Nach einer Weile sagte Adele: »Hat er viel leiden müssen?«

Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: »Nein, sie hat einen

sanften Tod gehabt. Sie wußte gar nicht, daß sie sterben sollte.« Darauf

nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: »Susanna?

Susanna?«

Adele schauerte zusammen; sie ging.

Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich

und nahm einen Brief aus der Tasche.

»Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige Frau,« sagte er, »außerdem

hätte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.«

Adele lächelte und gab ihm die Hand. »Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue

mich Sie zu sehen. Es war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede -- --«

Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr verändert, bleich sah

sie aus und gleichsam um viele Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz

anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem

Flüstern herab, so daß man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte.

Sie nahm den Brief an sich.

»Er ist ja offen?« sagte sie.

»Ja,« entgegnete Eisenhut, »so hat er ihn mir gegeben.«

»Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch

ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit

meinem Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte mir, daß er sie

einmal vor ihm warnte. Aber -- nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir

von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!«

Eisenhut erzählte was er wußte.

»Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gnädige Frau.«

Adele lächelte und errötete flüchtig. »Wie hat er mich genannt?« fragte

sie.

»Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.«

Adele schwieg lange. Dann sagte sie: »Wer hätte denn denken können, daß es

so kommen könnte!«

»Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna bekommen,« sagte

Eisenhut.

Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand.

»Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,« sagte sie, »da Sie nun doch auf

Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte,

ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein

wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!« Sie hielt inne, dann

fügte sie leise hinzu: »Er war ein solch guter Mensch!«

Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte

ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und

es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam

emporstieg.

Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab.

--

Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte:

»Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt,

unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder

und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.«

Der Tor: Roman · 第 80 / 86 题