3) Annahme der Absätze 2 und 3 vom Reiche.

Das Staatenhaus ist nothwendig um der Fürsten und Stämme willen; ohne

ein Volkshaus bleiben die Deutschen wesentlich hinter der politischen

Entwickelung anderer Völker zurück, und seit 1000 Jahren hatten sie

+einen+ Kaiser; obgleich viele Leute jetzt schreien, als wäre dies

eine funkelhagelneue Erfindung. Alles auf diese Punkte bezügliche

+Einzelne+ bleibt (um nicht abzuschrecken, vor der Hand zur Seite

gestellt. Kommt Zeit, kommt Rath. -- So weit konnte ich ohne Bedenken

mitgehen; ernstere Zweifel hegte ich über die Absätze 2 und 3. Sie

lauten: §. 2. „Kein Theil des deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen

Reichen zu einem Staate vereinigt sein -- §. 3. Hat ein deutsches

Land mit einem nichtdeutschen Lande dasselbe Oberhaupt, so ist das

Verhältniß zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der reinen

Personalunion zu ordnen.“ Ihr erinnert Euch, daß ich mich in Paris

lebhaft wider diese Sätze erklärte, und darin einen Quell des Unglücks

und der Zerwürfniß sah. Mir schien es zum mindesten unverständig, eine

solche Herausforderung Österreichs an die Spitze zu stellen, und eine

Hinausweisung anzudeuten. Seitdem habe ich hier im dritten Bande der

stenographischen Berichte, alle Reden und Verhandlungen nachgelesen.

Die für jene Sätze ausgesprochenen Gründe hoben keineswegs alle meine

Zweifel, und die sehr große Mehrheit, welche sich dafür aussprach, war

für mich auch noch nicht entscheidend. Wohl aber geben +neue Thatsachen

den Dingen und den damit in unzertrennlicher Verbindung stehenden

Beschlüssen eine andere Gestalt+. Zuerst nämlich erklärte Österreich:

es wolle +nicht+ in den +Bundesstaat+ eintreten, sondern nur einen

engeren Bund schließen; und diesen zu Stande zu bringen erhielt das

Reichsministerium Auftrag von der Reichsversammlung. -- Nunmehr

änderte aber Österreich seine Ansicht und erklärte: es wolle +keinen

Bundesstaat+, +kein Oberhaupt+ (es sei denn ein Habsburger) und nur

eine Art von Herstellung des alten Staatenbundes mit oligarchischem

Vorherrschen der vier Könige. So viel in und zwischen den Zeilen.

Reichstag und Reichsgewalt ist für Österreich gar nicht da, oder nur

eine berathende Behörde, deren sämmtliche Beschlüsse zu verwerfen ihm

frei stehe. Diesem Beispiele folgen die kleinen Königreiche gar gern;

was uns zurückwirft, bis diesseits alles Anfanges.

Will Österreich +staatsrechtlich+ aus +allen+ seinen Ländern +ein+

Reich bilden (anders denn zuvor), so bleiben seine Deutschen immer in

der Minderzahl und können allerdings in diesem Sinne nicht +zweien+

Staaten angehören. Ist dies nicht der Fall, so hat Österreich

schwerlich die Macht, aber gewiß nicht das Recht, von vorn herein

eine neue und engere Einigung Deutschlands zu verwerfen, und ein

Band vorzuziehen, das nicht bindet, sondern nur nach seinem Belieben

gängelt. Waren also die Absätze 2 und 3 anfangs eine Art von

Herausforderung, so sind sie jetzt vielmehr eine Art Abwehr, oder ein

nothwendig gewordenes Mittel, die Dinge aus dem Schwebeln, Nebeln und

Träumen heraus ins Klare zu bringen.

Man kann, wie die Dinge jetzt stehen, die Zukunft Deutschlands nicht

aufgeben, um der Zukunft Österreichs willen; das ganz deutsche

Preußen nicht um alter Traditionen willen, zurückstellen gegen den

bunt gemischten österreichischen Staat. Wenn sich Preußen (zufolge

seiner neuesten Noten) nicht nochmals von wiedergebornen Metternichs

will in das Schlepptau nehmen lassen, wenn es nicht (blos rückwärts

sehend) zur Salzsäule werden will, so hat es ganz Recht. Es muß (wie

im Zollvereine) im Wege freien Vereines vorwärts gehen. Schon stehen

alle kleineren deutschen Staaten auf seiner Seite; verliert man den

Muth nicht, vergißt man der Mäßigung nicht, stellt man die Bedingungen

nicht zu hart, die Formen nicht zu verletzend, so dürften die

Widersprechenden allmälig nachgiebiger werden. Haben wir nur erst einen

Kern, so wird bald mehr daran anschließen. Thut der preußische Landtag

in der nächsten Zeit seine Schuldigkeit, geht er mit Frankfurt Hand in

Hand, so blühet Hoffnung und nahet Erfüllung. -- Wo nicht, so gehen wir

verspottet von hier nach Hause, und eine bittere Reue und Strafe wird

die Weigernden, Störenden, Zweideutigen treffen!

-- -- Ich las Allerlei in Johnson’s Leben englischer +Dichter+. Man

erwartet ein glänzendes, poetisches, glückseliges Leben! -- findet aber

meist Unzufriedenheit, Neid, Armuth, Unordnung, Speichelleckerei,

Grobheit u. s. w. u. s. w.!! -- schlechter, als die gewöhnlichste Prosa

des täglichen Lebens. Doch giebt es Ausnahmen; oder man könnte auch

sagen: unter allen Poeten zur Zeit der Königin Anna, gebe es keinen

einzigen Dichter!

Nachmittags.

Die bekannte preußische Note hat großen Beifall gefunden; jedoch

nur als ein +erstes+ Wort, dem mehre folgen müßten. Indeß hatte sie

sogleich die günstige Wirkung, viele kleinere Fürsten zu überzeugen,

daß ihr Dasein nur dadurch könne gerettet werden, wenn sie durch eine

starke Reichsgewalt gegen das Ausland und die Demokraten geschützt

würden.

Minder willig sind die deutschen Könige, welche mit einer Souverainetät

Götzendienst treiben, die sie zu Knechten machte, und welche das

deutsche Reich niemals kannte oder anerkannte. Österreich kann und will

sich nicht einer Reichsgewalt unterwerfen, wie man sie hier festsetzte,

und Preußen muß dasselbe thun, im Fall man sie an Österreich überträgt.

Mithin fragt sich: will man die Verfassung so herstellen, wie es

Österreich verlangt; oder will man mit Österreich besondere Verträge

abschließen? Diese gutentheils neuen Fragen und Zweifel führen zu

einer Umstellung, Trennung oder Vereinigung der hiesigen Parteien.

Vor ein Paar Tagen traten in der sogenannten Mainlust die +Gegner+ des

bezweckten Bundesstaates zusammen, meist Österreicher und Baiern. Sie

waren so ziemlich darüber einig, was sie +nicht+ wollten, konnten sich

aber über keine positiven Gegenvorschläge einigen. Dies veranlaßte

eine zweite Versammlung, welche im Weidenbusch zusammentrat und

größtentheils aus Preußen bestand. Ich habe mich, da eine unbestimmte

Neutralität jetzt nicht ausreicht, ihr angeschlossen und Gelegenheit

genommen, meine Überzeugung auszusprechen. Man kam zu folgenden

vorläufigen Beschlüssen:

1) An der Bildung eines Volkshauses und Staatenhauses festzuhalten.

Beide werden die Mehrzahl der Stimmen für sich vereinigen.

2) Auf den Reichsrath kein Gewicht zu legen. Ich halte ihn nicht blos

für unbrauchbar, sondern auch für schädlich.

3) Auf keine Trias, kein Direktorium u. dergl. einzugehen, sondern an

der +Einheit+ der Reichsgewalt festzuhalten.

4) Wider jeden Plan zu stimmen, der blos auf eine Modifikation des

alten Bundes- und Fürstentages hinausläuft.

5) Um des +Titels+ des Reichsoberhauptes willen das Gelingen der

+Sache+ keiner Gefahr bloßzustellen.

6) Die Erblichkeit des Reichsoberhauptes als die beste Form, so lange

als möglich, zu vertheidigen.

7) Das Kriegs-, Zoll- und Gesandtschaftswesen vorzugsweise in die Hände

der Reichsgewalt niederzulegen.

Bei der ungefähr gleichen Stärke der Parteien, liegt die Entscheidung

in der Macht der Linken; auch sagt diese sehr offenherzig: sie werde

diese Verhältnisse für sich ausbeuten und sich derjenigen Partei

anschließen, welche ihr die meisten Concessionen mache.

Das größte Gewicht hat jedoch Preußen, sobald der neue Reichstag seine

heiligen Pflichten erfüllt. Tollkühnheit ist eben immer toll; wer aber

nicht wagt, gewinnt nicht, und günstige Gelegenheiten kehren selten

wieder, wenn sie versäumt werden.

Viele wünschen und weissagen: der frankfurter Reichstag werde mit

+nichts+ abschließen, und hierin liege die erfreuliche Rückkehr

zum Alten und Bewährten. Ich halte diese Ansicht für grundfalsch.

Nach kurzer, täuschender Ruhe und Freude würde bald eine Revolution

hervorbrechen, schrecklicher noch als die des Jahres 1848.

Hundertsechzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Februar 1849.

Unsere Aussichten werden täglich trüber! Die Preußen gehen zum Theil

fort, die Österreicher (deren eine große Zahl fehlte) wählen erst

jetzt und eilen nach Frankfurt, die Erklärungen der Könige weisen

Dinge bestimmt zurück, die ihnen unbequem erscheinen, bleiben aber

nächstdem bei leeren, nichtssagenden, altdiplomatischen Redensarten

stehen (z. B. sie wünschten Deutschlands Wohl und Einigkeit) und geben

zu der gerechten Vermuthung Anlaß, im Hintergrunde stehe der Zweck,

einen engeren Bundestag zu bilden, wo die Könige und ihre Abgeordneten

vorherrschen, die kleineren Fürsten wenig sind, und das Volkshaus nicht

zum Dasein kommt.

Seit Monaten liegen die wichtigen Beschlüsse der Reichsversammlung

vor Augen: war es nicht das Recht und die Pflicht der Fürsten und

Regierungen sich darüber (+vor+ der zweiten Lesung) in wohlbegründetem

Tadel und in tröstender Beistimmung auszusprechen? Gerathen jene nicht

in das ausgefahrne Gleise früherer Jahre, in die Vornehmthuerei und

Geheimnißkrämerei, in die jämmerlichen Kunststücke einer abgestorbenen

Diplomatik? -- Wie können wir bei der zweiten Lesung Einwendungen

berücksichtigen, die man über die eigentlichen Hauptpunkte fast

nirgends ausspricht? Wie darf man freundliche Nachgiebigkeit von

der Reichsversammlung verlangen, wenn man die natürliche Besorgniß

erregt: man wünsche (nach der zweiten Lesung) ihre Auflösung, um dann

zu thun, was Jedem behagt! Erst hatten die Regierungen (aus Angst vor

Aufständen) nicht den Muth, +übertriebene+ Ansprüche der hiesigen

Versammlung zurückzuweisen; jetzt (das zeigt sich täglich mehr) möchten

jene ihr alle Rechte absprechen und sie als ein revolutionaires

Ungeheuer betrachten und behandeln. Große, tief eingreifende

Bewegungen, endigen aber niemals mit +nichts+, und fast alle Glieder

der hiesigen Versammlung werden sich links wenden, wenn die Fürsten

nichts gelernt haben und nichts bieten, als einen ausgeflickten,

geschminkten Bundestag.

In all den Noten der Kleinkönige spricht sich nichts aus, als der

Götzendienst mit ihrer eigenen Majestät und die Furcht vor einem

Kaiserthume, das Jeder gern annähme, aber Keiner dem Anderen gönnt. --

Für den Fall aber, daß man das Kaiserthum bei Seite stellte und auf

ihre Besorgnisse Rücksicht nähme, bieten sie denn einen Ersatz? Sie

bieten +nichts+; sie schweigen, und hoffen nach unserem Verstummen

allein das große Wort zu führen. Gehen wir aber wirklich so jämmerlich

zu Ende, wie 1448 die baseler Kirchenversammlung; so werden nicht 69

Jahre vergehen, ehe ein zermalmender Luther aufsteht, und ihm folgend

das ganze Volk!

Den 23. Februar.

Gestern ward ich dafür gestraft, daß ich vorstehend auf die Könige

und Regierungen gescholten; ich mußte nämlich in der Paulskirche zwei

Reden anhören, welche Proudhon’s und Raspail’s Beifall würden erhalten

haben. Diesmal war indeß die Versammlung nicht milder gegen Meuterer

und Spitzbuben, als gegen Beamte und Minister, und ließ sich nicht

aufreden: kein politisches Verbrechen dürfe den Verlust des Wahlrechtes

nach sich ziehen.

Gottlob, daß die aufsteigenden Gefahren den Muth der Abgeordneten (so

scheint es) nicht schwächen, sondern stärken; daß sie dessen eingedenk

bleiben, was sie sich, ihren Machtgebern, ihrem Vaterlande, ja, der

Welt und Weltgeschichte schuldig sind. Schon haben über 200 Mitglieder

die Euch mitgetheilten Beschlüsse für den Bundesstaat unterschrieben,

und die sich eigenwillig Zerstreuenden sehen immer mehr ein, es sei

nothwendig, sich über Hauptsachen zu vereinigen und zusammenzuhalten.

Den 24. Februar.

Heute feiern die deutschen und Reichsdemokraten in Mainz den Geburtstag

der französischen, und reden und trinken auf das Gedeihen der

künftigen deutschen Republik. Daß die erste mißglückt ist, können

sie nicht mehr läugnen, und ebensowenig, daß sie gehaßt wird. Aus so

gewaltigen, furchtbaren, mißlungenen Versuchen ist die rasche Rückkehr

zu irgend einer dauernden, gemäßigten Herrschaft aber unendlich schwer;

und wo ein anerkannter Schwerpunkt fehlt, um welchen man sich bewegt,

kann eben diese Bewegung keine geregelte und beglückende sein. Deshalb

werden die Franzosen ihren eigenen Mitbürgern noch oft zurufen: ~vae

victis~, weh den Besiegten! und muthige Generale (wie Cavaignac,

Changarnier und Bedeau) werden mit dem Schwerte den Takt dazu schlagen.

Lügen die Zeitungen nicht (wie ich diesmal hoffe), welch eine neue

Probe alter, schmachvoller Diplomatik gäben alsdann die baierschen

Minister und Gesandten! Bevor sie einer, von ihnen selbst anerkannten,

deutschen Reichsversammlung nur ein freundliches Wort der Verständigung

gönnen, klagen sie dieselbe vor fremden Regierungen an, ja, fordern

diese (weil es den Ehrgeizigen und Eigennützigen in ihren Bettelkram

einer angeblichen Großmacht dient) deutlich genug auf, sich in deutsche

Angelegenheiten zu mischen! Und der Königseid wird in einer Weise

gedeutet, daß er jede großartige Verbesserung deutscher Zustände

unmöglich machen würde! In ähnlicher Richtung bewegte sich -- schon

früher und hielt mich für so dumm, daß ich nichts davon merke; weil ich

unsere schwarze Wäsche nicht (wie Napoleon sagte) vor französischen

Urtheilern waschen und Waschweibergezänk dazu führen mochte.

Hundertsiebzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Februar 1849.

Morgen (wird angekündigt) sollen uns die gemeinschaftlichen Erklärungen

der deutschen Staaten (nur mit Ausnahme von Hannover und Österreich)

über den Verfassungsentwurf mitgetheilt werden. Gebe Gott, daß

sie genügen, um zum Ziele zu kommen! Gestern Abend war eine neue

Versammlung im Weidenbusche; sie bildet, wenn keine Mehrzahl, doch

eine sehr starke Minderzahl, und ist in sich einiger, als die Gegner,

zu denen leider Absolutisten, Republikaner, Österreicher, Baiern,

Ultramontanen u. s. w. mit ganz verschiedenen Ansichten und Absichten

gehören.

-- wünscht ein +gutes+ Wahlgesetz; worunter er gewiß ein so viel als

möglich +aristokratisches+ versteht. Dadurch aber, daß die preußische

Regierung (und einige andere) das allgemeine Stimmrecht bewilligten

und im vorigen, wie in diesem Jahre, danach wählen ließen, hat

sie es unmöglich gemacht, hier einen entgegengesetzten Grundsatz

durchzubringen. Jetzt meinen Viele, das Verlorene wieder zu gewinnen,

wenn sie gegen den Gesetzentwurf stimmen, welcher +direkte+ Wahlen

beantragt. Viele sind +nicht+ dieser Meinung. Der einfache, ungebildete

Menschenverstand der Urwähler ist ihnen lieber, als die falsche

Bildung der so oft verschrobenen Wahlmänner; das Verhältniß der Wähler

und Erwählten bleibt bei direkten Wahlen (wie es sich gebührt) ein

unmittelbares, wo Zurechnung und Abänderung nicht künstlich beseitigt

wird. In allen Ländern, wo man es mit derlei Abstufungen versucht hat,

ist man davon zurückgekommen u. s. w.

Mag ferner die geheime Abstimmung einzelne Vortheile, die offene

einzelne Nachtheile haben, so ist Muth und Freiheit bei offener

Abstimmung doch im Ganzen besser gewahrt und für Wahrheit und Charakter

besser gesorgt, als wenn man ein Mittel vorschreibt, wobei die Feigen

und die Lügner ihren Vortheil finden.

Ein Hr. H. (der sich einen Dichter nennt und auf seine Schönheit viel

einbilden soll) hielt letzthin eine Lobrede auf die Weisheit und

Begeisterung der Jugend bei politischen Rechten. Später, sagte er,

heirathen die Leute, und sind dann +abhängig+ und unglücklich: -- dies

erregte große Heiterkeit.

In Johnson’s Leben englischer Dichter finde ich folgende Stelle:

~Akenside certainly retained an unnecessary and outrageous zeal for

what he called and thought liberty: a zeal which sometimes disguises

from the world, and not rarely from the mind which it possesses, an

envious desire of plundering or degrading greatness; and of which the

immediate tendency is innovation and anarchy, an impetuous eagerness to

subvert and confound, with very little care what shall be established.~

Den 27. Februar.

Seit einigen Tagen ist das Wetter abscheulich und der Gang der

Berathungen und Beschlüsse gleich melancholisch und niederdrückend. So

war ich gestern von ¾9-¼5 in der Paulskirche und von 7-9 im Casino.

Es entspann sich über die Mittheilungen der Regierungen an die

Reichsgewalt eine Berathung, welche durch ganz unnütze namentliche

Abstimmungen ermüdete, und in den Ergebnissen völlig nichtig war.

Zudem fielen die Vorschläge, welche die sogenannten Gutgesinnten

machten, zu Boden: erstens durch innere Mangelhaftigkeit, zweitens

durch falsche Taktik; drittens durch Coalitionen der äußersten

Rechten, der Linken, der Österreicher, Ultramontanen und Baiern. Gang

und Ausgang versetzte Mehre in solche Verzweiflung, daß sie gestern

Abend im Casino den Vorschlag machten, uns von unseren Gegnern und der

Paulskirche +ganz+ zu trennen, eine +besondere+ Versammlung +in+ oder

+außerhalb+ Frankfurt zu bilden u. s. w. u. s. w. Ich erklärte mich

aufs Lebhafteste gegen diesen, im +jetzigen+ Augenblicke wahnsinnigen

Vorschlag, und ganz in gleichem Sinne sprachen sehr gut die Herren

Schubert, Waitz und Beckerath. Wir, angeblich Conservativen (sagte

ich unter Anderem), sollen eine Maßregel ergreifen, die höchstens

begreiflich wäre, wenn sie von der äußersten Linken ausginge; wir

sollen im Widerspruche mit Recht, Gesetz, Mandat, Wählern, Regierungen,

Absicht und Zweck, den revolutionairen Boden betreten, unsere Freunde

auseinandersprengen, eine unausweichliche Niederlage für die von

uns vertretene Partei herbeiziehen, und die Achtung der Mitwelt

und Nachwelt verlieren. Und weshalb, wozu? Weil wir in einem sehr

übereilt unternommenen Gefechte einmal besiegt wurden? Niemand kennt

die Zukunft; aber jetzt ist es unsere Pflicht, auf unserem Posten

auszuharren, nicht zu verzweifeln, sondern im Wege der Pflicht, der

Ehre, des Rechtes weiter zu kämpfen, bis wir siegen, oder, selbst in

der Niederlage, gerechten Ruhm erwerben! u. s. w. u. s. w.

Zur Erläuterung obiger Parteistellung noch Folgendes: die äußerste

Rechte will sich mit +allen+ Regierungen verständigen über die

deutsche Verfassung, und ihnen so viel Entscheidungsgewalt zugestehen,

als der Reichsversammlung. Die Centren halten es für unmöglich,

+alle+ Regierungen für +eine+ Ansicht zu vereinigen, und fordern die

+letzte+ Entscheidung für die Reichsversammlung. Die Österreicher

hätscheln die Linke, um sie gegen Preußen zu benutzen, und die

Baiern, um statt der Einheit eine Trias u. s. w. durchzusetzen.

Die Linke bietet hier scheinbar die Hand, um die Mehrheit für ein

unbedingt demokratisches Wahlgesetz zu erhalten. So die gegenseitigen

Wünsche, Forderungen und Concessionen, und die anbrüchigen Grundlagen

einstweiliger Bündnisse. In der anderen Woche kommen wir zur zweiten

Lesung des Verfassungsentwurfes, und man erwartet die Erklärung

der österreichischen Regierung über einen anderen Entwurf, welchen

österreichisch Gesinnte hier entworfen haben und nach Olmütz

überbringen. Ich zweifle, daß er die Beistimmung der österreichischen

Regierung erhalten, und noch weit mehr, daß er in der Paulskirche

durchgehen wird. Später mehr davon, sofern das Kind nicht in der Geburt

stirbt.

Den 28. Februar.

Gestern war endlich schönes Wetter, daß man spazieren gehen, des

Frühlings gedenken und sich erheitern konnte. Auch in der Paulskirche

hörte ich einige treffliche Reden, so von Beseler und Riesser. Eine,

welche ich hielt, kann ich nicht so gut bezeichnen; sie hat nur den

Vorzug, daß ich des Spruches eingedenk war: „sperrs Maul auf, hör’

bald auf.“ -- Man wünschte im Casino, ich möge sprechen, und so habe

ich dem freundlichen Wunsche nachgegeben. Man duldet meine Worte,

weil ich nicht grob bin; doch nahm ich die Gelegenheit wahr, mich

wenigstens gegen einen Vorwurf (des Breittretens bekannter Thatsachen)

zu vertheidigen.

Die Furcht, oder Hoffnung, daß sich die Massen vorzugsweise durch

allgemeine Grundsätze und theoretische Principien leiten und

beherrschen ließen, erscheint mir einseitig und übertrieben. Wenn

Demagogen jetzt großen Eindruck machen, so beruht er weit weniger auf

ihren Verfassungstheorien, als auf dem Andenken an frühere Mängel, und

der Leichtgläubigkeit mit welcher man ihren Versprechungen traut. Gehen

diese (es ist unmöglich) nicht in Erfüllung, so wird der übereilte

Beifall sich in bittere Vorwürfe umsetzen. In der Regel bewundern und

vertrauen die Massen bestimmten Personen. Ein großer Mann (Friedrich

II, Napoleon, Blücher u. s. w.) setzt sie mehr in Bewegung, als alle

abstrakten Lehrsätze. Ja, sie respektiren mehr die Tyrannei eines

kräftigen Einzelnen, als das Gerede vieler kleinen Leute wider

dieselbe. In letzter Stelle sind aber allerdings Grundsätze und

Personen gleich wichtig und unentbehrlich.

Raumer’s Rede vom 27. Februar 1849.

Keine politische Frage ist wohl öfter, umständlicher und erschöpfender

behandelt worden, als im englischen Parlamente die Frage über das

öffentliche und geheime Abstimmen. Es würde sehr leicht sein, eine

kurze Übersicht der Gründe und Gegengründe zu geben, wenn ich nicht an

die Erinnerung dächte, daß diese Stelle nicht geeignet sei, Vorlesungen

zu halten und Das zu wiederholen, was in allen Compendien stehe. Ich

freue mich, meine Herren, wenn Jeder weiß, was in geschichtlichen

Compendien steht; allein ich habe von der Rednerbühne herab Thatsachen

und Aussprüche berühmter Männer anführen gehört, die ich bis jetzt in

keinem Geschichtsbuche gefunden. Ich habe vermuthen müssen, sie wären

durch die Kraft der Begeisterung und Phantasie aus den Wolken geholt,

um hier eine schöne Wirkung hervorzubringen.

Es sind äußerst wohlwollende und treffliche Männer im englischen

Parlamente aufgetreten für die geheime Abstimmung; sie haben die

Schattenseiten der öffentlichen Abstimmung lebhaft und tüchtig

hervorgehoben; allein in einer langen Reihe von Parlamenten hat sich

die Mehrheit der Stimmen immerdar für die öffentliche Abstimmung

ausgesprochen. (Zuruf von der Linken: Aristokratie!) Keineswegs sind

blos unfreisinnige Männer in ihrer Meinung für öffentliche Abstimmung

festgeblieben, sondern Männer, welche an der Spitze standen, um die

große Parlamentsreform durchzubringen, haben sich beharrlich dafür

erklärt. Erlauben Sie, daß ich nun auch ein Beispiel anführe von der

Ansicht niedrig gestellter Personen. Als ich mich einst in London

aufhielt, und diese Frage an der Tagesordnung war, sagte ich einem

Schneider: „Sind Sie nicht für geheime Abstimmung? Denn im Falle Sie

nicht stimmen, wie Ihre Kunden verlangen, werden Sie sich der Gefahr

aussetzen, diese Kunden zu verlieren, und Ihre Familie ins Elend zu

stürzen.“ -- „Herr,“ sagte mir der Schneider, „wenn Sie nicht bei

mir arbeiten lassen wollen und ich verliere Sie, so bekomme ich, als

muthiger, ehrlicher Mann, für Sie zehn andere Kunden.“

Der Kern der Frage ist der: daß man die +Freiheit+ schützen will durch

die +geheime+ Abstimmung. Ohne Zweifel ist dieses ein wohlgemeinter

Zweck; ich kann mich aber nicht überzeugen, daß man diesen Zweck durch

jenes Mittel erreicht. Denn sobald wir an die Stelle des „+Vorsagens+“

das „+Schreiben+“ setzen, so bleibt die Abhängigkeit dieselbe. Man sagt

z. B., der katholische Geistliche wird seinen Pfarrkindern +sagen+,

wie sie stimmen sollen. Ich weiß nicht, inwiefern dieses geschieht,

und inwiefern es nützlich ist; denn bisweilen mag der Geistliche

mehr von der Sache verstehen, als der Fragende. Jedenfalls kann der

Geistliche besser schreiben, als viele Gemeindeglieder, und so kommt

das Stimmzettelschreiben sehr leicht in seine Hände. Weil überhaupt

in einigen Gegenden Deutschlands viele Leute gar nicht schreiben

können, haben sie sich von den Wahlen ausgeschlossen, indem sie ihre

Unwissenheit nicht gestehen wollten. Meine Herren! Wenn hier unter uns

Keiner einen Zweifel hegt, daß bei namentlichen Abstimmungen Jeder sich

so ausspricht, wie seine Überzeugung es gebietet, so sollen wir dieses

von Anderen ebenso voraussetzen. Überhaupt sind jene Gefahren der

Öffentlichkeit keineswegs so übergroß; vielmehr wird die Abhängigkeit

gefährlicher, sobald man sich insgeheim bestechen lassen kann, und

zu bestechen geneigt ist. Will man jedoch ferner wissen, wie Jemand

gestimmt hat, so ist dieses keineswegs sehr schwer herauszubringen;

denn daß ganz entgegengesetzte Parteien gleichartig stimmen, ist nicht

die Regel, sondern nur die, bisweilen unbegreifliche, Ausnahme.

Sie haben gesprochen und Beschlüsse gefaßt für öffentliches

Gerichtsverfahren, für Preßfreiheit u. s. w.; Sie sind der Meinung

gewesen, erwachsene Männer seien fähig und würdig zu wählen; auch habe

ich mich früher selbst von dieser Stelle dagegen ausgesprochen, große

Klassen von Menschen auszuschließen vom Wahlrechte. Bleiben wir nun

aber auch jetzt auf demselben Boden und in derselben Richtung. Wir

haben Zutrauen zum Volke gehabt, und nicht knechtische Abhängigkeit,

nicht Schwäche des Geistes und Charakters vorausgesetzt, die man

verdecken, der man zu Hülfe kommen müsse. Meine Herren! Wir sind

hier, um das Volk zu erheben, und es wird sich erheben, wenn wir

seiner Erziehung nicht selbst in den Weg treten. Die Gefahr, welche

Herrschaften, Fabrikherren u. s. w. ausüben wollen, wird sich alsdann

brechen an der Kraft der öffentlichen Meinung, oder berichtigen

durch dieselbe. -- Meine Herren! Wenn eine öffentliche Abstimmung

nothwendig ist bei einer direkten Wahl, so ist sie noch nothwendiger

bei indirekten Wahlen. Denn der Urwähler, welcher eine Stimme einem

Wahlmanne giebt, will erfahren, wie dieser gestimmt hat; der Wahlmann

muß öffentlich stimmen, sonst ist aller Zusammenhang zwischen Urwähler

und Wahlmann abgeschnitten. (Zuruf aus dem Centrum: Hört! Hört!)

Ich halte weder das System der unmittelbaren, noch der mittelbaren

Wahlen für vollkommen; aber Besorgnisse daß die, durch das Wahlgesetz

gereinigten und organisirten, Massen falsch wählen werden, halte ich

für die geringeren. Es geht die Gefahr weit mehr von Denen aus, die

nicht blos, wie das Volk, einen gesunden Verstand besitzen, sondern in

einer halben, falschen Bildung befangen sind. Ich fürchte mich mehr vor

den Irrthümern, Nebenrücksichten und Einseitigkeiten der Wahlmänner,

als vor denen der Massen. Meine Herren! Es ist hier von dieser Stelle

vor einigen Tagen von einem verehrten Abgeordneten ein Wort angeführt

worden, welches man mit Beifall aufnahm. „Geben Sie“, hatte ich

gesagt, „kein Gesetz, das Pöbel schafft, und Sie werden keinen Pöbel

haben.“ Meine Herren! Ich erlaube mir, mit einer geringen Veränderung

dieses meines Wortes zu schließen: „Geben Sie keine Gesetze für die

Schwachen, Feigen, Charakterlosen, und Sie werden diese Mängel und Übel

ausrotten.“ (Bravo im Centrum.)

Hundertachtzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 4. März 1849.

Ich habe L--’s Reise nach Rußland gelesen. Es ist merkwürdig, wie dem

Hochtory das glänzende unbeschränkte Kaiserreich erscheint. Übrigens

erinnerte mich das Buch an eine Gesellschaft, welche der Minister der

auswärtigen Angelegenheiten in Dresden damals zu Ehren L-- gab. Alle

Gesandten und vornehmen Leute waren eingeladen, und ich unbedeutende

Person auch meines Englischsprechens halber. Sobald ich dem vornehmen

Gaste vorgestellt war, nahm er mich in eine Ecke, stellte einen Stuhl

vor mich hin und einen seiner Füße darauf. Dann sprach er lobend

von Rußland, und ungeachtet seiner entgegengesetzten Ansichten,

theilnehmend über mein England im Jahre 1835. Er freute sich herzlich,

daß ich sein Vaterland nicht in so traurigem und finsterem Lichte sah,

als er; vertiefte sich aber dergestalt bei diesem, ihm interessanten

Gespräche, daß er (hiedurch großen Anstoß gebend) die ganze übrige

Gesellschaft vernachlässigte, bis Lady L-- eine Gelegenheit suchte und

fand, ihn in die große gesellige Bahn hineinzuschieben.

Nachmittags.

Heute ist in der Paulskirche (durch die oft erwähnte leidige Verbindung

der Linken mit den Österreichern und Ultramontanen) 1) die +geheime+

Abstimmung bei den Wahlen mit einer Mehrheit von nur neun Stimmen, 2)

die +direkte+ Wahl mit einer Mehrheit von 62 Stimmen, und 3) endlich

die Nothwendigkeit einer +absoluten+ Stimmenmehrheit bei den Wahlen

ebenfalls angenommen worden.

Raumer’s Rede vom 2. März 1849.

Meine Herren! Es sind über die Diäten zwei äußerste Ansichten

ausgesprochen worden: einmal, sie zu erhöhen, und zweitens gar keine

Diäten zu zahlen. Ich glaube, diese beiden Auswege sind irrig. Wenn

man nämlich gar keine Diäten zahlt, so begründet man ein falsches

Monopol des Reichthums (wogegen hier schon oft geeifert worden ist);

und wenn man sie erhöht, so veranlaßt man unangenehme Berechnungen, ob

nicht Jemand bedeutenden Vortheil dabei habe. Jedenfalls wird man mehr

Zufriedenheit erwecken und davontragen, wenn man sich das Zeugniß geben

kann, daß man nicht zu viel erhält. Meine Absicht geht nicht dahin,

mich hierüber umständlicher zu verbreiten, weil, wie es scheint, in der

Mehrheit kein großer Gegensatz der Ansichten hervortritt, der so oder

anders zu bekämpfen wäre.

Es ist jedoch ein anderer Antrag gestellt worden, in welchem es heißt:

daß eine zahlreiche Klasse von Personen, nämlich die Beamten, ihren

Sold +unverdient+ bezögen und daß sie +unnütze Knechte+ wären. Meine

Herren! Es giebt gewisse stereotype Ausdrücke und Gegenstände, bei

denen es sehr leicht ist, rhetorische Deklamationen anzubringen.

Zu diesen Gegenständen gehört die Bureaukratie. Wäre es denn aber

so schwer, entgegengesetzte Einrichtungen aufzufinden und dann

Paroli zu bieten? Zeigt denn nicht die Geschichte, daß Parlamente,

Kammern, gesetzgebende Versammlungen, Konvente und wie sie heißen

mögen, ebenfalls in Verkehrtheiten gerathen sind, daß sie Schädliches

vertheidigt und erzeugt haben? Will man sich einbilden, durch diese

Einzelheiten, durch dieses Sammeln blos des Verkehrten nach der einen

oder anderen Seite hin, komme man zur Wahrheit? Ich finde es natürlich,

daß Männer, die durch den Mißbrauch der Beamtenmacht gelitten haben,

darauf zornig sind. Ich bin selbst auch nicht ganz frei geblieben

in meiner Lebensbahn von dergleichen Angriffen; aber ich glaube, je

mehr Jemand gelitten hat, desto größer ist seine Verpflichtung mit

unparteilichen Augen die Sache zu betrachten und nicht zu meinen,

die Ausnahme sei die Regel. -- Wir bestreben uns so sehr, eine neue

Verfassung, ein neues Staatsrecht zu bilden. Ich bin überzeugt, daß

diese neuen Einrichtungen auch dazu dienen werden, die Beamtenwelt zu

verbessern. Daher halte ich es für einen Irrthum, blos mit Rücksicht

auf +vergangene+ Zustände in der Beamtenwelt, Gesetze für die

+Zukunft+ zu geben und z. B. die Öffentlichkeit bei den Wahlen darum

zu verwerfen, weil man glaubt, daß man auch künftig, nach Begründung

freier Institutionen, sich vor einem Protokollführer zu fürchten habe!

Meine Herren, ich bin 48 Jahre im Dienste. Manche von den Herren,

die hier sitzen, waren noch nicht geboren, als ich in den Dienst

trat. Daher ist es keine Anmaßung, wenn ich behaupte, die Licht- und

Schattenseite unserer, namentlich der preußischen, Bureaukratie zu

kennen. Vieles, was in dieser Beziehung gesagt worden ist, halte ich

nicht für richtig. So hat im Ganzen der Wunsch nach Geld die einzelnen

Personen nicht getrieben, in die Laufbahn des Staatsdienstes zu treten.

Es sind allerdings, das ist nicht zu läugnen, einzelne hochgestellte

Beamte zu gut bezahlt worden; allein man hat bereits angefangen, diesen

Mißbrauch abzustellen, und Sie werden mir für die letzten funfzig

Jahre nicht funfzig Beamte nennen können, welche in ihrem Dienste Geld

erworben und Schätze gesammelt hätten. In der Regel ist nichts übrig

geblieben, wenn der Betreffende nicht selbst Privatvermögen hatte.

(Mehre Stimmen im Centrum: Ganz richtig!) Es giebt kaum ein Gewerbe,

das für einen geschickten und thätigen Mann nicht einen größeren

Erwerb in Aussicht stellt, als der Beruf des Beamten. Was blieb also

dem Beamten, was befeuerte ihn? Nichts als die +Ehre+, und darum sind

auch, Alles zu Allem gerechnet, die deutschen Beamten ehrenwerther, als

die vieler anderen europäischen Staaten. (Eine Stimme auf der Linken:

der Russen!) Aber kein zweckmäßigeres Mittel giebt es, die Beamten zu

+verschlechtern+, als immer auf sie zu schmähen; ja, mancher glaubt

darin vielleicht eine Entschuldigung seines tadelnswerthen Benehmens zu

finden. Wenn ein einzelner Minister durch Häufung von Stellen zu viel

Gehalt mag bezogen haben, so wird doch darum Niemand wollen, daß etwa

alle übrigen Beamten so wenig erhalten sollen, daß sie unverehelicht

bleiben müssen. Bedenken Sie, daß z. B. ein künftiger Rath viele Jahre

auf dem Gymnasium und der Universität verweilen, daß er in der Regel

sieben Jahre lang umsonst dienen muß, ehe er nur einen Groschen Gehalt

bekommt, und also schon die Zinsen des Anlagekapitals hoch ansteigen.

Was ist das letzte Ergebniß all der Sorgen und Entbehrungen? daß er

vielleicht zuletzt jährlich 6-900 Thaler bekommt.

Ich muß indessen noch etwas Kühneres behaupten! Die Behörden, die

Beamten haben zu den Zeiten, wo es noch an aller Verfassung fehlte, die

constitutionellen Formen gewissermaßen ersetzt. Meine Herren, wollen

Sie es vergessen, oder haben Sie es vergessen, wie viel Gutes von

Seiten der Beamten ausgegangen ist? Die Aufhebung der Leibeigenschaft,

der Hörigkeit, Einführung der Städteordnung, Aufhebung des Vorspannes,

der Kavallerieverpflegung, der Thoraccise, der Binnenzölle, der

monopolistischen Zünfte, die Einführung des Zollvereines, der

allgemeinen Kriegsverpflichtung u. s. w. u. s. w. Also Jedem das

Seine, und wenn wir jetzt wirklich mehr zu Stande bringen sollten;

-- nun desto besser! -- In welcher neuesten Weise hat man denn aber

das Beamtenwesen verbessern wollen? Man hat Vorschläge gemacht, die

an die ausgeartete Zeit des römischen Kaiserreiches erinnern, an die

französische Kaisertyrannei, ja, an das türkische Sultanat! Präfekten

und Paschas wollte man einführen, welche von Oben tyrannisirt werden

und daher die Befugniß erhalten, nach Unten zu tyrannisiren. Diese

Formen vertilgen das republikanische, demokratische Element, das

nutzbar in unseren Behörden vorhanden war, und setzen an dessen Stelle

die Allmacht einzelner Minister. Folgerecht durchgeführt verjagt

alsdann ein Herrscher mit Recht die Parlamente, das Parlament die

Minister, der Minister die Präfekten, diese die Stadtverordneten

u. s. w. u. s. w. Darum lassen Sie uns die Lichtseiten der deutschen

Verwaltungsweise anerkennen und die Mängel verbessern.

Warum ist in dem Verbesserungsantrage des Hrn. Schlöffel nicht die

Sache deutlich ausgesprochen, warum geht man, -- erlauben Sie

mir ein gemeines Sprichwort anzuführen, -- warum geht man um den

heißen Brei herum? Der Antrag schließt in Wahrheit alle Beamten von

Reichsversammlungen aus. Wenn ich überzeugt wäre von der Güte des

Zweckes, so würde ich mich bestimmt dafür aussprechen, ihn aber

nicht, wie man sagt, durch eine Hinterthür einführen. Man hat sich

gegen jeden Census ausgesprochen, man hat für Unrecht gehalten, nur

zu fragen, ob Einer 100 Thaler Vermögen habe; und jetzt will man alle

Beamten ihres politischen Rechtes berauben! Ich wundere mich, daß

Anträge dieser Art, welche einzelne Klassen herausgreifen und sie

nicht blos des Wahlrechtes berauben wollen, sondern ihnen sogar eine

~levis notae macula~ anhängen, von der Seite eingebracht werden, welche

vorzugsweise Freiheit und Gleichheit vertreten will! Meine Herren! Es

ist ferner ein großer Irrthum, daß man in gesetzgebenden Versammlungen,

oder auch hier in dieser Versammlung, die Beamten entbehren könne.

Es giebt allerdings gewisse Dinge, zu deren Beurtheilung eigentliche

Sachverständige nothwendig sind; es giebt aber auch Gegenstände der

allgemeinen Gesetzgebung und Verwaltung, für welche der bloße Techniker

nicht ausreicht. Nur wenn Beamte und Nichtbeamte ihre Kenntnisse

und Thätigkeit miteinander verbinden und austauschen, wird man Das

erreichen, was man erreichen will und soll. Ich bin allerdings der

Meinung, daß ein zu großes Übergewicht der Beamten in gesetzgebenden

Versammlungen schädlich wirkt, aber das vorgeschlagene Gegenmittel

ist gewiß nicht das richtige. In England bestehen Beschränkungen

für den Eintritt gewisser Beamten in das Parlament, und ein noch

eigenthümlicherer Fall ist in Norwegen vorgekommen; die Regierung

schlug nämlich vor, daß kein Beamter mehr im Storthing sitzen dürfe;

und der Storthing erklärte sich dagegen, weil er diese Ausschließung

für nachtheilig hielt, weil er meinte, daß viele Kenntnisse, die man

nicht entbehren könne, hiedurch außer Thätigkeit gesetzt würden. Ich

trage daher darauf an, den Verbesserungsvorschlag, den ich für einen

Verschlechterungsvorschlag halte, zu verwerfen. Üben Sie vor Allem

und nach allen Seiten hin Gerechtigkeit; auf diesem ehrenwerthen Wege

werden Sie am besten jeden ehrenwerthen Zweck erreichen! (Beifall.)

Hundertneunzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 4. März 1849.

Die österreichischen Abgeordneten wünschen, hoffen, versprechen,

daß ihre Regierung binnen kurzer Frist inhaltreiche, genügende

Erklärungen abgeben werde. Um deswillen hat man die zweite Lesung des

Verfassungsentwurfes auf 8-14 Tage hinausgeschoben.

Fällt die Erklärung hinsichtlich der Grundrechte, des Staaten-

und Volkshauses befriedigend aus, so wird man sich über die viel

besprochenen Paragraphen 2 und 3 wohl einigen. Bleiben, dem gemäß,

die österreichischen Abgeordneten in der Paulskirche, so ist an ein

erbliches Kaiserthum nicht mehr zu denken. Entsagt Österreich dem

+engeren+ Bunde, oder findet man hier dessen Anerbietungen ungenügend;

so würde der Gedanke an einen Kaiser wieder in den Vordergrund, der

irgend eines Direktoriums in den Hintergrund treten.

Weil aber Baiern und viele Ultramontanen auch keinen (preußischen)

Erbkaiser wollen, so muß man vielleicht die +Erblichkeit+ aufgeben, um

die +Einheit+ durchzusetzen. Vielleicht erhält man die Mehrheit für

eine vorläufige Ernennung auf sechs Jahr -- in unseren Zeiten eine

halbe Ewigkeit!

Die meisten der preußischen Abgeordneten und viele Beförderer

des engeren Bundes fürchten: daß sich Preußen zu sehr werde von

Österreich einschüchtern lassen. Es solle muthig mit Willigen in

engere Verhältnisse treten; die Übrigen würden (wie beim Zollvereine)

nachfolgen. -- Vor Allem sei zu verhüten, daß nicht die hiesige und die

berliner Versammlung in Streit geriethen. Dadurch würde Preußen alle

Sympathien in Deutschland einbüßen.

Es ist sehr natürlich und verständig, daß sich die preußische Regierung

über alle diese Dinge nicht vorlaut und übereilt aussprechen will: es

ist aber ein Unglück, daß wohlgesinnte Abgeordnete keinen Fingerzeig,

keine Andeutung darüber haben, was dem Könige lieb, erwünscht, zuwider

ist. So sagt z. B. der Eine: nie würde er eine sechsjährige Oberleitung

annehmen; während der Andere behauptet, sie würde ihm willkommen sein.

Die Stellung der Parteien ist jetzt hier oft so, daß Wenige eine

Entscheidung herbeiführen können; deshalb halte ich aus und bin (fast

wider meine Neigung) thätig in Klubs und Vorversammlungen. Aber mir

fehlt der Faden einer Ariadne!

Nachmittags.

Ich halte mir täglich Reden und Ermahnungen, daß ich hier geduldig

und pflichtmäßig aushalten müsse; im Augenblicke aber, wo ich mich

in meinen Beschlüssen befestigt habe, werden sie mir fast verleidet.

Als ich gestern Abend im Weidenbusch ankam, fand ich die Mitglieder

des neuen Vereines, statt in dem großen und hohen Saale, in einem

kleinen und niedrigen versammelt. Da die Sitzplätze nicht ausreichten,

standen sie Kopf an Kopf, die Luft war so verdorben, daß man kaum

athmen, und vor Tabacksdampf kaum sehen konnte. Ich glaubte nicht unter

deutschen, sondern unter indianischen Abgeordneten zu sein, welche ihre

Friedenspfeifen miteinander rauchten.

Die Herren Heckscher, Hermann und Somaruga sind nach Olmütz gereiset,

um der österreichischen Regierung den Verfassungsentwurf ihres neuen

Klubs vorzulegen und sie zu bestimmten Erklärungen zu vermögen. Es

wäre gegen alle Formen, wenn die österreichischen Minister sich mit

einzelnen Klubisten in Unterhandlung einließen und ihnen bestimmte

Antworten ertheilten, während sie Schreiben des Reichsministerii

noch nicht berücksichtigt, sich nicht über den Verfassungsentwurf

der Reichsversammlung ausgesprochen haben. Doch will ich die Absicht

jener Männer nicht tadeln, auf eine Beschleunigung und Verständigung

hinzuwirken. Eine neue baierische Note (die ich noch nicht las) erregt

hier viel Unzufriedenheit: sie soll wesentlich auf Form und Inhalt des

alten Bundestages zurücksteuern.

Nach allen Seiten befinden wir uns in der Klemme: das Ausscheiden

Österreichs ist ein Unglück und sein hemmender Eintritt nicht minder.

Österreich widerspricht einem preußischen Kaiserthume, und Preußen (dem

große Nebenländer fehlen) kann sich noch weniger einem österreichischen

unterwerfen. Eine schwache Reichsgewalt hilft nirgends ausreichend,

eine starke ist den neugebackenen Souverainen unwillkommen. Die

Duodezkönige möchten eine Oligarchie, Baiern eine Trias bilden;

während alle übrigen Fürsten sich lieber an das mächtige Preußen

anschließen, als den wenig hervorragenden unterordnen wollen. Aus sehr

entgegengesetzten Gründen vereinigen sich Österreicher, Baiern und

die Linke für -- Nichtsthun! Die ersten wollen Zeit gewinnen, und die

letzte aus Anklagen der Unfähigkeit, neue Umwälzungen herbeiführen.

Steigern die Königlein ihre Ansprüche weit über die der anderen

Fürsten hinaus, so ist es mindestens zweifelhaft, ob sie in Volk und

Kammern immer Unterstützung finden werden (wie sich z. B. schon die

Neubaiern von den Altbaiern trennen); ergiebt sich, daß die hiesige

Reichsversammlung durch oligarchische Einreden allzu sehr beschränkt

wird, so werden selbst gemäßigte Männer die Geduld verlieren und sich

immer mehr links wenden.

Jetzt ist man noch entschlossen, alle (zum Theil sehr vernünftige)

Bemerkungen der einzelnen Regierungen gewissenhaft zu prüfen, und alles

Annehmbare anzunehmen. Was und wieviel dies sei, und wieviel Zeit dazu

gehört, läßt sich aber noch nicht übersehen. Jeden Falles wird es nicht

so schnell gehen, als man anfangs wünschte und hoffte.

Diejenigen, welche sich einbilden: das deutsche Volk werde nach

dem, wenig veränderten Singsang der Kinderwartefrauen (welche sich

Bundestagsgesandten nennen), noch einmal 30 Jahre ruhig und geduldig

verschlafen, irren sich sehr. Die Trompeten, welche zur Auferstehung

aufrufen, werden keine Kindertrompeten, sondern die eines furchtbaren,

entsetzlichen Gerichtes sein!

Hundertzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. März 1849.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß ich mir gar oft die Worte

des Händelschen Duetts in den Bart brumme: „~che vai pensando folle

pensier?~“ -- und die beruhigende Antwort im Gedächtnisse nicht finden

kann. -- Gestern ging ich bei schönem Wetter spazieren. Schon blüht

der Crocus, grüne Blattspitzen wagen sich hervor, und von meiner

Wohnung aus habe ich meine Freude am Strom und den Wolken, an Licht,

Sonnenschein und Abendroth; dann weiter schreitend an Feld und Gebirge.

Alles mannigfaltiger, näher und bequemer wie in Berlin. Auf ein Paar

Monate würdet auch Ihr Freude am Frühlinge haben. So in sicherer

Wiederkehr, geregelt, in ewiger Jugend, -- die Natur: -- und dagegen

die, ihrer Weisheit sich erhebenden, und zugleich sie aufs Bitterste

parodirenden Menschen! -- Gestern, am politischen Ruhetage, doch keine

Ruhe; denn auf dem Spaziergange hörte ich von neu ausgebrochenen

Unruhen und eingelaufenen anonymen Briefen: daß man alle Abgeordneten

der Rechten todtschlagen wolle, und die Linke dann die Republik

erklären werde!

Bei der Heimkehr fand ich (gegen die Regel) meine jungen Freundinnen

nicht ganz ~à leur aise~, weil sie Abends eine langweilige Gesellschaft

besuchen sollten; -- was mir Veranlassung gab ihnen eine Vorlesung

zu halten, über Hardenberg’s an mich gerichtetes Wort: „mein lieber

Raumer, Sie müssen lernen sich mit Anstand ennuyiren!“

Abends ging ich in die Preziosa, welche die Hausmann sehr anmuthig

darstellte. Mit der Preziosa des Cervantes würde es ihr indeß noch

besser gelungen sein; denn ich komme immer wieder auf meine frühere

Kritik zurück, daß Wolf sie zu sehr versentimentalisirt und zu eilig

in eine gewöhnliche Liebschaft verwickelt hat. Etwas mehr Sprödigkeit

und Keckheit hätte einen originelleren Charakter gegeben und mehr Licht

und Schatten hineingebracht. Am +Puck+ kann eine Schauspielerin größere

Anlagen entwickeln als an der Preziosa, obgleich ihr zugemuthet wird

auch zu singen und zu tanzen.

Die Preziosa ist Weber’s Frühling, sowie Belmonte und Constanze

der Mozart’s. Doch geht dieser auf einer breiteren Grundlage, der

Sonnenhöhe des Sommers und den Genüssen des Herbstes entgegen. Das

„Vivat Bacchus, Bacchus lebe,“ fehlt der weicheren Natur Weber’s, und

„Nero, der Kettenhund“ ist nur ein geringes, künstliches Surrogat. Ich

saß gestern zwischen der ernsten und heiteren Seite des Lebens. Zur

Rechten ein Vater, mit drei kleinen Töchtern, welche nie im Theater

waren, die jüngste wohl erst fünf Jahr alt, alle voll der gespanntesten

Erwartung. Als ich die kleinste anredete, machte sie (wahrscheinlich

aus Furcht vor meinem häßlichen, bebrillten Angesichte) eine sehr

klägliche Miene: -- ein Bonbon erwarb mir aber schnell ihr Zutrauen.

Endlich ging der Vorhang in die Höhe, und ich habe nie glückseligere

Gesichter gesehen als die dieser Kinder.

Zu meiner Linken saß die Frau eines Fabrikanten aus --, für welchen

der März nichts errungen hatte, als den Verlust seines Absatzes. Sie

erzählte: man habe in diesen Tagen neue Volksversammlungen, und dabei

Reden gehalten, des Inhaltes: es sei jetzt schlimmer als sonst; weshalb

man den Ermahnungen zur +Ordnung+ nicht mehr Folge leisten dürfe,

sondern durch verdoppelte +Unordnung+ zum Ziele kommen müsse. Das

nächste Hauptziel und Besserungsmittel sei, -- alle Fürsten fortzujagen!

O des gemäßigten, besonnenen, deutschen Volkes, unter dem es weder

Thoren noch Pöbel giebt!! -- Dennoch bleibe ich dabei: die Massen sind

besser als die Halbgebildeten; die Verführten minder schuldig als die

Verführer, und ein reinigendes Fegefeuer eher möglich für jene als für

diese.

So von verschiedenen Seiten verschieden angeregt, hielt ich zuletzt

fest an Weber’s Musik, die mich aber (verbunden mit dem Andenken an

seine Person) in eine sehr sentimentale Stimmung versetzte. Mehre Male

habe ich seine Preziosa wider ihn selbst in Schutz genommen und sie

höher gestellt, als er wollte. Er nannte sie, halb mitleidig, einen

Jugendversuch: -- warum muß die Jugend alt werden!?

Den 6. März.

Gestern ward der tüchtige Simson wieder zum Präsidenten erwählt.

Er sprach mit Bestimmtheit davon, daß wir unser großes Werk (trotz

aller Hindernisse) gewiß würden zu Stande bringen; und wie gern

lasse ich mich überzeugen. Denn, obgleich ich gerade nicht veranlaßt

bin auszurufen: Herr, hilf meinem +Un+glauben! so kann ich doch der

Zweifel nicht +ganz+ Herr werden und fühle (wie man sagt) eine Art

historischen Kalenders in meinen Gliedern. Sollten wir aber nach den

Überschwemmungen von 1848, in diesem Jahre auf großer Dürre stehen

bleiben und keine Ernte, keinen Herbst haben; so ist deshalb noch

nicht aller Tage Abend und man muß Thätigkeit und Hoffnung auf 1850

übertragen.

Gestern ging ich, bei schönstem Wetter, mit den Fräulein Jung, nach

einer Anhöhe seitwärts von Sachsenhausen, wo man eine reiche Aussicht

hat; heute hingegen deutet Alles wieder auf Regen!

Ebenso geht das politische Barometer und Thermometer auf und ab: daher

Erkältungen und Erhitzungen des Leibes und des Geistes. Der Umfang

und die Frechheit der Wühlereien und aufrührischen Reden steigt mit

der Jahreszeit, welche den Äquinoktialstürmen naht. Selbst Mitglieder

der Reichsversammlung wirken in dieser Richtung. Mindern nun die

Regierungen die Kraft der Gemäßigten, durch übertriebene Rücksicht auf

örtliche Interessen und hülflose Souverainetätsgelüste; hoffen sie

hiedurch den (wie sie glauben thörichten) Gedanken von einem einigeren

Deutschlande, von einem +Bundes+staate zu vereiteln und auszurotten;

so werden sie durch blutige, republikanische Versuche hindurch, einen

despotischen +Einheits+staat herbeiführen. Für jetzt richten sich die

Haupteinwendungen der königlichen Regierungen wider die Vorschläge vom

Reichsoberhaupte; es fällt aber gar nicht schwer ebenso gewichtige

Einreden gegen den Vorschlag zu erheben, eine apokalyptische (böse)

+Sieben+ an die Spitze zu stellen.

Es ist sehr natürlich, daß die Reichsversammlung (bei dieser

Unentschiedenheit) mit den mannigfachsten Bittschriften und

Verfassungsplanen überschüttet wird, welche einem Ausschusse zur

Prüfung übergeben werden, in der Regel aber zu den Akten gehen. Nur

einzelne werden gedruckt, oder sogleich gedruckt eingeschickt. Zur

Probe lege ich eine bessere des Bürgervereins von Nürnberg bei.

Täglich treten Mitglieder unserer Versammlung aus, oder nehmen Urlaub.

So sehr dies einerseits die Neigung erhöht Ähnliches zu thun; so

wächst andererseits die Nothwendigkeit zusammenzuhalten und die von

allen Seiten angegriffene Feste nicht durch Zerstreuung der Besatzung

preiszugeben.

Hunderteinundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 7. März 1849.

Seit zwei Tagen sind hier die Gemüther in so lebhafter Aufregung, und

es bereitet sich eine solche Umstellung der Parteien vor, daß ich es

für Pflicht halte, Sie darauf aufmerksam zu machen.

Die Kündigung des malmöer Waffenstillstandes und der Einmarsch der

Russen in Siebenbürgen weiset sehr viele Abgeordnete nicht blos auf das

Ausland hin, sondern man fragt sich ängstlich: ob aus der Verbindung

Österreichs mit Rußland nicht Gefahren für die innere Entwickelung

Deutschlands hervorgehen dürften. Insbesondere, wenn Preußen sich (wie

wohl sonst) von jenen Mächten ins Schlepptau nehmen lasse, und einem

der Freiheit gehässigen Bunde beiträte.

Der zweite Gegenstand lebhaftester Aufregung ist der bekannt gewordene

Plan Österreichs für eine Verfassung Deutschlands; ein Plan so curios,

daß er einer politischen 1001 Nacht entnommen zu sein scheint.

38 Staaten erwählen 7 nicht regierende Prinzen, mit 9 Stimmen, die ohne

Instruktion (aber doch in Übereinstimmung mit ihren Wählern) +einen+

Kaiser vorstellen, u. s. w. u. s. w.

Sieben Prinzen Hadschi Babas, sieben Leuchter aus der Offenbarung

Johannis, sieben Hungerjahre Ägyptens, eine böse Sieben; -- so ruft

Crethi und Plethi durcheinander.

Gewiß haben alle diese Dinge die österreichische Partei wesentlich

geschwächt. Ein geschickter Anführer der Linken sagte gestern

in Gegenwart mehrer Zeugen: wenn der König von Preußen diese

russisch-österreichische Richtung zurückweiset, so treten wir auf seine

Seite, Deutschland fällt ihm zu.

Man kann solch Bündniß mit einigen Leuten in der Paulskirche lächerlich

und thöricht finden; in Wahrheit ist aber nicht von ihnen, sondern von

gleichgesinnten Millionen außerhalb Frankfurt die Rede.

Wechselt der König (so sprechen selbst Preußen) Richtung, Farbe und

Ausdruck, so verliert er Glauben und Vertrauen; die, vielleicht letzte

Gelegenheit kühnen Fortschrittes und deutsch-preußischer Einigung

geht für ihn, für das königliche Haus, für unser ganzes großes,

preußisches, deutsches Vaterland verloren, und wir fallen zurück in das

+Sieben+schläfersystem des unselig dahin geschiedenen Bundestages.

Nachmittags.

Die Recension der Briefe Goethe’s an Frau v. Stein habe ich jetzt

gelesen. Sie hat mich aber zu dem, mir sonst noch unbekannten Buche in

eine Stimmung versetzt, die ich mindestens eine unbequeme nennen muß.

-- Goethe und Frau v. Stein; -- und Frau v. Stein und Goethe! -- Wo

bleibt, was ist, was glaubt, fühlt, denkt denn +Herr+ v. Stein? Von ihm

ist, wie von einem völligen ~hors d’oeuvre~, von einer bloßen Null, gar

nicht die Rede!

Wenn eine Frau, die ihren Mann nicht liebt, während er ihr von ganzem

Herzen zugethan ist, sich von einem sophistischen, oberflächlichen

Menschen beschwatzen läßt, ihn zu ihrem Vertrauten macht, und es vom

bloßen Zufall abhängt, daß es nicht zum Ärgsten kommt; so ist es für

den Mann die allerbitterste Aufgabe zu überlegen und zu beschließen:

ob er die Frau durch Milde erretten, ihren Ruf erhalten, den Kindern

ihre Mutter bewahren kann. Reicht er die Hand der Versöhnung, so müßte

die Frau ganz nichtswürdig sein, wenn sie ihrer Thorheit nicht Herr

werden, und den großen Unterschied zwischen dem vernachlässigten,

edeln Manne und dem frivolen Courmacher einsehen sollte. Ich habe aber

keinen Begriff davon, wie eine Frau es Jahre lang aushalten kann,

ihren Mann dem Liebhaber gegenüber als nichtig zu betrachten und zu

behandeln; wie nicht jede offene Erklärung, jede Trennung ihr lieber

sein müßte, als ein so erstorbenes, nichtiges Verhältniß, welches

dem Rechte und der Sitte gleich sehr widerspricht. Derlei moderne

Liebeskränkeleien gelten aber freilich oft für die höchste, parfümirte

Gesundheit, und erhalten vornehme Titel, z. B. Wahlverwandtschaften!

In der alten, für roh und unwürdig verschrieenen Heidenwelt, führte

Penelope keinen Liebesbriefwechsel mit einem Freier, weil ihr Odysseus

über Gebühr lange ausblieb; und dieser war ihr in den Armen der Circe

noch im höchsten Sinne treu, weil er sich nach der edelsten der Frauen

zurücksehnte, sie über alle anderen hinaufstellte; weil es ihm gar

nicht einfiel, sie jemals in eine Reihe zu stellen. -- Selbst Phädra

weiß, trotz ihrer gottverhängten, wilden Leidenschaft zu Hippolyt, daß

Theseus, ihr Gemahl, ein großer würdiger Mann, ein Held ist, dessen sie

nicht mehr würdig ist.

Daß Frau v. Stein, im gewöhnlichen Sinne tugendhaft geblieben, will ich

gern glauben; möchte aber wissen: ob Herr v. Stein unterdessen eine

Schlafmütze oder eine Dornenkrone trug?

So viel als ein zweiter (ketzerischer) Beitrag, zu Eueren Gesprächen

mit Tieck.

Ich sehe soeben nochmals in Euerem letzten Briefe, daß man in

Berlin über das hier entworfene Wahlgesetz schilt. Ich erklärte

schon die Art seiner Entstehung, füge aber noch hinzu: wie darf

man verlangen oder erwarten, die Reichsversammlung könne weniger

bewilligen und sich minder liberal zeigen als erst Camphausen und dann

Brandenburg-Manteufel? Von Berlin aus ist dem allgemeinen Stimmrechte

Thor und Thür geöffnet; es ist für jetzt in Deutschland unabwendbar,

und erst Erfahrungen, böser oder guter Art, werden die Abänderung oder

Beibehaltung herbeiführen.

Den 8. März.

Der Blinde soll nicht von der Farbe reden; -- deshalb habe ich mir

Goethe’s Briefe an Frau v. Stein aus der Lesebibliothek geholt und das

dicke Buch durchgelesen oder vielmehr durchgeblättert. Chronologisch

ergab sich zuerst, daß Frau v. Stein bereits 33 Jahr alt war und sieben

Kinder geboren hatte, als der jüngere Goethe sie kennen lernte. Schon

hienach möchte Manches, was ich früher schrieb, näher zu bestimmen

und zu berichtigen sein: -- es mag aber stehen bleiben; paßt es nicht

ganz auf diesen Fall, so paßt es auf andere Fälle. Ohne Zweifel ist

es dem sieggewohnten Goethe sehr heilsam gewesen, von Fr. v. St. bei

seinem etwas plumpen Andringen zurückgewiesen oder doch gezähmt zu

werden. Sie trieb (wie er selbst sagt, II, 35) „das Gesindel aus seinem

Herzen,“ ward ihm zur keuschen Muse, und hätte ihn von Dem überzeugen

können, was ich in meiner Spreu sage: „die sinnlichste Liebe hat

immer die kürzeste Dauer.“ -- Ob in irgend einem späteren Augenblicke

das Sinnliche (störend oder fördernd) hinzugetreten, mag ich nicht

(allzuneugierig) untersuchen; will aber gestehen, daß mir das Bildniß

der guten Frau, welches vor dem ersten Theile steht, gar nicht sehr

reizend erscheint.

Ich trete also sehr gern dem Allen bei, was Du (liebe --) gegen Tieck

behauptet hast; kann aber diesem auch hinsichtlich seiner Einwendungen

keineswegs überall Unrecht geben. Mag jedes Wort, jedes Zeichen, jeder

Beweis des Andenkens (sei es auch noch so gering) liebenden Menschen

von unschätzbarem Werthe sein, mag man den Unverliebten mit Recht

vorwerfen, sie hätten für derlei Erscheinungen weder Sinn, noch das

rechte Maß; -- hundertfache Wiederholungen von: guten Morgen und gute

Nacht, Spargel und Rehbraten u. s. w. u. s. w., aber dem Publikum zum

Durchlesen in die Hand geben, ist eine allzu starke Zumuthung des

Herausgebers. Wären Neunzehntel ungedruckt geblieben, der Briefwechsel

hätte, wie die sybillinischen Bücher, an Inhalt und Werth gewonnen; ja,

sein Werth und der Werth wie die Bedeutung des ganzen Verhältnisses

hätte sich eindringlicher herausgestellt. Ich kenne keinen gleich

starken Briefwechsel eines ausgezeichneten Mannes, von so wenig

bedeutendem Inhalte. Das ist kein Tadel für Goethe, da es ihm gar nicht

auf Inhalt und Bedeutung ankam, oder diese für ihn an ganz anderer

Stelle und in ganz anderer Richtung lagen. Was aber ihm und Fr. v.

St. frische, duftende Blumen waren, trocknet für den fern stehenden

Leser zu Heu zusammen. In Goethe’s Briefen an Jacobi, Lavater u. A.

findet jener weit mehr, was er sich aneignen kann, und wodurch er zu

Gedanken und Gefühlen angeregt wird. Einzelnes kann man freilich aus

den Massen des Unbedeutenden heraussuchen (z. B. über Persönlichkeiten,

Hofverhältnisse, klägliche Mißverhältnisse); wahrhaft wichtige Briefe

(wie der über Lavater) sind aber kaum ein halbes Dutzend in den beiden

dicken Bänden -- Doch genug des Betrachtens und Urtheilens, womit ihr

beide (A. und T.) nicht zufrieden sein werdet. Indessen ließe sich

aus dem Verschiedenen, auch wohl Gemeinsames und Übereinstimmendes

zusammenstellen, und jenes gesondert Bleibende als ein ~Suum cuique~

betrachten.

In meinen Briefen kommt noch +öfter+ dasselbe vor, als in denen

Goethe’s an Fr. v. St. und Ihr leset sie dennoch geduldig! Also

Politik, zu Anfang und zu Ende. Vom Standpunkte des alten Bundestages

der 34 Fürsten, war ein Volkshaus etwas Ungedachtes, Unerhörtes,

Unsinniges. Jetzt hat Keiner gewagt Einwendungen dagegen +laut+

auszusprechen. Der Gedanke eines Erbkaisers stand ebenfalls in höchster

Entfernung, und kaum Einzelne deuteten darauf hin. Selbst die neue

Gesellschaft im Weidenbusch sprach sich nur für die +Einheit+ aus, und

schwieg vor der Hand über die +Erblichkeit+. Gestern hat sich, sehr

unerwartet, die Mehrheit im Verfassungsausschusse +dafür+ erklärt. In

Thesi ein wichtiger, merkwürdiger Schritt; ob er aber in die Praxis

übergehen kann und wird, ist eine große, schwere Frage?

Ein österreichisches Erbkaiserthum, mit dem Übergewichte +nicht+

deutscher Volksstämme, ist sehr Vielen ein Gräuel, und Preußen kann

sich ihm in keiner Weise unterwerfen. Ein preußisches Erbkaiserthum

wollen die kleineren Staaten (an sechs Millionen); nicht aber

Österreich und die Könige. Ereignisse und Persönlichkeiten werden von

Tag zu Tag weiter führen, und zuletzt entscheiden.

Hundertzweiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. März 1849.

Die gestrige Sitzung war merkwürdig genug, um etwas darüber zu

berichten. Ich schrieb bereits, daß die Gemäßigten durch irrige Taktik,

Zersplittern der Stimmen und unnatürliche Verbindung der Gegner in die

Minderzahl gekommen seien. Zunächst sind die beiden ersten Übelstände

gehoben, und auch der dritte, schlimmste Umstand scheint einer

bessernden Auflösung entgegenzugehen.

In Folge dieser erwünschten Verhältnisse wurden gestern die noch

rückständigen Absätze der Grundrechte nach unseren Ansichten und

Vorschlägen angenommen, und alle Verbesserungsanträge der Linken fielen

durch. Sie bezweckten im Wesentlichen, beiläufig und an ungehöriger

Stelle, wichtige Grundsätze oder Maßregeln einzuschmuggeln. Ich gebe

Beispiele:

1) Die Gemeine hat die Wahl ihrer Vorsteher und Vertreter, mit

+Ausschluß+ des Bestätigungsrechtes der Staatsbehörde -- Verworfen mit

252, gegen 188 Stimmen.

2) Ihr steht organisirte Bewaffnung zu, als Theil der allgemeinen

Volkswehr, und das Recht der freien Wahl der Führer. -- Verworfen mit

242, gegen 191.

3) Die Wahl der Volksvertreter erfolgt direkt, ohne Ausschluß einer

Klasse von Einwohnern und unabhängig von einem Census. (Dies sollte für

alle einzelnen Staaten gelten.) -- Verworfen mit 300, gegen 131.

4) Die Regierung des deutschen Einzelstaates hat nur ein aufschiebendes

Veto gegen die Beschlüsse der Volksvertretung -- Verworfen mit 279,

gegen 157.

Hierauf erfolgte ein neuer großer Angriff der Linken. Sie fordert

die zweite Lesung und schließliche Annahme des Wahlgesetzes, +vor+

der zweiten Lesung der Verfassung. Schon viermal war dieser Antrag

vorgebracht und viermal aus genügenden Gründen verworfen worden. Ich

will aus vielen nur zwei anführen:

1) Fand die erste Lesung des Wahlgesetzes erst vor wenigen Tagen,

die der Verfassung bereits vor einigen Monaten statt. Ausschuß,

Abgeordnete, Regierungen, Publikum, Presse sollen Zeit haben zu prüfen

und sich auszusprechen.

2) Es ist ganz verkehrt schließlich ein Wahlgesetz anzunehmen,

bevor man in der Verfassung festgestellt hat, ob und welche Kammern

stattfinden und welche Abgeordneten gewählt werden sollen.

In der Berathung wurden denn alle hochtönenden, demagogischen

Phrasen nochmals zum Besten gegeben; und nebenbei kam deutlicher ans

Tageslicht, was freilich dem schärfer Blickenden längst kein Geheimniß

war. Die Linke weiß, daß sie ein rein demokratisches Wahlgesetz +nur+

mit Hülfe der Österreicher durchsetzen kann, und diese hiebei (um

+andere+ Zwecke zu erreichen) +gegen+ ihre Überzeugung stimmen müssen.

Die Sache hat also große Eile und muß zu Stande gebracht werden, bevor

jener künstliche Bund auseinanderfällt. Gebt nach (sagt die Linke),

bewilligt uns das Wahlgesetz, und dann werden wir wissen, -- was wir

hinsichtlich der Einheit, Dreiheit, Fünfheit oder Siebenheit zu thun

haben und für welche +nachgiebigere+ Partei wir uns aussprechen wollen!

Vortrefflich antwortete Riesser und erwies: daß man Abstimmungen

über große Gegenstände nicht um Nebenzwecke willen, so oder anders

einrichten oder gleichsam verhandeln und verkaufen dürfe. Immerdar

fordert die Linke Zugeständnisse bestimmter Art, und bietet dafür

(scheinbar gutmüthig) allerlei glänzende Hoffnungen. Nicht wenige

Österreicher schien die Besorgniß zu ergreifen, sie würden zuletzt

getäuscht werden, und Etliche stimmten gestern mit uns; was einen

gewaltigen Aufruhr unter der Linken erregte und Einzelne dahin brachte

ihnen laut Freundschaft und Hülfe aufzukündigen.

Nochmals ward mit Stimmenmehrheit (260 gegen 182) beschlossen: die

Berathung über die Verfassung der über das Wahlgesetz vorangehen zu

lassen. Gleichzeitig mindert sich die Zahl der Vertheidiger von sieben

verwunschenen Prinzen, die (mit Köpfen oder Beinen) zu einem Kaiser

zusammenwachsen sollen. Auch hat Das, was die erste berliner Kammer

in ihre Adresse über Deutschland aufgenommen, hier großen Beifall

gefunden, und Hoffnung und Muth erhöht. Wenn zu den entschlossenen

Gliedern des Weidenbusches, nur noch Einige hinzutreten, so gewinnen

sie die Mehrheit über die minder gleich gesinnten Gegner; und es hängt

von den berliner Kammern und dem Könige ab, ob Preußen in kühner Weise

an die Spitze treten will -- oder ins Schlepptau genommen wird! -- Wer

nicht wagt, gewinnt nicht, und auf einen Hieb fällt kein Baum!

Gestern las ich in dem Briefe eines Abgeordneten der ersten berliner

Kammer, fast buchstäblich dasselbe über die --, was ich unzählige

Male behauptet und ausgesprochen habe. Sie hat durch Unwissende und

Böswillige viel gelitten; ihr wird aber auch ein seltenes, und noch

seltener so wohlverdientes Glück zu Theil. Daß nämlich kein wahrhaft

tüchtiger Mensch ihr nahe kommen kann, ohne die Güte ihres Herzens, die

Überlegenheit ihres Geistes und den Adel ihres Charakters anzuerkennen

und zu bewundern. -- Das ist denn doch auch ein Balsam auf schmerzliche

Wunden!

Hundertdreiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 11. März 1849.

Nach kläglichem Sinken sind (wie ich schon gestern schrieb) unsere

Aktien in den letzten drei Tagen über alle Erwartung gestiegen,

und die Aussichten bleiben noch immer günstig. So traf ich gestern

beim Präsidenten Simson einen, neu angekommenen österreichischen

Abgeordneten, welcher die Sendung von Heckscher, Hermann und Schuselka

nach Olmütz ganz thöricht fand, und über die Verbindung vieler

seiner Landsleute mit der Linken empört war. Dieser grundlose und

grundsatzlose Bund löset sich täglich mehr auf, und jede Partei sieht

abgekühlt ein, daß die andere sie nur als Mittel für ihre Zwecke

benutzen will. Die Österreicher spüren: es sei nur darauf abgesehen,

mit ihrer Hülfe ein Wahlgesetz durchzutreiben, das in ihrer Heimat

am wenigsten anwendbar und nützlich sein würde; auch sagt ihnen die

Linke gerade heraus: nachdem dieser Zweck erreicht worden, wolle sie

sich für, oder gegen Österreich erklären, je nachdem es ihr bequemer

erscheine. Nach vielem Reden +für+ die Einheit, liebäugelte die Linke

(aus Haß gegen, und Furcht vor Preußen) mit der Vielheit, und den

österreichischen, unklaren Vorschlägen. Jetzt scheint ihr Preußen doch

annehmlicher, als Österreich im Bunde mit Rußland. Wenigstens möchten

Manche sich der über 200 Mann starken entschlossenen Gesellschaft des

Weidenbusches lieber nähern, als sich dem schwarzgelben Österreich,

oder dem blauweißen Baiern hingeben.

Ich wiederhole, daß es sehr irrig ist zu wähnen, mit der diesjährigen

Vereitelung frankfurter Bestrebungen wären gewisse Grundgedanken von

Einheit und Freiheit in Deutschland ausgetilgt. Ohne Annahme und

Durchführung des +Wesentlichen+ in den Grundrechten, und ohne ein,

das Ganze darstellendes und zusammenhaltendes +Volkshaus+ kann man in

Deutschland nicht mehr auf die Dauer regieren: weder Einer, noch Drei,

noch Fünf, noch Sieben, noch 34!

Da man, so viel als irgend möglich (conservativerseits) die Bemerkungen

der einzelnen Regierungen berücksichtigen will; so kommen wir auch in

dieser Richtung einer friedlichen Lösung immer näher. -- Mit Recht

sieht man ferner täglich mehr ein: das Zerspalten in viele Klubs,

nach gewissen kleineren Verschiedenheiten der Ansichten, sei (wie ich

stets behauptete) unrathsam, ja schädlich; es komme vielmehr darauf

an, wenige große Grundsätze aufzustellen, dafür eine überlegene Zahl

zu gewinnen, und dann wie eine Phalanx für das als recht Anerkannte

einzustehen: -- uneingeschüchtert durch Drohungen, unverlockt durch

Schmeicheleien!

Hundertvierundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. März 1849.

Unsere Berathungen werden täglich wichtiger und anziehender. Die

neue österreichische Verfassung stimmt in der That mit der +ersten+

Erklärung der österreichischen Regierung, welche den Eintritt in einen

deutschen Bundesstaat ablehnte, und woran sich der Auftrag an das

Reichsministerium reihte, Verhandlungen über einen weiteren Bund oder

eine zweite Einigung mit Österreich anzuknüpfen. Die neueste Erklärung:

es gebe künftig nur ein österreichisches Reichsbürgerrecht und +einen+

staatsrechtlich vereinigten österreichischen Staat, muß die Folge

haben: entweder daß wir uns hier mit einem Bundestage begnügen, der

noch loser und bedeutungsloser ist als der alte; oder daß wir die Form

des Bundesstaates für Alle feststellen, welche in ihn eintreten wollen,

und die Verhandlungen über eine Einigung mit Österreich besonders

fortführen. Allmälig wird der Bundesstaat (wie der Zollverein) sich

erweitern.

In dem Maße wie Österreich sich absondert, tritt Preußen in den

Vordergrund. Es wäre unverantwortlich, wenn der berliner Reichstag,

um untergeordneter Zänkereien willen, die unendlich wichtigere Frage

über die Einigung und Beherrschung Deutschlands aus den Augen verlöre,

und uns nicht kräftigst unterstützte. Es wäre bejammernswerth, wenn

der König aus einer ursprünglich sehr edeln, aber falsch verstandenen

Ritterlichkeit, vor dem entscheidenden Schritte zurückbebte, und statt

als ordnender Steuermann an die Spitze zu treten, Deutschland einem

unausbleiblichen Sturme und der Gefahr des Unterganges preisgäbe.

In dem Maße, wie in den Reihen unserer Gegner Fragen, Zweifel und

Uneinigkeit hervorbrechen, wird die Gesellschaft des Weidenbusches

einiger und muthiger. Sie will fest auf ihrem Wege beharren, und wenn

sie den Sieg 1849 nicht davonträgt, ihn für folgende Jahre anbahnen,

und Zeugniß für künftig besser erkannte Wahrheiten ablegen.

In der Sitzung, welche gestern Abend im Weidenbusche stattfand, ward

mancherlei besonnen und verständig darüber verhandelt: in welcher Folge

und Ordnung die zweite Berathung über die Verfassung in der Paulskirche

stattfinden möge. Es wäre zu weitläufig, Gründe und Gegengründe

aufzuzählen; deshalb bemerke ich nur: daß man sich allgemein gegen

die jetzt doppelt schädliche Neigung aussprach, durch kleinliche,

umständlich und eigensinnig vertheidigte Besserungsvorschläge, Zeit

zu verlieren und Abstimmungen zu zersplittern. So nähern sich die

getrennten Klubs und verwachsen zu einer großen, mächtigen Partei. Nach

manchen Reden Anderer, sagte ich gestern nur einige nachdrückliche

Worte über die Stellung Deutschlands und Frankfurts zum Auslande, und

was nothwendig sei, um die (jetzt fehlende) Achtung zu gewinnen.

Morgen wird die (wahrscheinlich ziemlich friedliche) Berathung über das

Reichsgericht wohl beendet werden; dann folgt der große Kampf über das

Reich und die Reichsgewalt. Ob heute die Frage: über Vereinbarung und

letzte Entscheidung, als ein Schwärmer in den Gang der Tagesordnung,

von der Linken wird hineingeworfen werden, weiß man noch nicht mit

Bestimmtheit. Unsererseits will man das Reichsministerium fragen: ob

und was Österreich auf die ihm amtlich schon vor langer Zeit gemachten

Vorschläge geantwortet habe. Nämlich: +nichts+, oder so viel als

+nichts+; dann ist aber die gegebene Verfassung als eine deutliche

und verneinende Antwort zu betrachten.

Mittags nach der Sitzung.

Wir waren heute auf Plänkeleien, ja auf ein Gefecht gefaßt; statt

dessen geschieht das Unerwartetste: ein Hauptanführer der Gegner, noch

vor wenigen Tagen ein Saulus, geht als ein Paulus bekehrt in unser

Lager über!!

Ich schrieb Euch von der Verbindung fremdartiger, heterogener Parteien

in der Maienlust, welche zur Folge hatte, daß wir in die Minderzahl

hinabgeworfen wurden, und wenig Aussicht hatten bald die Mehrzahl

wieder zu gewinnen. Insbesondere war Welcker ein Hauptgegner der

Einheit, der preußischen Oberleitung, ein Anbeter des dreiköpfigen

Cerberus, oder dreileibigen Geryon, der sieben verwunschenen Prinzen

u. s. w. --; ein Vertheidiger des Zögerns, Abwartens, des

österreichischen Benehmens u. s. w.

Heute dagegen erklärt er: die letzte Frist sei abgelaufen und

Deutschland nur zu retten, wenn man die ganze Verfassung eiligst

annehme, und den König von +Preußen+ als +Erbkaiser+ an die Spitze

stelle!

Eine unbeschreibliche Aufregung ergriff die ganze Versammlung, und wenn

Welcker nicht selbst den Druck und die reifliche Überlegung seiner

Anträge gefordert hätte, -- in diesem Augenblicke wäre der König durch

Mehrheit der Stimmen zum Kaiser erklärt worden. -- Da Niemand der

Berathung über das Reichsgericht die geringste Aufmerksamkeit schenkte,

mußte die Sitzung aufgehoben werden.

Gewiß folgen nicht Alle Welcker’s Beispiele, und insbesondere dürften

Baiern und Ultramontanen auf ihrem Widerspruche verharren; ohne Zweifel

ist aber die Coalition aufgelöset, die Hemmungen stürzen zu Boden und

die Mehrheit bleibt (wenn nicht Alles trügt) der Gesellschaft des

Weidenbusches, -- welche sich heute zu neuen Beschlüssen über die

ferneren Maßregeln versammelt.

Wir werden gewiß unsere Schuldigkeit thun; wehe Dem, der da verzagt

und Deutschland verräth! Es ist die heilige Pflicht des +Königs+, des

+Thronfolgers+, der gesammten +königlichen Familie+, der berliner

+Kammern+ und aller +Preußen+, sich der großen Aufgabe gewachsen, des

entscheidenden Augenblickes würdig zu zeigen!

Hundertfünfundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 13. März 1849.

Gestern Abend wurden, in Folge des merkwürdigen Welckerschen Antrages,

lange Berathungen im Weidenbusche gehalten und zunächst beschlossen:

man wolle heute die Verhandlungen über das Reichsgericht aussetzen.

Denn, sobald man, nach jenem Antrage, die vom Ausschusse mit Rücksicht

auf die Bemerkungen der Regierungen, berichtigte Verfassung im +Ganzen+

(~en bloc~), ohne neue Erörterungen annehme; so könne dies auch füglich

mit dem minder wichtigen Theile über das Reichsgericht geschehen.

Ob dieser Antrag durchgehen wird, ist noch nicht mit Gewißheit

vorauszusehen. Ich habe mich bestimmt dagegen erklärt.

Viel entscheidender ist die Verhandlung über Welcker’s Antrag selbst,

welche (nach erfolgter Berichterstattung des Ausschusses) Donnerstag,

oder Freitag beginnen wird. Im Weidenbusche wünschte die Mehrheit,

nach Entzweiung der Gegners, das letzte Ziel im raschen Sturme zu

erobern; indessen blieb es doch unmöglich sich jetzt schon für Annahme

des neuen Verfassungsentwurfes zu erklären, da er uns erst heute

vorgelegt werden soll. Auch ergab sich, daß beim Heraustreten aus der

Vertheidigung in den Angriff, nicht alle Mitglieder ganz eines Sinnes

waren. Gewiß werden die Gegner neue Plane entwerfen, und wenn unsere

Ansichten sich noch einmal zersplittern, könnten wir leicht noch einmal

in die Minderzahl gerathen. Leider haben Viele, in gutem Glauben, oder

aus Eigensinn und Eitelkeit, unzählige Verbesserungsvorschläge im

Leibe, und halten ihre Leibes- und Geistesbeschwerden für Zeugnisse

bevorstehender, außerordentlich glücklicher Geburten. Die Abneigung

gegen alles Zögern und Schwadroniren, die Nothwendigkeit rascher und

großer Beschlüsse, steigt indessen dergestalt mit jedem Tage, daß wir

schneller zu irgend einem Ziele kommen werden, als sich vor acht Tagen

voraussehen ließ.

Gestern Mittag ward der wesentliche Inhalt der gestrigen Sitzung

nach Berlin telegraphirt, und um 2 Uhr hatten wir Antwort von der

glücklichen Ankunft des Berichtes. Hoffentlich wird er günstig auf

die Adressen wirken; obwohl die Schwadronir- und Amendementsstaupe

auch dort vorherrscht, wenn allein Hansemann deren zehn zur Adresse

eingebracht hat.

Die Österreicher bekamen gestern einen neuen Stoß, da Gagern auf eine

Anfrage erklärte: ihre Regierung habe binnen zwei Monaten nicht einmal

die Höflichkeit gehabt, auf die Schreiben des Reichsministerii und des

Erzherzogs über die Anordnung des Verhältnisses zu Deutschland, irgend

eine Antwort zu ertheilen.

Den 14. März.

Vorgestern Abend stellte ich im Weidenbusche vor: der Antrag, von der

angekündigten Tagesordnung abzuweichen, werde von den Gegnern als

Eingriff in die gesetzliche Ordnung dargestellt werden, uns gar nichts

nützen, wohl aber eine Niederlage zuziehen. Meine Einreden fanden kein

Gehör, ich blieb in der Minderzahl; meine Weissagung ist aber gestern

leider eingetroffen. Zu spät sagte man mir: ich habe Recht gehabt! --

Ebenso wies man meinen Vorschlag zurück: da alles Andere noch +nicht+

hinreichend vorbereitet sei, möge man der dringenden Eile halber,

morgen die Anträge über den Schutz der Auswanderer berathen; dennoch

ward jener Vorschlag in der Paulskirche +angenommen+. Ich bin nicht

eitel genug, mich +solcher+ Siege zu freuen.

Während des Abstimmens entwickelte ich gestern Hrn. V. -- die Gründe

für die Öffentlichkeit der Wahlen. Er beharrte auf seinem Widerspruche,

weil die geheime Abstimmung seiner Partei freieres Spiel lasse, und

fügte hinzu: die Regierungen können zu den Wahlen keine Beamten und

noch weniger Soldaten hinsenden, und durch dieselben wirken; wir

hingegen schicken ein Dutzend Kerle mit tüchtigen Knitteln, die werden

schon Eindruck machen.

Die Berathungen in dem zahlreichen, preußisch gesinnten Casino

waren gestern Abend (wie jetzt alle Berathungen und Versammlungen)

von Wichtigkeit und Interesse. Es blieb die Hauptfrage: ob man die

Welckerschen Anträge (ich lege ein Exemplar derselben bei) sammt und

sonders annehmen, und ob man einige Zugeständnisse machen solle, oder

nicht. Die Meinungen gingen sehr auseinander, und während Einige fest

auf gewissen Theorien beharrten, wollten Andere nachgiebiger sein, um

mit Sicherheit ein erwünschtes Ziel zu erreichen.

Die Hauptstreitpunkte sind folgende:

1) Das unbedingte, oder aufschiebende Veto. Für die Theoretiker beider

Parteien eine Frage von unendlicher Wichtigkeit! In der Praxis (wie

z. B. England seit 150 Jahren zeigt) fast gleichgültig. Man ändert

das Ministerium, oder die Kammern, ohne zum schroffen +Nein+ seine

Zuflucht zu nehmen. Ja, in Amerika hat der Präsident (trotz seines nur

suspensiven Veto) jedesmal obgesiegt; weil er es nur auf vernünftige

Weise einlegte.

2) Die Erblichkeit des einen Reichsoberhauptes. Sie ist ohne Zweifel

besser als jede Mehrheit, Wechsel, Turnus u. s. w. Kann man sie aber

nicht durchsetzen, so sind 6 Jahre jetzt schon eine halbe Ewigkeit;

Preußen behält nach 6 Jahren dasselbe Gewicht, ja verstärkt dasselbe

und; -- kommt Zeit, kommt Rath.

3) Das Wahlgesetz ist in seiner jetzigen Fassung allerdings +sehr

mangelhaft+; in diesem Augenblicke bleibt es aber +unmöglich+ die

Mehrheit in der Paulskirche für Ausschließung ganzer Klassen, oder

einen hohen Census zu gewinnen; -- wohl aber muß man Alles daran setzen

die Öffentlichkeit der Wahlen durchzubringen. Die ganz aristokratischen

Wahlen in Polen waren nicht besser, als viele demokratische Wahlen

u. s. w.

Nachdem ich mich für Erlangung einer +großen+ Majorität (die uns

nöthig ist) ausgesprochen, erzählte ein Mitglied, mit nur zu großer

Bestimmtheit, was der König denke und fühle, thun oder nicht thun,

annehmen oder zurückweisen werde u. s. w. Er warf neue Zweifel

und Steine des Anstoßes in unsere, ohnehin schon mit übergroßen

Hindernissen angefüllte Bahn. Die Folgen solcher Quasijeremiade

fürchtend, nahm ich nochmals das Wort und sagte: Meine Herren! Wir

selbst wissen noch nicht was wir annehmen, verwerfen, beschließen,

durchsetzen werden, welche Mittel anzuwenden, welche Wege einzuschlagen

sind; und wir sollen uns aufreden, oder aufreden lassen, der König habe

sich schon jetzt, von vorn herein eigensinnig über Fragen entschieden,

die ihm von der Reichsversammlung noch nicht einmal vorgelegt sind.

So wenig eine Jungfrau erklärt, sie wolle Jemand heirathen oder nicht

heirathen, der noch gar nicht um sie geworben hat; ebensowenig kann

und wird der König sich schon in diesem Augenblicke scharf bejahend,

oder verneinend aussprechen. Er wird nach Maßgabe der eintretenden

Ereignisse in seiner Weisheit wissen und beschließen, was er sich,

seinem Hause, Preußen, Deutschland, Europa und der Weltgeschichte

schuldig ist. Uns liegt ob (ungestört durch heitere, oder finstere

Vorspiegelungen) gleicherweise nach Pflicht und Gewissen vorzugehen,

und nach langem Reden auch zu handeln.

In diesem Augenblicke erhielten wir die +mündliche+ Kunde: der

Ausschuß erkläre sich +für+ die Annahme der Welckerschen Anträge;

vorausgesetzt daß man das Wahlgesetz in die Verfassung begreife, aber

die Öffentlichkeit der Wahlen annehme. Nur auf diesem Wege könne man

(vielleicht) die Mehrheit der Stimmen gewinnen; ohne Zugeständnisse

beim Wahlgesetze (nur die Heimlichkeit der Wahlen beseitigend) würden

wir bei den Fragen über Welcker, Veto, Einigkeit, Erblichkeit u. s. w.

in der Minorität bleiben. Von weiteren Beschlüssen (nach Eingang des

Ausschußberichtes) nächstens mehr.

Alle Berathungen, Betrachtungen, Gründe erhielten eine neue Wendung

durch die uns jetzt unerwartet vorgelegte, neueste Note der

österreichischen Regierung und die Nachrichten, welche die nach Olmütz

gegangenen Abgeordneten zurückgebracht haben. Österreich will kein

Volkshaus (das einzig tüchtige Verbindungsmittel für Deutschland);

38 Stimmen und das Erbkaiserthum für sich, während Deutschland nur

32 Stimmen erhalten soll u. s. w. u. s. w. Ihr werdet alle diese

unpolitischen Phantasmata in den Zeitungen lesen. Sie trennen die

Österreicher ganz von der Linken, und treiben zu eiligen Beschlüssen,

bevor man uns jenes Joch durch diplomatische Ängste und Kniffe, oder

mit Gewalt über den Nacken wirft. Wenn die preußische Regierung irgend

auf diese Fratzen eingeht, hat sie sich im übrigen Deutschland das

Todesurtheil gesprochen. Auf entgegengesetztem Wege steigen täglich, ja

stündlich die Siegeshoffnungen. Gott gebe daß keine unvorhergesehenen

übel eintreten!

Hundertsechsundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 15. März 1849.

Ihr Brief vom 11. d. M. hat mir große Freude gemacht; zunächst weil

ich daraus sehe, daß Sie meine zahlreichen Mittheilungen freundlich

aufnehmen. Nur einer von Ihnen ausgesprochenen Besorgniß kann ich nicht

beitreten: die österreichische Verfassung und die österreichischen

Noten haben hier +Niemand+ verblendet; sie haben vielmehr auch den

Geblendetsten den richtigen Blick wiedergegeben, und die Sache Preußens

wesentlich gefördert und erleichtert. Alle kleineren Staaten +wollen+

folgen, andere werden müssen; die Neubaiern stimmen bereits mit uns,

und selbst die Altbaiern fangen an einzusehen, daß eine Zolllinie,

gezogen zwischen Nord- und Süddeutschland, sie ganz zu Grunde richten

würde.

Mittags.

Der gestrige Tag verging in angestrengten Vorbereitungen und

Berathungen zu den bevorstehenden Kämpfen, und Viele haben wohl (gleich

wie ich) Nachts vor tiefer Aufregung nicht schlafen können. Wir hatten

Vormittag, Nachmittag und Abend Sitzungen im Weidenbusche. Es ward

mit Mäßigung und Verstand über alle in Betracht kommenden Punkte

gesprochen, und auch ich habe zwei Mal das Wort genommen; was ich

erzähle, um nur zu beweisen, daß ich bestrebt bin, meine Pflicht zu

erfüllen. Das erste Mal gegen einen Antrag, heute wiederum Abänderung

der Tagesordnung zu verlangen; er ward abgelehnt, um sich keine zweite

Niederlage (wie vorgestern) zuzuziehen.

Umständlicher sprach ich, in dem Euch bekannten Sinne, zur Beseitigung

von Zweifeln und zur Berichtigung von Ansichten über Veto, Erblichkeit,

Wahlberechtigung, unmittelbare und mittelbare Wahlen, Öffentlichkeit

u. s. w. Hieran ging ich über zu einer Prüfung aller österreichischen

Vorschläge, und suchte mit Schärfe und Bestimmtheit zu beweisen (es

ist nicht schwer), daß sie anmaßend, ungerecht, thöricht und schädlich

sind; von den sieben schwatzenden oder schlafenden Prinzen, bis zur

Verwerfung des Volkshauses und dem Gebote: Deutschland solle in den

alten, elenden Verhältnissen beharren, ja sie noch verschlechtern! Ich

schloß mit einem Angriff gegen die Politik der Könige -- -- --

Meine Stimme war nur eine einzelne in einem großen harmonischen Chore!

Sehr löblich brachte jeder Einzelne Meinungen zum Opfer, um Einigkeit

zu erzeugen und Stärke zu gewinnen. 225 Abgeordnete gelobten einmüthig,

für den (uns vorläufig schon bekannten und gestern Abend vorgelegten)

Antrag des Ausschusses zu stimmen; wir haben gerechte Hoffnung, daß

sich noch Mehre anschließen werden, und wenn wir dennoch (wie Blücher

bei Ligny) unterliegen, werden wir bei Waterloo nicht fehlen!

Man kann unzählige Gründe beibringen, warum wir nach zehn Monaten

(mit der gerühmten deutschen Gründlichkeit) noch zehn Monate berathen

müßten. Im Angesichte der dringenden Gefahren von Außen, der

Volksungeduld, der Wühler, der wilden Feinde alles Gelingens, der

dummen oder schlangenlistigen Diplomaten, der verblendeten Fürsten,

-- ward es aber zur heiligen Pflicht, den kühnen Sprung zu wagen, der

uns aus scheiterndem Fahrzeuge hoffentlich an ein sicheres oder doch

minder gefährliches Ufer bringt. Um wie viel es sich handelt, zeigte

Euch schon der Welckersche Antrag; der anliegende Ausschußbericht ist

noch viel bestimmter, umfassender, entscheidender, muthiger. Zu diesem

Muthe gesellt sich (wie selten ist dies) aber auch die Demuth: wir

wollen unsere Macht +nicht verlängern+, wie das lange Parlament in

England; das Volk +nicht zwingen+, uns in die zweite Reichsversammlung

aufzunehmen, wie der Convent in Frankreich: -- sondern mit dem

Bewußtsein vor Gott und Menschen recht bald in unsere Heimat

zurückkehren, daß wir nach Pflicht und Gewissen bestrebt waren, unser

Vaterland aus den Gefahren der Gegenwart zu erretten, und es einer

größeren Zukunft entgegenzuführen. Gott gebe (in diesen gefährlichen

Märztagen) seinen Segen!!

Nachmittags.

Ich komme soeben aus der Sitzung in der Paulskirche. Ein Gesetz über

die Auswanderungen (welches selbst unsere Partei in leidenschaftlicher

Hast zurücklegen wollte) ist friedlich angenommen, und wird allmälig

beitragen, die Auswanderer gegen Betrügereien zu schützen. Morgen

(16.) ist keine Sitzung; übermorgen aber beginnt der große Kampf über

den beiliegenden Bericht des Ausschusses. Ich glaube +nicht+, daß er

kurzweg in allen Theilen angenommen wird, kann aber darin keineswegs

ein so entsetzliches Unglück sehen, wie viele meiner Kollegen.

Sie fürchten: man werde uns eine Verfassung +geben+, oder uns gar

auseinanderjagen. Ich bin (+sofern wir es nicht selbst verschulden+)

davor nicht bange, und wenn wir bei der Abstimmung über die einzelnen

Paragraphen der Verfassung (wie die Linke vorschlägt) auch einige Zeit

verlieren und in einigen Punkten unterliegen; so werden wir praktisch

doch vorwärts kommen, und nicht so viel einbüßen, als Theoretiker und

ängstliche Gemüther glauben. Die Beweise ein andermal, sofern sie

nöthig werden.

Hundertsiebenundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 16. März 1849.

Gestern Abend war die Gesellschaft des Weidenbusches versammelt, und

der Vorstand legte die Grundsätze vor, nach welchen er Redner für den

nächsten Kampf in Vorschlag bringe. Nämlich

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2) · 第 9 / 21 题