Der Morgen war angebrochen, der Wagen stand vor der Tür, reisefertig
trat ich in das Gastzimmer, um von Schnock, der schon des Frühtrunks
wegen gekommen war, Abschied zu nehmen. Schnock saß am Tisch und
hatte mehrere leere und noch mehr volle Flaschen, sowie ein derbes
Gabelfrühstück vor sich stehen; ihm gegenüber saß mein Wirt, der
lange, dürre Postmeister, sich auffallend beeifernd, seinen Gast
durch Anekdoten und muntere Geschichten zu ergötzen. Da war kein
Jägerstückchen, kein Witzwort vom kleinen Korporal oder vom alten
Fritz, das nicht vorgebracht wurde, ja, der Postmeister begnügte sich
nicht, bloß sein Gedächtnis zu martern, er war unbarmherzig genug
gegen sich selbst, seine eigene Phantasie Peitsche und Sporen kosten
zu lassen, um ihr dies oder jenes Geistreiche abzujagen. Aber
Schnock, der sonst so leicht und so gern lachte, verzog diesmal keine
Miene und gab keinen Laut von sich; er schüttelte nur zuweilen, wenn
der Postmeister recht ansetzte, verächtlich den Kopf, oder stieß
einen Seufzer aus, und wenn er den Mund auftat, so geschah es einzig
und allein, um ein Stück Fleisch oder etwas Ähnliches hineinzustecken.
"Trinkt doch, trinkt!" sagte der Postmeister hitzig, "und dann
knöpft die Ohren auf, jetzt will ich Euch eine Schnurre erzählen, die
noch von meinem Großvater herrührt. Nicht darüber lachen, heißt den
seligen Mann noch im Grab beleidigen; ich möchte der Schlingel nicht
sein, der das täte; denn mein Großvater verdient Achtung, er war
Schulmeister, und wenn einer von uns rechnen und schreiben kann, so
hat er's von ihm gelernt." Die Schnurre war wirklich lustig, dennoch
hielt Schnock an sich, obgleich sein Gesicht bersten wollte. "Schämt
Ihr Euch nicht?" sagte der Postmeister; "für den Herrn Dr.", er
deutete auf mich, "war das Ding gut genug, um darüber zu lachen, und
Ihr sitzt wie ein Klotz? Der Teufel soll mich holen, wo ich mit Euch
wieder eine Wette eingehe!"--"Worin besteht denn die Wette?" fragte
ich neugierig. "Werdet Ihr so unhöflich sein, die Frage des Herrn Dr.
unbeantwortet zu lassen?" sagte der Postmeister lebhaft zu Schnock;
dieser aber sah mich an, legte den Finger auf den Mund und verharrte
in Stillschweigen. "Nun," versetzte ich gleichgültig, "in
Geheimnisse will ich nicht eindringen, lebt wohl, Meister Schnock!"
Schnock stand auf und ergriff meine ihm dargebotene Hand, sie
herzhaft drückend; dann nahm er das Stück Kreide, dessen sich die
Billardspieler zu bedienen pflegten, und schrieb damit auf den Tisch,
daß er mir eine glückliche Reise wünsche. "Ist der Mann stumm
geworden?" fragte ich, aus der Tür tretend, den mich begleitenden
Postmeister. "Nichts weniger als das, purer Egoismus!" erwiderte der
Postmeister. "Wieso?" fragte ich stutzend. "Er will umsonst bei mir
essen und trinken," gab der Postmeister zur Antwort, "darum spielt er
den Stummen. Ich muß ihm heute nämlich, so haben wir gestern zur
Nacht im Rausch gewettet, das beste aus Küche und Keller so lange
unentgeltlich aufsetzen, bis er sich zum Lachen oder Sprechen
hinreißen läßt. Lacht er oder spricht er ein Wort, so muß er--hierin
liegt mein Vorteil--alles doppelt bezahlen; hält er an sich, nun
freilich, dann weiß ich, wer sich noch heut Abend Haare aus dem Kopf
reißt und mit dem Schädel gegen die Wand rennt. Aber, er mag sich
hüten! Ich erlaube mir gegen ihn, was mir einfällt, und an Kniffen
und Ränken fehlt's keinem aus meiner Familie. Ich will ihn schimpfen,
bis er vor Ärger braun und blau wird, wie ein Kapaun; ich will
dritte Personen herbeirufen und Schandgeschichten von ihm erzählen,
denen er Widerspruch entgegensetzen muß, wenn er nicht will, daß alle
Welt sie glauben soll; ich will Pistolen hinter seinem Rücken
abfeuern; ich will seiner Frau, die wohl von der Wette nichts weiß,
anzeigen, daß er bei mir schlemmt, damit ihm diese über den Hals
komme, ich will mich stellen, als ob ich mich umbringen wollte; ich
will--"
Mein Wagen fuhr ab.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Schnock" von Hebbel.