Nitimur, ein wohlriechender Künstler, Erbauer der sechs großen Stockwerke,
sah eines Tages die wohlwandelnde Königstochter Inve, und nicht genug
daran: er wagte es, seine Augen zu ihr zu heben, die auf dem hochgelegenen
Steige der Königstöchter knabenleichten Schrittes zur Lust tief und tiefer
unten Wandelnder und also auch wohl zur eigenen Lust einherschwebte. Ja, er
gewann es über seine in welcher Niedrigkeit aufgeschossene Seele, daß er
den jäh ansteigenden Kotsee und den darauffolgenden Eisberg der
vermeintlichen Glückseligkeit durchschwamm und überschritt.
Diese beiden Stoffe nämlich, Kot und Eis, ausgezeichnet sowohl durch die
Menge, in der sie sich an den genannten Orten befinden, als auch durch
andere Eigenschaften, sind dazu bestimmt und geschaffen, die Wege der
wohlwandelnden Königstöchter und der wohlriechenden Künstler zu trennen.
Wohl war, wie ihr alle recht gut wisset, in diesem unseren Königreiche
Titumsem die schreckliche Strafe der Spiegelentziehung auf das Erklimmen
der Scheideflächen gesetzt. Nitimur aber mag vor, während und nach deren
Durchquerung wenig an eine Selbstbespiegelung gedacht haben. Vielmehr: an
dem Orte seines Strebens in welchem Aufzuge angelangt, warf er sich
rücklings zu Boden, auf den heiligen Boden des Einherschwebens der
Königstöchter, und schlug ihn dreimal mit dem Hinterhaupte. Dies ist die
Art, mit der in diesem unseren Königreiche Titumsem Hohlheit und
Wohlriechenheit gewiesen wird. Inve konnte nicht anders, sie mußte eine
Zeiteinheit lang ihr Einherschweben in ungleichförmig verzögerter
Geschwindigkeit vor sich gehen lassen -- gewöhnlich bewegen sich nämlich
die Königstöchter in diesem unseren Königreiche Titumsem gleichförmig
verzögert -- und eine weitere Zeiteinheit lang tat sie sich die Mühe, ihre
konkaven Wangen in dem Blaurot des höchsten Unwillens erröten zu lassen.
Nitimur nun -- war es Absicht oder Unfall? Meine der Verehrung
wohlwandelnder Königstöchter sicherlich zuneigenden Zeitgenossen werden mir
wohl recht geben, wenn ich steif und fest behaupte, daß es nicht seine
Absicht war, und ebenso dürften meine dem Glauben an das Walten einer
ursittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer meiner wohlweisen
Meinung sein, wenn ich statt Zufall Unfall sage . . .
Nitimur nämlich, der wohlriechende Künstler, rutschte, von der Blauröte des
höchsten Unwillens scheinbar gleichgültig durchstrahlt, mit gleichförmig
beschleunigter Geschwindigkeit den Gletscher der anscheinenden
Glückseligkeit hin und überschlug sich unter den spaßhaftesten Purzelbäumen
und Kapriolen im darauffolgenden Kotsee. Wieder unten auf der Straße
wohlriechender Künstler angelangt, begab er sich aber nicht in seine sechs
großen Stockwerke, denn er wußte wohl, daß ihm sämtliche Spiegel
mittlerweile entfremdet worden waren . . .
Wer aber kann malen das Blaurot des noch sehr viel höheren Unwillens der
wohlhabenden Königstochter Inve, als sie nächsten Tages an derselben Stelle
Nitimurn gewahrte! Ihre Bewegung setzte sie da mit gleichförmig
beschleunigter Geschwindigkeit fort, die sie nur um eine Zeiteinheit
verzögerte, als sie an dem wohlriechenden Künstler das heiße Schweigen der
Liebe, von dem die wohlwandelnden Königstöchter zu träumen pflegen, nicht
kaltes Schweigen der Körperverehrung, das wohlriechende Künstler zu
durchstrahlen pflegt, bemerkte. Als sie sah, daß er mit weit weniger
gleichgültig durchstrahlter Miene seinen schmachvollen Heimweg abkugelte.
Da aber jeder Tag diesen Vorfall gebar, Perku, ihr wenig geschlechtlicher
Erzieher, der zwar seine Zeit meist damit füllte, noch weniger
geschlechtliche Erzieher zu zerspotten, dennoch beinahe bemerkt hätte, daß
seine wohlwandelnde Königstochter die zur Absolvierung ihres
Einherschwebens nötige und also vorgeschriebene Anzahl von Zeiteinheiten
stets überschritt, schließlich Inve einsah, daß bald ihr ganzer Reichtum an
Erörterungsnuancen allewerden dürfte, tat sie es eines Tages, über den
Wasserberg hinweg, der den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige von dem
Steig der wohlwandelnden Königstöchter trennt, sie tat es, ihrem Vater
Pimus zuzurufen, der wohlriechende Künstler Nitimur störe täglich die
Regel- und Gesetzmäßigkeit ihres Einherschwebens. Der wohlschlafende König
Pimus, dem es ein Neues war und den es mit Verblüffung durchstrahlte, daß
ein wohlriechender Künstler auch nach Entfremdung seiner Spiegel vor
wohlwandelnden Königstöchtern zu liegen wage -- deren heiligen Boden mit
dem Hinterhaupte schlagend, Hohlheit und Wohlriechenheit weisend -- er
erschrak zuerst über das Omen dieser sehr kuriosen Zugetragenheit, das und
die in keinem königlichen Orakel- und Traumbuche verzeichnet und vorgesehen
war. Also machte der wohlschlafende König Pimus seinem wohltanzenden Gotte
Kwene dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und sagte ein Achtel
Betrolle her. Kwene nämlich, der wohltanzende Gott, dessen Seil von dem
Schwindelpfade der Könige durch einen Sonnenberg geschieden ist, sah sehr
gut, hörte aber schlecht: daher dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung
und bloß ein Achtel Betrolle. Denn ihr wisset sowieso, und ich sage es auch
nur, um euch der Abwechslung halber mit eurem Wissen zu ärgern: Man hat
seine Freude nur an dem, was man bis in seine süßesten Einzelheiten
auszukosten vermag, nicht jedoch an Dingen, die, ach, in höchst
summarischer Weise fühlbar werden . . .
Kwene aber wußte sehr wohl, daß der Thron eine Stütze des Glaubens an ihn
sei. Nur darum reichte er dem wohlschlafenden Könige trotz des Achtels
Betrolle schnell seine Ohren, und außerdem drangen gerade in dieser
Zeiteinheit labend an des schlachtmesserumgürteten, wohltanzenden Gottes
nicht ganz schlecht hörende Ohren des eben von ihm eigenhändigst, nach
allen Regeln der Kunst geschächteten Schlachtopfers höchst rituelle Laute
des Sterbens und Verzuckens. Dennoch aber unterdrückte der wohltanzende
Kwene den wohlweisen Rat: »Sende dem wohlriechenden Künstler einen zweiten
Spiegel, auf daß er sich darin besehe!« Nein, er wollte wieder einmal ein
Exempel seiner Allmacht, Gerechtigkeit und ursittlichen Welthausordnung
statuieren und gab dem wohlschlafenden Könige Pimus den minder weisen Rat,
die wohlwandelnde Inve hinabzusenden zu dem wohlriechenden Künstler
Nitimur, dem Erbauer der sechs großen Stockwerke. »Denn die gebotene
Möglichkeit der Befriedigung wird des wohlriechenden Künstlers Sehnsucht
und Liebe stracks töten, da sie bloß jener selbsterzeugte Hunger in
Gedanken ist, den armgelebte Künstler hie und da aufzuziehen pflegen, der
aber immer unbefriedigt stirbt, den sie wohlahnend sich vergehen lassen,
wenn der Erfüllung Schmerz ihnen verstattet wird.« Und geheime, frohe
Gedanken der Rache an dem verbeugungsfeindlichen Künstler und dem gern
betrollenden Könige durchstrahlten des Gottes und Tänzers Miene, kaum
verborgen durch ein nervöses Zwirbeln des Schnurrbartes.
Nicht vergaß da zum Dank der wohlschlafende König eine halbe und
dreiundachtzig Verbeugungen dem seiltanzenden Gotte Kwene zu machen, noch
weniger vergaß er es, den Heimtückischen durch schnelles Ableiern von einem
Achtel Betrolle zu ärgern. Schnell tat er es, über den Wasserberg hinweg
seiner wohlwandelnden und gerade einherschwebenden Tochter eine Hymne auf
seine Vatertugenden zu halten und ihr zu befehlen, allbereits
hinabzuschweben zu dem wohlriechenden Künstler. Welche machte sich sofort
auf mit ihren wohlschmeckenden Zofen, die ein wohlklingendes Geschnatter
fortflattern ließen, als die Königstochter in einem Sprunge hinabsprang zur
Straße der wohlriechenden Künstler, die ihr scharenweise zur gefälligen
Matratze dienen wollten.
Als aber Nitimur, auf seinem wohlgeborstenen Steine vor den sechs großen
Stockwerken sitzend, sie kommen sah, da wandte er sich zur Flucht und
sprang lieber hinab über grasbewachsene Wiesen zu den bewußtlos lebenden
Bürgern und tauchte lieber unter in ihrem Meere der Gewöhnlichkeit.
Tiefbetrübt gebot da die wohlwandelnde Königstochter den wohlriechenden
Künstlern, ihre Spiegel zu legen über den Kotsee, ließ sich nur unwillig
ihre goldenen Schlittschuhe anschnallen. Denn sich hinunterzukugeln über
die Grashalden in der häringhaften Bürger Meer von Gewöhnlichkeit, dies war
ihr wie jeder echten wohlwandelnden Königstochter unmöglich. In
ungleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit, in in rasendem Sturmlauf
blitzte sie den spiegelbedeckten Kotsee hinan, hinan den darauffolgenden
Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit. Wenig kümmerte sie es, daß ihre
wohlschmeckenden Zofen, diese Keineswegs-Königstöchter, vor den gefälligen
Matratzenkünstlern ihr wohlklingendes Geschnatter fortflattern ließen und
sich mit ihnen um die einerseits kotbelegten, andererseits wohlgeborstenen
Spiegel balgten, im Schlamme wälzten und schließlich dem Geheul und
Gewaltschmerz der nicht ganz ausgenützterweise sich um ihre Spiegel
gebracht sehenden Wohlgeruchs-Künstler ein Ende taten, indem sie mit ihnen
die Grashalde abkugelten in der kaninchengleichen Bürger Meer von
Gewöhnlichkeit. Gar nicht kümmerte es die schnellhinwandelnde Königstochter
Inve, daß sie, anfahrend ihren Steig, ihrem wenig geschlechtlichen Erzieher
Perku und seiner aus noch weniger Geschlechtlichen gebildeten Gesellschaft
die restlichen Geschlechtsteile abfuhr und alle tötete.
Nicht mehr war sie bedacht darauf, in allen Zeiteinheiten gleichmäßig
einherzuschweben, die wohlwandelnde Königstochter Inve, die früher und bis
zu wohlriechenden Nitimurs Flucht zwar eingedrillterweise von Nuancen des
Errötens, aber wenig von Liebe gewußt hatte, sie bewegte sich mit höchst
ungleichförmiger Geschwindigkeit, und ihre Seele ergab sich wildem Weinen
silberner Tränen. Pimus sogar, ihr wohlschlafender Vater, er hörte es, und
ohne seinen ewigtanzenden Gott extra zu behelligen, griff er sofort zu dem
in solchen Fällen höchst angezeigten und probaten Mittel: er zeigte seiner
wohlwandelnden Tochter ihre Verlobung mit dem immer schlafenden Kaiser von
Gata an. In ihrem tiefen Grame hörte sie es nicht, wie es der
wohlschlafende König schlau geträumt oder berechnet haben mochte. Inve, mit
Unrecht wahrlich eine wohlwandelnde Königstochter genannt oder etikettiert,
fuhr immerzu fort mit ihren unsteten, ungleichförmigen Bewegungen, ihrer
Seele Weinen überzog ihre Wangen mit Silberamalgam, machte sie fast konvex,
und schon glaubten alle Ärzte und Urinoskospen dieses unseres Königreiches
Titumsem, die weiland wohlwandelnde Königstochter Inve würde, ach, für
immer der Stetigkeit und Gesetzmäßigkeit ihrer Bewegungen beraubt sein
. . .
Eines gemeinen Tages aber, da der wohlriechende Künstler Nitimur auf der
Grashalde lag und in Träumen noch sechs große fahrende Stockwerke für die
ochsenartigen Bewohner des Meeres von Gewöhnlichkeit ersann, schreckte ein
schreckliches Getöse und Geflimmer ihn aus seinen Fieberträumen. Die
Bürgerlein hatten nämlich von dem frohen Fest im allerhöchsten
Herrscherhause gehört und feierten es, jeder nach seiner Art, der eine mit
verschiedenfarbigen Fetzen, Liedern von gefälligen Matratzenkünstlern, der
andere mit Lichtgestank oder Böller- und Kartaunenblähungen. Jäh fuhr der
wohlriechende Künstler Nitimur auf, als er den Grund der
verschiedenfarbigen Fetzen, der Hurralieder, des Lichtgestankes und der
bürgerhaften Schießerei erfuhr. Wo waren da die sechs großen fahrenden
Stockwerke für die gleichförmigen Bewohner des Meeres solcher
Gewöhnlichkeit?!
Jetzt aber möchte ich meine dem Glauben an das Walten einer sittlichen
Welthausordnung herzhaft zugeneigten Zuhörer ersucht haben, mir ihren
Beifall fühlbar zu machen und sich zu entfernen.
Denn mit einem Satze über die Grashalde hinaus und die Straße der
wohlriechenden Künstler, hinaus über den Kotsee und den Gletscher der
anscheinenden Glückseligkeit: Nitimur war oben beim Steige der nicht immer
wohlwandelnden Königstochter, und ehe noch der wohlschlafende König von
Titumsem und der immerschlafende Kaiser von Gata Zeit gefunden, erwachen zu
wollen, hatten sich Nitimur und Inve gefunden, in hoher Pracht gefunden.
Jetzt aber möchte ich auch meine dem Glauben an das Walten einer
urunsittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer ersucht haben,
mir ihren Beifall fühlbar zu machen und sich allbereits zu entfernen!
. . .
Vielleicht, um nicht tiefe Lust zur Gewohnheitsqual zu verherben, zu
verderben; wer es fassen kann, der fasse es: mit einem Satz über den
Wasserberg hinaus und den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige, hinaus
über den Sonnenberg und das Seil des im Fluge herabgestoßenen wohltanzenden
Gottes Kwene, der noch im Falle tanzte und seinen Bart nervös zwirbelte --
waren, war Nitimur-Inve geflohen, geflohen in das Reich des ewig seienden,
einzig seienden Todes.