In dem kleinen Marktflecken Y., wo sich jeder Reisende gern so lange
aufhält, als er muß, nämlich so lange als die Post ausbleibt, traf
ich in den Hundstagen des Jahres 1836 zum letztenmal ein. Der Ort
ist einer von denen, wo man nur auf dem Leichenacker erfährt, daß
Menschen darin leben, weil eine Reihe ehrwürdiger Grabsteine, die man
nicht Lügen zu strafen wagt, versichern, daß Menschen darin sterben.
Diesmal kannte ich ihn nicht wieder, und ich würde geglaubt haben,
der Postillon sei fehlgefahren, wenn sich nicht der mir unvergeßliche
Postmeister, eine lange, dürre, windschiefe Figur, die sich scheu und
verlegen in jede Ecke drückt, als ob sie schon durch ihre bloße
Existenz zu beleidigen fürchte, aus der Tür geschoben, und so meine
Zweifel verscheucht hätte. Alle Straßen nämlich, durch die ich kam,
waren gedrängt voll von Leuten; kein Fenster, aus dem nicht mehr
Köpfe hätten herausschauen wollen, als Platz fanden; auf dem
Kirchturm selbst konnt' ich deutlich Hauben und flatternde Schals
unterscheiden, und jedes Gesicht, von der alten, halberblindeten
Bettelfrau an, die sich mühsam mit der rechten Hand auf ihren Stab
stützte und mit der linken die Brille aufsetzte, bis zu dem kleinen
weiß gekleideten Mädchen mit seinen blonden Locken herunter, trug den
Ausdruck der gespanntesten Erwartung. "Was gibt's denn," fragte ich
den Postmeister, "ist's Jahrmarkt heut?"--"Den 16. hujus gewesen.
"--"Feiert der Amtmann oder der Stadtpfarrer das
Dienstjubiläum?"--"Herr Pastor primarius Nothnagel hat's schon
gefeiert und ist an den Folgen des Schmauses gestorben, und unser
Herr Amtmann darf in den nächsten vierzig Jahren an die Ehre noch
nicht denken, dazu ist er, mit Erlaubnis zu sagen, noch viel zu jung.
"--"Gibt's denn Aufstand? Rebellieren die Bürger? Empört sich, was
Hosen trägt?"--"Bewahre uns Gott vor Rebellion! Dazu haben wir auch
gar keine Zeit, man muß sich tummeln, ums liebe Brot zu verdienen und
die hohen Steuern zu erschwingen. Nein, die Sache, es kurz zu
vermelden, ist die. Ein höchst gefährlicher Verbrecher, ein
Bösewicht, der einen greulichen Diebstahl begangen hat und einer
Mordtat fähig gehalten wird, wurde gestern zur Haft gebracht und
heute, als ihm der Gefangenenwärter das Frühstück in den alten
verfallenen Turm bringen wollte, vermißt. Da hat denn der Amtmann
die gesamte Bürgerschaft aufgeboten, um ihn wieder einzufangen, und
wie man vernimmt, so ist's, wunderbar genug! geglückt. Nun ist man
natürlich begierig--" Der Postmeister unterbrach sich; denn er
bemerkte, daß ich schon längst nicht mehr auf ihn hörte, weil ich
sonst über die Explikation das Schauspiel versäumt hätte. Ein Zug,
abenteuerlicher, als ich ihn je gesehen, kam die Straße herauf.
Zuerst, in grellroten Röcken mit messingnen Knöpfen, an der Seite
mächtige Säbel, die das Gehen erschwerten und den Mut gewiß nicht
vermehrten, zwei ehrenfeste Männer, voll edlen Selbstgefühls, in
denen sich ehemalige Unteroffiziere der Reichsarmee, die vielleicht
manche Schlacht mit hatten verlieren helfen, und jetzige
Gerichts--und Polizeidiener nicht verkennen ließen. Dann, von zwei
lahmen Pferden gezogen, ein Leiterwagen, auf dem der Held des Tages,
der Triumphator, saß, dreifach gebunden, als ob er ein Herkules wäre
und noch etwas mehr. Hinterher die ganze waffenfähige Mannschaft des
Fleckens, mit Mistgabeln, Äxten und Beilen, Stricken, genug mit allen
möglichen Dingen, die der Leser nicht erwartet, armiert und nicht
ohne Stolz zu Frauen und Töchtern aufblickend und sie mit leichtem
Kopfnicken, da die Zeit nichts weiteres erlaubte, begrüßend. Der
Wagen hielt; zwei alte Weiber, wovon eine der andern ihren breiten
Rücken, der ihr das Sehen unmöglich mache, vorwarf, fingen an, sich
zu prügeln, der Amtmann trat vor mit einem Gesicht, welches halb
Fragezeichen war, halb aber auch, der Würde des Amts gemäß,
Gedankenstrich. Die Gerichtsdiener machten Front und statteten beide
zugleich, also so unverständlich wie möglich, Rapport ab, der Amtmann
warf auf den Triumphator einen vernichtenden Blick, den dieser mit
seinem ungezogensten Gähnen erwiderte, dann rief er finster aus: "Wo
bleibt denn aber Schnock, der Schreiner, daß man ihn beloben, ihm
seine Zufriedenheit bezeigen kann?"--"Heda, Meister Schnock,
aufgepaßt!" schrien die Gerichtsdiener, das verdrießliche Gesicht des
Amtmanns und den mürrischen Ton seiner Stimme möglichst getreu
kopierend. Jetzt merkt' ich auf; wer noch nie einen Glücklichen
gesehen hat, der betrachte sich einen deutschen Bürger, dem bei
irgendeinem Anlaß von Gerichts wegen die Versicherung erteilt wird,
daß er ein ganzer Kerl sei. Nicht so schnell, als ich erwartet hatte,
aber doch schnell genug, um die Stirnfalten des Amtmanns nicht durch
sein Zögern zu verdoppeln, trat aus dem Haufen ein Mann heraus,
breitschultrig, von gewaltigem Knochenbau, aber mit einem Gesicht,
worauf das erste Kindergreinen über empfangene Rutenstreiche
versteinert zu sein schien; ein Bär mit einer Kaninchenphysiognomie.
Der Amtmann erteilte ihm ein sparsames Lob wegen seiner bewiesenen
Herzhaftigkeit, Schnock senkte wehmütig den Kopf und schickte einen
ängstlichen Blick zu dem Gefangenen hinüber, der auf seinem Wagen in
sanften Schlummer gefallen war oder sich doch stellte, als ob er es
wäre. Der Amtmann zog sich in das Heiligtum der Amtsstube zurück,
die Gerichtsdiener rissen den Gefangenen von seinem Sitz herunter und
schwuren, er soll ihnen nicht zum zweitenmal entkommen, und wenn er
auch die Kunst besäße, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Die
Menge zerstreute sich, nur Schnock blieb, als hätt' er einen
Basilisken gesehen, regungslos auf dem Platze stehn. Der Mann
interessierte mich, ich trat zu ihm heran. "Mein Freund," begann ich,
"Ihr seid sehr in Gedanken vertieft!"--"Weil ich ein geschlagener
Mann bin", gab er zur Antwort. Ich stutzte und fragte weiter:
"Wieso? Wie kommt's, daß Ihr dies eben heut, wo Ihr Euch in so hohem
Grade die Zufriedenheit Eurer Obrigkeit erworben zu haben scheint, so
lebhaft fühlt?"--"Eben darum," versetzte er heftig, "wer bürgt mir,
daß der sich im Gefängnis erdrosselt, oder sich mit Glasscherben die
Pulsader aufreißt? Gibt's der Herr," er meinte mich, "mir etwa
schwarz auf weiß, daß diesen heillosen Sünder in der Einsamkeit die
Verzweiflung packt? Und darf ich hoffen, daß er außer dem Diebstahl,
wegen dessen ihn der strengste Richter nicht zum Tode verurteilen, ja
nicht einmal auf zeitlebens einstecken kann, noch eine Mordtat oder
ein anderes Halsverbrechen begangen hat?"--"Von wem sprecht Ihr denn
eigentlich?" unterbrach ich ihn. "Nun, von wem anders, als von dem
Bösewicht, den ich das Unglück gehabt habe zu arretieren. Hätt' ich
doch lieber zuvor ein Bein gebrochen! Aber niemand entgeht seinem
schlimmen Stern, am wenigsten ich."--"Ich begreife Euch bei Gott
nicht!" versetzte ich. "Für jeden ordentlichen Bürger pflegt es ein
Fest zu sein, wenn ein dem öffentlichen Wohl gefährlicher Mensch zur
Haft gebracht wird."--"O freilich, wenn er nur nicht selbst die Falle
war, in der der Fuchs sich erwischen ließ!"--"Ich dächte, das wäre
gleichgültig!"--"Wahrlich nicht für einen Mann, der ein Haus hat, das
man ihm zur Nachtzeit überm Kopf anzünden kann, und der sich gestehen
muß, daß sich in sein Fleisch so gut ein Loch bohren läßt, wie in
andres. Meint Ihr, ein Kerl, der--Ihr könnt's nicht übersehen
haben--auf'm Wagen einschläft, während ihn tausend Kehlen mit den
greulichsten Verwünschungen überhäufen, werde sich für die endlose
Langeweile, der er im Kerker, und für die Quälereien, denen er in den
Verhören entgegengeht, nicht gegen mich Unglückseligen, dem er das
alles verdankt, auf seine Weise erkenntlich bezeigen? Was wird diese
Kröte zwischen den finstern Mauern des Gefängnisses aushecken, als
giftige Rachepläne? Und wann hat man noch gehört, daß einem
Bösewicht mißglückt ist, was er sich vornahm? Höchstens kommt man
ihm hintendrein auf die Spur; das weckt aber keinen wieder auf, der
einmal mit einer acht Zoll tiefen Wunde auf'm Kirchhof oder sonstwo
verscharrt liegt. Dem Schlachtopfer ist's gleichgültig, ob man den
Schlächter zu ihm in die Erde steckt."--"Mir scheint, ein Mann, wie
Ihr, kann sich seiner Haut schon wehren; Euch geht, deucht mir, zu
einem Riesen nicht viel ab, geschweige zu einem tüchtigen Schläger.
"--"Oh," versetzte Schnock mit einem Seufzer, "wie oft soll ich diese
vermaledeiten breiten Schultern, diese lügenhafte, großprahlerische
Leibesgestalt, womit irgendein schadenfroher Teufel mich begabt hat,
noch verfluchen! Jeder, der mich nicht kennt, glaubt, daß ich Berge
versetzen kann. Warum bin ich unglücklich? Weil ich nicht einen
Kopf kürzer bin. Wozu trieb mich meine Neigung in der Jugend, was
war der Wunsch meiner Wünsche? Schneider wollt' ich werden, darum
bat ich meinen Vater; die führen ein friedsames, geruhiges Leben,
sprichwörtlich ist's, daß sie keine Courage haben, man erwartet von
ihnen nicht das Unglaubliche. Drang ich mit all meinen Bitten bei
dem Vater durch? Junge, sagte er, nicht scherzhaft, sondern in
grimmigem Ton, bist du verrückt? Du könntest bei deinen Knochen und
Kräften einen Ackergaul ersetzen, und wolltest gleich einem Affen,
mit gekreuzten Beinen und löschpapiernem Gesicht hinter dem Fenster
auf'm Schneidertisch hocken und Zwirn in die Nadel fädeln? Das ist
was für Krüppel, für Lahme und Verwachsene, damit komme mir nicht; du
wirst mir, so Gott will! ein braver Schreiner! Natürlich, er war ja
selbst ein Schreiner, und das edle Handwerk wär' zugrunde gegangen,
hätt' ich ein andres ergriffen. Gott vergeb's ihm, meinetwegen; ich
vergeb's ihm nicht, höchstens auf'm Totenbett, wo man alles vergibt!"
Schnock ballte die Hand. "Aber, lieber Meister," fragt' ich weiter,
"warum ließt Ihr den Dieb nicht entschlüpfen, wenn es Euch so
bedenklich schien, ihn festzuhalten? Das stand ja doch bei
Euch?"--"Keineswegs," erwiderte Schnock; "man ist selten oder nie
Herr seines Willens. Ich war den übrigen vorgelaufen, nicht etwa, um
mir ein Ansehen zu geben, sondern um ihnen möglichst bald aus den
Augen zu kommen und bei der Hetze gegen brutale Aufforderungen zum
Hilfeleisten gesichert zu sein. Plötzlich, da ich eben den Sprung um
ein Gebüsch mache, fährt mir das Teufelswildbret, ich meine meinen
Arrestanten, entgegen. Ich schaudre zusammen; denn das laute Hurra,
das aus hundert Kehlen hinter mir erschallt, sagt mir's gleich, daß
mein niederträchtiges Jagdglück nicht unbemerkt geblieben ist.
Dennoch hätt' ich, ohne Rücksicht auf spätere Foppereien und
Anzüglichkeiten, dem Kerl gern den Vorsprung gelassen und zu hinken
angefangen; aber der war wie unsinnig, statt zu entspringen, blieb er
stehen, rollte die Augen, ballte die Faust gegen mich und fuhr
endlich damit, als wollt' er ein Messer oder gar eine Pistole
hervorziehen, in die Tasche. Da ergriff mich Angst und Grausen;
nicht aus Tollkühnheit, wie die herbeieilenden Esel, die mir schon
aus der Ferne ein Bravo über das andere zuschrien, glauben mochten,
sondern aus Furcht macht' ich mich über ihn her, rang mit ihm und
warf ihn zu Boden. Daß seine Taschen leer waren, wie sich's bei der
Visitation fand, konnt' ich nicht wissen, und gegen Schuß und Stich
mußt' ich mich sichern." Ein Bursch kam in diesem Augenblicke eilig
auf uns zu. "Ich komme schon!" rief Schnock ihm entgegen und machte
mir zugleich eine Abschiedsverbeugung. "Ihr irrt Euch, Meister,"
sagte der Bursch mit unterdrücktem Lachen, "ich suche diesmal nicht
Euch, ich geh' auf die Apotheke, um Hoffmannstropfen zu holen, Eure
Frau hat Kopfweh und liegt zu Bett."--"So sagst du nicht," versetzte
Schnock, "daß du mich gesehen hast.--Wenn die Kopfweh hat," fuhr er,
sich wieder zu mir wendend, fort, "ist's goldne Zeit für mich; dann
fühl' auch ich einmal, daß ich noch auf der Welt bin. Ihr muß
wirklich zuvor das Schlimmste begegnet sein, ehe mir was Gutes
begegnen kann; als sie jüngst wegen Zahnschmerz und Backengeschwulst
vierzehn Tage lang das Maul nicht öffnen konnte, hatt' ich den Himmel
auf Erden." Ich lud Schnock ein, mich ins Posthaus zu begleiten und
dort eine Flasche Wein mit mir auszustechen. "Ich weiß mich", sagte
ich, als er bedenklich zu zögern schien, "vor Langeweile nicht zu
lassen, und wo find' ich Gesellschaft?" Er willigte ein, und nicht
lange dauerte es, so saßen wir uns auf meinem Zimmer mit gefüllten
Gläsern gegenüber. Es gibt untrügliche Kennzeichen, wodurch sich der
geübte Trinker von dem angehenden unterscheidet; wenn dieser, während
er das süße, flüssige Feuer hinuntergießt, die Augen wollüstig
zukneift, und in innigem Behagen noch mit dem letzten Tropfen die
Zunge erquickt, so spritzt jener bloß ein wenig den Mund, trinkt mit
offnen Augen und ignoriert den Tropfen, da er die Erfahrung gemacht
hat, daß dieser Nachzügler den Durst, statt ihn zu löschen, nur aufs
neue weckt. Schnock, das sah ich gleich, war kein angehender Trinker;
er trank das erste Glas nur, um recht bald zum zweiten zu kommen,
und an eine Entsiegelung seines inneren Menschen, auf die ich mich
freute und derentwegen ich ihn eingeladen hatte, war von Entsiegelung
der dritten Flasche nicht zu denken. Ich gab mich gegen ihn für
einen geschiedenen Ehemann aus und sagte, ich hätte bloß darum mein
Vaterland verlassen, weil mein rachsüchtiges Weib mir ihre sämtlichen
Liebhaber, einen nach dem andern, mit Herausforderungen auf den Hals
schicke, was mir über kurz oder lang das Leben kosten könne. Diese
Eröffnung machte ihn treuherzig, aber eine Unvorsichtigkeit, die ich
gleich hernach beging, hätte das günstige Vorurteil, das er für mich
zu fassen begann, fast im Keim wieder zerstört. Ich zog nämlich,
weil sie mir unbequem waren, meine Taschenpistolen hervor und legte
sie neben mich auf den Tisch. Plötzlich--er war schon in recht
lebhaften Mitteilungen über sein Märtyrertum begriffen
gewesen--stockte der Fluß seiner Rede, er entfärbte sich und sah mich
an. Ich bemerkte die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war,
früher, als ich sie begriff, und bemühte mich, ihrer Ursache auf die
Spur zu kommen, aber schneller als all mein Nachsinnen verhalf mir
eine zufällige Bewegung meiner Hand zur Aufklärung über den
zweifelhaften Punkt. In der Zerstreuung ergriff ich eine der
Pistolen, die ungeladen waren, und spannte spielend den Hahn; da
sprang Schnock von seinem Stuhle auf und versicherte mir mit einem
Gesicht, welches gegen den Mund die bündigste Protestation einlegte,
er halte sich in meiner Gesellschaft für sicher. "Ihr seid's
vollkommen, lieber Meister," versetzte ich; "die Dinger da drückten
mich, ich führe sie zu meiner Verteidigung auf Reisen bei mir, aber
um mich nicht selbst zu schädigen, lade ich sie nicht, außer wenn ich
bei Nebel und Nacht durch dicke Waldungen komme." Zum Zeugnis der
Wahrheit meiner Relation drückte ich die Pistole, welche ich eben in
der Hand hielt, ab. "Ich", entgegnete Schnock, indem er sich wieder
mit alter Behaglichkeit niederließ, "würde doch Pistolen und
dergleichen niemals mit mir führen; denn davon bin ich überzeugt,
wenn die Gefahr wirklich an den Mann herantritt, so vergißt man's
entweder, daß man sie hat, oder man schießt beim Abfeuern fehl und
reizt so den Menschen, der es vielleicht nur auf einfache Räuberei
abgesehen hatte, zu Mord und Blutvergießen."--"Ihr habt nicht unrecht,"
erwiderte ich, mein Lachen verbeißend, was mir, wenn's mir nur
einmal gelingt, immer gelingt, "und da wär's gar möglich, daß man,
nachdem man durch die erste Pistole den Mordgedanken erweckte, durch
die zweite niedergestreckt würde; ich setze den Fall, daß der Räuber
keine Waffe bei sich führt und sich ihrer bemächtigt."--"Freilich,
freilich!" versetzte Schnock und trank, sichtlich erfreut, zwei
Gläser hintereinander. Die dritte Flasche war halb geleert, da stand
er plötzlich auf, trat mit pfiffigwichtiger Miene vor mich hin und
fragte mich: "Sagt mir doch, bin ich eigentlich feig?"--"Es scheint
wohl nur so!" antwortete ich, einigermaßen verdutzt. "Gewiß!"
versetzte er und nahm wieder Platz, "daß ich's nicht bin, davon,
glaub' ich, hab' ich Euch heute den Beweis gegeben. Ich traue Euch
nichts Böses zu, bei Gott nicht! sonst wär' ich keine fünf Minuten
geblieben; aber, dies könnt' Ihr nicht leugnen, Ihr seid mir
wildfremd. Ihr ladet mich ein, Euch auf Euer Zimmer zu begleiten und
Wein mit Euch zu trinken, jeder andere hätte, und mit Recht, aus
Eurer Splendidität Argwohn geschöpft und die sonderbare Einladung mit
Abscheu abgelehnt; ich unterdrücke meinen Verdacht und gehe mit Euch.
Ich denke, ich bin nicht feig!"--"Ei, Meister Schnock," erwiderte
ich, "wie kommt Euch denn der Einfall, daß Ihr feig wäret?"--"Weil,"
versetzte er hastig und schenkte sich ein, "weil sie mich alle für
feig halten, ja, weil ich, Stunden, wie diese, ausgenommen, selbst
das ganze Jahr hindurch, Gott weiß, woran es liegt! glaube, daß ich's
bin." Jetzt verschwand bei ihm die letzte Spur von Zurückhaltung, um
so mehr, als er erfuhr, daß ich nicht im Orte bleibe, sondern gleich
den nächsten Tag wieder abreise, er machte mich zum vollständigsten
Vertrauten seiner Lebens-, das heißt Märtyrergeschichte, und ich
erhielt Gelegenheit, in die Mikrologien seines Daseins
hineinzuschauen, das mir so putzig vorkam, als ob es gar nicht seiner
selbst wegen, sondern zur Belustigung eines größeren geführt würde.
Ich darf nun freilich nicht vergessen, daß meine Leser nicht, wie ich,
gezwungen sind, in dem Marktflecken Y. einen ganzen Tag auf die Post
zu warten und muß darum den größten Teil von Schnocks Mitteilungen
für mich behalten; denn bei mir hatten sie nur mit einem alten
Kalender, den ich durchblättern, mit den Fensterscheiben, die ich
hätte zählen können, zu rivalisieren, was hoffentlich bei keinem
meiner Leser der Fall ist. Ich glaube jedoch, daß einiges daraus sie
auch in einer weniger verzweifelten Situation ergötzen kann, und
bitte sie, wenn ich mich hierin täusche, den Grund nicht in dem Mann
und seinen Erlebnissen zu suchen, sondern in meiner Unfähigkeit, ihn
treu, bis in das Haargewebe seiner Bestimmungsgründe hinein, zu
zeichnen. Um dieser Unfähigkeit möglichst zu Hilfe zu kommen, lasse
ich ihn selbst reden.