

sollst du ihn töten!« »So, Königin!« rief der Sohn und schleifte den

halbtoten Pausanias an den Beinen die hohe Treppe hinunter. Im Gemach des

Königs wars dunkel und roch nach Kräutern; auf das Klopfen des eintretenden

Prinzen öffnete Philipp die Augen, aber er drehte sie bald wieder ab. An

das Bett tretend, küßte Alexander die Hand des Königs und sagte leise: »Ich

bins, Vater, und da ist dein Feind, räche dich!« Die Augen Philipps

glänzten auf, und das von seinem Sohne gereichte Messer ergreifend, stach

er es mit schwacher Hand in den halbtoten Vasallen. Dann die Augen

schließend, lächelte er, und, indem er zu seinem Sohne sagte: »Gott behüte

dich, ich sterbe gerächt!« seufzte er zum letzten Male. Der Prinz führte

zum Munde des Königs einen Spiegel, wartete einige Augenblicke, dann über

den Leichnam des Pausanias schreitend, riß er das Fenster nach dem dunklen

Platze auf, wo im Regen die harrenden Mengen standen und rief laut: »König

Philipp starb als Rächer!« und ein lauter Ruf erscholl aus der Dunkelheit:

»Es lebe König Alexander!« indem rötete der Abglanz der von den Meuterern

angezündeten Vorstädte die dichten Wolken.

Ende des ersten Buches.

Taten des großen Alexander · 第 8 / 25 题